Verlage Börsen tendieren à la hausse, doch Schweizer Wirtschaftszeitungen verharren in der Leser- und Anzeigen-Baisse. Eine neue Kampagne für das ausgebaute Stocks soll das rasch ändern.Verschlafen der Anzeigen- und der Lesermarkt den wirtschaftlichen Aufschwung, den die Börsenplätze weltweit vorspuren? Oder bauen die Trader wie zu New-Economy-Zeiten erneut auf wackligen Fundamenten Türme in den (Anlage)Himmel? Tatsache ist, dass Privatanleger der deutlichen Erholung an den Finanzmärkten derzeit noch äusserst misstrauisch gegenüber stehen. Und diese Skepsis trifft nach wie vor die Wirtschaftstitel (siehe Grafik).Auflagen und Anzeigenvolumina kommen praktisch bei allen Wirtschaftsblättern nicht vom Fleck. Oder schlimmer noch: Sie gehen weiter zurück. Selbst wenn nur wenige Verlagshäuser die entsprechenden Zahlen publizieren, sie dürften bei allen Titeln tendenziell gleich schlecht aussehen. Tamedias Finanz und Wirtschaft beispielsweise musste einen Umsatzrückgang von 23,8 Prozent hinnehmen. Ein Blick auf die Inseratestatistik der Schweizer Presse verdeutlicht die Misere: Das Inseratevolumen bei den Wirtschaftstiteln schrumpfte zwischen Januar und Juli 2003 um 16 (HandelsZeitung) bis zu 40 Prozent bei Stocks.
Angesprochen auf die Flaute im Anlegerblatt Stocks, gab sich Verleger Ralph Büchi noch vor knapp sechs Monaten positiv überrascht über den Auflagenrückgang von «nur» 18 Prozent auf 21000 Exemplare. «Unsere Zielgruppe hat sich schwergewichtig verlagert in Richtung vermögende Privatanleger», beschwichtigte er damals gegenüber der Werbewoche. Weil dieser exklusive Kern trotz steigender Indizes offenbar nicht wachsen will und demzufolge auch die Werbung aus dem Finanzbereich ausbleibt, zogen Stocks-Chefredaktor Reto Lipp und der Verlag zweieinhalb Jahre nach der Magazin-Lancierung die Notbremse und reduzierten den Erscheinungsrhythmus. Statt wöchentlich liegt das Anlegermagazin nun alle zwei Wochen am Kiosk und in den Briefkästen.
Relaunch im Business-Doom
Als Kompensation zur Ausgabenreduktion wurde die bittere Pille mit einem starken Zuckerguss versehen: «Stocks baut seinen redaktionellen Teil aus und liefert mehr Analysen, mehr Hintergründe, mehr ausgewählte Ratings und mehr Anlagethemen, die in den Medien sonst keine Beachtung finden», erklärt Lipp. Das geht einher mit einem sanften Facelifting des Blattes, das sich erstmals am 29. August dem Publikum präsentiert und von der Hausagentur Matter & Partner mit einem neuen Werbefeldzug unterstützt wird. Für diese Neuerungen baten die Kreativen die Chefredaktoren-Riege gleich selbst vor die Kamera – allerdings nicht als stolze Vertreter der redaktionellen Teppichetage, sondern in klassischer Spionage-Haltung. Die «Wirtschaftsagenten» verstecken sich hinter einer Stocks-Ausgabe und geben klar zu verstehen: Mit dem Anlegermagazin blicken die Leser hinter die Kulissen des Börsengeschehens. Für die Inserenten erledigt Anzeigenleiter Musti Asaf den gleichen Job: Er eröffnet Mediaplanern die wesentlichsten Informationen über die kaufkräftigste Leserschaft der Schweiz.
Als flankierende Massnahme wird auf dem Hauptbahnhof Zürich ein witziger E-Board-Spot ausgestrahlt. «Darin beginnt eine Börsenkurve just dann zu steigen, wenn das neue Stocks erscheint», erklärt CD Daniel Matter den Inhalt.
Matter & Partner versteckte den Stocks-Chef als «Agenten».
Talfahrt auf tiefem Niveau: Stocks muss das Steuer herumreissen.
Inseratestatistik Wirtschaftsblätter Kumulierte Werte Januar bis Juli 2003«Das Potenzial für Stocks ist vorhanden»
Anlegermagazin Reto Lipp, Stocks-Chefredaktor, über die neue redaktionelle Ausrichtung des nunmehr alle zwei Wochen erscheinenden Geldmagazins.
WW Einige Verlage scheinen in neuen Köpfen einen Ausweg aus der Leser- und Werbemarktflaute zu suchen. Sie wählten für Stocks das
Rezept der Kostenreduktion bei der Erscheinungsweise. Was führte Sie zur Überzeugung, das Richtige zu tun?
Reto Lipp: Es geht letztlich eben nicht um Köpfe, es geht darum, die Inhalte richtig zu setzen. Der Finanzmarkt hat sich in den letzten drei Jahren stark verändert. Anleger sind kritischer und reifer geworden, rennen nicht mehr jedem Trend hinterher und haben realisiert, dass man sein Portefeuille gesamtheitlich betrachten und bewirtschaften muss. Mit einem thematischen Ausbau in weitere Anlagekategorien wie Obligationen, strukturierte Produkte und Fonds sowie einem verbesserten Beratungs- und Serviceteil versuchen wir dem Rechnung zu tragen – ohne allerdings unsere Kernkompetenz, die Analyse und Bewertung von Aktien, zu vernachlässigen.
Als Stocks startete, hielten 34 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer direkt oder indirekt Aktien, weshalb Ihr Verlag ein grosses Potenzial für ein Anlagemagazin sah. Wie gross ist der Anlegeranteil heute, und was bedeutet dies für Ihre Zeitschrift?
Der Anteil jener Anleger, die direkt Aktien halten, liegt nach der letzten Umfrage des Swiss Banking Institute der Universität Zürich noch immer bei fast 25 Prozent. Das ist aber nicht das Ende der Geschichte: Über Fonds, über die persönliche und betriebliche Vorsorge, ja sogar über die AHV sind wir alle letztlich mit Aktien verbunden. Damit bleibt das Interesse daran hoch, was auch der spektakuläre Aufschwung an den Börsen seit Mitte März zeigt. Als Anlagekategorie ist die Aktie, trotz des Crashs der letzten drei Jahre, völlig unverzichtbar.
Ihr Mutterverlag Axel Springer hat in Deutschland bei ähnlichen Problemprodukten die klassische Desinvestitionsstrategie eingeschlagen. Was hält ihn vor ähnlichen Schritten in der Schweiz zurück?
Die Situation in Deutschland ist eine völlig andere. Dort gab es auf dem Höhepunkt des Börsenbooms sehr viele ähnlich gelagerte Produkte. In der Schweiz ist Stocks als Anlegermagazin konkurrenzlos. Hinzu kommt, dass die Schweiz ein klassisches Anlageland ist mit einem sehr reifen Finanzsektor und sehr vielen vermögenden Leuten. Der Aktienanteil in den Portefeuilles der Schweizer Anleger ist zudem fast dreimal so hoch wie in Deutschland, damit ist die Aktienkultur in der Schweiz eine ganz andere als in Deutschland. Das Potenzial für Stocks ist somit eindeutig vorhanden.
Die Ziele für Stocks waren sehr ambiziös: Auf wann schieben Sie jetzt den Break-even hinaus?
Mit der deutlichen Kostenreduktion, welche die Umstellung auf eine vierzehntägliche Erscheinungsweise mit sich brachte, und der verbesserten Ausgangslage auf dem Anzeigenmarkt ist es realistisch, nächstes Jahr eine ausgeglichene Rechnung präsentieren zu können. Wir stellen eine gute Resonanz in der Werbebranche für unsere nächsten Ausgaben fest. Der neue Publikationsrhythmus, den wir Anfang Juli einführten, wurde von den Lesern wie von den Anzeigenkunden gut akzeptiert.
Was ausser dem Cover ändert sich an Stocks?
Selbstverständlich wird die Redaktion anders an die Geschichten herangehen. Gerade die Sparmassnahmen auch bei der Tagespresse haben dazu geführt, dass dort weniger Anlagethemen zu finden sind. Das Feld, das Stocks beackern kann, vergrössert sich damit. Weil Diversifikation künftig noch wichtiger wird, haben auch wir wie erwähnt unsere Inhalte breiter gestreut. Dazu gibt es eine ganze Anzahl von Anlage-relevanten Statistiken, die in dieser Form sonst in Schweizer Medien nirgends zu finden sind. Stocks will mit mehr Recherche und umfassenden Analysen ein unverzichtbares Instrument für alle sein, die mehr aus ihrem Geld machen wollen. Interview: Luca Aloisi
Luca Aloisi