Werbepsychologie Sein Test wird weltweit angewandt, denn Max Lüscher weiss genau, wie Menschen auf Farben reagieren. Am 9. September wird «Farben-Lüscher» 80 Jahre alt.WW: Die Farbe schwarz ist in der Werbebranche sehr beliebt. Was drückt jemand aus, der Tag für Tag schwarz gekleidet ist?Max Lüscher: Diese Menschen haben eines gemeinsam: Sie zeigen ihre Gefühle nicht frei. Sie erheben den Anspruch, Recht zu haben. Wir müssen uns vom Gedanken verabschieden, Menschen seien so, wie sie gesehen werden wollen. Fast alle Menschen haben eine Vorder- und eine Kehrseite. Gibt sich ein Mensch sehr gefällig, steckt dahinter oft ein autoritärer Anspruch. Wenn jemand hingegen autoritär auftritt, kann dahinter – ausgerechnet – entweder ein weicher Kern oder die Angst ste-cken, beeinflusst zu werden. Wer also konsequent schwarz gekleidet ist, tritt autoritär, massgebend auf.
Im Fernsehen ist mitunter Bundesrätin Micheline Calmy-Rey in ihrem Büro zu sehen: Der Raum ist eine wahre Farborgie, reihum helle, frohe Farben. Gelb, Grün, Rot in Varianten, auch Orange. Was sagt das aus?
Damit signalisiert sie: «Ich wende mich an die Öffentlichkeit.» Diese Farben wirken heiter, leicht, froh. Ich selbst komme oft auch gelb
daher, wende mich – mit meinen Büchern – ebenfalls an die Öffentlichkeit. Das heisst aber noch lange nicht, dass ich deswegen ein geselliger Mensch bin.
Persönlichkeiten verändern sich bekanntlich, beispielsweise mit dem Alter. Reagieren Sie auf bestimmte Farben heute anders als vor 50 Jahren?
Nein. Ich erinnere mich, dass ich als Vierjähriger eine bestimmte Zeichnung mit meinen Lieblingsfarben gemalt habe. Die Farben von damals sind noch heute meine bevorzugten Grundfarben, nämlich Blau und Gelb. Für mich und für viele andere gilt, dass sich der Charakter im Grunde nicht geändert hat.
Kann der Absender einer «Farbbotschaft» davon ausgehen, dass die jeweilige Farbe bei allen Menschen gleich ankommt?
Ja, das kann er. Und zwar auf der ganzen Welt, bei allen Menschen. Die Farbwahrnehmung und die dazu gehörende Sinneserfahrung ist eine physiologische Reaktion. Ob man eine bestimmte Farbe jedoch mag oder als unangenehm empfindet, ist von Person zu Person verschieden. Jeder Normalsichtige nimmt beispielsweise Rot als Rot wahr und empfindet es auch so. Rot erzeugt Erregung. Je nachdem, ob ein Mensch Erregung will oder ablehnt, reagiert er auf diese Farbe zustimmend oder ablehnend.
Welche Rolle spielt die Farbe am Arbeitsplatz?
Eine sehr wichtige. Ich beriet viele Jahrzehnte den Axel Springer Verlag in Hamburg. Dort arbeiteten die Redaktionen in Räumen mit weissen, kahlen Wänden. Die weissen Wände wirkten ermüdend. Das brachte mich auf die Idee, dass auch die gesamte Wäsche in einem Operationssaal nicht weiss sein sollte.
Auf ihre Initiative geht also die Tatsache zurück, dass in Operationssälen grüne und nicht mehr weisse Kleider getragen werden?
Vor vierzig Jahren wurde dazu extra ein Kongress im Basler Kantonsspital vor Chirurgie-Chefärzten aus der ganzen Schweiz veranstaltet, an dem ich meine Erfahrungen mit der Farbe Weiss schildern konnte. Ich erklärte, dass besonders die weissen Abdecktücher, über denen der Chirurg stundenlang arbeitet, ermüdend wirkten. Ich empfahl, diese augenschonend und als Kontrast zu rotem Blut lindengrün einfärben zu lassen. Keiner dieser Chirurgen stimmte mir zu. Nur der damalige Basler Chirurgie-Chefarzt fand: «Machen wir doch Herrn Lüscher zuliebe diesen Versuch.» Heute sieht man in keinem Spital oder TV-Film mehr einen OP-Saal, in dem mit ausschliesslich weissen Tüchern gearbeitet wird.
Mit Farben können auch Fehler gemacht werden?
Wer Farben gezielt einsetzt, sollte jene Farbe wählen, die den von ihm gewünschten Effekt erzeugt. Ein Beispiel aus dem Alltag ist die Frau, die sich rot kleidet und damit lustvolle Aktivität signalisiert. Bei Etiketten und Verpackungen von Genussmitteln ist die Farbwahl von entscheidender Bedeutung für den Verkauf. Auch Medikamente dürfen keine falschen Farben haben, wenn man will, dass sie eingenommen werden.
Ein Beispiel?
Ein bekanntes Multivitaminpräparat wird in einer braunen Kapsel verkauft – völlig falsch. Sie sollte orange sein. Oder die Kapsel eines Beruhigungsmittels ist schwarz und rot – auch absolut falsch. Rot und schwarz zusammen bedeuten explosive Aggressivität, das beruhigt sicher nicht.
Farben werden fast immer in Kombinationen angewendet…
… dabei bleibt die Bedeutung der einzelnen Farbe bestehen. Aber in Kombination mit einer anderen kann sie eine neue Wirkung erzeugen. Nehmen wir Magenta, ein Pinkviolett. Die Bedeutung von Magenta allein ist Sensibilität, vibrierende Intensität. Wenn ich Magenta mit Orange-Rot kombiniere, bewirkt dies beim Betrachter eine lustvolle, oft sexuelle Erregung. Kombiniere ich Magenta hingegen mit einem dunklen Blau, äussert sich die vibrierende Sensibilität als empfindsame, zärtliche Einfühlung.
Die neue Stop-Aids-Kampagne kommt gelb und schwarz daher.
Das ist haargenau richtig. Diese Kombination symbolisiert Suizid. Sie könnte von mir sein.
Wie verhält es sich denn mit der Farbe in der Massenpsychologie?
Ich habe vor dreissig Jahren einer Zigarettenfirma geraten, die Verpackung ihrer sehr erfolgreichen Marke zu verbessern. Ich habe die Packung und die Plakate mit wenigen farblichen Veränderungen auf die Zielgruppe so optimiert, dass der Umsatz um ein Drittel stieg.
Sie machen allerdings keine Werbung mehr für Zigaretten. Warum?
Heute weiss man, wie schädlich Rauchen ist. Darum werde ich diese Werbung nie mehr unterstützen.
Trotzdem beobachten Sie Zigarettenwerbung noch immer?
Ja, aber nur, um zu beobachten, wie gut oder schlecht diese Werbung gemacht wird. Kürzlich ist mir am Kiosk eine Zigarettenmarke namens Cartier aufgefallen. Deren stärkere Version hat auf der Verpackung ein blaues Band, die mildere ein rotes. Das ist genau verkehrt. Firmen wissen gar nicht, wie sehr sie sich mit dem Einsatz von falschen Farben schaden. Mit Farben wird die Empfindung so gesteuert, dass der Konsument spürt, worin die Eigenart und Qualität des Produktes besteht.
Zum Beispiel?
Ich habe fünf Sorten von Most farblich so unterschieden, dass die Etikette den Geschmack anzeigt: blaugrüne Töne für sauren Most, helle, blassgelbe, zart rötliche Töne für süssen Most.
Welche Farben empfehlen Sie für eine Bierverpackung?
Eine Bieretikette soll meist Natur signalisieren, es ist ja ein ausgesprochenes Naturprodukt. Also muss sicher Grün enthalten sein.
Und für Schokolade, die per se schon farblich besetzt ist?
Ich kann durch die Verwendung bestimmter Farben die Geschmacksrichtung signalisieren. Wenn etwas als süss verkauft werden soll, sind lachs-rosa Farben geeignet. Für bittere Nuancen eignen sich blau-grüne und braune Töne. Ist Honig drin, verwende ich die Honigfarbe.
Max Lüscher, Guru der Farbenpsychologie, hat seine Erkenntnisse über die Wirkung von Grund- und Mischfarben oft auch für Werbung eingesetzt.
Leben für die FarbenMax Lüscher, am 9. September 1923 in Basel geboren, durfte schon als 16-Jähriger mit einer Sondererlaubnis
an der Uni Basel psychologische und philosophische Vorlesungen besuchen. Bald erkannte er, dass die allgemeine Behauptung, wonach Farben keine bestimmte Bedeutung hätten, nicht stimmen kann. Er wies nach, dass die Farbwahrnehmung objektiv und universal ist. Damit wurde er zum Begründer der heute weltweit anerkannten wissenschaftlichen Farbpsychologie. 1947 erklärte Lüscher am ersten Weltkongress der Psychologie in Lausanne seine Farbdiagnostik. Dadurch wurde sein Farbtest mit den «Lüscher-Farben» rasch international bekannt. Max Lüscher hat 14 Fachbücher geschrieben, von denen einzelne in 29 Sprachen übersetzt wurden. Bekannteste Titel sind «Psychologie der Farben», «Der 4-Farben-Mensch», «Signale der Persönlichkeit» und «Die Farben der Liebe». Sein Hauptwerk heisst «Das Harmoniegesetz in uns». Lüscher, inzwischen emeritierter Professor, lebt in Luzern und Locarno, sein Büro (Lüscher-Diagnostik) befindet sich in Riehen. Mehr Informationen sind unter www.luscher-color.com zu finden. (hrf)
Interview: Herbert Fischer