Privat-TV Anlässlich der Screen-up 2004 befragte die Werbewoche die Senderchefs der deutschen Privatfernsehstationen zur Bedeutung von Neben-Geschäften und zur Auswirkung neuer Technologien aufs Business-Modell.
1. Nebengeschäfte werden für die Sender immer wichtiger. Wie hoch ist der Anteil heute bei Ihrem Sender? Wie wird sich der Anteil in Zukunft entwickeln?2. Was bedeutet die künftige Digitalisierung für die Sender?
3. Stellen digitale Festplattenrekorder mit Time-Shift-Funktion und Werbeblocker eine Bedrohung für die Sender dar?
4. Wie sieht das Business-Modell Fernsehen in zehn Jahren aus?
Josef Andorfer, Geschäftsführer RTL 2Der Anteil liegt heute bereits bei über sieben Prozent. Unser Ziel ist, diesen Anteil mittelfristig auf 20 Prozent zu erhöhen. Aber der Markt ändert sich ständig. Vor drei Jahren waren die Einnahmen aus CD-Verkäufen sehr wichtig, heute sind es Einnahmen aus Merchandising und mobilen Mehrwertdiensten. In Zukunft wollen wir diesen Bereich ausbauen.
Mobile Mehrwertdienste werden der Wachstumsmarkt für das Fernsehen sein. Wir haben zum Glück auch das Standbein Kinderprogramm, wo es sehr viele Merchandisingpotenziale gibt. Bei der Programmierung werden wir vermehrt darauf achten, dass Zusatzeinnahmen möglich sind.
Der Kuchen wird auf immer mehr Anbieter verteilt werden. Deshalb müssen wir in unserem Angebot breiter werden und weitere digitale Services anbieten. Wichtig sind vor allem Eigenproduktionen, an denen man die Rechte besitzt und sie so zwei- oder dreimal weiterverkaufen kann.
Da sehe ich die Gefahr nicht so gross wie ursprünglich angenommen. Die Erfahrungen in den USA haben gezeigt, dass sich sowohl die Sender wie auch die Werbung darauf einstellen.
Werbung wird zum Beispiel so produziert, dass man sie auch im Schnellvorlauf wahrnimmt. Werbung wird auch vermehrt in die Programme integriert. Split-Screens sind eine Möglichkeit. Es gibt aber auch immer ein stärkeres Bedürfnis der Zuschauer, ein bestimmtes Programm gleichzeitig mit Tausenden von anderen Zuschauern zu betrachten.
Man muss sich ständig allen Herausforderungen stellen, seien sie technischer Natur oder betreffen sie die Angebotsvielfalt, nur dann kann man erfolgreich sein. Das ist in jedem Geschäft so.
Anke Schäferkordt, Geschäftsführerin VoxDer Anteil liegt bei Vox noch unter zehn Prozent. Das liegt in erster Linie daran, dass wir keine Musikformate haben. Die Nebenerlöse sind dann erheblich höher, wenn ein Sender starke Musiksendungen hat und damit ins Musikgeschäft einsteigen kann.
Bei Vox finden Sie die gesamte Bandbreite der Nebengeschäfte, vom klassischen Merchandising über Gewinnspiele, Teletext und unser Internetangebot, das sich ständig steigender Beliebtheit erfreut.
Der Anteil der Nebengeschäfte wird auch bei uns weiter steigen. Ich bin aber nicht der Ansicht, dass es für einen Sender wie Vox mit seiner jetzigen Positionierung möglich sein wird, starke Schwankungen im Werbemarkt allein durch Nebengeschäfte zu kompensieren. Nebeneinkünfte werden zwar in Zukunft ein wichtiges Standbein sein, aber der Werbemarkt wird für uns die wichtigste Erlösquelle bleiben.
Der erste wichtige Aspekt ist die Ausweitung der Kanäle. Ich glaube zwar persönlich nicht, dass es 300 Sender geben wird, aber von einer deutlichen Zunahme ist auszugehen. Es wird nicht viele zusätzliche Vollprogramm-Anbieter geben – wer soll die auch finanzieren! – aber es wird sicherlich viele neue Spartenkanäle geben, die durch ihre zielgruppenspezifische Ansprache nur sehr niedrige Marktanteile erreichen können.
Im Zuge dieser weiteren Fragmentarisierung des Marktes ist es besonders wichtig für einen Sender,
eine starke Marke zu sein, um in der Angebotsflut nicht unterzugehen. Da sind wir mit Vox auf einem sehr guten Weg.
Diese Entwicklung verfolgen wir genau, und es gibt viele Antworten darauf. Seit Jahren hören wir, dass die Entwicklung so schnell vor sich gehen wird, dass die werbefinanzierten Sender in drei oder vier Jahren grosse Probleme haben werden. Das glaube ich persönlich nicht.
Verbreitungsspezifische Prognosen von Technikern sind immer zu optimistisch. Diejenigen, die sich schon lange damit auseinander setzen, erinnern sich an die Prognosen, die damals bezüglich Videorekordern gemacht wurden. Da hiess es, dass bald niemand mehr Fernsehen zur eigentlichen Sendezeit schauen wird.
Die Realität ist eine andere. Viele der Zuschauer merken sich ihre Sendungen und schauen sie zu der Zeit, wo sie gesendet werden. Das wird auch so bleiben. Dennoch nehmen wir die Entwicklung sehr ernst. Was wir deshalb fordern, und dies überall in Europa, ist eine weitere Deregulierung des Werbemarktes. Heute ist ja vieles nicht erlaubt. Neue Werbeformen werden sicherlich eine der Antworten auf die Herausforderungen der Technik, insbesondere der Time-Shift-Funktionen sein.
Es wird ähnlich aussehen wie heute. Der klassische 30-Sekunden- Werbespot wird zwar nicht mehr den Anteil haben, den er heute hat, denn es wird innovativere Werbeformen geben. Dennoch bin ich der Ansicht, dass viele Free-TV-Sender zu rund 80 Prozent werbefinanziert sein werden.
Ingrid M. Haas, Generalsekretärin, RTL
Im Jahr 2003 lag er bei etwa 15 Prozent. Das ist schon ganz gut, aber wir wollen den Anteil weiter steigern. Das französische Familienmitglied der RTL Group M6 ist auf diesem Gebiet der Vorreiter. Ziel ist es, die RTL-Inhalte auf allen Plattformen zu vermarkten: Auf Videotext, Mobile, Online, DVD und Video. Nicht zu vergessen das Shopping. Telefonmehrwertdienste funktionieren gut, die SMS-Chats ebenfalls.
Das Diversifikationsgeschäft ist ein Wachstumsmotor, wobei die klassische TV-Werbung Erlösquelle Nummer eins bleiben wird.
Wir unterstützen die Digitalisierung aller drei Verbreitungswege. DVB-T ist Anfang 2002 in Berlin gestartet und macht in Deutschland gute Fortschritte. Im Kabel hängt viel vom Ausgang des laufenden Kartellverfahrens Anfang Oktober ab. Die Digitalisierung wird dem Zuschauer sicher viele neue Programme bringen, womit zeitgleich der Bedarf an Orientierung des Zuschauers drastisch steigen wird. Hier werden starke Sendermarken die Gewinner sein. Wir sind gut aufgestellt und werden die Chancen der Digitalisierung nutzen.
Uns liegen verschiedene Studien aus den USA und anderen Märkten vor. Die Ergebnisse schwanken und lassen eine direkte Schlussfolgerung für den deutschen TV-Markt kaum zu. Wir beobachten die Entwicklung deshalb sehr genau, rechnen jedoch kurzfristig nicht mit grossen Änderungen beim Zuschauerverhalten. Und auch die mittelfristige Wirkung bleibt abzuwarten, denn es gibt Kult- und Must-Programme. GZSZ schaue ich um eine bestimmte Zeit, weil ich als 15-jähriges Mädchen nachher mit meiner Freundin telefoniere, um mit ihr über die neueste Sendung zu sprechen. Auch «Wer wird Millionär» schalte ich nicht eine Viertelstunde später ein. Die Gegenstrategie ist relevantes Fernsehen. Fernsehen, das die Leute zu einer bestimmten Zeit sehen wollen. Man braucht also
Live- und Event-Programme.
Aber das allein reicht nicht. Auch beim Thema Regulierung muss etwas passieren. Die heutigen Einschränkungen für Einzelspots müssten weit gehend aufgehoben werden. Die Politiker sollten mehr Vertrauen in die Vernunft der Fernsehmacher und in die Mündigkeit der Zuschauer haben, denn in unserem hochkompetitiven Markt wird kein Sender sein Programm alle fünf Minuten mit Werbung unterbrechen. In Zukunft wird es bestimmt neue Formen der Fernsehwerbung geben. Was es genau sein wird, darüber kann man nur spekulieren. Aber eines ist sicher, es muss intelligente und witzige Werbung sein.
Eine Prognose über zehn Jahre ist meiner Ansicht nach nicht seriös, denn nur die nächsten fünf Jahre kann man einigermassen überblicken. Es wird immer werbefinanziertes Free-TV geben. Durch die Digitalisierung werden jedoch viele
Nischensender hinzukommen. Vor allem starke Sendermarken und Fernsehfamilien werden weiterhin erfolgreich sein.
Dejan Jocic, Geschäftsführer ProSiebenDer Anteil liegt heute bei ungefähr sieben Prozent bezogen auf die gesamte Gruppe. Wir werden in diesem Bereich zulegen. Dazu haben wir im Konzern einen Diversifikationsbereich geschaffen, der alle Non-TV-Revenues umfasst. Bei Online, Televoting, Call-in sehen wir einen starken Aufschwung. Dank unserer eigenproduzierten Formaten haben wir intensive konvergente Einbindungen mit allen Non-TV-Medien. Mittelfristig wollen wir den Anteil der Nebeneinkünfte auf 15 Prozent steigern.
Die zusätzlichen Hunderte von digitalen Kanälen, die auf uns zukommen, werden sicherlich den Markt weiter fragmentieren. Ich vergleiche es mit einer grossen Videothek. Die meisten Kunden sind wegen des grossen Angebotes zuerst einmal verunsichert. Wohin wenden sie sich? Zuerst an das Regal mit «Neuheiten» oder «Highlights». In dieser Ecke stehen ProSieben, Sat1 und RTL.
Die grossen Sender haben die Aufgabe, den Zuschauer durch die ganze Fernsehlandschaft zu führen, indem sie Innovationen und Trends setzen und dies mit möglichst vielen Eigenproduktionen. Wenn man sich die Verwertungskette anschaut – ob es nun Pay-per-view, Pay-TV oder DVD ist, dann ist es wichtig, dass man ein originäres Programm hat, das heisst ein Programm, das nirgends vorher verwertet wurde.
Also Eigenproduktionen im Bereich Fiction, Comedy oder Show. Das ist eines unserer strategischen Ziele.
Natürlich wird es das geben, aber man darf eines nicht vergessen: Wenn man zwei Stunden lang Premiere oder Teleclub gesehen hat, bekommt man immer das Gefühl, man verpasse etwas.
Das hat in erster Linie mit der Aktualität des Programms zu tun, ausserdem haben sich die Zuschauer längst an die Werbeunterbrecher gewöhnt. Deswegen habe ich bezüglich dieser Technologien wenig Angst.
Ein gesunder Mix zwischen klassischen Werbeerlösen und einer smarten Integration von interaktiven Erlösen wie IP-basierte Bewegtbilderlöse aus Internet und Mobile, Pay-per-view und Umsätze aus
Micropayment durch direct to consumer business.
Roger Schawinski, Geschäftsführer Sat 1Den Anteil der nichtwerblichen Erlöse wollen wir deutlich ausbauen. Das ist erklärtes Ziel der gesamten AG.
Die Konkurrenz wird grösser und damit die Herausforderung. Sat 1 spielt in der ersten Liga des deutschen Fernsehens. Wir sind relevant und modern. Ich sehe keine Gefährdung, wenn wir unseren Job gut machen.
Nein. Die Vergangenheit hat zwei Dinge gezeigt: Erstens setzt sich nicht jedes Gerät am Markt durch, und zweitens sehen die Leute trotz aller Aufzeichnungsmöglichkeiten das Fernsehen am liebsten sozusagen «live».
Es wird sich auch in zehn Jahren in erster Linie auf klassische Werbung stützen, aber der Anteil der anderen Bereiche wird 20 bis 30 Prozent betragen.
Peter Kölbel, Projektleiter U-1-GruppeIch kann das nicht quantifizieren, da wir für die Schweiz keine Analyse haben. In unserer Gruppe beträgt der Anteil zum Beispiel beim Sender Kosava in Belgrad 50 Prozent.
In Deutschland liegt er noch wesentlich tiefer, aber mit stark steigender Tendenz. Sowohl heute wie auch in der Zukunft sind solche Einkünfte für einen kleinen Sender wesentlich wichtiger als für die grossen Sender.
Erstens einmal werden die Produktionskosten dramatisch sinken. Nur so werden 300 Sender zur Realität. Die Fokussierung auf bestimmte Zielgruppen wird immer enger. In den USA gibt es zum Beispiel keinen Sender für die Fischer, aber einen für die Fliegenfischer und einen für die Hochseefischer. Mit den neuen Produktionstechniken kann man mit kleinen Teams arbeiten.
Fernsehen wird intimer und Reality-Formate werden an Bedeutung gewinnen, weil sie billiger und schneller zu produzieren sind. Mit der einfachen Technik werden wir wieder zu Formaten kommen wie zu Beginn des Fernsehens. Zum Beispiel tagesaktuelle, live produzierte Soaps.
In Zukunft wird die Nachfrage nach Bildcontent steigen. Deshalb ist es wichtig, ein Player zu sein, der über Content verfügt und diesen auch günstig herstellen kann.
Der Trend der Werbung geht in Richtung Produktintegration. In den USA bemüht man sich jetzt, die Werbebotschaft in die Soaps zu integrieren. So entkommt der Zuschauer der Werbung nicht.
Für die Werbewirtschaft wird es aufwändiger, man wird nicht mehr nur einfach Spots buchen können, sondern man muss gemeinsam mit dem Contentproduzenten Ideen entwickeln.
Die grossen Sender werden Marktanteile in der Grössenordnung von vielleicht sieben Prozent an viele kleine Sender verlieren. Dadurch werden sie aber nicht so stark bedrängt. Die Chancen liegen bei den kleinen Sendern.
Andreas Bartl, Geschäftsführer Kabel 1Der Anteil liegt heute bei rund fünf Prozent und soll mittelfristig auf über zehn Prozent anwachsen.
Mehr Angebotsvielfalt bedeutet mehr Wettbewerb, aber auch mehr Chancen für einen Sender wie Kabel 1, zum Beispiel mit einem digitalen Kabel-1-Bouquet.
Keine essenzielle Bedrohung – nur ein geringer Prozentsatz der Zuschauer wird das nutzen.
Im Zentrum wird immer noch das werbefinanzierte Free-TV stehen, wobei starke Free-TV-Marken ihr Angebot so weit diversifiziert haben werden, dass sie über 30 Prozent ihrer Umsätze ausserhalb der klassischen Werbung erzielen.
Claude Schmit, Geschäftsführer Super RTLWir erzielen bereits jetzt rund 20 Prozent unseres Umsatzes über «fernsehnahe Nebengeschäfte» wie beispielsweise Merchandising, Licensing oder Paid-Content-Angebote im Internet, wobei der Anteil am Gewinn sogar wesentlich höher ist.
Ich denke, wir sind in diesem Bereich gut aufgestellt und können ihn noch weiter ausbauen. Vorbild sind die Kollegen von M6 in Frankreich, die mehr als die Hälfte ihres Umsatzes ausserhalb des klassischen TV-Geschäftes generieren.
Die Zukunft wird digital oder gar nicht. Und auch wir stellen uns dieser neuen technischen Herausforderung, zum Beispiel in unserem Engagement im Bereich DVB-T.
Als Kindersender nehmen wir eine Sonderstellung ein: Kinder sehen gerne Werbung und schalten sie nicht weg. Von daher sehe ich dieser Entwicklung gelassen entgegen.
Zudem gilt: Je stärker die Marke, desto geringer das Risiko der Abschaltung. Bei den Kindern stehen wir hoch im Kurs, und unsere Kindermarke TOGGO war in diesem Jahr neben BMW und Germanwings unter den drei Finalisten beim Markenaward 2004.
Ich glaube an das Fernsehen. Möglicherweise werden TV und Internet weiter zusammenrücken, werden neue Werbeformen neue Erlöse ermöglichen. Aber vor zehn Jahren haben viele prognostiziert, durch Interaktivität werde sich die Fernsehlandschaft verändern. Das ist nicht geschehen. Ich denke, auch in zehn Jahren werden wir nicht in einer grundlegend anderen TV-Welt leben als heute.
Interviews: Pierre C. Meier