Am 15. Dezember übernimmt Andreas Durisch,
Chefredaktor der SonntagsZeitung, die Chefredaktion des
Nachrichtenmagazins Facts. Er ist überzeugt, dass es mit dem Blatt
aufwärts geht. WW: Warum übernimmt der Chefredaktor der SonntagsZeitung gleichzeitig die Leitung von Facts?
Andreas Durisch: Nachdem
klar geworden war, dass Stefan Barmettler die Facts- Chefredaktion
abgeben wird, kam man auf die Idee, dass ich zu Facts wechseln könnte.
Das gibt es zwar an anderen Orten in der Branche auch: Mit Le Matin, Le
Matin Dimanche und Le Matin Bleu hat Peter Rothenbühler auch mehrere
Titel zu verantworten. Aber in dieser Konstellation ist es
aussergewöhnlich.
WW: Das funktioniert ohne Probleme?
Andreas Durisch: Zwei
Sachen waren für mich wichtig: Machen erstens meine Stellvertreter und
die Redaktion mit? Und was kann man zweitens mit Facts machen? Kann man
einen Erfolg erzielen? Ich kam zum Schluss, dass Facts ein
interessanter Brand ist. Nach acht Jahren SonntagsZeitung ist das eine
Aufgabe, die mich reizt.
WW: Es
gab verschiedene gescheiterte Versuche, in der Schweiz ein
Nachrichtenmagazin zu lancieren – zum Beispiel «Die Woche» Anfang der
80er-Jahre. Seit Bestehen schreibt Facts mehrheitlich rote Zahlen, hat
laut der letzten Wemf 7 Prozent Reichweite verloren und wird immer
wieder totgesagt.
Andreas Durisch: Die neusten Trends zeigen jedoch, dass sich die Zahlen stabilisieren.
WW: Dennoch: warum braucht es Facts?
Andreas Durisch: Wir
arbeiten alle in übersättigten Märkten, wir leben in einer
Überflussgesellschaft. Ich glaube aber, dass es in der Schweiz ein
Publikum für Facts gibt. In Ergänzung zu den Tageszeitungen gibt es als
Wochenpublikation, die sich mit Politik und Wirtschaft auseinander
setzt, nur Facts. Da ist zwar noch die Weltwoche, aber die hat eine
andere Ausrichtung. Deshalb glaube ich, dass man genügend Leser finden
kann.
WW: Magazinjournalismus
ist nichts Aussergewöhnliches in der Schweiz, der Spiegel hat eine
treue Stammleserschaft hier. Wie erklären Sie sich, dass Facts auch
nach zehn Jahren immer noch nicht funktioniert?
Andreas Durisch: Es
ist nicht so, dass Facts nicht funktioniert. Man hatte über längere
Zeit 500 000 und mehr Leserinnen und Leser. Jetzt ist man etwas
darunter, das heisst, man hat gleichviele Leser, wie die Sendung «10
vor 10» Zuschauer hat. Kein Mensch stellt deswegen «10 vor 10» in
Frage. Facts hat auch ein paar Jahre lang schwarze Zahlen geschrieben.
Dass man jetzt wieder in die roten geraten ist, hat damit zu tun, dass
Print eine schwierige Phase hinter sich hat. In einem gesättigten
Markt, der zusätzlich eine konjunkturelle Delle hat, gibt es
Umschichtungen und gewisse Verlierer. Facts hat in dieser Phase zu
diesen Verlierern gehört.
WW: Was heisst das konkret?
Andreas Durisch: Facts
hat eine schwierige Zeit hinter sich. Man hat das erfolgreiche
Grundkonzept verlassen und versucht, sich neu zu orientieren. Es gab
eine Korrektur dieses primären Kurses. Ich glaube, diese
Produkteschwäche von Facts über eine gewisse Zeit hat dazu geführt,
dass es zu einem Anzeigenrücklauf gekommen ist.
WW: Sie sprachen einmal davon, dass man Facts eine positive Wendung geben müsse. Welche Art von Geschichten braucht denn das Blatt?
Andreas Durisch: Facts
hat lange den frechen überbordenden Optimismus der 90er-Jahre
ausgestrahlt, doch diese liegen hinter uns. Das Blatt muss Solidität
ausstrahlen, die Korrektur mit dem Relaunch vor mehr als einem Jahr war
deshalb richtig. Was man noch nicht ganz geschafft hat, sind
Geschichten in den Kernbereichen Politik und Wirtschaft, die zu reden
geben. Zwar stehen immer wieder gute Storys im Blatt, aber zu wenig
häufig, und sie liefern zu wenig Gesprächsstoff, wo die Leute dann
sagen: «Häsch gläse im Fäcts?»
WW: Das funktioniert in der Sonntags-Zeitung offenbar besser.
Andreas Durisch: Das
ist auch einfacher. Es gibt ein gewisses News-Vakuum am Wochenende und
man kommt mit einer Schlagzeile leichter in die Agenturen als während
der Woche. Nichtsdestotrotz muss es Facts gelingen, auch während der
Woche mit selber recherchierten Geschichten immer mal wieder ins
Gespräch zu kommen.
WW: Facts ist das Blatt, das immer in den roten Zahlen steckt – eine Art Stigma.
Andreas Durisch: Facts
kämpft wie die anderen Wochentitel auch. Dem Unternehmen geht es
indessen gut. Facts hat also trotz der grossen Krise des Hauses Tamedia
überlebt. Das kann man ja auch mal zur Kenntnis nehmen. Zu einem
Zeitpunkt, als man sogar «Du» verkauft hat, ist man zu Facts gestanden.
Dieser Wille des Verwaltungsrates und der Unternehmensleitung, alles
dranzusetzen, damit Facts ein Erfolg wird, das finde ich positiv. Auf
Dauer, das ist klar, ist der wirtschaftliche Erfolg unabdingbar.
WW: Wie viele Stunden werden Sie für Facts einsetzen, was hat die Redaktion der SonntagsZeitung noch von Ihnen?
Andreas Durisch: In
der Startphase werde ich mich mit aller Kraft um Facts kümmern. Mit der
Redaktion der Sonntags-Zeitung habe ich vereinbart, dass ich an den
Mittwochnachmittagen anwesend sein werde, um anstehende Fragen mit
meinen Stellvertretern zu besprechen und um den übrigen
Redaktionsmitgliedern zur Verfügung zu stehen. Ich werde mich jedoch
darauf beschränken, die SonntagsZeitung in der nächsten Zeit zu
begleiten. Ich werde mein Büro auf den Facts-Stock zügeln, wo ich
primär präsent sein werde.
WW: Ein neuer Chefredaktor kostet. Ist Ihr sozusagen halber Job bei Facts eine Sparmassnahme?
Andreas Durisch: Nein,
das ist es nicht. Das heisst aber auch nicht, dass ich den doppelten
Lohn verdienen werde. Auf Grund der Analyse bei Facts fand man, im
Dienst der Sache sei das die beste Lösung. Finanzielle Aspekte haben da
keine Rolle gespielt.
WW: Was wird der neue Facts Chefredaktor als Erstes tun?
Andreas Durisch: Zuerst
will ich die Redaktion von innen kennen lernen und werde mit den
Ressortleitern Gespräche führen. Ich hab gewisse Ideen und
Vorstellungen, finde es aber vernünftig und Erfolg versprechender, zu
schauen, welches die Ideen der Leute waren, die bisher das Blatt
gemacht haben.
WW: Ergibt sich da nicht eine verschärfte Themenkonkurrenz zur SonntagsZeitung?
Andreas Durisch: Diese
thematische Konkurrenz hat es bisher schon gegeben. Solange die
Redaktionen völlig unabhängig voneinander gearbeitet haben, hatten sie
dennoch hin und wieder dieselben Ideen und kamen dieselben Themen vor.
Das wird auch in Zukunft nicht anders sein. Heute laufen die Themen ja
zum Teil recht schnell. Es gibt somit Unterschiede, was man sonntags
und was man donnerstags bringen kann und umgekehrt. Weiter haben die
Titel ein unterschiedliches Format. Dadurch unterscheidet sich auch der
Themenzugriff und die Themenaufbereitung.
WW: Welche Ziele haben Sie sich gesetzt?
Andreas Durisch: Ich
will natürlich zum anvisierten Erfolg beitragen. Ich möchte Facts
weiterentwickeln. Es soll in Politik und Wirtschaft relevant sein, soll
immer wieder für Überraschungen sorgen, die Themen sollen gut umgesetzt
sein. Mein Ziel ist, dass man sagt, Facts ist interessant.
WW: Das ist bisher nicht der Fall?
Andreas Durisch: Zu wenig!
WW: Können Sie das präzisieren?
Andreas Durisch: Ich
kann nur wiederholen: Man hat zu wenig Akzente in den beiden
Schlüsselressorts Politik und Wirtschaft gesetzt. Das gehört einfach zu
einem Nachrichtenmagazin. Dann werden hoffentlich auch die Erträge
wieder steigen.
Interview René Worni