Airlines Die Swiss macht nach mehreren Jahren Werbung über den Preis erstmals wieder eine klassische Image-Kampagne. Frank Maier, Managing Director und Head of Marketing bei Swiss, erklärt die Hintergründe. WW: Die Swiss-Werbung ist im Aufwind. Ihr Werbefilm wird quer durch alle Medien gefeiert. Haben Sie mit diesem Erfolg für Campari Soda gerechnet?Frank Maier: Das Feedback ist überwältigend. Wir haben etwas geschafft und offenbar Gefühle entdeckt, die wieder vermittelt werden können. Natürlich sind wir vom Ausmass dieses Erfolgs überrascht. Neben Berichten in allen wichtigen Printmedien gab es auch eine grosse Reportage auf DRS 3 und SF1. Dazu wissen wir von vielen Foren und Chats im Internet. Der originale Song ist jetzt vom Musikverlag erstmals auch als Single ausgekoppelt worden und erobert bereits die Hitparaden. Auf unserer eigenen Website www.swiss.com kann Campari Soda als Klingelton herunter geladen werden. Die Komponenten der Kampagne wie Anzeigen, CD-Single, Klingelton, Microsite waren integriert geplant, und Pretests wurden ebenfalls durchgeführt. Die sehr positiven Feedbacks können im Vorfeld nicht geplant werden. Aber grundsätzlich war eine solche Wirkung natürlich schon die Idee.
WW: Wird jetzt Campari neu auch im Flugzeug serviert? Maier: Uns geht es um die Stimmung, die das Lied ausdrückt, und nicht um diesen bestimmten Alkohol. Campari ist indirekt ein Nutzniesser von dem, was wir eigentlich wieder ausgegraben haben. Wir servieren jetzt den Drink neu in der Business Class. Es war aber nicht so, dass wir vorher mit Campari geredet haben. Wir finden einfach dieses Lied ganz toll. Es weckt Sehnsüchte und hat etwas mit Fernweh zu tun. Die Musik spricht alle Schichten an, auch Junge, die den Song noch nicht kennen. Und die ältere Generation kann diese Stimmung wieder neu entdecken.WW: Emotionen in der Werbung für Swiss hat man in den letzten Jahren vermisst. Es wurde nur noch über den Preis argumentiert. Spiegelt das die Situation, dass Reisen vom Premium-Abenteuer zum Massentourismus geworden ist?Maier: Es gibt zwei Punkte. Vor zwei Jahren waren wir nicht in der heutigen Situation. Der Markt war ein extremster Verdrängungswettbewerb. Wir haben zwar in der First und Business Class Qualität angeboten, das eigene Kundenbindungsprogramm gepflegt und die Service-Komponente gelebt. Aber wir mussten auch das Massengeschäft mit der preisorientierten Klientel haben, damit der Flieger voll wird. Das gilt nach wie vor für die Kurzstrecke, wo der Wettbewerb viel aggressiver ist. Hier ist zwar auch Qualität entscheidend, aber eine andere Art von Qualität, geprägt von Effizienz. Der Kunde will Zeitvorteile, feste Abflugs-Gates und schnelle Abfertigung, vielleicht noch kurz in die Lounge. Bei der Langstrecke gilt mehr das Thema Service- und Produktqualität. Hier spielen ganz andere Wettbewerber im Markt. Wir können also nicht sagen, wir machen nur das eine – nur Qualität oder nur Preis. Die Swiss muss eine Mischung finden, und das führt zur Frage, wie kommuniziert werden soll. Wo wollen wir Prioritäten setzen? Beispiel Einzugsgebiet London oder Paris. Da sehe ich beim herrschenden Überangebot auf der direkten Städteverbindung Preisangebote im Vordergrund, bei Kunden, die in Zürich umsteigen, geht die Gewichtung in Richtung Qualität. Die Balance muss stimmen. WW: Image oder Preis: Bedingt das nicht auch stilistisch zwei verschiedene Kampagnen?Maier: Nein. Zusammen mit der neu dazu gekommenen Agentur Nose für Design sowie Jung von Matt/Limmat haben wir jetzt ein neues CI gefunden, wo die Anzeigen mit dem Preis im gleichen Layout gestaltet werden können wie die Anzeigen für Qualität. Wir kriegen es über die neue Plattform hin, «99 Franken» zu kommunizieren, und gleichzeitig können wir auch sagen, dass wir ein Service-Angebot haben und an Bord speziell für Kunden der Business Class exklusive Produkte anbieten. Das kommt jetzt in einem Look und in einer einzigen Tonalität daher. WW: Wann soll diese neue Strategie abheben, und welche Agentur hat dabei den Lead?Maier: Das wurde bereits im November 2006 gelauncht. Das ist ein Zusammenspiel von Nose, Design Intelligence in Zürich sowie Jung von Matt. Nose ist neu unsere Designagentur. Für die ganze Kreation und Werbekommunikation ist Jung von Matt verantwortlich. Die Kreativen um Alexander Jaggy haben das Layout und den Inhalt der Werbeanzeigen entwickelt sowie die Idee für den Film. Jetzt verlängern wir dieses Thema auch in den Online-Bereich. In Zukunft sollen auch alle Kommunikationsmedien die gleiche Sprache sprachen. Für dieses CI ist Nose zuständig. Die Designer verbreiten das auf alle Plattformen. Im Internetbereich hilft uns dabei noch Plan.Net, eine in München ansässige Agentur für Online-Kommunikation. Und MediaSchneider für den Mediaeinkauf.WW: Als die Swiss von Lufthansa gekauft wurde, meinten viele in der Schweiz, es sei jetzt fertig mit der Marke. Jetzt hat Swissness wieder Aufwind. Befinden wir uns in der Erholphase nach der Krise?Maier: Jetzt ist die Zeit der Ausrichtung gekommen, die Positionierung. Was hier entsteht, muss man sehr gut pflegen. Wir haben den Vorteil, dass wir vom Markt her zur Zeit Rückenwind spüren. Qualität muss man zeigen und nach draussen geben. Deshalb haben wir vor zehn Wochen angefangen, den Markt wieder mit einer neuen Image-Kampagne zu penetrieren. Wir grenzen uns ab von Lufthansa und bauen wieder ganz bewusst auf Swissness. Wir leben diese Swissness. Diese eigene Art steht für Design-Tradition. Unsere Anzeigen sind bewusst sehr reduziert. Sie spielen mit den Farben weiss und rot sowie dem Schweizerkreuz. Wieder neu entdeckte Argumente sind die Service-Orientierung, Schweizer Gastfreundschaft und persönliche Betreuung. Das internationale Werteverständnis der Schweiz wie Toleranz von Kulturen oder Neutralität ist ebenfalls hilfreich. WW: Wie stark darf die eigene Positionierung gegenüber einer Lufthansa sein?Maier: Die Lufthansa definiert ihren Auftritt über einen Führungsanspruch in Europa. Die Swiss hat diesen Anspruch auf Grund der Grössenverhältnisse überhaupt nicht, sondern baut auf eine Qualitäts-Airline. Der Ausdruck «Nische» ist von der Grösse her übertrieben, aber wir sind klein, eine Boutique. Die Lufthansa ist gross und dynamisch und möchte die Marktführerschaft haben, also innovativ, mit neuen Produkten. Die Lufthansa wird einen A380 bewegen, ein Flugzeug, das die Swiss nie fliegen wird. Die Lufthansa hat riesige grosse Drehkreuze, wo sie sich bewegt, und expandiert global immer mehr. Die Swiss muss sagen, dass wir aus der Schweiz kommen, dass wir kleiner sind und damit aber auch persönlicher. Wir haben die Chance, die Topkunden noch persönlich zu kennen, den Dialog zu pflegen und entsprechend den Markt zu bearbeiten. Das geht bei grossen Fluggesellschaften allein durch die Anzahl der Kunden nicht mehr.WW: Wo zielt die Werbung der Swiss hin im Verhältnis Schweiz–Ausland?Maier: Von der Relation her müssen wir sehen, dass wir am meisten im Heimatmarkt erreichen können. Wir werben bis in den angrenzenden Raum. Von Genf aus nach Frankreich sowie ins Elsass und Süddeutschland. Das ist für uns der erweiterte Heimatmarkt. Für andere regionale Schwerpunkte gibt es zuviel Wettbewerb in der Fläche. Wir konzentrieren uns deshalb gezielt auf Ballungsräume wie London und Paris. In solchen Regionen sind zudem die Online-Medien sehr wichtig und effizient. WW: Mit der Integration des Swiss Travel Clubs in das Vielfliegerprogramm Miles & More ist die Swissness nicht mehr präsent. Ein Verlust?Maier: Mit der übergreifenden Plattform können wir zusammen mit Lufthansa einiges bewegen, das für die Mitglieder sehr attraktiv ist. Mit einem speziellen «Schweizer Fenster» soll aber auch die Swissness wieder mehr eingeführt werden. In Zukunft soll es neben dem Flug ein Sortiment von verschiedenen Schweizer Qualitätsprodukten geben, die wieder mit Meilen gekauft werden können.WW: Anders als zum Beispiel die Credit Suisse arbeitet die Swiss mit Schweizer Agenturen. War das Diplomatie oder ein Pitch?Maier: Ein ganz normaler Pitch. Wir hätten auch eine Agentur aus Deutschland oder London wählen können. Aber eine Londoner Agentur versteht nicht so gut, wie der Schweizer tickt. Und das ist der Unterschied zu den Banken. Diese wirtschaften global, zwar mit einem Schweizer Headquarter. Wir hingegen sagen: Die Schweiz ist unser Heimatmarkt – und den müssen wir erst mal wieder richtig gewinnen und in den Griff bekommen. Das haben wir jetzt erreicht. Und aus der Stärke des Heimatmarktes heraus schliessen wir immer mehr Märkte an. Der Film wurde übrigens vollständig in der Schweiz produziert: Schweizer Locations, Schauspieler, Technik. Wir sagen «Swiss made», und da wollten wir auch explizit «Swiss made». Es wäre unglaubwürdig gewesen, diesen Film im Ausland zu drehen.WW: Er wird aber im Ausland gezeigt?Maier: Momentan haben wir uns auf die Schweiz konzentriert. Die Idee ist auch sehr Schweiz bezogen. Ausländische Kollegen staunen über den Film. Sie haben einen solchen Stil in der Airline-Industrie noch nie gesehen. Ein ganz anderes Image. Wir wollen dieses Gefühl jetzt erst mal in der Schweiz vermitteln. Im Laufe der nächsten Monate wird über einen internationalen Einsatz in Europa entschieden. WW: Der Spot begeistert die breite Masse, die vom Fliegen träumt und nicht beruflich vielfliegen muss. Also doch wieder eher «Billig»-Image? Maier: Es ist alles im Bereich des Möglichen. Wir haben bewusst zwei Sequenzen mit Managern eingebaut. Auch ein Manager hat das Bedürfnis nach Entspannung und Ruhe beim Fliegen. Endlich im Flugzeug, einmal eine ruhige Minute zum Durchatmen. Sehnsucht haben alle. Wir nehmen deshalb alle mit – bis zum Bauarbeiter, der im dampfenden Teer steht.WW: Wie weit muss die Werbung der Swiss mit Deutschland abgesprochen werden?Maier: Vom Grundkonzept her haben wir ständig einen Austausch. Beim Entwickeln der Positionierung tauscht man sich aus, und wenn wir unsere Kampagnen entwickeln, dann informieren wir die Lufthansa und stellen natürlich sicher, dass nicht zur gleichen Zeit die Kampagnen parallel im Markt sind. Wir sind aber sonst völlig frei. Man muss in diesem Markt auch sehr schnell und aggressiv handeln können. Wir sind autark bei der Planung und Umsetzung.WW: Wie weit gibt es andere Kooperationen, zum Beispiel mit Schweiz Tourismus? Maier: In den vergangenen Jahren mussten wir vor allem defensiv reagieren. Es gab im Bereich PR oftmals die Notwendigkeit von Stellungnahmen zu negativen Meldungen. Jetzt stellen wir wieder zusätzliche Mitarbeiter ein, expandieren gezielt und bauen unseren Flugplan aus. In dieser Stimmung können wir auch wieder aktiv neue Kunden ansprechen. Es entwickelt sich etwas Positives in der allgemeinen Wahrnehmung. Wir merken, dass viele Markenunternehmen wieder mit der Swiss kooperieren möchten. Nicht nur Schweiz Tourismus, auch eine ganze Reihe anderer Bluechips haben wieder das Vertrauen in uns gefunden und sehen uns als attraktiven Kooperationspartner.WW: Swissair war eine Marke. Swiss tönt ähnlich. Spürt man diese Vorarbeit? Maier: Der Anschluss war gut, und ich denke, dass in vielen ausländischen Märkten, vor allem den Interkontinentalmärkten wie USA, noch gar nicht viel von der Änderung des Markennamens wahrgenommen worden ist. Der positive Image-Transfer funktioniert, das sehen wir auch in vielen Feedbacks und Gesprächen mit Kunden und Mitarbeitern, aber auch von der Konkurrenz. Frank Maier hat in Hohenheim
Wirtschaftswissenschaften studiert und später in Münster promoviert als Dr. phil. Er startete seine Laufbahn als Referent in der Marketingdirektion der Lufthansa. 2000 übernahm er die Leitung der Marketing-Kommunikation und damit die Verantwortung für sämtliche weltweiten Kommunikationsmassnahmen der Lufthansa. Im November 2004 kam er zur Swiss, wo er heute Head of Marketing ist.Swiss und Alinghi gemeinsam auf KursZusammenarbeit
mit einem zweiten nationalen Symbol: Als offizielle Fluggesellschaft von Alinghi bringt Swiss das erfolgreiche Schweizer Segelteam an den 32. America’s Cup. Swiss ist mit den Titelverteidigern der weltweit berühmtesten Segelregatta eine vielversprechende Kooperation eingegangen. «Beide tragen den Namen Schweiz in die Welt hinaus», meint Publicis als die Agentur für UBS und damit Alinghi. Swiss begleitet die Segelprofis auf ihrem Weg zum Trainingsort in Dubai. Ab März wird Swiss neu auch dreimal wöchentlich die Regatta-Stadt Valencia anfliegen.
Interview: Andreas Panzeri