Im Juni gründete Daniel Brüngger, der ehemalige Geschäftsführer von Lowe Direct und Tequila, eine eigene Dialogagentur. Nun kommt der vormalige Fisch.Meier.Direkt-CD Remo Bachmann dazu. Die Agentur wurde bereits in Brüngger Bachmann Dialog AG umfirmiert. Im Interview geben die beiden Auskunft über die Startphase, den Umgang mit sinkender Akzeptanz für Dialogmarketing und den Nachteil von Agentur-Netzwerken. Werbewoche: Remo Bachmann, Sie sind neu Partner von Brüngger Dialog. Die Agentur wird deshalb in Brüngger Bachmann Dialog AG umbenannt. Das Unternehmen wurde aber bereits im Juni gegründet – haben Sie nun nicht die wichtigsten Monate verpasst? Remo Bachmann: Nein, es war ja von Anfang an klar, dass ich dazustossen werde. Jetzt ist der frühest mögliche Termin nach meiner Kündigung bei Fisch.Meier.Direkt. Natürlich wäre ich gerne gleich am Tag nach meiner Kündigung am neuen Ort eingestiegen, das war aber nicht möglich. Ich bin ja nun in unserer neuen Agentur für die kreative Seite verantwortlich, und die Kreation kommt bei einem Auftrag sowieso oft in einem zweiten Schritt zur Geltung. Wir müssen auf Grundlagen aufbauen können. Für diese Vorarbeiten bin ich Daniel Brüngger sehr dankbar. Daniel Brüngger: Remo und ich waren in den vergangenen Monaten mindestens an jedem zweiten Tag in Kontakt. In diesem Sinne ist er bereits bestens über das Geschehen unterrichtet. Ich wollte keineswegs eine «One-Man-Show» als Agentur aufziehen. Ich war ja von Anfang an nicht alleine, ich bin mit einem Team von vier Leuten gestartet. Nun ergänzen wir uns gut: Remo Bachmann als Kreativer, ich als Berater. Als ich mich vor Jahren zum ersten Mal selbstständig machte, waren wir zwei Berater – eine weniger günstige Konstellation. Haben Sie keine Befürchtungen, dass der Markt verunsichert reagiert, wenn Sie nun nach wenigen Monaten schon den Namen der Agentur ändern?Brüngger: Nein, wir haben einen überschaubaren Kundenstamm, dem wir von Anfang an kommuniziert haben, dass Remo Bachmann ab Oktober zustossen wird. Wenn sich nun der eine oder andere Werber über den Namenswechsel aufregt, kann ich damit leben. Die Werbebranche lebt ja von Veränderungen. Herr Bachmann, warum haben Sie Ihren Posten als CD bei Fisch.Meier verlassen, um nochmals ganz neu anzufangen?Bachmann: Ich wollte wieder an die Front und die Kunden spüren. Mich reizt es, weniger mit Verwaltung beschäftigt zu sein, sondern direkt an den Mandaten zu arbeiten. Herr Brüngger, im Juni sagten Sie, dass Sie mit einem dritten Partner in Verhandlungen sind. Was hat sich ergeben?Brüngger: Die Verhandlungen haben sich sehr unbefriedigend gestaltet. Wir haben die Übung dann abgebrochen. Braucht es denn wirklich nochmals eine Dialogagentur?Brüngger: Ja! Die schon bestehenden sind in meinen Augen nicht sehr sexy. Bei einem Mitbewerber verlassen CEO und CD die Agentur, eine früher wirklich attratktive Spezialagentur befindet sich auch nicht mehr nur im Aufwind. Es braucht hier ein Gegengewicht. Wir wollen eine Agentur sein, die einen guten Groove hat. Und unser Ziel ist es, in kurzer Zeit an die Spitze zu kommen. Die Agentur besteht nun seit Ende Juni – wie läuft es bis jetzt?Brüngger: Bis anhin sensationell. Wir haben drei, vier schöne Mandate gewonnen, bei denen wir nicht damit rechneten, dass wir sie erhalten. Zum neuesten Etat von Growth Value Opportunities sind wir quasi wie die Jungfrau zum Kind gekommen. Insgesamt haben wir sieben Kunden für uns begeistern können. Eine grosse Geschichte für uns ist die Positionierung eines neuen Produkts im Kosmetiknahen bereich, welches ein Schweizer Unternehmen im Frühjahr 2008 – auch in Deutschland – herausbringen wird.An wie vielen Pitches haben Sie denn teilgenommen? Brüngger: Nur an zwei, im Moment hoffen wir, in einen dritten hereinzukommen. Gerade läuft die Vorauswahl, nächste Woche wissen wir, ob wir auf der Shortlist sind. Haben Sie Expansionspläne?Brüngger: Ja, wir werden mittelfristig mehr Leute einstellen. Doch zuerst müssen wir noch mehr Kunden gewinnen. Daneben arbeiten wir mit Freelancern zusammen. Wir wollen da aber nicht irgendwen, sondern die Besten. Bei einem unserer Aufträge war ein neues Corporate Design die Startaufgabe, dafür haben wir einen ehemaligen «Senior» von Interbrand Zintzmeyer & Lux geholt. Wir werden unsere Freelancer aber bestimmt nicht verstecken. Es gibt ja Agenturen, die mit vielen Freelancern arbeiten, gegen aussen aber vorgeben, sie seien eine One-Man-Show. So läuft es bei uns nicht. Gegenwärtig ist in der Werbebranche interdisziplinäres Arbeiten in aller Munde – Sie machen mit einer Dialogagentur genau das Gegenteil und fokussieren sich auf eine Sparte.Bachmann: Das Sparten-Denken betrachten wir mit Skepsis. In meinen Augen ist Dialog nicht eine Disziplin, sondern eine Haltung. Dialog wird wahrscheinlich die Werbung der Zukunft sein; er erschöpft sich aber nicht darin, Briefe zu verschicken – Dialog kann auch über ein Plakat geschehen. Wir werden daneben auch neue Dialogmedien einsetzen und entwickeln.Brüngger: Wir sind sicher keine Mailing-Factory. Wir unterscheiden den Business-to-Business und den Business-to-Consumer-Bereich. Im B2B möchten wir alles anbieten, bei B2C als jene Agentur gelten, die in der Lage ist, ein Customer-Relationship-Management-System zu bieten oder einen Kartenclub – dialogorientierte Angebote halt. Die Akteptanz für Dialogmarketing ist sinkend: Die Anzahl Stoppkleber an Briefkasten wächst, es gibt Bestrebungen, das Telefonmarketing einzuschränken. Wie begegnen Sie dem?Brüngger: Indem wir kreativen Dialog machen. Es gibt tatsächlich genügend schwarze Schafe, und ich hasse es auch, wenn mich zuhause jemand um halb acht abends anruft, um ein Produkt zu verkaufen und ich mich dann noch rechtfertigen muss, weshalb ich schlicht keinen Bock habe. Ich habe zwar aus Berufsgründen keinen Stoppkleber am Briefkasten, aber es wird tatsächlich viel Schund verschickt. Wir wollen clevere Marktwirkung unter Einsatz von Dialog erzielen, so findet diese Form auch Akzeptanz. Dann kann ich auch nachvollziehen, wenn Publimailings eines Tages verboten werden.Bachmann: Dialogwerbung dreht sich ja nicht mehr nur darum, Produkte zu verkaufen. Wir kommunizieren Markenwerte. Dialog ist heute ein relevanter und unbestrittener Imagefaktor. Fehlt Ihnen nicht das grosse Netzwerk im Rücken?Bachmann: Nein. Bei Netzwerkagenturen ist es doch oft so, dass sie zu 80 Prozent Netzwerk-Aufträge und zu 20 Prozent lokale Mandate machen. Im Dialogmarketing ist das ja genau umgekehrt: Man muss lokal wirtschaften. Ausserdem ist die Selbstbestimmung bei Netzwerkagenturen oft klein – es gibt so viele Reglemente und Abmachungen. Dafür kriegen sie im Gegenzug Sicherheit. Aber gerade für die kreative Seite, die ich vertrete, ist das Arbeiten in Netzwerkagenturen oft nicht befriedigend – man setzt einfach internationale Kampagnen um. Brüngger: Ich denke, Dialogagenturen bringt die Mitgliedschaft im Netzwerk nicht viel – ausser Gebühren. Als Aussenstehendem erscheint es mir, dass auch die grossen DM-Agenturen nicht sehr vom Netzwerk profitiert. Herr Brüngger, wieso haben Sie Tequila schon nach kurzer Zeit wieder verlassen?Brüngger: Ich war davor ja bei Lowe; deren Netzwerk hat weltweit etwa 50 Agenturen geschlossen. Ich wechselte dann zur TBWA-Agentur Tequila, wo der CEO Markus Pekeler quasi über Nacht verschwand. Wir erhielten daraufhin einen neuen Europaverantwortlichen – sagen wir mal, mit dem wäre ich nicht in die Ferien gefahren. Ich hatte das Bedürfnis, etwas Gescheiteres zu machen, als einfach auszuharren. Deshalb hab ich mich zum Neuanfang entschieden, auch wenn das in den ersten Jahren eine andere Salärbasis bedeutet. Meine Frau meinte damals: «Dani, schau, dass du wieder glücklich wirst». Remo Bachmann und ich, wir beide mussten in unserer bisherigen Zeit in der Werbebranche auch einiges einstecken – nun wollen wir tun, worauf wir Lust haben, was wir gerne und gut machen und wovon wir glauben, dass es uns auch gut tut. Sie haben bei der Lancierung Ihrer Agentur gesagt, dass Sie nicht alles anbieten wollen, sondern nur das, was Sie beherrschen. Kommt man mit diesem Motto an die Spitze, wo Sie ja anscheinend hinwollen?Bachmann: Nur mit diesem Motto kann man die Spitze erreichen! Alles andere verwässert die Positionierung und lenkt von der Kernleistung ab.Bild oben:
Links Daniel Brüngger , rechts Remo Bachmann
Bild unten v.l.n.r.
Liv Bianchet, Manuela Eigenmann, Remo Bachmann, Daniel Brüngger, Noëmi Fretz
Interview: Carole Scheidegger
Die Truppe von Brüngger Dialog (v.l.n.r.): Liv Bianchet, Manuela Eigenmann, Remo Bachmann, Daniel Brüngger und Noëmi Fretz.