Steilpass für neue Kapitale
Rätsel Der Werbegag «Wähle eine neue Hauptstadt» hat alles, was eine gute Teaser-Kampagne braucht. Sie finanziert sich selbst, sie stiftet Verwirrung – und sie geniesst viel Publicity.
Rätsel Der Werbegag «Wähle eine neue Hauptstadt» hat alles, was eine gute Teaser-Kampagne braucht. Sie finanziert sich selbst, sie stiftet Verwirrung – und sie geniesst viel Publicity.Zu übersehen sind sie wahrlich nicht: die Plakate, die eine neue Hauptstadt suchen. «Stimmbürger» können per SMS für Zürich, Bern, Genf und Basel abstimmen. Kaum waren die 800 Plakate in den vier Städten aufgehängt, sorgten sie für Gesprächsstoff. Auf den Strassen und im Internet. Zu reden gibt weniger der Inhalt, als vielmehr die Frage nach dem Initianten der Kampagne. Denn dieser bleibt auf den Plakaten und auf der Wahl-Website anonym. Wer steckt hinter diesem Werbegag? Ein Polit-Komitee? Oder ist es die Fortsetzung der Tagi-Wappen-Kampagne? Eine kurze Internetrecherche brachte letzte Woche Klarheit. Schweizer Blogger wollten herausgefunden haben, dass es sich um eine Kampagne der Allgemeinen Plakatgesellschaft (APG) handelt, die zusammen mit der Universität Zürich die Werbewirkung von Plakatwerbung untersucht. Denn die Domain der Wahl-Website ist auf den Namen einer Psychologiestudentin der Uni Zürich registriert, die sich mit Werbewirkung beschäftigt. Als technischer Kontakt der Website ist Christian Hotz erwähnt, der bei derAPG betreibt.
Falsche FährtenSo weit, so gut. Die Indizien sprachen eine klare Sprache. Für die Internet-Szene und einzelne Medien war klar, dass die APG eine Werbewirkungsstudie à la Angie Becker durchführt. «Natürlich steckt die APG dahinter, zusammen mit irgendeiner Studentin, die irgendeine Forschung macht, die dann die APG nutzen kann, um aufzuzeigen, wie effizient doch so ein Plakat ist», schreibt Christian Leu vom Leumund-Blog. Schnell verbreitete sich die Botschaft. Das Rätsel um die mysteriöse Aktion schien gelüftet worden zu sein.
Werbewoche-Recherchen konnten jedoch aufdecken, dass es sich um eine falsche Fährte handelte, die von den Machern der Kampagne bewusst gelegt wurde. Denn die Halterin der Hauptstadt-Domain verfasste ihre Forschungsarbeit, auf die sich die Bürgerjournalisten bezogen, letztes Jahr. Dabei handelte es sich um eine Literaturrecherche, die verschiedenste Studien zu Werbewirkung von Plakatkampagnen verglich.
Am Telefon erklärte Anita Stalder, so der Name der Studentin, dass der gemachte Zusammenhang zwischen ihr und der APG unglücklich sei. «Ein Missverständnis», denn sie sei über persönliche Kontakte zur Halterin der Domain geworden, habe mit einem Forschungsauftrag und mit der Kampagne nichts zu tun. Die APG hüllt sich über die Hintergründe der Kampagne weiterhin in Schweigen. Sie bestätigte die Indizien der Werbewoche, kommentierte die Recherchen aber nicht. «Das Komitee möchte weiterhin anonym bleiben», sagt Christian Hotz. Mehr war nicht zu erfahren.
Eine falsche Fährte, eine APG, die ihren Kunden anonym halten will, eine Studentin, die Plakate erforscht, jedoch nichts mit der Kampagne zu tun hat? Wenn die APG die Finger nicht im Spiel hat, wer dann? Werber sind sich einig, dass ein Grosser am 14. Januar für ein Aha-Erlebnis sorgen wird.
Die Hinweise verdichten sich, dass die Werbeagentur Publicis die rätselhafte Kampagne kreiert hat. «Zu vermuten ist, dass es um die neue Fussballhauptstadt der Schweiz geht», sagt Frank Bodin von Euro RSCG. Das lassen jedenfalls die Plakate vermuten. Denn die Austragungsorte der Euro 08 auf Schweizer Boden werden Zürich, Basel, Genf und Bern sein. Das Gerücht unter Branchenkennern, es könnte sich um eine Kampagne von Publicis für Swisscom-Mobile handeln, kann dementiert werden.
Politiker in Bern staunenCD Markus Gut von Publicis stellt klar, dass Publicis in diesem Fall keine Werbung für Swisscom-Mobile macht. Es bleiben also weiterhin nur Spekulationen und eine mysteriöse Kampagne, die es geschafft hat, viel Publicity zu ernten, ganz viel Verwirrung zu stiften und im Internet für Gesprächsstoff zu sorgen. Was auch ganz im Sinn der Macher war. Denn das Prinzip Teaser-Kampagne funktioniert nur dann, wenn nach dem grossen Rätselraten ein lautes Aha folgt. Und noch etwas ist sehr gelungen: Eine Volksabstimmung, die sich mit 50 Rappen pro SMS gleich mitfinanziert. Das dürfte die Politiker in Bern sicher zum Nachdenken anregen. Die Bundeskanzlei empfehle jedoch den Bundesan-gestellten, die Wahl einer neuen Hauptstadt zu boykottieren, schreibt der Blick.
Am 14. Januar wird der Gag aufgelöst. Dann wird vermutlich Basel, das seit Kampagnenstart das Ranking anführt, als «neue Hauptstadt» feststehen.
Christian Lüscher
Falsche FährtenSo weit, so gut. Die Indizien sprachen eine klare Sprache. Für die Internet-Szene und einzelne Medien war klar, dass die APG eine Werbewirkungsstudie à la Angie Becker durchführt. «Natürlich steckt die APG dahinter, zusammen mit irgendeiner Studentin, die irgendeine Forschung macht, die dann die APG nutzen kann, um aufzuzeigen, wie effizient doch so ein Plakat ist», schreibt Christian Leu vom Leumund-Blog. Schnell verbreitete sich die Botschaft. Das Rätsel um die mysteriöse Aktion schien gelüftet worden zu sein.
Werbewoche-Recherchen konnten jedoch aufdecken, dass es sich um eine falsche Fährte handelte, die von den Machern der Kampagne bewusst gelegt wurde. Denn die Halterin der Hauptstadt-Domain verfasste ihre Forschungsarbeit, auf die sich die Bürgerjournalisten bezogen, letztes Jahr. Dabei handelte es sich um eine Literaturrecherche, die verschiedenste Studien zu Werbewirkung von Plakatkampagnen verglich.
Am Telefon erklärte Anita Stalder, so der Name der Studentin, dass der gemachte Zusammenhang zwischen ihr und der APG unglücklich sei. «Ein Missverständnis», denn sie sei über persönliche Kontakte zur Halterin der Domain geworden, habe mit einem Forschungsauftrag und mit der Kampagne nichts zu tun. Die APG hüllt sich über die Hintergründe der Kampagne weiterhin in Schweigen. Sie bestätigte die Indizien der Werbewoche, kommentierte die Recherchen aber nicht. «Das Komitee möchte weiterhin anonym bleiben», sagt Christian Hotz. Mehr war nicht zu erfahren.
Eine falsche Fährte, eine APG, die ihren Kunden anonym halten will, eine Studentin, die Plakate erforscht, jedoch nichts mit der Kampagne zu tun hat? Wenn die APG die Finger nicht im Spiel hat, wer dann? Werber sind sich einig, dass ein Grosser am 14. Januar für ein Aha-Erlebnis sorgen wird.
Die Hinweise verdichten sich, dass die Werbeagentur Publicis die rätselhafte Kampagne kreiert hat. «Zu vermuten ist, dass es um die neue Fussballhauptstadt der Schweiz geht», sagt Frank Bodin von Euro RSCG. Das lassen jedenfalls die Plakate vermuten. Denn die Austragungsorte der Euro 08 auf Schweizer Boden werden Zürich, Basel, Genf und Bern sein. Das Gerücht unter Branchenkennern, es könnte sich um eine Kampagne von Publicis für Swisscom-Mobile handeln, kann dementiert werden.
Politiker in Bern staunenCD Markus Gut von Publicis stellt klar, dass Publicis in diesem Fall keine Werbung für Swisscom-Mobile macht. Es bleiben also weiterhin nur Spekulationen und eine mysteriöse Kampagne, die es geschafft hat, viel Publicity zu ernten, ganz viel Verwirrung zu stiften und im Internet für Gesprächsstoff zu sorgen. Was auch ganz im Sinn der Macher war. Denn das Prinzip Teaser-Kampagne funktioniert nur dann, wenn nach dem grossen Rätselraten ein lautes Aha folgt. Und noch etwas ist sehr gelungen: Eine Volksabstimmung, die sich mit 50 Rappen pro SMS gleich mitfinanziert. Das dürfte die Politiker in Bern sicher zum Nachdenken anregen. Die Bundeskanzlei empfehle jedoch den Bundesan-gestellten, die Wahl einer neuen Hauptstadt zu boykottieren, schreibt der Blick.
Am 14. Januar wird der Gag aufgelöst. Dann wird vermutlich Basel, das seit Kampagnenstart das Ranking anführt, als «neue Hauptstadt» feststehen.
Christian Lüscher
