Werbung Die Kunst verkörpert Wohlstand. Damit eignet sie sich bestens, Konsumenten zu umgarnen.
Bettina Richter hat die Kunstzitate der Plakatsammlung des Museums für Gestaltung Zürich für eine Ausstellung an der Schweizerischen Nationalbank ausgewählt. Mit der Werbewoche unterhielt sie sich über den Déjà-vu-Effekt solcher Werbemotive.
WW Warhols Motive als Schaufensterdekoration einer Modekette oder sein Stil für Autowerbung – in der Werbung haben Kunstzitate immer Hochkonjunktur. Wann macht die Anlehnung an die Kunst für Sie als Kunsthistorikerin Sinn, wann wirkt sie anbiedernd?
Bettina Richter Werbung muss ein Stück weit anbiedernd sein, schliesslich muss sie die Konsumenten ködern und bestätigen. Kunstzitate in der Werbung gründen kaum auf Liebhaberei, sondern allein auf kommerziellem Interesse des Auftraggebers. Ein Kunstzitat ist in meinen Augen gelungen, wenn es mehrschichtig ist und mit eingelagerten Erinnerungen an bestimmte Bilder und Codes arbeitet. Ist das Zitat zu vordergründig, wird es platt und verliert an Wirkung.
Wo kann man die Grenze zur Banalität ziehen?Das lässt sich nur am konkreten Plakat beurteilen. Grundsätzlich kann man sagen, dass je häufiger Bilder verwendet werden – statistisch gehören die «Mona Lisa» und der «David» zu diesen –, desto höher sind die Anforderungen an den Werber, Abnutzungserscheinungen mit einer innovativen Idee wettzumachen.
Kunstwerke, die zum kulturellen Allgemeinbesitz zählen, geniessen einen hohen Wiedererkennbarkeitswert und lenken die Aufmerksamkeit schneller auf sich. Behelfen sich die Kreativen nicht mit solchen
Bildern, um über ihre eigene Ideenlosigkeit hinwegzutäuschen?
Heute operieren viele Werber geschickt mit solchen abgegriffenen Bildern. Den Déjà-vu-Effekt, der ja nur funktioniert, wenn ein Bild tief in unserem Unterbewusstsein gespeichert ist, setzen sie bewusst und gezielt ein. Beim Betrachter passiert am ehesten dann wirklich etwas, wenn er eine Veränderung am gewohnten Bild entdeckt.
Dient es einem Kunstwerk und seiner öffentlichen Anerkennung, wenn es häufig zitiert wird?Ob Kunstzitate in der Werbung dem Kunstwerk dienen oder eher schaden, hängt stark vom Kunstbegriff ab, den jeder Einzelne hat. Wenn man dem David Jeans anzieht, dann ist das für die einen ein raffinierter Hingucker, weil seine biblische Rolle und also Werte wie Schönheit und geistige Stärke unbewusst mitschwingen und auf die Jeansmarke abstrahlen. Für jene, die Kunst als etwas Auratisches, vom Alltag Abgehobenes verstehen, grenzt hingegen ein David in Jeans an Blasphemie. Handkehrum würden Kunstwerke in der Werbung kaum auffallen, wenn sie nicht verfremdet sind, sondern einfach eins zu eins zitiert werden.
Skandalträchtig warb Otto Kern in den 90er-Jahren für seine Jeans. Das Plakat inszenierte da Vincis «Letztes Abendmahl Jesu» zu Marketingzwecken neu, indem Jesus nur mit Jeans bekleidet war und die zwölf Jünger durch Frauen ersetzt wurden, die auch nur Jeans trugen. Kann man sagen, dass Werbung Kunst auch zerstören kann?
Auch die Entzauberung von Kunstwerken hängt sehr stark davon ab, welchen Kunstbegriff, welche Wert- und Weltvorstellung der Rezipient hat. Trotz unseres erweiterten Kunstbegriffs und der Verschränkungen von hoher Kunst und Alltagskultur verkörpert Kunst für die Masse immer noch das klassische Tafelbild im Museum mit seiner Aura. Dass für ein solches Publikum das Bild von Leonardo da Vinci durch diesen Einsatz in der Werbung entstellt wird, ist verständlich.
Für andere Leute wie auch für mich persönlich ist Kunst in jeder Epoche Spiegelung des Alltags der Zeit und dem Leben verbunden und kann daher auch durch ein solches Bild nicht entzaubert werden. Eine gewisse Sensibilität beim Einsatz von symbolbeladenen Werken müssen die Werber aber schon aufbringen. Das ist ein ständiger, schwieriger Balanceakt zwischen mediumsspezifischer Aufmerksamkeitsbeschaffung und gezielter, die Grenzen überschreitender Provokation. Ähnlich hat sich die Frage der Rücksichtnahme auf gewisse religiöse, ethische oder kulturelle Empfindungen bei den berühmten Benetton-Plakaten gestellt.
Viele zeitgenössische Künstler haben keine Berührungsängste gegenüber Werbung und Kommerz und glauben sogar, dieses System zu ihren eigenen Zwecken einsetzen zu können. Wie glaubwürdig sind sie und ihre Werke mit dieser «unkritischen» Haltung?
Das ist eine komplexe Frage, die sich nicht allgemein gültig beantworten lässt, weil hier so viele Aspekte zusammenfliessen. Es ist einfach eine Tatsache, dass die Entgrenzung zwischen Kunst und Alltagskultur stattgefunden hat. Einerseits hat diese sehr positive Komponenten. Andererseits birgt sie auch grosse Gefahren in sich, nämlich die der abnehmenden Wertbeständigkeit und der Kommerzialisierung und Vereinnahmung selbst kritischer Künstler.
Machen sich Marken, die sich mit künstlerischen Werbeauftritten einer kritischen Öffentlichkeit präsentieren, nicht auch angreifbar?Da aus kommerziellen Gründen praktisch immer klassische Bilder
zitiert werden – Déjà-vu-Effekt –, macht man sich höchstens angreifbar, wenn das Zitat, wie erwähnt, Richtung Blasphemie geht oder wenn die Grenzen im Sittlichkeitsempfinden überschritten werden. Manchmal legen es allerdings Auftraggeber und Werbeagentur auch darauf an, einen Skandal zu provozieren – da steht dann aber oft knallhartes kommerzielles Interesse dahinter …
… was sich dann auch schnell wieder abnützt. Natürlich. Im schnellen Schockeffekt und im aggressiven Auftritt, die oft genauso rasch verhallen, gleichen sich Werbung und Kunst auch immer mehr.
Seit den 90er-Jahren gehört zeitgenössische Kunst besonders bei Luxusgüterkonzernen zur Corporate-Identity-Strategie, frei nach dem Motto, die Anhäufung von kulturellem Kapital dient dazu, die hierarchische Position im Markt zu festigen. Führt das nicht auch zu einer Kunstinflation und -abnützung?
Davon bin ich überzeugt. Aber das ist ein Phänomen unserer Zeit, ein Trend, der sich nicht mehr aufhalten lässt. Sehr viele Künstler, ohne dies verallgemeinern zu wollen, verkaufen sich selbst wie ein Markenprodukt.
Das tradierte Bild des Künstlergenies, abgeschieden in seinem Atelier arbeitend, dessen Name sich der Nachwelt einschreibt, gehört der Vergangenheit an, ist aber dennoch ein Klischee, dem noch viele nachhängen. Kunst selbst wird immer kommerzieller und wie ein Werbeprodukt behandelt. Wir leben in einer Zeit der Sinnesüberflutung – nicht nur der visuellen Überflutung –, und das führt zwangsläufig zu Überforderungen und Abnützungserscheinungen.
Wenn also das Déjà-vu-Erlebnis den klassischen Kunststücken vorbehalten ist und die moderne Kunst schwer zugänglich bleibt, welche Chancen geben Sie den zeitgenössischen Werken, künftig in der Werbung zitiert zu werden?Heute leben wir, wie gesagt, wohl weniger in der Epoche der Künstlergenies. Von daher verankern sich auch weniger konkrete Namen und Bilder im allgemeinen Bewusstsein. Es mag wenige Ausnahmen geben, beispielsweise einen Georg Baselitz, bei dem alle schnell an KopfüberBilder denken.
Aber dann wird sein Schaffen auf einzig und allein diese Phase beschränkt, und alles, was er danach gemacht hat, ist aus dem öffentlichen Bewusstsein ausgelöscht. Es geht bei der Anlehnung der Werbung an zeitgenössische Kunst weniger um direktes Zitieren einzelner Werke als um die Aufnahme gewisser Codes, Bildsprachen und bestimmter Haltungen. Dies allerdings passiert heute immer schneller – wiederum eine Erscheinung der Entgrenzung zwischen hoher Kunst und Alltagskultur mit allen ihren komplexen positiven und negativen Folgen.
Michael EngelmannIn einer gemeinsamen Produktion mit der Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin und Lars Müller Publishers widmet das Museum für Gestaltung Zürich die kommende Ausstellung dem deutschen Grafikdesigner Michael Engelmann (1928 bis 1966). Mit seiner schmucklosen Fotografie, der entschiedenen Farbigkeit sowie den lakonischen Texten schaffte er in den 1950er-Jahren
eine dichte Zeichensprache in sachlicher Typografie, welche die biedere Anpreisung aus der deutschen Werbung zu vertreiben versuchte.
In der ästhetischen Neuorientierung zwischen Funktionalismus und Pop wurde Engelmann mit seinen Arbeiten für Roth-Händle, Pirellioder Renault richtungsweisend. (la)
9. November 2004 bis 25. Februar 2005 im Plakatraum, Limmatstrasse 55, Dienstag bis Freitag, 13 bis 17 Uhr.
Hingucker oder Blasphemie? Ob Kunstklassiker wie «David» und «Mona Lisa» als Werbesujets verfremdet werden dürfen, ist umstritten.
Van Gogh und Warhol: Werbung mit Kunstsujets ist ein Spagat zwischen Aufmerksamkeits-beschaffung und Provokation.
Typisch Michael Engelmann.
Interview: Luca Aloisi