In unserer Gesellschaft sieht Andreas Horx er eine kontinuierliche Entwicklung hin zu einer «neuen Offenheit», welche weitreichende Auswirkungen auf die Markenkommunikation von Unternehmen hat. Um zu erkennen, welche Kräfte auf Unternehmens- und Produktmarken wirken, aber auch um das Potential gezielt nutzen zu können, spricht er vier zentrale Faktoren an, welche für ein Konzept der Markenführung genauestens beachtet werden müssen.
Treiber der Markenführung mit sozialen Medien
Die zentralen Faktoren, auf denen ein Konzept der Markenführung mit sozialen Medien basieren soll, nennt Andreas Horx «Treiber». «Die Vernetzung ist heute weltweit ausgesprochen hoch und zieht sich inzwischen durch alle Gesellschaftsschichten», konstatiert Horx einleitend. Sich mit der Konnektivität auseinanderzusetzen bedeute die zunehmende Organisation der Menschheit in Netzwerken zu verstehen. Web-2.0-Anwendungen (Social Media) spielen dabei eine wichtige Rolle für die soziale Vernetzung der Menschen. Doch wie weit kann ich das Potential der Konnektivität nutzen, um gegebenenfalls die User in den Wertschöpfungsprozess eines Unternehmens zu integrieren? Mit der «Neuen Offenheit», so Horx Antwort. Hiermit meint er den Schritt «vom Kollektiv zum Konnektiv», wobei das Teilen von Inhalten zukünftig zum Alltag wird und Offenheit deren zentrale Eigenschaft ist. «Dabei ist Teilen wichtiger als Besitzen», fügt er an. Der Weg führe vom Guthaben weg hin zu Reputation, weg von Werbung hin zu Community, so Horx. Ein solcher Schritt brauche jedoch klare Regeln und Führung, in der sozialen Welt müsse sensibel mit der Markenführung umgegangen werden. Der Schritt in die digitale Markenführung berge auch einen aktiven Einfluss des Kunden auf das Markenimage. «Das Erreichte zählt, nicht das Erzählte reicht», betont Horx. Denn nicht nur die Zahl der relevanten Costumer-Touchpoints kann vielzählig sein, auch gehen die Veränderungen hier sehr schnell vor sich und auf Anfragen muss inzwischen sehr schnell reagiert werden. Nicht zu vernachlässigen ist die Auswirkung der Markenführung mit sozialen Medien auf das Unternehmen. Gemäss Horx werden damit grundlegende Wandelprozesse in Unternehmen miteinhergehen. Zum Beispiel geht es um den Abbau von Ressortdenken – hin zu vernetztem Denken & Handeln. Damit hat jeder Mitarbeiter die Möglichkeit sich vom «passiven» hin zum «connected» Mitarbeiter zu entwickeln. «Vielleicht ist dann schon bald kein Betriebsrat mehr nötig», vermutet Horx.
Was Andreas Horx mit «umwälzender Veränderung» genau meint, und wie ein Unternehmen mit einem gezielten Markenführungskonzept darauf reagieren kann, verrät er im Gespräch mit der Werbewoche.
Werbewoche: Andreas Horx, ist die Schweizer Wirtschaft bereit für die digitale Markenführung?
Andreas Horx: Die Antwort auf die Gretchenfrage. Ich denke, das kann man nicht pauschal mit ja oder nein beantworten. Ich denke, da die Unternehmen heute vor fundamentalen Herausforderungen stehen – die Digitalisierung von Geschäftsprozessen zu begleiten und eine Antwort darauf zu finden, wie sie ihr Geschäftsmodell dort zukünftig abbilden wollen/es dadurch beeinflusst wird– sollte jedes Unternehmen parallel zu seinem derzeitigen Geschäftsmodell Szenarien erarbeiten, wie sie sich bei einer so tiefgreifenden Entwicklung aufstellen wollen. Ich glaube man muss einen Unternehmensstrategieprozess parallel initiieren, weil im Verhältnis zu früher die Wandlungen im Geschäft schneller und nachhaltiger sind.
Das klingt sehr aufwändig. Wie muss man sich das Modell solcher parallel laufender Strategien vorstellen?
Man würde im Endeffekt eine Business-Task-Force gründen, die unter der Führung des Managements liegt. Aber nicht nur im Sinne des Management, da müssen auch im weiteren Prozess andere Qualifikationen miteingebunden werden, die dann den Strategieprozess des zukünftigen Geschäftsmodells begleiten. Ich habe eine solche Strategie schon bei einem grossen Reiseversichere in Europa begleitet, wo man sich kontinuierlich getroffen hat, um neue Szenarien zu entwickeln, die dem Rechnung tragen, was sich mit der Digitalisierung alles verändert.
Sie sagen also, dass sich die Ergebnisse der Markenführung mit sozialen Medien trotz Konzept nicht wirklich einschätzen lassen und daher eine Business-Task-Force parallel laufende Strategien entwickeln muss?
Ja, ich denke das «try and error» wird noch eine ganze Weile dazugehören. Aber, umso mehr man sich mit der strategischen Dimension und den grundlegenden Treibern (Konnektivität, Technologie, Transparenz, neue Offenheit) und deren Einfluss auf das Unternehmen befasst, desto weiter kommt man in der Beantwortung der Frage, wo das Geschäftsmodell des Unternehmens hingehen soll. Der User heute ist nicht mein User morgen. Ich sollte also nicht immer dem Kunden hinterherrennen, sondern stattdessen einen größeren Blickwinkel haben. Beispielsweise hat MacDonalds aktuell in den USA große Probleme, weil der Kunde inzwischen ein verändertes Ess- und Integrationsbedürfnis hat. Da muss man sich deutlich überlegen, wie das Geschäftsmodell in zehn Jahren aussehen soll.
Würde Sie eine digitale Markenführung auch für nicht primär verkaufsorientierte Unternehmen empfehlen?
Das kommt auf das Nachrichtenpotential einer Marke darauf an. Ist das Storytelling einer Marke relevant, dann ist das sicherlich ein Indikator dafür, dass man über Social Media Strategien nachdenken sollte. Insofern sollte man einfach mal in die Social-Media-Kanäle reinhören, denn es wird dort über fast alle Marken geredet. Dann muss man an dieser Stelle eine Entscheidung treffen, bevor man den nächsten Schritt geht. Denn die Türe zu Social Media aufzumachen ist eine Konsequenz, die mit viel Arbeit und Geld zusammenhängt und man kann sie nicht so schnell wieder zumachen. Insofern ist eine solche Unternehmensentscheidung signifikant und ich würde viel genauer darüber nachdenken. Grundsätzlich gilt aber: Marken mit entsprechender Mundpropagandapotential haben eine durchaus gute Relevanz für Social Media.
Diese Türe zu öffnen bedeutet aber auch das Risiko der Eskalation.
Richtig. In den digitalen Medien wird gleichzeitig transparenter, was Sie tun oder nicht tun. Im Moment der Entscheidung für Social Media muss man also auch Eskalations-Strategien bereithalten. Das heisst, wenn die User da draussen nicht zufrieden sind, sind Transparenz und Ehrlichkeit wichtige Faktoren, um darauf richtig zu reagieren. Aus den diversen Shitstorms sollten wir ja in der Kommunikationsbranche inzwischen gelernt haben.
Ihrer Meinung nach lohnt es sich also für den Grossteil aller Unternehmen diesen Schritt zu machen, trotz Risiko?
Es gibt viele Unternehmen, für die es sich lohnt. Dies ist jedoch immer eine grundsätzliche unternehmens-strategische Entscheidung, sich den sozialen Medien zu öffnen, ohne die Türe später wieder aufgrund von Fehleinschätzungen zumachen zu müssen. Einen TV-Spot hingegen kann ich wieder ausschalten. Solche Social-Media-Strategien sind nicht nur für den B2C – nein auch sehr gut für den B2B-Bereich interessant. Wenn man sich beispielweise den Kundenservice anschaut, welchen man über Communities steuern kann, sieht man dies sehr gut. Der berühmteste ist Apple mit dem «Apple Talk». Dort poste ich mein Problem in die Community und irgendwo auf der Welt sitzt einer, der das Problem bereits gehabt hat. Das sind nicht Apple-eigene Mitarbeiter, sondern die Community beantwortet die Fragen, weil sie das Produkt so cool finden und anderen helfen wollen. Somit sind diese eigentlich meine Servicepartner. Kundenservice so an die Community auszulagern ist, wie man sieht, nicht nur eine B2C-Frage. Unternehmen im B2B-Bereich informieren sich zu 90-95 Prozent, bevor sie etwas kaufen, über digitale Medien. Wenn ich also beispielsweise eine Service-Community mit meinen B2B-Partnern aufbaue, kann das ein interessantes Geschäftsmodell werden.
In welche Richtung geht Ihrer Meinung nach die Innovationskraft der sozialen Medien?
Diese Innovationskraft ist ausgesprochen stark. Man sieht z.B. komplett neue Geschäftsmodelle, die sich durch «Share Economy», also Teilen statt Besitzen, entwickelt haben. Zum Beispiel in der Tourismusbranche das «Share a bed, unterAirbnb.de». Im Verkehrsbereich ist gerade der neue Taxi-Dienst «Uber» sehr interessant zu beobachten. Hier will man die verkrusteten regulierten Strukturen aufbrechen, mit einer intelligenten Idee, Social Media und einem langen Atem. Und ich prophezeie Ihnen, die werden das auch schaffen! Weil es einfach an der Zeit ist, alternative Geschäftsmodelle zuzulassen. Von daher glaube ich schon, da steckt viel Kraft drin. Aber wie man das nachher für das Einzelunternehmen runterbricht, ist eine sehr individuelle Frage.
Ihre Aussagen und Beispiel lassen den Eindruck zurück, dass im Bereich Social Media eine starke Konkurrenz heranwächst, der früher oder später nicht viele Unternehmen entgehen können.
Ich würde das zurückhaltender formulieren: Unternehmen müssen heute, eine Antwort finden, wie sie mit dem Thema Social Media und den damit einhergehenden Veränderungen umgehen wollen. Ein Grossteil der Unternehmen wird sich dieser Frage früher oder später stellen müssen. Wie man bei Coca Cola und McDonalds sieht, haben diese Unternehmen Schwierigkeiten und laufen jetzt der Entwicklung teilweise hinterher anstatt sie wie bisher anzutreiben. Im Gegensatz dazu steht das Beispiel von Proctor & Gamble, deren Konzept z.B. im Bereich B2B mit der Plattform «connect+develop», welches außerordentlich erfolgreich ist. So sieht man deutlich die Unterschiede von Treiber und Getriebenem.
Sie gehen davon aus, dass sich ein Grossteil der Unternehmen – bis in die Geschäftsleitung hinauf – mit Social Media auseinandersetzen muss?
Absolut. Wenn man den Mittelstand betrachtet, welcher in Deutschland und der Schweiz die Basis und die Stabilität der Wirtschaft ist, ist dies unbedingt notwendig.. Man kann sich mit Social Media im Zuge der Generationenregelung auseinandersetzen. Dies ist natürlich eine grosse Aufgabe. Die «Verantwortlichen» des jeweiligen Unternehmens haben Vieles richtig gemacht, doch jetzt kommt eine neue Welt des Denkens, welche sehr konträr ist zu dem, was sie bisher kannten. Dementsprechend ist die Herausforderung für diese Unternehmen, dass jemand von der Familie – in der Nachfolgeregelung – diese Prozesse aufsetzt. Der «Patriarch» wird teilweise nur bedingt dazu in der Lage sein, dieses Ausmass zu verstehen, weil es sich hierbei einfach um komplett andere Denkdimensionen handelt.
Sie sprechen von riesigen Umwälzungen. Welche Rolle spielt Facebook hier?
Facebook ist nur eine Plattform von vielen. Es lohnt sich für Unternehmen kaum noch, wie übrigens auch vor kurzem der CEO der Webguerillas aus Deutschland, Martin Wittman, gesagt hat. Parallel sieht man aktuell auch eine sogenannten «de-friending-Bewegung». Das bedeutet, rund 25 Prozent der jungen Menschen gehen aus Facebook raus. Die Älteren gehen zwar rein, aber die Jungen gehen alle raus. Sie suchen sich andere Plattformen, die jetzt erst noch bekannter werden.
Das sind natürlich Erdrutsch-artige Veränderungen. Aber genau so ist es. Kennen Sie zum Beispiel noch AOL, mit deren Kampagne mit Boris Beckers Ausspruch «Ich bin drin»? Wo ist das Unternehmen heute? Hat Yahoo noch eine grosse Marktmacht in Europa? So schnell wie das Eine kommt, wird das Andere wieder gehen – wir haben heutzutage eine hohe Veränderungsgeschwindigkeit. Ganz viele Unternehmen haben den Trend nicht verstanden/sich nicht weiterentwickelt, und sind dann einfach weg.
Nun werden Plattformen interkulturell aber ganz unterschiedlich benutzt. Wie sehen Sie das?
Dies ist ein wichtiger Aspekt, den es in einer Social-Media-Strategie zu beachten gilt. Umso mehr, wenn es sich um eine globale Strategie handelt..
Grosse Prozesse und das globale Teilen haben Sie in Ihrem Referat auch mit einem anderen Thema verknüpft, dem Teilen von Lebensmitteln. Welche Veränderungen sehen Sie in diesem Bereich konkret?
Ich sehe das für mich als ein motivatorisch wichtiges Feld. Denn Werbung ist im Rückblick eine sehr oberflächliche Sache; wir bauen die schöne glitzernde Welt für Produkte, was in Wirklichkeit aber manchmal anders aussieht. Wir sollten wirklich mal für Nachhaltigkeit in der Werbung sorgen und bestimmte Dinge stärker ins Rampenlicht bringen. Genauso wie Wasser und Essen knapp wird, so haben auch einige Menschen hier in Zürich keinen Zugang zu regelmässigem Essen. Das zumindest kann man direkt hier lösen, etwa mit «Foodsharing» – einer Verwertung des Grossteils an Essen, welches nach einer Veranstaltung einfach weggeschmissen wird. Ich habe selber im Anschluss an Firmenveranstaltungen schon Organisationen angerufen, damit das überzählige Essen abgeholt und verteilt wird. Das ist das mindeste. Um nun das Globale zu betrachten, werden wir nicht umhinkommen sozialer zu denken. Das ist nur leider etwas, was den Menschen per se und in seiner Schnelllebigkeit und kurzfristigen Denke sehr konträr entgegensteht. In den Sozialen Medien können sich nun aber ganz andere Hebel entwickeln, Menschen & Meinungen bündeln und zu einer starken Bewegung werden – und in dem Sinne verändert sich dann auch nachhaltig Gesellschaft. Ob dies eine Veränderung zu unserem Besseren ist oder nicht, ist eine spannende Frage. Wenn man z.B. die politische Bewegungen in Saudi Arabien, Tunesien oder Nord-Afrika anschaut, dann ist/war das sicherlich zum Teil ein guter Weg. In diesem Sinne ist Social Media auch eine Art Regulativ und das ist eine kraftvolle & nachhaltige Entwicklung, die wir alle für uns privat, oder geschäftlich positiv nutzen können.
Interview: Ursina Maurer
Andreas Horx ist neben seiner Tätigkeit als Speaker, Geschäftsführer seiner eigenen Fima Horxbrandconsult – einer Managementberatung für Markenführung und strategische Kommunikation, ist zusätzlich als Dozent bei privaten Bildungsträgern aktiv und Co-Herausgeber des Buches «Social Branding».