Die Krise überleben
Aufgefallen Immer neue Entlassungswellen im Journalismus: Wie man seinen Kopf rettet und eventuell sogar sein Gehirn.
Kolumne Immer neue Entlassungswellen im Journalismus: Wie man seinen Kopf rettet und eventuell sogar sein Gehirn.Schön, Sie gesund und am Leben zu sehen, Mbwana! Und dies in diesen finsteren Zeiten! Erfreulich, dass Sie den Blutbädern in unserer Branche bis jetzt entgangen sind – den kleinen, aber stetigen Massakern von der heiligen NZZ bis in die fernste Provinz von Mediacity.Höchste Zeit, über zwei wichtige Dinge zu sprechen: über berufliches Überleben und persönlichen Stil. Auf den ersten Blick ein Widerspruch: Den Kampf ums Überleben besteht man selten mit besten Haltungsnoten. Und wenn man sich in den Teppichetagen der Verlage umhört, dann wird in Bezug auf die Mitarbeiter sehr selten von Stil, geschweige denn gewagtem Stil gesprochen («Wir bei Tamtamedia setzen angesichts der Krise auf mehr Dandytum!»), sondern weit öfter über Effizienz, Flexibilität und sonstige Synonyme für mehr Arbeit, mehr Angst, mehr Anpassung.
Andererseits stellen sich zwei Fragen: 1. Ist auch für Sie vernünftig, was das Unternehmen für vernünftig erklärt? 2. Ist es für das Unternehmen profitabel, was das Unternehmen für profitabel erklärt? (Erinnern wir uns: Dieselben Teppichetagen haben noch unlängst mit unfehlbaren Projekten wie Internetportalen, Privatfernsehen, nachrichtenfreien Nachrichtenmagazinen oder Scherzen wie einer mit NZZ betitelten SonntagsZeitungskopie die Medienwelt bereichert. Im Gegensatz zu ihren Unternehmen.)
Blind zu folgen, ist selten ratsam, auch wenn der Blindenhund einen Master of Business Administration hat. («Man kann einen Esel nach Harvard schicken – und bekommt einen Esel zurück», so Nicolas Hayek dazu.) Sicher ist es eine nahe liegende Strategie, sich in der Krise der Journalismusfabriken unauffällig zu verhalten und passgenaue Ware auf Termin zu liefern. Professionelle Unauffälligkeit ist nicht umsonst geschätzt: Immerhin müssen täglich Tausende von Seiten abgefüllt werden. Andererseits gibt es drei gravierende Einwände dagegen: 1. Wieso ausgerechnet von Ihnen? Immerhin hat Sie Ihre Mutter unter grossen Schmerzen und Hoffnungen geboren – wohl kaum zu dem Zweck, die gleichen Routinetexte wie tausend andere zu schreiben. 2. Sicherer ist ihr Job dadurch, dass Sie funktionieren, nicht. Wer Fabrikware herstellt, ist selbst Fabrikware. Und somit auswechselbar. 3. Wozu ausgerechnet in den Medien leben, wenn man nichts sendet?
Weit krisensicherer ist es, wenn Ihre Autorenzeile nicht ein Layoutelement ist, sondern ein Name, eine Ästhetik, ein Programm. Einzigartigkeit kann man feuern, aber nicht ersetzen. Und was den Markt anbelangt: Wie viele Journalisten mit eigener Handschrift kennen Sie in diesem Land? (Eben. Man hat durchaus auf Sie gewartet. Willkommen im Klub!) Und überdies ist das Rezept, ein Publikum verzaubern zu können, keine Hexerei: Sie müssen nur etwas zu sagen haben. Und alles andere weglassen.
Sicher, Sie brauchen dazu drei Dinge: etwas Mut, etwas Handwerk – und etwas Macht in Ihrer Redaktion. Wie man regelmässig atemberaubende Artikel schreibt und wie man sie gedruckt bekommt, dazu kommen die wichtigsten Methoden in sechs Wochen – falls wir beide, Mbwana, dann noch gesund und am Leben sind.
> Constantin Seibt ist Redaktor für Politik und Wirtschaft bei der WochenZeitung WoZ.
Andererseits stellen sich zwei Fragen: 1. Ist auch für Sie vernünftig, was das Unternehmen für vernünftig erklärt? 2. Ist es für das Unternehmen profitabel, was das Unternehmen für profitabel erklärt? (Erinnern wir uns: Dieselben Teppichetagen haben noch unlängst mit unfehlbaren Projekten wie Internetportalen, Privatfernsehen, nachrichtenfreien Nachrichtenmagazinen oder Scherzen wie einer mit NZZ betitelten SonntagsZeitungskopie die Medienwelt bereichert. Im Gegensatz zu ihren Unternehmen.)
Blind zu folgen, ist selten ratsam, auch wenn der Blindenhund einen Master of Business Administration hat. («Man kann einen Esel nach Harvard schicken – und bekommt einen Esel zurück», so Nicolas Hayek dazu.) Sicher ist es eine nahe liegende Strategie, sich in der Krise der Journalismusfabriken unauffällig zu verhalten und passgenaue Ware auf Termin zu liefern. Professionelle Unauffälligkeit ist nicht umsonst geschätzt: Immerhin müssen täglich Tausende von Seiten abgefüllt werden. Andererseits gibt es drei gravierende Einwände dagegen: 1. Wieso ausgerechnet von Ihnen? Immerhin hat Sie Ihre Mutter unter grossen Schmerzen und Hoffnungen geboren – wohl kaum zu dem Zweck, die gleichen Routinetexte wie tausend andere zu schreiben. 2. Sicherer ist ihr Job dadurch, dass Sie funktionieren, nicht. Wer Fabrikware herstellt, ist selbst Fabrikware. Und somit auswechselbar. 3. Wozu ausgerechnet in den Medien leben, wenn man nichts sendet?
Weit krisensicherer ist es, wenn Ihre Autorenzeile nicht ein Layoutelement ist, sondern ein Name, eine Ästhetik, ein Programm. Einzigartigkeit kann man feuern, aber nicht ersetzen. Und was den Markt anbelangt: Wie viele Journalisten mit eigener Handschrift kennen Sie in diesem Land? (Eben. Man hat durchaus auf Sie gewartet. Willkommen im Klub!) Und überdies ist das Rezept, ein Publikum verzaubern zu können, keine Hexerei: Sie müssen nur etwas zu sagen haben. Und alles andere weglassen.
Sicher, Sie brauchen dazu drei Dinge: etwas Mut, etwas Handwerk – und etwas Macht in Ihrer Redaktion. Wie man regelmässig atemberaubende Artikel schreibt und wie man sie gedruckt bekommt, dazu kommen die wichtigsten Methoden in sechs Wochen – falls wir beide, Mbwana, dann noch gesund und am Leben sind.
> Constantin Seibt ist Redaktor für Politik und Wirtschaft bei der WochenZeitung WoZ.
