Felix Schenker will mit Art-TV eine kulturelle Alternative zum Mainstream-Fernsehen aufbauen.Die Zahl tönt fantastisch, aber sie stimmt. Im Januar haben weltweit 496000 Kulturinteressierte im Internet den kleinen Zürcher
«Sender» www.art-tv.ch angeklickt. «Neuer Rekord!», meint Felix
Schenker. Der Gründer, Kopf und Macher für alles beim alternativen
Kulturkanal ortet den Grund für das grosse Interesse in einem Video mit
James Blond. Diesen Bericht vom Konzert hat Art-TV im Zürcher
Hallenstadion aufgenommen. «Seither sind wohl viele Fans weltweit über
Google auf unsere Website geleitet worden», glaubt Schenker. Dieses
zeitgemässe Hinführen der Interessierten aus aller Welt zur Zürcher
Kultur funktioniert auch, wenn Art-TV über die Ausstellung «The Gates»
von Christo berichtet. Mehr lokale Insider klicken sich ein, wenn ein
knapp zweiminütiger Szenenmitschnitt von «Julius Caesar» im Theater
Neumarkt aufgeschaltet wird. Schweizweit stösst Art-TV auf Interesse
zum Beispiel mit einem 4’1’’-Premierenbericht des Musicals «Aida» in
Basel oder 4’ vom Ballett «Les Noces» im Zürcher Opernhaus.
Rund 350 Interviews, Ausstellungsberichte oder Reportagen aus dem
Theater «lagern» zum Downloaden im Archiv von Art-TV. Und wöchentlich
kommen fünf neue dazu. Für diesen Content wirken rund zehn
Kulturschaffende auf freiwilliger Basis als VJ. «In ihrem Fachbereich
sind sie Profis. Als Filmer meistens Autodidakten», erklärt Schenker.
Inhalt ist bei Art-TV somit wichtiger als gekünstelte Bilder. Trotzdem
wirkt das Auftreten des Unternehmens sehr professionell. Soeben hat man
sogar der Basler Zeitung einen fixen Auftrag zum Covern der vom Staat
geförderten kulturellen Events in Basel weggeschnappt. In Verhandlungen
für eine regelmässige Korrespondenz gegen Honorar ist Art-TV auch mit
der Stadt Winterthur. Von dort kommt bereits der wichtigste Förderer,
die Volkart-Stiftung.
«Wir brauchen natürlich eine gesunde finanzielle Basis für Art-TV. Die
Grundidee darf aber nicht verraten werden. Wir wollen kein
kommerzielles Internetfernsehen werden», erklärt Schenker. Die in den
Anfängen vor drei Jahren gegründete Genossenschaft ist inzwischen in
einen Verein umgewandelt worden. Das erste kulturelle Internetfernsehen
der Schweiz ist in zwei kleinen Büros im Zürcher Kreis 4 installiert.
Mit den heutigen Möglichkeiten der Videotechnik mit Final-Cut-Pro auf
einem Laptop könnte Schenker sein Programm aber auch im Abteil eines
Zuges montieren und dann ins Netz stellen. So leicht wird man heute
Intendant. Aber natürlich ist die Entwicklung dazu auch bei Felix
Schenker nicht von Beginn weg online verlaufen.
Der Urner hat Soziologie, Psychologie und Publizistik studiert und ist
dann «sehr unverhofft» zur Kunst gekommen. Zwar hätten ihn schon
während der Mittelschule ein paar Kollegen gelegentlich ins Museum
geschleppt. Er fand das aber «eher öd im Zeitalter von MTV». Wieso 20
Minuten vor einem einzigen Bild verharren, wenn man im Fernsehen in der
gleichen Zeit 30000 Pictures reinziehen kann? Das fand Schenker
jedenfalls «näher bei seinen Interessen». Dass er dann trotzdem selber
mit Malen angefangen hat – und zwar mit Öl – ist einem Schulhausabwart
in den Urner Bergen zu verdanken. Dort unterrichtete der junge Wilde
als Werkstudent. In seiner Dienstwohnung durfte er aber keine Bilder
aufhängen. Damit herrschte in seinem Wohnraum eine Atmosphäre «cool wie
in einem Kühlschrank».
Um dem abhelfen zu können, kaufte Schenker bei seinem nächsten Besuch
im Unterland in einer Papeterie «alles zusammen, was an Farben zu
finden war». Seinen Gefühlen freien Lauf lassend, hat er im Kampf gegen
die Kälte diese Farben auf eine Leinwand geschmiert, liess die
Ergebnisse rahmen – und wurde umgehend entdeckt. Ein bekannter Sammler
hat die farbigen Werke beim Rahmenhändler gesehen und wollte sie
unbedingt haben. Bald darauf hat Aushilfslehrer Schenker an seiner
ersten Ausstellung Werke für einen halben Jahreslohn verkaufen können.
Weil ein namhafter Kurator bei der Vernissage meinte, Schenkers Bilder
kämen stilistisch etwa 50 Jahre zu spät, hat er in der Folge auf
Videoinstallationen gewechselt. Er durfte zusammen mit Roman Signer
oder Fischli Weiss ausstellen und führte – jetzt vollends im Art
Business – in Luzern zehn Jahre lang auch eine eigene Galerie.
In dieser Phase, wo er mit immer neuen Ideen versucht hat, Kunst zu
vermitteln, musste Schenker realisieren, wie wichtig bei seiner Arbeit
auch das Mitspielen der Medien ist. Aber: «Es ist unglaublich, wie viel
kulturellen Output wir haben und wie wenig das rezipiert wird.» Nur
zwei Ausstellungen habe er in seiner Zeit als Kurator ins Fernsehen
gebracht – für kaum wahrgenommene 20 Sekunden im «angesagt». Dabei sei
doch TV eigentlich «das ideale Medium für eine Kunstausstellung». –
Aber vielleicht zu wenig für interessante oder gar elitäre Nischen
geeignet. Und so ist die Idee zu Art-TV entstanden.
Das anfänglich noch technisch sehr abenteuerlich anmutende Experiment
sieht einer buchstäblich strahlenden Zukunft entgegen, wenn die
Übermittlungsmöglichkeiten für Internet immer raffinierter werden. Da
ist es gar kein Thema, dass Art-TV auch mit einer Konzession für einen
«richtigen Sender» liebäugeln könnte. «Unser Effort geht in die grosse
Klammer. Wir wollen die gemeinsame Internetplattform für die ganze
Kulturszene werden. Wer an Kultur und Video denkt, soll zuerst an
Art-TV denken.» Finanziell möglich machen wollen Schenker und sein Verein dieses
Projekt in Zukunft auch mit Werbung. Mit der immer professioneller
gewordenen Erfahrung soll zudem die Infrastruktur von Art-TV auch für
kommerzielle Dienstleistungen im Bereich Video und Web-TV angeboten
werden. Erste Kunden für Trailer sind das Zürcher Schauspielhaus oder
das Fredy Burger Management.
Andreas Panzeri