Kolumne Wer im nahenden Wahlherbst als Erste(r) durchs Ziel geht, entscheiden die Medien. Das ist zwar nicht gut so, aber doch besser (sprich: demokratischer) als die Politkommunikation in den guten alten Zeiten der Ideologien.Vor langer Zeit notierte ein gewisser Goethe gereizt: «Was von Seiten der Monarchen in die Zeitungen gedruckt wird, nimmt sich nicht gut aus: Denn die Macht soll handeln und nicht reden.» Was hätte der Weimarer Dichterfürst wohl von der penetranten Medienpräsenz amtierender und kandidierender helvetischer Machthaber in diesem Wahlherbst gehalten? Vermutlich dies: «Arme Leute: So viel reden müssen für so wenig Macht!»
Müssen? Dürfen! Unsere Classe politique hat heute mindestens ebenso viele – weil zunehmend käufliche – Chancen zur öffentlichen Selbstdarstellung, wie sie Hoffnungen auf fette Aufmerksamkeitsdividenden hegt: Und je «mediengerechter» (d.h. unpolitischer) der Auftritt, umso eher guckt der Publikumssouverän gelegentlich hin, desto fröhlicher klingeln aber auch die Medienkassen. Mit einem Wort: Politikwerbung hat sich zum allseits profitablen Gesamtkunstwerk gemausert, und wer nicht mitbietet, ist selber schuld oder pleite.
Missgünstige, aber durchaus auch wohl meinende Demokraten haben dennoch alles (Gut)Menschenmögliche gegen die-se Entwicklung einzuwenden. Wissenschaftliche und andere Beobachter diagnostizieren einen Überhang an Politikdarstellung auf Kosten von Politikherstellung, von Symbol- anstelle von Entscheidungspolitik, von Händeschütteln statt von Handaufheben (im Parlament), eben von Reden statt Handeln.
Na und? Ist denn Basisdemokratie nicht die Staatsform der Geduld, die nach dem Motto funktioniert: «Me mues halt rede mitenand»? Dass die grassierende Kommunikationitis nicht nur etwas kostet, sondern politisch auch oft etwas einbringt, mag Habenichtse zwar plutokratisch anmuten, entspricht aber durchaus marktwirtschaftlicher Logik. Ist etwa der quacksalberische Dr. Eisenbart ein so viel besserer «Spin Doctor» als Dr. Placebo? Ist politischer Biss bekömmlicher als Politik mit gestifteten Zahnbürsten? Einmal mehr
prügelt man offenbar den (Verpackungs)Sack Werbung und meint doch eigentlich den Esel Mediendemokratie.
Ohne mediale Vermittlung läuft politisch nichts und ohne Politikerwerbung erst recht nicht, bei Sachfragen wie bei der Kandidat(innen)kür. Wer sich über die lange Dauer und die schlichte binäre Kodierung (Ja/Nein) von Kampagnen aufhält, sollte zur Kenntnis nehmen, dass es viele Mitbürger(innen) gibt, die Politisches nur langsam kapieren,
falls überhaupt. Und dass Massenkommunikation nur funktioniert, wenn sie einfach daherkommt und einladend. Drum setzte sich Schröder auch auf Gottschalks Bänkchen. Nicht zu vergessen ist nämlich, dass Politik mehr denn je auch in eigener Sache, als legitimationsbedürftiges Handlungsfeld, Werbung braucht – und seis durch Medienunterhaltung.
Die Macht, die für Goethe noch unteilbar war, wird heute eben auch auf Medienpublika verteilt. Diese dürfen ihre Politschauspieler gleich zweimal an- und abwählen: erst per Fernbedienung – eine Frühform von E-Demokratie – und später an der Urne. «Man soll die Stimmen wägen und nicht zählen», befand vor Zeiten ein anderer Klassiker, Friedrich Schiller nämlich. Wer sollte heute, im Wahlherbst, was wägen und wen: politische oder Geschmacksurteile, von mündigen Bürgern oder verwöhnten Unterhaltungskonsumenten? Und mit welcher Legitimation: derjenigen einer selbst ernannten Elite? Dann doch noch lieber das rituelle Medien-Politspektakel.
> Ulrich Saxer war Publizistikprofessor an der Universität Zürich und
Ordinarius für Kommunikationssoziologie in Lugano.