Alte Tante lehrt Jugendliche
Printmedien Mit einem interaktiven Lernset will die NZZ an Schulen die freie Meinungsbildung fördern helfen und junge Leser für das Traditionsblatt begeistern.
will die NZZ an Schulen die freie Meinungsbildung fördern helfen und
junge Leser für das Traditionsblatt begeistern.Verschiedene Verlagshäuser haben in der
letzten Zeit mit medienpädagogischen Vorstössen an Schweizer Schulen
von sich reden gemacht und versuchen, Schülerinnen und Schülern
unterschiedlicher Altersstufen das Medium Zeitung näher zu bringen.
Motiv scheint hier weniger die mangelnde Lesekompetenz von Jugendlichen
zu sein, wie die Pisa-Studie im Jahr 2000 belegte, als vielmehr der
offensichtliche Erfolg der Pendlerzeitung 20 Minuten gerade bei der
jungen Leserschaft.
Das führt zu einem Nachholbedarf der Printmedien, neue
Publikumssegmente zu erschliessen, die bisher nur für schwer oder gar
nicht erreichbar galten. Einige Verlage haben deshalb das in
Deutschland seit 25 Jahren erprobte Modell des deutschen Institutes
IZOP adaptiert, so etwa Aargauer Zeitung und Zofinger Tagblatt, die ab
nächstem Frühjahr im Rahmen eines jeweils 12-wöchigen Programms
Primarschülerinnen und -schüler mit der Zeitungslektüre vertraut machen
wollen.
Die Neue Zürcher Zeitung hat innert eines Jahres ihr eigenes Modell
entwickelt. Am 17. November lanciert das Verlagshaus an der
Falkenstrasse erstmals sein «Lernset Eigene Meinung». Es handelt sich
dabei um ein Internetangebot in Form einer elektronischen, interaktiven
Unterrichtseinheit, die allen Schulen in der Schweiz kostenlos zur
Verfügung gestellt wird und sich in erster Linie an Schülerinnen und
Schüler der Sekundarstufe II richtet. Vorerst sind die Themen
«Integration von Ausländern», «Lärm» und «Ernährung» verfügbar, die
sich problemlos und
fächerübergreifend in die bestehenden Unterrichtspläne einbauen lassen.
Die Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Fragen sollen
Schülerinnen und Schüler in die Lage versetzen, sich eine eigene
Meinung zu aktuellen Themen der Zeit zu bilden und ihre eigene
Urteilsfähigkeit im Sinne der Förderung einer freien Meinungsbildung zu
steigern. Neben der Lesekompetenz stehen Recherchieren, Analysieren von
Diskussionen und Argumentieren im Mittelpunkt der Lerneinheit.
Die NZZ versteht ihr Angebot zudem als substanziellen Beitrag im Rahmen
einer Initiative des Bundes «Public Private Partnership – Schule im
Netz», einer Kooperation von Bund, Kantonen sowie der Wirtschaft mit
Swisscom als Sponsorin, welche bis dato zur Ausstattung von einigen
Tausend Schulen mit Rechnern und leistungsfähigen Internetanschlüssen
geführt hat. Allein es fehlte bisher an ausreichenden und geeigneten
Lerninhalten.
«Wir wissen aus der Marktforschung, dass Jugendliche zwischen 16 und 19
Jahren zu einer anspruchsvollen Tageszeitung eher schwer Zugang
finden», sagt NZZ-Marke-
tingleiter Christoph Bauer. Deshalb versuchen die Macher mit der
Lerneinheit das Terrain für die künftigen Leserinnen und Leser der NZZ
vorzubereiten. Der Titel ist bei der jüngeren Leserschaft bisher
nicht positioniert, wobei die tendenziell
höhere Schwelle der Jugendlichen gegenüber dem enzyklopädisch
anmutenden Traditionsblatt an sich völlig normal ist, was Bauer denn
auch als grosse Herausforderung erachtet. «Es geht dabei nicht darum,
Abos zu verkaufen», sagt er, auch die Gratiszeitungslieferung stehe
nicht im Mittelpunkt des Angebots, sondern erfolge nach Bedarf an
Schulen für Lehrpersonen zum Einsatz in deren Unterricht. Man wolle
vielmehr ein qualitatives Angebot machen im Bewusstsein, dass man damit
auch Ansprüche an die junge Leserschaft stelle.
Das Projekt trägt die Redaktion, genauer, es wurde von einer internen
Arbeitsgruppe unter den Fittichen von Chefredaktor Hugo Bütler in
Zusammenarbeit mit der Firma Lernetz entwickelt und wird intern
behandelt wie jedes andere redaktionelle NZZ-Produkt auch. Es erstreckt
sich zudem über weitere NZZ-Titel wie NZZ am Sonntag und Folio. Das
Thema Meinungsbildung passe überdies bestens zur NZZ und sei im
Lehrplan in verschiedenen Unterrichtsfächern verankert, weiss Bauer.
Er betont, es handle sich beim Lernset Eigene Meinung um ein
ausschliessliches Engagement der NZZ. «Es ist nicht unsere Philosophie,
mit Sponsoren zu arbeiten, dazu stehen wir.» Das soll auch die
inhaltliche Unabhängigkeit garantieren. Zu den Kosten will Bauer keine
genauen Angaben machen, verglichen mit dem von IZOP entwickelten Ansatz
fahre man jedoch langfristig wesentlich kostengünstiger.
Diesem ersten Schritt hin zu einem jüngeren Publikum sollen weitere
folgen. Das Lernset Eigene Meinung ist Bestandteil eines umfassenderen
Zielgruppenkonzeptes der NZZ, um neue Leserinnen und Leser zu
erschliessen und steht im Kontext von Printangeboten im Mutterblatt
rund um Studium und Beruf, um Karriere und Weiterbildung. Doch gemäss
Bauer sind entsprechende Projekte erst im kommenden Jahr spruchreif.
René Worni
