Wemf Mit Ausnahme der Gratisblätter zeigen die Auflagezahlen der Schweizer Tagespresse stetig nach unten.
Laut den am 1. Oktober von der AG für Werbemedienforschung (Wemf) publizierten Auflagezahlen ist die Tagespresse weiterhin auf Talfahrt, wogegen die Gratispresse ihren Siegeszug fortsetzt. Spitzenreiter in Serie ist abermals das Pendlerblatt 20 Minuten, das seine nationale Position weiter ausbaute und seine Deutschschweizer Auflage um 15’776 auf 434’560 Exemplare steigerte. Die Westschweizer Ausgabe 20 minutes weist erstmals mit 195’211 eine Wemf-beglaubigte Auflage aus. Diese liegt um 12’200 Exemplare höher als der Edipresse-Konkurrenztitel Le Matin Bleu, welcher seine Auflage um 48’511 auf 183’011 Exemplare steigerte. Für die übrigen Gratistitel heute und Cash daily aus dem Hause Ringier sowie .ch von PR-Berater Sacha Wigdorovits liegen noch keine offiziellen Zahlen vor.
Blick taumelt weiterDie Gratispresse sowie notabene die verschiedenen Spielarten der elektronischen Medien sind der Grund, warum die Tagespresse den Negativtrend nicht stoppen konnte. Blick, vor dem Tages-Anzeiger und dem Mittelland Zeitungsverbund immer noch die meistverkaufte Zeitung des Landes, setzt den Krebsgang mit minus 14’591 Exemplaren (neu 240’066) fort. Der Tages-Anzeiger verliert 8’876 Exemplare (neu 216’411). Die Mittelland Zeitung legt zwar mit 15’122 Exemplaren zu, weil jetzt auch die Basellandschaftliche Zeitung zur MZ zählt. Diese liegt indessen um 8’403 Exemplare tiefer als die 23’525, welche die Basellandschaftliche im Jahr davor noch ausgewiesen hatte. Der Kerntitel der MZ, die Aargauer Zeitung, blieb dagegen mit minus 616 Exemplaren praktisch stabil (neu 129’321).
Auch beim Berner Modell, das Berner Zeitung und Bund schon länger nicht mehr gesondert ausweist, widerspiegelt sich die Abwärtstendenz. Zwar legte die Espace Media Groupe im Vorjahr aus betrieblichen Gründen keine Zahlen vor, doch lagen 2005 Bund und BZ mit zusammen 227’356 noch um 13’812 Exemplare höher als in der aktuellen Statistik (neu 213’544). Auch die Basler Zeitung liess im vergangenen Jahr die Auflage wegen ihrer Grossauflagen-Offensive im Baselland nicht beglaubigen. Verglichen mit den Werten von 2005 verlor aber auch die BaZ 4’666 Exemplare. Die Neue Zürcher Zeitung verlor 2’854 Exemplare, während die zur NZZ-Gruppe zählende Neue Luzerner Zeitung mit 791 Exemplaren weniger praktisch stabil bleibt. Die Südostschweiz mit ihren affilierten Blättern verlor 13’189 Exemplare, und die Zürcher Landzeitung, bestehend aus Zürichsee Zeitung, Oberländer und Unterländer, weist 3’204 Exemplare weniger aus.
In der Romandie zeigt sich dasselbe Bild. Der grösste Tagestitel 24 heures verliert 6’213 Exemplare (neu 89’102), gefolgt von Le Matin (minus 6’182; neu 70’012), der Tribune de Genève (minus 5’148; neu 62’003) sowie Le Temps (minus 867; neu 45’103). Annähernd stabil bleibt Le Nouvelliste in Sion (minus 287; neu 42’671), während einzig La Liberté in Fribourg zwei Exemplare zulegt (neu 38’735).
Sonntagspresse unter DruckDie NZZ am Sonntag hat als einziger Sonntagstitel um 868 Exemplare minim zugelegt (neu 122’072). Referenzblatt SonntagsZeitung verliert dagegen leicht (minus 864; neu 202’222). Empfindlicher getroffen hat es den SonntagsBlick (minus 6’947; neu 265’478) und auch den Westschweizer Sonntagstitel Le Matin Dimanche (minus 4’847; neu 210’177). Die Südostschweiz weist ihre siebte Ausgabe nicht gesondert aus. Auch für das soeben lancierte Sonntagsblatt der Mittelland Zeitung gibt es keine Angaben. Immerhin ist es mit einer unbeglaubigten Auflage von über 200’000 Exemplaren gestartet und dürfte mittelfristig zu einer ernsten Herausforderung auch für den nationalen Sonntagsmarkt werden.
L’Hébdo und Schweizer Familie legen zuBei der Publikumspresse gibt es im Unterschied zur Tagespresse immerhin Titel, die zugelegt haben. In der Deutschschweiz sind das die Annabelle mit neu 69’227 Exemplaren (plus 1’041) und die Schweizer Familie, die sich jüngst einen Relaunch verpasst und einen neuen Rechtsberatungsdienst eingerichtet hat, mit einer Auflage von neu 179’275 (plus 3’632). In der Romandie funktioniert, was in der Deutschschweiz mit dem Tod von Facts als publizistische Gattung endgültig begraben wurde: Der Schweiz einzig verbleibendes Nachrichtenmagazin L’Hébdo, das mit innovativen journalistischen Aktionen (Bondy-Blog aus der Pariser Banlieue) für Gesprächsstoff sorgte, hat seine Auflage um 3’581 Exemplare auf neu 48’451 erhöht. Auch L’Illustré aus Lausanne legte um 1385 Exemplare zu (neu 92’075).
Doch die Publikumspresse verzeichnet auch starke Verlierer. 6’766 Exemplare hat die Schweizer Illustrierte eingebüsst (neu 225’753). Sie ist nach dem Beobachter, von dem noch keine Zahlen vorliegen, national der zweitgrösste Titel. 4’763 Exemplare weniger hat auch die Glückspost (neu 141622) und Bolero mit minus 2’343 Exemplaren (neu 20’052), während Das Beste/Sélection praktisch stabil blieb (minus 439; neu 176’052). In der Romandie hat Fémina 4’650 Exemplare verloren (neu 209’012). Bei den TV-Zeitschriften traf es Tele mit 10’998 Exemplaren weniger massiv (neu 160’895). Auch Télé Top Matin büsste 3932 Exemplare ein (neu 210’212). Noch keine Zahlen liegen für die Weltwoche vor. Die Wochenzeitung WOZ bleibt mit leichtem Minus von 247 Exemplaren annähernd stabil (neu 13’619).
Wirtschaftspresse stabilVeränderungen erlebte die Wirtschaftspresse. Ringier stellte Cash ein und verkaufte den Abostamm an die HandelsZeitung (die beste von allen intern diskutierten schlechten Lösungen). Das schlägt sich zwar noch nicht bei den Auflagen nieder, doch ist immerhin Stabilität und ein leichter Zuwachs bei jenen Titeln zu beobachten, die bisher ihre Zahlen gemeldet haben. Die Finanz und Wirtschaft bleibt stabil bei 34604 (plus 66), ebenso Bilan mit 19047 (plus 344) sowie Market.ch, seit kurzem auch mit einer Deutschschweizer Ausgabe präsent, mit 9’458 (plus 861). 1’799 Exemplare zugelegt hat das Konsumentenmagazin Tout compte fait (neu 40’476). Derzeit fehlen die Zahlen der zum Axel- Springer-Konzern zählenden Blätter Bilanz und HandelsZeitung.
Bei der Spezialpresse führen Coop Zeitung (plus rund 83’000; neu 2’442’763) und Migros Magazin (minus rund 75’000; neu 2’215’363).
René Worni
Kampfmittel GrossauflageDie Konzentration im Pressebereich hat in den vergangenen zwei Jahren zu einigen Verschiebungen geführt. Die dominierenden Verlage weisen für ihre neu erworbenen Titel die Auflage nicht immer gesondert aus.
Dort, wo sich strategische Kampfzonen ergeben, figurieren die entsprechenden Blätter indessen mit ihrer Grossauflage in der Statistik. So weist zum Beispiel die Basellandschaftliche Zeitung eine Grossauflage von 84’388 Exemplaren aus, Konkurrentin Basler Zeitung eine solche von 183’696. Auch das Solothurner Tagblatt – kostspieliges Kampfblatt der Espace gegen die Solothurner Zeitung (von dieser liegen die Werte noch nicht vor) – zeigt mit 52’091 (provisorisch beglaubigten) Exemplaren die Zähne. Ein weiteres Beispiel für publizistische Kampfgebärden ist der Tages-Anzeiger, der mit 383’299 Exemplaren die Zürcher Landzeitung angreift, welche ihrerseits eine Grossauflage von 215’493 Exemplaren auf die Beine bringt. (rw)
Jährliche AuflagezahlenFür die Publikation der Auflagezahlen hat die AG für Werbemedienforschung (Wemf) Eingaben der Verlage bis zum 15. September 2007 berücksichtigt. Diese deklarierten wie gewohnt ihre Auflagen selbst. Die vollständige Liste wird im Verlauf dieses Monats erscheinen und auch jene Titel enthalten, die bis zur Meldefrist vom 30. September ihre Auflagen mitgeteilt haben. Der Erhebungszeitraum umfasst 12 Monate – vom 1. Juli 2006 bis 31. Juni 2007. (rw)