Geste für Geistesmenschen
Kolumne Das Zeitungssortiment sagt mehr über ein Lokal als dessen Speisekarte. Denn der Mensch lebt nicht vom Brot (respektive Gipfeli) allein.
Gastronomie heute oftmals ist – für ein Abonnement des Blicks und der Regionalzeitung reicht es doch in den meisten Lokalen.
Nicht aber im Luzerner Starbucks. Lediglich eine Gratiszeitung liegt dort zur Lektüre auf. Sie heisst – o Wunder – 20 Minuten und ist in fünf gelesen. Dies ist erstaunlich, zumal Starbucks seine Kaffeehäuser als «Third Places» definiert, ein Begriff, der auf den amerikanischen Soziologen Ray Oldenburg zurückgeht. Oldenburg bezeichnet damit jene dritten Orte (neben dem Zuhause und dem Arbeitsplatz), an denen urbane Zeitgenossen ihre Freizeit verbringen und jene soziale Nähe suchen, die sie im Single-Appartement vermissen.
In den USA sind gesellige Orte, an denen sich auch in Ruhe Zeitung lesen lässt, etwas Revolutionäres, weil die dortige Gastronomie auf Hochfrequenzen programmiert ist. Im alten Europa, speziell aber in Wien, kennt man Third Places hingegen seit langem. Man nennt sie nur anders. So war die «Kaffeehausaufsuchkrankheit» (Selbstdiagnose) von Thomas Bernhard darauf zurückzuführen, dass in den Wiener Kaffeehäusern Bräunerhof, Eiles und Landtmann immer zahlreiche internationale Zeitungen auslagen, darunter auch eine helvetischer Herkunft. Kein Wunder, schrieb der österreichische Schriftsteller einmal, ein Geistesmensch könne nirgends existieren, wo es keine Neue Zürcher Zeitung gebe. Denn Zeitungen verbinden den Kaffeetrinker mit dem Zeitgeschehen. Und signalisieren, dass er verweilen darf, ohne dass ihn ein Kellner viertelstündlich zu einer Bestellung nötigt.
Der Gründer von Starbucks,
Howard Schultz, sagte einmal, er verkaufe keinen Kaffee, sondern
15 Minuten Pause. Zugegeben, ein schöner Claim. Für dessen Glaubwürdigkeit muss in den Filialen aber mehr geboten werden als die Lokalausgabe einer Gratispostille. Denn für die Gäste stellt sich die Frage, was sie in der verbleibenden Zeit anstellen sollen, wenn sie die PR- und Agenturmitteilungen gelesen haben. In den leeren Kaffeebecher starren? Das Liebesleben von Stubenfliegen studieren? Oder die Pause um zehn Minuten verkürzen und dieses Kaffeehaus verlassen?
In Anbetracht des sich epidemisch ausbreitenden Geiz-ist-geil-Schwachsinns signalisieren abonnierte Qualitätszeitungen, dass dem Gastgeber seine Gäste etwas wert sind. Dieses Zeichen ist umso wichtiger, als man die Gäste für einen grossen Caffe Latte 6.40 Franken bezahlen lässt. Doch Starbucks hält seine Zielgruppe wohl für intellektuell derart unterbelichtet, dass sie nicht mit dem Blick oder der Neuen Luzerner Zeitung überfordert werden soll – geschweige denn mit einer NZZ. Bleibt die Hoffnung, dass diese Einschätzung nicht der Realität entspricht.
Francis Müller erwartet auch in US-Kaffeehäusern Qualitätsblätter zur Koffeinbrühe.
> Francis Müller ist freier Journalist und unterrichtet an der Zürcher Hochschule für Kunst und Gestaltung.
