Röstigraben Der Anzeigenmarkt ist national,
behauptet Tamedia. Die Kunden werben sprachregional, glaubt Edipresse.
Für die Westschweizer Pendlerzeitungen ist dieser Punkt zentral. Im Kampf um die richtige Strategie bei der
Lancierung einer Pendlerzeitung für die Westschweiz gehen die Meinungen
von Edipresse und Tamedia auseinander. Schon die Bedürfnisse des
Werbemarktes werden diametral verschieden eingeschätzt. So liess die
Tamedia-Chefetage vernehmen, der Werbemarkt verlange eine
sprachregionenübergreifende Plattform auch im Bereich Tageszeitung –
was für das Produkt 20 Minuten/20 minutes sprechen würde.
Edipresse-Generaldirektor Tibère Adler glaubt dagegen nicht, dass
Tamedia aus einer gesamtschweizerischen Zeitung Profit schlagen kann.
«Der Werbemarkt ist nicht national», sagte er am 26. Oktober. In der
letzten Werbewoche doppelte Le-Matin-Chefredaktor Peter Rothenbühler
nach: «Anzeigenraum gesamtschweizerisch anzubieten, tönt einfach, ist
in der (sprach-) grenzübergreifenden Praxis aber das Gegenteil. Auch
wenn ein Anbieter alles abzudecken glaubt, muss trotzdem differenziert
geworben werden.»
Simultan oder separat?
Welche These stimmt? Wollen die Werbekunden vermehrt ein und dasselbe
Produkt gleichzeitig in beiden Sprachregionen bewerben oder planen sie
ihre Werbeauftritte diesseits oder jenseits des Röstigrabens trotzdem
separat? Die Werbewoche fragte nach. Reader’s Digest zum Beispiel
bietet Das Beste und Sélection seit einem Jahr mit einem Kombirabatt
von 10 Prozent an. «Im Grunde hat sich deswegen nichts geändert, wir
haben nicht explizit mehr Kunden», erklärt Gebietsverkaufsleiter Ruedi
Geisselhardt. Auch der Anteil jener Kunden, die beide Titel buchten,
sei mit 20 bis 25 Prozent stabil geblieben. (1:0 für die
Edipresse-These.)
Anders gelagert sind die Erfahrungen bei KI-Media. Gemäss
Anzeigenleiterin Yvonne Müller beträgt der Anteil der Doppelbucher bei
den Parallel-Titeln K-Tipp und Bon à savoir rund 75 Prozent mit
steigender Tendenz und ohne Kombirabatt. Punkt für Tamedia: 1:1. Müller
votiert aber noch aus anderen Überlegungen für die Tamedia-These: Da 80
Prozent der Werbeaufträge in der Westschweiz von Deutschschweizer
Auftraggebern oder Agenturen stammten, sei es von strategischem
Vorteil, mit einer bekannten Printmarke beide Regionen abzudecken.
Viele Deutschschweizer Mediaplaner wüssten ohnehin kaum Bescheid über
das Titelangebot in der Romandie.
Ein Viertel mit dem Kombi
Auch im Bereich Tageszeitungen existiert mit dem Business-Kombi (NZZ –
Le Temps) ein Anzeigenpool, der mit etwa 8 Prozent Rabatt den
Röstigraben überbrückt. Bei Le Temps generiert das Kombi gemäss
Anzeigenleiterin Marianna Di Rocco rund 25 Prozent des Umsatzes.
«Sowohl die Zahl der Doppelbucher als auch ihr Umsatzanteil nahmen seit
Anfang 2004 zu. Letzterer wuchs um jährlich 10 Prozent», sagt Di Rocco.
Tamedia punktet: 2:1.
Da stellt sich die Frage, weshalb vor einem Jahr der
sprachregionen-übergreifende Swisspool II (fünf Deutschschweizer Titel
in Kombination mit den Edipresse-Zeitungen 24 Heures und Tribune de
Genève) ersatzlos gestrichen wurde. Wären die Doppelbucher im Trend,
hätte man bestimmt zum neuen Metropool einen Metropool II gebildet. Das
tat man aber nicht, was für die Edipresse-Argumentation spricht: 2:2.
Weder Edipresse noch Publicitas waren bereit, zu Swisspool II Stellung
zu nehmen.
Eine dezidierte Meinung vertritt hingegen Publipresse-Direktor Otto
Meier. «Es gab bisher kein sprachübergreifendes Angebot, das Erfolg
hatte», sagt er – und verhilft Edipresse zum Vorsprung: 3:2. Der
Swisspool II habe zwar gut funktioniert, doch primär als Gesamtangebot
für Print. Meier: «Die Mediaplanung erfolgt aber nach Sprachregionen.»
Jean-Pierre Grey, beim Lausanner Verlag Promoguide verantwortlich
für die Gratis-Kinozeitschriften Film demnächst und Avant première
(Kombirabatt: 15 Prozent) stützt dagegen die Tamedia-These, denn bei
seinen Magazinen macht er einen Trend zu Doppelbuchungen aus. Ihr
Anteil betrage bereits rund 60 bis 70 Prozent. Punkt für Tamedia: 3:3.
Ringier – nationaler Routinier
In diesselbe Richtung wie Grey kickt auch Karlfrieder Fuchs,
Anzeigenverantwortlicher bei der Coop-Zeitung. Allerdings unterscheidet
er bei seinem Blatt und dem Schwestermagazin Coopération drei
Kundensegmente. Zum einen bucht Coop selbst und belegt mit ein und
demselben Produkt jeweils gleich alle drei Ausgaben der eigenen
Kundenzeitung. Dasselbe empfehle man jenen Markenartikelherstellern,
die ihre Produkte über Coop vertrieben, sagt Fuchs. Drittinserenten,
also Werbekunden, die mit Coop nichts zu tun haben, tragen bei der
Coop-Zeitung nur 15 bis 20 Prozent des Umsatzes bei. «Davon buchen 60
bis 70 Prozent in nur einer Sprachregion, doch die Zahl der Doppel-
oder gar Dreifachbucher nimmt zu», sagt Fuchs. Tamedia – Edipresse: 4:3.
Erfahrungen in beiden Märkten macht man seit langem bei Ringier, wo ja
auch Tamedia-CEO Martin Kall seine ersten Schweizer Sporen abverdient
hat. Ringier ist nicht nur in allen Landesteilen mit eigenen Titeln
vertreten (und denkt ebenfalls über eine Gratiszeitung nach), der
Konzern führt in der Deutsch- und Westschweiz auch Angebote mit
ähnlichen Konzepten und vergleichbarem Zielpublikum: Illustré und
Schweizer Illustrierte (SI), die beiden Al dente, Programmzeitschriften
wie Tele und TV8 sowie Edelweiss und Bolero. Doch Thomas Passen,
Ringiers Leiter Leser- und Werbemarkt, differenziert. «Bei Illustré und
SI haben wir auch ohne Kombirabatt viele Doppelbucher, und sie nehmen
zu. Bolero und Edelweiss dagegen weisen trotz Kombirabatt von 10
Prozent wenig Doppelbucher auf.» Die beiden Frauentitel seien nicht
ganz identisch positioniert, sagt Passen. Und noch eine Differenzierung
bringt er an: Der Tageszeitungsmarkt funktioniere anders, dort sei das
Hauptgeschäft lokal, weshalb Doppelbucher immer die kleinere Rolle
spielen würden.
Zahl der Doppelbucher wächst
Für die Edipresse-These spreche zudem, dass die Kunden aus der Romandie
zu den Westschweizer Titeln eine starke Verbundenheit zeigten. Dennoch
ist auch Passen überzeugt, dass die Zahl der Doppelbucher generell
wachsen wird: «Das ergibt sich nur schon aus der zunehmenden
Internationalisierung der Mediabudgets.» Auch die Tatsache, dass
Mediaagenturen immer stärker in grosse Netzwerke eingebunden werden,
spreche dafür.» Weiter stellt er fest, dass die Romandie als Markt
stärker wahrgenommen wird. «Agenturen und Auftraggeber verlangen immer
öfter Offerten für beide Sprachregionen», sagt er. Support erhält
Passen von Daniel Pillard, Direktor von Ringier Romandie. «Al dente hat
ebenfalls immer mehr Doppelbucher, ebenso unsere Zeitschriften Montres
passion und Uhrenwelt», sagt er. Und dann zieht der Romand ein
eindeutiges Fazit: «Tamedia hat die bessere These.» (Zürich schlägt
Lausanne klar mit 5:3.)
Markus Knöpfli
Elektronische Medien im Vorteil
Die Bedeutung eines über den Röstigraben hinweg funktionierenden
Werbemarktes beurteilen Werbefachleute unterschiedlich. «Wenn ich
Mediaplanern und Werbern auf die Finger schaue, dann gibt es sicher
dafür einen Markt mit Titeln gleicher Ausrichtung und Konzepte», sagt
Sandro Prezzi, Managing Director bei mediaegis:cia. Wer früher etwa 20
Minuten gebucht habe, habe in der Westschweiz Le Matin als Tabloid
dazugenommen. Doch die leichte Buchbarkeit solcher Kombinationen sei
noch keine Gewähr, dass auch gekauft werde. «Es ist spannend, was in
der Romandie momentan passiert», sagt Cosima Giannachi von Mindshare,
sie misst den sprachregionalen Aspekten jedoch weniger Bedeutung zu,
weil es für ihre Agentur wichtiger sei, die Medien richtig
anzusprechen, unabhängig von buchungstechnischen Vorteilen. Auch für
Dietmar Bemberg von Optimedia gehört die Überwindung des Röstigrabens
zum Branchen-Basiswissen von vor 40 Jahren und sei angesichts der
Lancierung von 20 Minuten in der Westschweiz kein Thema. «Für die
Werber ist es viel wichtiger, dass es in der Romandie nur einen
Gratistitel gibt.» Dass es keinen sprachübergreifenden Markt gebe,
damit habe man sich abgefunden, sagt Christof Kaufmann von OMD. Um
sowohl in der Deutsch- wie auch in der Westschweiz präsent zu sein,
müsse man sich an bestehende Medien adaptieren.
Eine gute Sache findet Radiotele-Verkaufsleiter Felix Kilchsperger die
Idee des sprachübergreifenden Marktes. Auf sein Medium bezogen seien
beim bestehenden Swiss-Radiopool jedoch nicht die stärksten Sender mit
dabei. Kein Problem gibts damit in der Kinowerbung, die lässt sich
entsprechend untertiteln. Für Jean Claude Bruhin von Cinecom ist der
sprachübergreifende Aspekt von zentraler Bedeutung. Die nachhaltigste
Überwindung der Sprachgrenzen liefert SRG-Vermarkterin Publisuisse
national werbenden Kunden aus einer Hand, laut Kommunikationsleiter
Peter Kaufmann «der grosse Vorteil». Es liegt in der Natur der
elektronischen Medien, dass presseseitig auch mit unzähligen und
komplizierten Kontakten keine vergleichbare Wirkung erzielt werden
kann. (rw)