Mein Strom kommt aus der Steckdose
Politkampagne Moratorium, Ausstieg oder Status quo? Den Kampf um jede einzelne Stimme liessen sich die ungleich starken Befürworter und Gegner der Atomenergie weit über 15 Millionen Franken kosten. Auffällig dabei ist nicht nur die Zurückhaltung der Werber selbst, sondern sind auch die umgekehrten Vorzeichen in den Kampagnen.
Politkampagne Moratorium, Ausstieg oder Status quo? Den Kampf um jede einzelne Stimme liessen sich die ungleich starken Befürworter und Gegner der Atomenergie weit über 15 Millionen Franken kosten. Auffällig dabei ist nicht nur die Zurückhaltung der Werber selbst, sondern sind auch die umgekehrten Vorzeichen in den Kampagnen.Von ihm sagt man, er habe aus Politikern Präsidenten gemacht und aus Ideen mehrheitsfähige Parteiprogramme – mit Slogans. Werbeprofi Jacques Séguéla machte nie einen Hehl daraus, ein Spin Doctor zu sein. Mehr Diskretion in Sachen Politwerbung lassen seine Schweizer Kollegen walten. Erst recht, wenn es um die bevorstehende Abstimmung über die beiden Atom-Volksinitiativen geht.
Starke, wortkarge Atomlobby«Über Politwerbung gäbe es viel zu sagen, weil hier sehr viel Potenzial brachliegt», sagt ein renommierter Werber, der aber nicht genannt werden will. Doch: «Wenn man in einem internationalen Netzwerk tätig ist, legt einem die Corporate Policy nahe, sich in solchen Fragen neutral zu verhalten und die Agentur aus dem Spiel zu lassen.» Offiziell konzipiert nämlich keine Grossagentur politische Werbung. Wird ein Mandatsbetreuer trotzdem öffentlich bekannt, fungieren die sonst auf Publizität bedachten Werber nur noch als Grafikateliers. Dass man in solchen Fällen «eigene ethische Grundsätze über Bord wirft», ist die Erfahrung eines weiteren Kreativen, der dieses zynische Verhalten mit jenem apolitischen Konsumenten vergleicht, der behauptet, sein Strom komme nicht vom AKW, sondern aus der Steckdose.
Anstatt zu seiner Arbeit Stellung zu nehmen, verweist auch Christian Bretscher, GL-Mitglied der Zürcher PR-Agentur Piar – die zusammen mit einer grossen Zürcher Kreativagentur für das Nein-Lager die Kampagne umgesetzt hat –, viel lieber auf die Strategin und Koordinatorin Economiesuisse. Was deren Werbebudget betrifft, das gemäss NZZ-Schätzungen 12 bis 15 Millionen Franken wiegt, gibt sich selbst Kommunikationschef Urs Rellstab zugeknöpft. In Anbetracht des grossen wirtschaftlichen Schadens, den eine Annahme der Initiativen anrichten würde, sei die «intensive Kampagne» durchaus zu vertreten. Tatsächlich scheinen die Initiativgegner
die Abstimmungsschlacht vor allem
mit dem Mediabudget auszutragen. Während die Befürworter mit einer Investition von rund drei Millionen Franken vor allem auf die Werbeidee bauen. Rellstab zweifelt diesen Betrag an: «Man kann wählen zwischen unserer Zurückhaltung in Bezug auf Zahlen und einer äusserst fragwürdigen Information, die letztlich nicht überprüfbar ist.»
Neue KampagnenkonzeptionenDas finanzielle Kräfteverhältnis scheint eine der wenigen Parallelen zu früheren Abstimmungskampagnen in Sachen Atomenergie zu sein. Um Aufmerksamkeit für ihre Anliegen zu erregen, scheinen Atombefürworter und -gegner bei der Umsetzung ihrer Parolen die Vorzeichen ausgetauscht zu haben.
Patrick Kupper von der ETH Zürich – seine Dissertation «Atomenergie und gespaltene Gesellschaft. Die Geschichte des gescheiterten Projektes Kernkraftwerk Kaiseraugst» ist eben im Chronos Verlag erschienen – stellt amüsiert fest: «Die einzige Demonstration vor dieser Abstimmung fand in Gösgen statt. Und es war eine von Atombefürwortern.» Hingegen sehe man bei den Gegnern nicht mehr die traditionellen Anti-AKW-Symbole. «Viel mehr vermittelt die aktuelle Kampagne eine positive, zukunftsgerichtete Haltung und geht mehr in Richtung Lifestyle und Lebensqualität», sagt Kupper. «Über weniger technokratische Argumente die Wähler zu erreichen, macht durchaus Sinn. Untersucht werden müsste aber zum Beispiel, ob eine Kampagne, deren Inseratetexte sich ausdrücklich an Frauen richten, Frauen tatsächlich eher erreicht – und was dabei mit den Männern geschieht», gibt Daniel Perrin, Leiter des Instituts für Angewandte Medienwissenschaft an der Zürcher Hochschule Winterthur, zu bedenken. Heinz Bonfadelli, Ordinarius für Publizistikwissenschaft an der Universität Zürich, stellt vor allem bei den Atombefürwortern eine stärkere Emotionalisierung fest: «Offenbar haben beide Seiten voneinander gelernt.»
Ideen statt ArgumenteGegenteiliger Meinung ist Urs Rellstab: «Insgesamt ist die Diskussion sachlicher geworden.» Agenturinhaberin Lynn Blattmann vom Pro-Komitee sieht den Wandel darin begründet, dass «es keine neuen Argumente für oder gegen Atomenergie mehr gibt. Deshalb haben wir uns für eine neue Werbeidee entschieden». Diese präsentiert den Atomausstieg «auf sinnliche Art» als erstrebenswerte Lebensform. «Man muss ja längst nicht mehr Sandalenträger sein, wenn man Bioprodukte kauft», sagt sie. Zudem setze sie stark auf die Zielgruppe der Wählerinnen. Die Sekundäranalyse der letzten Moratoriumsinitiative habe gezeigt, dass diese, wie auch andere umwelt- und sozialpolitische Vorlagen, meistens mit Frauenstimmen entschieden worden sind.
Das ist zwar keine neue Erkenntnis. Neu hingegen ist, «dass wir diesmal konsequent, auffällig und professionell in die weibliche Richtung kommuniziert haben und nicht in der üblichen Jekami-Manier mit vielen Briefmarken-grossen Inseraten in den Rubrikmärkten», erklärt Tschoff Löw, einer der Werbestrategen im Initiantenlager. Über drei Millionen Franken investierten die Atom-Gegner – allen voran Greenpeace und WWF – in ihre Kampagne, die vor allem durch die beiden Agenturen Blattmann und Spinas Gemperle betreut wurden. Geschäftsleiter Lorenz Spinas erkennt eine Besonderheit auch darin, dass «die Kampagne diesmal vor allem auf der Idee und dem Bild aufbaut, statt die Parole mit grossem Ja oder Nein zu propagieren». Damit habe man auf die Überfor-derungs- und Verwässerungsgefahr reagiert, die bei einer hohen Anzahl an Vorlagen immer drohe. Nach einer ersten Phase, in der No-Name-Testimonials die Initiative und das Fundraising ankurbelten, startete die zweite der drei Stufen umfassenden Pro-Kampagne mit der direkten Ansprache der Kernzielgruppe Frauen. Die irritierend unaufgeregte Umsetzung der Botschafterinnen und ihrer scharfzüngig formulierten Lebensweisheiten waren nicht zu übersehen. Geschickt war auch die Auswahl der Persönlichkeiten, die alle Bevölkerungsschichten repräsentierten.
In der letzten Phase trugen Prominente in Inseraten verschwitzte
T-Shirts und die Botschaft, dass mehrere europäische Länder dem «Atomstress» Adieu gesagt haben. Trotz des relativ geringen Budgets erreichte die Kampagne eine hohe Wahrnehmung und einen hohen Publikumszuspruch. Diese lassen sich auf die stringente Umsetzung, den Medienmix und auf das Finetuning zurückführen, das auf Grund der Marktforschungsergebnisse laufend vorgenommen wurde.
Bangemachen als LockmittelVor allem aber dürften die souveräne Art sowie das Auslassen der üblichen marktschreierischen Instrumente für Aufsehen gesorgt haben. Ob dies allerdings sinnvoll ist, um jenes Drittel der Bevölkerung zu erreichen, das in der Atomfrage unentschieden und damit für die Kommunikation relevant ist? Heinz Bonfadelli kritisiert die Verständlichkeit der intellektualisierten Form und die Taktik, nur eine bestimmte Zielgruppe anzusprechen und andere auszuschliessen. «Da könnte ein Bumerang-Effekt eintreten», meint er und schliesst ein ähnliches Problem bei der Atomlobby-Kampagne nicht aus. Denn: Mit Ausnahme eines Motivs – zwei Kühltürme, die kombiniert mit der Headline «The End» bedrohlich an das WTC und 9/11 erinnern – war der Einsatz von Furcht einflössenden Sujets eher bei den Befürwortern der Kernenergie zu beobachten.
In mehreren Motivserien zog dieses Lager alle Argumentationsregister. Mit der Vorkampagne wollte Economiesuisse zunächst aufzeigen, welche Bedeutung die Kernenergie in der Schweiz hat. Als ideale Ergänzung zur Wasserkraft wurde die Strommix-Botschaft anhand beispielhafter Alltagssituationen festgehalten. «Wir wollten den Nutzen der Kernenergie für die Stromversorgung unseres Landes aufzeigen», sagt Rellstab und fügt hinzu: «Ich glaube, dies ist recht gut gelungen.» Bis auf die Schönheitsfehler, wie etwa den vom Bakom abgemahnten und ausgebremsten TV-Spot oder das Motiv einer Bahn fahrenden Passagierin, das wegen der marginalen Bedeutung von Atomstrom bei den SBB umstritten war. Genauso fraglich war etwa der Einsatz von Bundesräten, die, oft ungefragt, beiden Komitees als Aushängeschilder dienten.
In der Hauptkampagne auf der Zielgeraden zum Abstimmungswochenende hin – also in den vergangenen zwei Monaten – ging es um den Nachweis, dass bei einem radikalen Ausstieg die Vorteile der gegenwärtigen Stromproduktion gefährdet wären. In welcher Hinsicht, machten die Anzeige- und Plakatmotive klar: Mit Einzahlungsschein, Hochkamin und einer Schweiz, deren Stecker im Ausland auf Stromsuche geht, wollte das Pro-Atom-Komitee zeigen, dass Strom teurer würde, mehr fossile Energieträger noch mehr Kohlendioxid erzeugen würden und die Abhängigkeit vom Ausland zunehmen würde. Dass die Kampagnenstrategie auf Furchtappellen aufbaue, deren Wirkung von der Kommunikationsforschung eher angezweifelt werden (WW 21/01), davon könne keine Rede sein, kontert Rellstab. Richtig sei, dass die Hauptkampagne die
negativen Konsequenzen eines Atomausstiegs aufzeigen wollte und dass die Argumente dazu nicht frei erfunden seien, sondern aus der Botschaft des Bundesrats stammen würden.
Ob und wie das Abstimmungsresultat von den Politkampagnen beeinflusst wird, bleibt abzuwarten. Heinz Bonfadelli äussert die Befürchtung, die von vielen Strategen auf beiden Seiten geteilt wird: «Bei so vielen Vorlagen stellt sich eher die Frage, wie viele Leute überhaupt noch an die Urne gehen werden.»
Befürworter der Atom-Initiativen wollen mit ihrer Kampagne zur Hauptsache Frauen ansprechen.
Starke, wortkarge Atomlobby«Über Politwerbung gäbe es viel zu sagen, weil hier sehr viel Potenzial brachliegt», sagt ein renommierter Werber, der aber nicht genannt werden will. Doch: «Wenn man in einem internationalen Netzwerk tätig ist, legt einem die Corporate Policy nahe, sich in solchen Fragen neutral zu verhalten und die Agentur aus dem Spiel zu lassen.» Offiziell konzipiert nämlich keine Grossagentur politische Werbung. Wird ein Mandatsbetreuer trotzdem öffentlich bekannt, fungieren die sonst auf Publizität bedachten Werber nur noch als Grafikateliers. Dass man in solchen Fällen «eigene ethische Grundsätze über Bord wirft», ist die Erfahrung eines weiteren Kreativen, der dieses zynische Verhalten mit jenem apolitischen Konsumenten vergleicht, der behauptet, sein Strom komme nicht vom AKW, sondern aus der Steckdose.
Anstatt zu seiner Arbeit Stellung zu nehmen, verweist auch Christian Bretscher, GL-Mitglied der Zürcher PR-Agentur Piar – die zusammen mit einer grossen Zürcher Kreativagentur für das Nein-Lager die Kampagne umgesetzt hat –, viel lieber auf die Strategin und Koordinatorin Economiesuisse. Was deren Werbebudget betrifft, das gemäss NZZ-Schätzungen 12 bis 15 Millionen Franken wiegt, gibt sich selbst Kommunikationschef Urs Rellstab zugeknöpft. In Anbetracht des grossen wirtschaftlichen Schadens, den eine Annahme der Initiativen anrichten würde, sei die «intensive Kampagne» durchaus zu vertreten. Tatsächlich scheinen die Initiativgegner
die Abstimmungsschlacht vor allem
mit dem Mediabudget auszutragen. Während die Befürworter mit einer Investition von rund drei Millionen Franken vor allem auf die Werbeidee bauen. Rellstab zweifelt diesen Betrag an: «Man kann wählen zwischen unserer Zurückhaltung in Bezug auf Zahlen und einer äusserst fragwürdigen Information, die letztlich nicht überprüfbar ist.»
Neue KampagnenkonzeptionenDas finanzielle Kräfteverhältnis scheint eine der wenigen Parallelen zu früheren Abstimmungskampagnen in Sachen Atomenergie zu sein. Um Aufmerksamkeit für ihre Anliegen zu erregen, scheinen Atombefürworter und -gegner bei der Umsetzung ihrer Parolen die Vorzeichen ausgetauscht zu haben.
Patrick Kupper von der ETH Zürich – seine Dissertation «Atomenergie und gespaltene Gesellschaft. Die Geschichte des gescheiterten Projektes Kernkraftwerk Kaiseraugst» ist eben im Chronos Verlag erschienen – stellt amüsiert fest: «Die einzige Demonstration vor dieser Abstimmung fand in Gösgen statt. Und es war eine von Atombefürwortern.» Hingegen sehe man bei den Gegnern nicht mehr die traditionellen Anti-AKW-Symbole. «Viel mehr vermittelt die aktuelle Kampagne eine positive, zukunftsgerichtete Haltung und geht mehr in Richtung Lifestyle und Lebensqualität», sagt Kupper. «Über weniger technokratische Argumente die Wähler zu erreichen, macht durchaus Sinn. Untersucht werden müsste aber zum Beispiel, ob eine Kampagne, deren Inseratetexte sich ausdrücklich an Frauen richten, Frauen tatsächlich eher erreicht – und was dabei mit den Männern geschieht», gibt Daniel Perrin, Leiter des Instituts für Angewandte Medienwissenschaft an der Zürcher Hochschule Winterthur, zu bedenken. Heinz Bonfadelli, Ordinarius für Publizistikwissenschaft an der Universität Zürich, stellt vor allem bei den Atombefürwortern eine stärkere Emotionalisierung fest: «Offenbar haben beide Seiten voneinander gelernt.»
Ideen statt ArgumenteGegenteiliger Meinung ist Urs Rellstab: «Insgesamt ist die Diskussion sachlicher geworden.» Agenturinhaberin Lynn Blattmann vom Pro-Komitee sieht den Wandel darin begründet, dass «es keine neuen Argumente für oder gegen Atomenergie mehr gibt. Deshalb haben wir uns für eine neue Werbeidee entschieden». Diese präsentiert den Atomausstieg «auf sinnliche Art» als erstrebenswerte Lebensform. «Man muss ja längst nicht mehr Sandalenträger sein, wenn man Bioprodukte kauft», sagt sie. Zudem setze sie stark auf die Zielgruppe der Wählerinnen. Die Sekundäranalyse der letzten Moratoriumsinitiative habe gezeigt, dass diese, wie auch andere umwelt- und sozialpolitische Vorlagen, meistens mit Frauenstimmen entschieden worden sind.
Das ist zwar keine neue Erkenntnis. Neu hingegen ist, «dass wir diesmal konsequent, auffällig und professionell in die weibliche Richtung kommuniziert haben und nicht in der üblichen Jekami-Manier mit vielen Briefmarken-grossen Inseraten in den Rubrikmärkten», erklärt Tschoff Löw, einer der Werbestrategen im Initiantenlager. Über drei Millionen Franken investierten die Atom-Gegner – allen voran Greenpeace und WWF – in ihre Kampagne, die vor allem durch die beiden Agenturen Blattmann und Spinas Gemperle betreut wurden. Geschäftsleiter Lorenz Spinas erkennt eine Besonderheit auch darin, dass «die Kampagne diesmal vor allem auf der Idee und dem Bild aufbaut, statt die Parole mit grossem Ja oder Nein zu propagieren». Damit habe man auf die Überfor-derungs- und Verwässerungsgefahr reagiert, die bei einer hohen Anzahl an Vorlagen immer drohe. Nach einer ersten Phase, in der No-Name-Testimonials die Initiative und das Fundraising ankurbelten, startete die zweite der drei Stufen umfassenden Pro-Kampagne mit der direkten Ansprache der Kernzielgruppe Frauen. Die irritierend unaufgeregte Umsetzung der Botschafterinnen und ihrer scharfzüngig formulierten Lebensweisheiten waren nicht zu übersehen. Geschickt war auch die Auswahl der Persönlichkeiten, die alle Bevölkerungsschichten repräsentierten.
In der letzten Phase trugen Prominente in Inseraten verschwitzte
T-Shirts und die Botschaft, dass mehrere europäische Länder dem «Atomstress» Adieu gesagt haben. Trotz des relativ geringen Budgets erreichte die Kampagne eine hohe Wahrnehmung und einen hohen Publikumszuspruch. Diese lassen sich auf die stringente Umsetzung, den Medienmix und auf das Finetuning zurückführen, das auf Grund der Marktforschungsergebnisse laufend vorgenommen wurde.
Bangemachen als LockmittelVor allem aber dürften die souveräne Art sowie das Auslassen der üblichen marktschreierischen Instrumente für Aufsehen gesorgt haben. Ob dies allerdings sinnvoll ist, um jenes Drittel der Bevölkerung zu erreichen, das in der Atomfrage unentschieden und damit für die Kommunikation relevant ist? Heinz Bonfadelli kritisiert die Verständlichkeit der intellektualisierten Form und die Taktik, nur eine bestimmte Zielgruppe anzusprechen und andere auszuschliessen. «Da könnte ein Bumerang-Effekt eintreten», meint er und schliesst ein ähnliches Problem bei der Atomlobby-Kampagne nicht aus. Denn: Mit Ausnahme eines Motivs – zwei Kühltürme, die kombiniert mit der Headline «The End» bedrohlich an das WTC und 9/11 erinnern – war der Einsatz von Furcht einflössenden Sujets eher bei den Befürwortern der Kernenergie zu beobachten.
In mehreren Motivserien zog dieses Lager alle Argumentationsregister. Mit der Vorkampagne wollte Economiesuisse zunächst aufzeigen, welche Bedeutung die Kernenergie in der Schweiz hat. Als ideale Ergänzung zur Wasserkraft wurde die Strommix-Botschaft anhand beispielhafter Alltagssituationen festgehalten. «Wir wollten den Nutzen der Kernenergie für die Stromversorgung unseres Landes aufzeigen», sagt Rellstab und fügt hinzu: «Ich glaube, dies ist recht gut gelungen.» Bis auf die Schönheitsfehler, wie etwa den vom Bakom abgemahnten und ausgebremsten TV-Spot oder das Motiv einer Bahn fahrenden Passagierin, das wegen der marginalen Bedeutung von Atomstrom bei den SBB umstritten war. Genauso fraglich war etwa der Einsatz von Bundesräten, die, oft ungefragt, beiden Komitees als Aushängeschilder dienten.
In der Hauptkampagne auf der Zielgeraden zum Abstimmungswochenende hin – also in den vergangenen zwei Monaten – ging es um den Nachweis, dass bei einem radikalen Ausstieg die Vorteile der gegenwärtigen Stromproduktion gefährdet wären. In welcher Hinsicht, machten die Anzeige- und Plakatmotive klar: Mit Einzahlungsschein, Hochkamin und einer Schweiz, deren Stecker im Ausland auf Stromsuche geht, wollte das Pro-Atom-Komitee zeigen, dass Strom teurer würde, mehr fossile Energieträger noch mehr Kohlendioxid erzeugen würden und die Abhängigkeit vom Ausland zunehmen würde. Dass die Kampagnenstrategie auf Furchtappellen aufbaue, deren Wirkung von der Kommunikationsforschung eher angezweifelt werden (WW 21/01), davon könne keine Rede sein, kontert Rellstab. Richtig sei, dass die Hauptkampagne die
negativen Konsequenzen eines Atomausstiegs aufzeigen wollte und dass die Argumente dazu nicht frei erfunden seien, sondern aus der Botschaft des Bundesrats stammen würden.
Ob und wie das Abstimmungsresultat von den Politkampagnen beeinflusst wird, bleibt abzuwarten. Heinz Bonfadelli äussert die Befürchtung, die von vielen Strategen auf beiden Seiten geteilt wird: «Bei so vielen Vorlagen stellt sich eher die Frage, wie viele Leute überhaupt noch an die Urne gehen werden.»
Befürworter der Atom-Initiativen wollen mit ihrer Kampagne zur Hauptsache Frauen ansprechen.
Christa de Carouge zog sich für die Befürworter der Anti-AKW-Initiativen warm an.
Setzen auf die normative Kraft des Faktischen und auf emotionale Bilder: Kampagne der Atomenergie-Befürworter.
Eine Kampagne, die sich des klassischen Mittels der Karikatur bedient, stammt von der Aktion für vernünftige Energiepolitik Schweiz.
AKW-Gegner zogen Lifestyle-Register und gaben mit ihrer unaufgeregten Kampagne der Eneregiediskussion neue Werte und Inhalte.
Luca Aloisi
