Crossmedia – ein Schlüsselbegriff in der neuen PubliGroupe-Strategie. CEO Hanspeter Rohner sagt, was er darunter versteht, was seinem Unternehmen zum vollkommenen Allmedia-Glück fehlt und wie er die Gruppe im Markt positionieren will.WW: Herr Rohner, alles spricht von Crossmedia, auch Sie. Jeder versteht aber etwas anderes darunter. Können Sie Beispiele nennen, die dem am nächsten kommen, was Ihnen vorschwebt?Hanspeter Rohner: In Japan gibt es eine sehr interessante Entwicklung zwischen Zeitungen und Mobiltelefon: In Inseraten wird ein Code publiziert, den man im Handy eingeben kann. Danach hören Sie eine Voicemail, erhalten eine SMS oder können etwas visuell abrufen. Das ist dort aus dem Projektstadium raus, grosse japanische Zeitungen generieren damit bereits markant zweistellige Umsatzanteile. Weitere echte Crossmedia-Ansätze finden Sie in Skandinavien und Südamerika. In der Schweiz hat Goldbach Media im elektronischen Bereich am meisten Pilotversuche unternommen – allerdings immer ohne Print. Doch meiner Meinung nach – und das sehen viele Werbeauftraggeber so – ist Crossmedia ohne Print auf längere Sicht nicht denkbar. Das wäre wie ein mehrgängiges gastronomisches Menu ohne Hauptgang.WW: Bis Ende Jahr wollen Sie Publipresse so umbauen, dass Print, Kino, Online, TV, Radio, Mobile und AdScreen aus einer Hand angeboten werden.Rohner: Es ist falsch, von einem Umbau der Publipresse zu sprechen. Wir bilden neu den Strategiebereich Media Sales, zu dem alle Publipresse-Gesellschaften, Publicitas Promotion Network sowie die Vermarktungsgesellschaften Web2Com, Cinecom und Radiotele gehören werden. Mit dieser umfassenden Neugliederung wollen wir die heute bestehenden Trennlinien zwischen Schweiz und International beziehungsweise Printmedien und elektronisch-interaktiven Medien aufheben, um die Erschliessung neuer Synergien und höhere Markteffizienz der Verkaufsleistungen zu erlangen. Wobei selbstverständlich weiterhin jedes Medium gemäss den uns übertragenen Verantwortlichkeiten individuell vermarktet werden wird.WW: Verschwinden die Firmennamen Cinecom, Radiotele, Publimedia oder Web2com? Rohner: Dies ist eine der Fragen – nicht die Wichtigste –, die die verschiedenen Projektgruppen bis zum dritten Quartal 2007 abklären müssen.WW: Wird PubliGroupe nun auch neue medienübergreifende Planungs- oder Buchungstools entwickeln?Rohner: Da ist schon einiges passiert, denken Sie nur an Publisherconnect für den Rubrikenmarkt in Online und Print. Die wesentliche Entwicklung wird aber die sukzessive Umsetzung einer voll digitalisierten Auftragsabwicklungsplattform sein, die sämtlichen Marktpartnern eine im Vergleich zu heute markant erhöhte Servicepalette anbieten wird. Zwar wird nicht alles am 1. Januar 2008 bereit sein, aber alle Aktivitäten werden von nun an auf diese koordinierte Vermarktungskonzeption ausgerichtet.WW: In Ihrem Allmedia-Angebot fehlt das Plakat. Bereuen Sie, dass PubliGroupe 1999 bei Affichage ausgestiegen ist?Rohner: Das ist Nostalgie (lacht). Wir hatten uns bei der APG beteiligt in der Hoffnung, eine gemeinsame Auslandstrategie realisieren zu können. Dies war aber mit den damaligen Verantwortlichen dort nicht möglich. Deshalb gab es keine andere Wahl, als einen riesen Finanzgewinn zu realisieren und auszusteigen. Aus heutiger Sicht ist es natürlich schade. WW: Clear Channel Outdoor könnte schon bald aufgesplittet und einige der Ländergesellschaften verkauft werden. Ist das eine Option für PubliGroupe, um in der Schweiz oder anderswo wieder ins Medium Plakat einzusteigen?Rohner: Akquisitionen im Bereich Medienvermarktungskompetenz in Märkten, die uns gemäss Strategie interessieren, werden wir grundsätzlich immer prüfen. Aber es muss logischerweise eine bestimmte Grösse haben. Wir wollen nicht nur eine kleine Rolle spielen.WW: Zumindest im Lokal-TV- und Radiobereich steht Ihnen mit der SRG-Vermarkterin Publisuisse eine neue, starke Konkurrentin gegenüber.Rohner: Wettbewerb fürchten wir nicht, international sind wir ihn mehr als gewohnt. Und solange Publisuisse und andere Mitbewerber mit gleich langen Spiessen auftreten, nehmen wir die Herausforderung gerne an. Sollte aber mit quersubventionierten Waffen gekämpft werden, würden wir uns zur Wehr setzen. Im Übrigen bin ich für uns sehr zuversichtlich, denn gerade im elektronischen Bereich entwickeln sich die Dinge rascher, als es den verschiedenen Anbietern lieb ist. Deshalb ergeben sich für uns laufend völlig neue Möglichkeiten. Zudem stehen wir erst am Anfang: Die verschiedenen Unternehmen im Bereich Radio, TV und Online haben wir ja erst in den letzten drei Jahren selbst entwickelt oder hinzugekauft – und gleichwohl haben wir im Geschäftsjahr 2006 schon etwas mehr als 150 Millionen Umsatz realisiert. Dies ist bezogen auf unseren Gesamtumsatz noch nicht sehr viel, aber in Relation zum Schweizer Marktvolumen dieses Segments doch schon respektabel.WW: Publimedia bietet den Kunden im Print-Bereich vermehrt Dienstleistungen an, die eigentlich klassische Aufgaben von Media-Agenturen sind. Wird dieser Service nun auch crossmedial ausgebaut? Geht es in Richtung Aufbau oder Einkauf einer Allmedia-Agentur?Rohner: Publimedia nimmt die Aufgabe eines Gattungsvermarkters wahr und bietet viele Leistungen an, die das Handling von Printmedien attraktiver machen sollen. Daran wird sich innerhalb des Geschäftsbereichs Media Sales nichts ändern. Wir haben aber vorgesehen, im neuen strategischen Geschäftsbereich Marketing und Digital Services Dienstleistungen und Planungs-Services zu entwickeln, um auf gesamteuropäischer Ebene zu einem diesbezüglichen Anbieter zu werden. Für konkretere Angaben darüber ist es aber noch zu früh.WW: Im Strategiepapier ist vom Ausbau des Beratungsangebotes die Rede. Soviel scheint also fest zu stehen. Tritt die PubliGroupe künftig bei allen Mediengattungen als Konkurrentin der Media-Agenturen an?Rohner: Wir beurteilen die Marktentwicklung so, dass sämtliche Akteure auf der Wertschöpfungskette zwischen den Werbeauftraggebern und den Medienherausgebern, also Werbeagenturen, Media-Agenturen, Vermittler und Vermarkter, ihre Rollen grundlegend werden überdenken müssen. Grosse Media-Agentur-Ketten sind heute bereits als Market-Maker im Bereich der kommerziellen Kommunikation positioniert. Und in diesem neu entstehenden Umfeld wollen wir in einer europäischen Perspektive ganz klar auch eine Rolle spielen.WW: Ist das Vertrauen der Medienhäuser und Kunden in die Crossmedia-Beratungskompetenz der P tatsächlich gegeben – trotz ihres Print-Überhangs?Rohner: Das müssen wir, wie alles, was wir bisher erreicht haben, im Markt erarbeiten. Es ist auch eine riesige Aus- und Weiterbildungsherausforderung – zumindest in Europa. In China hingegen haben wir schon heute Mitarbeiter, die die verschiedensten Medien aus einer Hand verkaufen. Die würden Ihre Frage gar nicht verstehen, für sie ist das völlig normal.WW: Bei den Verlagen hat PubliGroupe heute Print-, allenfalls Online-Regien. Streben Sie statt dieser Einzelmedienregien künftig eher Konzernregien an, um ein Multimediahaus in seiner Ganzheit vermarkten zu können?Rohner: Es liegt in der Natur der Sache, dass wir mit den Medienhäusern neue Kooperationsformen entwickeln müssen. Die Hauptfrage ist ja, wie die Vermarktung am erfolgreichsten konzipiert werden kann. Ich denke nicht, dass es am erfolgreichsten geht, wenn möglichst jedes Medium ohne Bezug zum jeweils anderen vermarktet wird. Besser wäre es, Package-Lösungen anzubieten, wobei auch künftig jedes Medium einzeln vermarktet werden muss.WW: Kommen Sie mit der Crossmedia-Idee nicht zu spät? Die Basler Zeitung Medien zum Beispiel hat ihre Crossmedia-Vermarktung trotz P-Pacht bereits selbst aufgebaut. Und die AZ Medien macht nun etwas ganz Ähnliches.Rohner: Bis jetzt ist der Crossmedia-Anteil bei den Schweizer Werbeausgaben eine vernachlässigbare Grösse. Zudem sind wir schon lange in dieser Richtung unterwegs. Als ich vor fünf Jahren den Job als Gruppen-CEO übernahm, waren von 3200 Mitarbeitern etwa 300 im Nonprint-Bereich tätig. Heute sind von 2900 Mitarbeitern etwa 1000 im Nonprint-Bereich tätig. Unser Profil hat sich also verändert und wird sich weiter ändern. Wobei Print immer sehr wichtig bleiben wird.WW: Crossmedia benötigt Intermedia-Forschung , doch diese steckt noch in den Kinderschuhen. Rohner: Bisher hat man es tatsächlich verpasst, die verschiedenen Forschungsmethoden unter einen Hut zu bringen. Es braucht dazu auch international vermehrte Anstrengungen. Denn es ist klar: Die Möglichkeiten aller internetbasierten Medien, bei denen man Wirkung unmittelbar messen kann, wird zum Massstab für alle Medien, auch wenn er sich nicht überall gleich umsetzen lässt. Wir werden neue Ansätze finden müssen, im Interesse des gesamten Marktes. Ich denke auch an die Disziplinen Media Auditing oder Media Research, denn diese werden eindeutig weiter an Bedeutung gewinnen.Interview: Markus Knöpfli