Pendlerzeitungen Nach dem 20-Minuten-Tamedia-Deal gerät die Mittelland Zeitung nun in den Schwitzkasten zwischen Tamedia und Espace Media.Trotzdem fürchtet sich Ueli Eckstein, stellvertretender CEO der AZ Medien, nicht unmittelbar vor einer Pendlerzeitung.WW Herr Eckstein, schmerzt Sie der Kauf von 20 Minuten durch Tamedia und Espace Media?
Ueli Eckstein Wir konnten mit der bisherigen Situation gut leben. Und wir hätten sicher auch mit Interesse das Duell zwischen 20 Minuten und Express verfolgt. Schmerzen bereitet uns die neue Entwicklung jedoch nicht. Natürlich gibt es gedankliche Planspiele darüber, was passieren würde, falls 20 Minuten in Richtung Osten oder Westen vordringt. Wir gehen jedoch davon aus, dass die Pendlerzeitung vor einem solchen Abenteuer zuerst ihre Marktposition in den Agglomerationen Bern und Basel ausbauen muss.
Allerdings ist die Mittelland Zeitung eine der Verliererinnen des 20-Minuten-Tamedia-Deals: Sie gerät nun noch stärker ins Sandwich zwischen Tamedia und Espace Media. Wie sichern Sie ihren Markt gegen ein weiteres Vordringen von 20 Minuten ab?
Ich sehe im Moment keine operativen Gefahren für uns. 20 Minuten – und damals noch Metropol – hatten gleich nach ihrem Start erfolglos versucht, in unseren Raum einzudringen. Ich erinnere daran, dass Metropol in Aarau nach einem Monat die Segel bereits wieder gestrichen hatte.
Jetzt stehen 20 Minuten aber die erweiterten crossmedialen Möglichkeiten von Tamedia zur Verfügung – sie könnten die Pendlerzeitung rasch weiter stärken.
20 Minuten ist bereits seit dem Start im Bezirk Dietikon verankert, wo auch wir mit dem Limmattaler Tagblatt zu Hause sind. Obschon wir uns hier in einer Hochburg der Pendlerzeitung befinden, konnten wir unsere Auflage halten. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass der Kampf im Limmattal noch härter werden wird.
Wann wird die Mittelland Zeitung eine eigene Pendlerzeitung lancieren?
In unserem Raum kann ich mir eine Pendlerzeitung schlecht vorstellen, egal von wem sie kommt. Denn eine Pendlerzeitung benötigt epizentrische Ballungsräume wie Zürich. Wir haben hingegen verschiedene mittlere Zentren wie Baden, Aarau, Olten, Solothurn, die aber für eine Pendlerzeitung zu klein sind. Der logistische Aufwand würde sich schlicht nicht rechnen.
Verlieren wird die AZ Medien
Gruppe aber wohl bald den Druckauftrag für eine Teilauflage von
20 Minuten. Denn Tamedia und Espace Media bauen ihre Druckkapazitäten aus und werden die Pendlerzeitung selber drucken wollen.
Zur vertraglich festgelegten Dauer dieses Druckauftrags kann ich keine Details nennen. Aber wir gehen davon aus, dass sich die neuen Mitbesitzer an die bestehenden Verträge halten werden. Das heisst, wir werden die 20-Minuten-Auflage für Bern und Basel deutlich über das laufende Jahr hinaus drucken.
Luzerner belassen ihre AnzeigerGerade erst hat sich die Neue Luzerner Zeitung (NLZ) an der Anzeiger Luzern AG beteiligt, um am Vorabend des «Express»-Starts neue Eindringlinge aus dem Bereich der Gratis- und Pendlerzeitungen vom eigenen Markt fernzuhalten (WW 11/03). Nach der Beteiligung von Tamedia an 20 Minuten und dem abgeblasenen Express scheinen diese eiligen Bemühungen nun für die Katz gewesen zu sein.
Trotzdem lässt sich Erwin Bachmann, VR-Delegierter der LZ Medien, im eingeschlagenen Weg nicht beirren. «Wir sind ein Verlag, der bisher ohne Gratiszeitungen lebte. Und das wollen wir durch die Zusammenarbeit mit der Anzeiger Luzern AG ändern. Das ist aber eine langfristige Strategie und war nicht direkt auf den Start des Express angelegt.» Bachmann geht davon aus, dass sich 20 Minuten auf seine bisherigen Distributionsgebiete konzentrieren und «nicht in unser Einzugsgebiet eindringt». Auch wird der LZ-Chef jetzt deutlicher, was die mögliche Weiterentwicklung von Anzeiger Luzern und Luzerner Woche betrifft. «Aus heutiger Sicht braucht es keine Gedankengänge in Richtung Pendlerzeitung. Man kann die beiden Gratisblätter so weiterpflegen, wie sie sind.» (dse)
Spielball der GrossenBereits zum zweiten Mal innert eines Jahres geht der Druckerei Zehnder Print in Wil (TG) ein saftiger Druckauftrag durch die Lappen. Aktuell hat Tamedia die Lancierung ihres Pendlerzeitungsprojektes Express zwei
Tage vor dem Start abgeblasen – Zehnder Print verlor damit einen einjährigen Auftrag. Vor einem Jahr war es die Gratiszeitung Metropol, das die Segel strich und seinen Druckauftrag bei Zehnder nach zwei Jahren stoppte – der Vertrag wäre noch ein Jahr weiter gelaufen. In beiden Fällen ging es um den Druck von 150000 Exemplaren, fünfmal pro Woche.
Dass seine Druckerei als Spielball von Grossverlagen herhalten muss, scheint Inhaber Andreas Zehnder, Sohn des Verlegers Rolf-Peter
Zehnder, jedoch nicht sonderlich zu stören. Schon von Metropol habe er nach dem Stopp einen «Betrag X» erhalten. «Und auch unser Vertrag mit Tamedia ist finanziell abgesichert, wir haben gewusst, dass sich Tamedia und 20 Minuten zusammen tun könnten», sagt er. Die plötzliche und kurzfristige Auftragsistierung stellt für Zehnder denn auch keinen Vertragsbruch dar, sondern entspricht einer der vertraglich geregelten «Optionen». Er müsse deswegen auch niemanden entlassen. «Aber selbstverständlich hätten wir den ‹Express› sehr gern gedruckt», hält der Wiler Drucker gegenüber der Werbewoche fest. (mk)
Interview: Daniel Schifferle