Pascal Schaub will als neuer Präsident der Account Planning Group das strategische Denken in allen Bereichen stärken. Strategie ist heute in immer mehr Disziplinen gefragt, stellt Pascal Schaub fest. Gerade weil man nicht mehr alles planen kann. Ihn beeindruckt, wie Tesco Produkte lanciert, die erst 40 Prozent marktreif sind. Den Rest bestimmen die Konsumenten. Marktforschung gratis und erst noch hocheffizient. Schaub fasziniert, dass die User von YouTube das Mentos-Diet-Coke- Experiment ebenso verbreiten wie die neue Dove-Kampagne – noch bevor diese überhaupt am TV ist. Insights darüber, wie Konsumenten ticken, was sie wollen, und vor allem was sie nicht wollen, sind wichtiger denn je. Sonst schlage die Community der Digital Natives, der Spezies Menschen, die mit den neuen Medien aufwächst, schonungslos zurück.
Der Chefstratege von Publicis Zürich ist in diesen Wochen zum neuen Präsidenten der Account Planning Group gewählt worden. Diese vor drei Jahren von ihm mitgegründete Vereinigung umfasst etwas mehr als 20 Mitglieder. Wenig im Vergleich zu einem ADC. Viel, wenn man in der Schweiz einige Jahre zurückschaut. Zwar werden von Schweizer Werbeagenturen heute immer noch «zu viele Ideen nach dem Prinzip von Trial und Error verkauft», ist Schaub überzeugt. Aber immer mehr Kunden merken, dass es teurer kommt, an der Strategie zu sparen, und wollen diese Disziplin von Anfang an am Tisch.
Kunden beherrschen in der Erfahrung von Schaub zwei ihrer drei wichtigsten Marketing-Tools virtuos. Den Preis wie ein Brecheisen. Die Distribution wie einen Baseballschläger. Mit dem Kommunikationsbudget hebeln sie leider genau gleich rum – selbst wenn es im Vergleich zu den anderen beiden Tools nicht grösser als ein Streichholz ist. Dabei bricht es natürlich ab. «Aber mit einem Zündhölzchen könnte man ja auch ein Feuer entfachen», schmunzelt der Stratege. Doch wo lernt man das?
Nicht beim Germanistikstudium an den Universitäten Zürich und München. Nicht als Filmkritiker für eine Lokalzeitung, nicht als Lifestyle-Journalist für Annabelle, Tages-Anzeiger, Weltwoche. Eigentlich auch nicht in 10 Jahren als Texter für Agenturen von Uster bis Zürich.
Gezündet hats erst mit der Kreuzung der Disziplinen. Vom Studium das analytische Denken, von der Werbung das synthetische Verdichten. Schaub dachte: Wieso eigentlich die beiden Gehirnhälften nicht kombinieren? So hat er zur Jahrtausendwende in die Strategie gewechselt.
Der Schritt ins Team von Diana Strebel wurde ihm beim Marktführer Publicis ermöglicht, und Schaub ist der Agentur bis heute treu geblieben. Eigentlich «wicked» – wie Ali G sagen würde –, wenn einer schon 14 Jahre in der gleichen Agentur arbeitet, staunt er selbst. In der Schweizer Werbebranche gebe es allerdings nur zwei Möglichkeiten, vergleichbar mit einer Party: Entweder kauft man sich ein Bier, wandert damit herum und trifft Leute. Oder man stellt sich mit dem Bier an eine gut platzierte Säule «und lässt dort alle vorbeiströmen». Zudem: «Publicis ist die einzige Agentur in der Schweiz, die alle Disziplinen an einer Adresse vereint.»
Aus diesem Vorteil heraus kann Schaub für eine Marke alle Plattformen bespielen und vernetzen – und das aus der Schweiz heraus mit einigen Budgets sogar international. «Diese Herausforderung ist für einen Planer fantastisch.»
Viel profitiert hat Schaub von der Weiterbildung bei den Planer-Treffen im Netzwerk von Publicis. Hier gibt es ein Team, das modellhaft Strategien für kleinere Länder wie Dänemark, Irland, Österreich, Israel oder die Schweiz weiterentwickelt, denn in diesen Märkten «gibt es viele Parallelen, was das zunehmende Empowerment der Konsumenten angeht».
Schaub verfolgt besonders aufmerksam auch die Entwicklung in den Wachstumsmärkten. Er könnte sich gut vorstellen, einmal in Asien zu arbeiten. Als Planer könnte er dort das Wissen, das er über unsere westlichen Brands im Blut zirkulieren hat, mit den Traditionen dieser neuen Märkte verknüpfen.
Für die nächste Zeit sieht Schaub jedoch noch jede Menge Herausforderung und Befriedigung hier. Immer mehr Kunden verlangen ihn längst nicht mehr nur fürs Creative Planning. Sondern vermehrt für Aufgaben wie die Erarbeitung eines ganzen Produktofferings oder von Eigenmarkenstrategien.
Schaub freut sich, wenn dann aus Insights plötzlich Interaktivität entsteht in der Welt da draussen, egal, ob im 4er-Tram oder in der Migros-Filiale oder im Cash daily E-Paper. Wenn Köbi Kuhn, der ewig und endlos Gefragte, plötzlich eine ganz neue Rolle spielt: für Axpo in Sachen Energie zurückfragend. Oder wenn über tausend UBS-Mitarbeiter plötzlich Werbung machen wollen: für ihr eigenes Unternehmen. Um nur zwei laufende Kampagnen anzusprechen, an denen Pascal Schaub strategisch mitgearbeitet hat.
Bei der Account Planning Group, glaubt der neue Präsident, hat man in den letzten drei Jahren zu einem guten Selbstverständnis untereinander gefunden. Der nächste Schritt soll der Austausch mit der Aussenwelt sein. Partner könnten auch ein GDI oder eine IAA werden. «Die interdisziplinäre Rolle der Strategie ist das grosse Thema.» Ein Austausch weit über die Werbung hinaus. «Das Micro-Credit-Planning in Bangladesh eines David Bornstein interessiert mich, das Radio-Community- Planning eines Oliver Scotoni von Rundfunk.fm oder das Multimediahaus-Planning eines Thomas Trüb bei Ringier.» Strategie und Planning als Erfolgsfaktor. Diesseits und jenseits von klassischen Werbeagenturen.
Als eine erste Aktivität hat der neue Präsident soeben in London die Tagung «The battle of big thinking» besucht. Hier haben 21 Koryphäen aus dem angelsächsischen Raum jeweils exakte 15 Minuten Zeit zum Reden bekommen. Jeweils drei Spezialisten referierten über Themen wie New Media, Branding, Communication, Planning, Research. Dann wurde erbarmungslos abgestimmt, wer den Kern der Sache am besten getroffen hat. Dafür war sich auch der Chairman von BBH in England, Jim Carroll, nicht zu schade. «Eine Lektion in britischer Raffinesse und mit höchstem Unterhaltungswert dazu», meint er. Mehr dazu bald in der Werbewoche.
«Die Engländer debattieren intensiv und offen über die Rolle der Werbeidee, die immer mehr zum Katalysator und Vernetzungsagenten wird», fasst Schaub zusammen. Sie laden dazu übrigens auch die Marktforscher ein. Was einmal mehr Interdisziplinarität demonstriert. In diesem Sinne: Falls Schaub dann doch nicht nach Asien geht – im nächsten Leben wird er Research Planner oder eben Connectivity Director.
Andreas Panzeri