An einer vom Zürcher Presseverein organisierten Podiumsdiskussion zum Thema «Journalismus in 10 Jahren» wagten einige wichtige Figuren der Schweizer Presselandschaft letzte Woche in Zürich den Blick in die Zukunft ihres Metiers. Unter der Leitung der jungen Zürcher Journalistin Annette Müller tauschten sich SF-Chefredakteur Ueli Haldimann, Tamedia-Mann Res Strehle, Publizist Karl Lüönd, Sonntagsblick-Chef Marc Walder und die freischaffende Nahost-Expertin Karin Wenger über die Veränderungen der Medienlandschaft aus. «Qualität ist wichtig, Qualität wird überleben», wurde dabei immer wieder von allen betont. Jobs wie jener von Karin Wenger, die als freischaffende Journalistin für die NZZ aus dem Westjordanland und dem Gazastreifen berichtet, seien nicht in Gefahr, wenn man es verstehe, sich selber als Marke zu positionieren. Marc Walder zitierte den Chefredakteur der New York Post, der «critical thinking», «creative reporting» und «good writing» als wichtigste Kriterien für qualitativ hochwertigen Journalismus genannt hatte. Res Strehle nannte eine weitere, seiner Meinung nach für heutige Journalisten ebenfalls unumgängliche Eigenschaft : mehr Flexibilität. Durch die immer grössere Vielfalt der journalistischen Berufe müsse ein Journalist in Zukunft darauf vorbereitet sein, seine Tätigkeit stets den neuen Gegebenheiten anzupassen. Er verglich den Journalismus mit einer Grossküche, in der man als Einsteiger zuerst mal das Gemüse rüste und dann verschiedene Posten besetze bis man sich zum Starkoch aufschwingen könne. Das «Gemüserüsten» im Online-Bereich zu erlernen sei sinnvoll. Lüönd empfahl Einsteigern eher Lokalblätter wie den Tösstaler, wo die Spezialisierung noch wenig fortgeschritten sei und man alle Textformen und Ressorts kennen lernen könne.
Onlinejournalismus gewinnt an Prestige Ausführlich wurde die Rolle des Internets besprochen, dessen Möglichkeiten die Konzerne Tamedia und Ringier nun immer intensiver auszuschöpfen gedenken. Auch das Ansehen des Online-Journalismus wurde diskutiert. Laut Marc Walder, dem Chefredaktor des Sonntagsblick, habe der Online-Journalismus enorm an Prestige gewonnen. Heute erhalte er mehr Bewerbungen auf eine Stelle im Online- als auf eine vergleichbare Stelle im Print-Bereich. Ausserdem habe er schon einige junge Talente im Online-Journalismus entdeckt, die sich später erfolgreich im Print-Bereich durchsetzen konnten. Strehle sagte, er könne in seinem Konzern eine ähnliche Entwicklung beobachten. Es gebe heute viele gute Journalisten, die kein Interesse an einer Mitarbeit beim Tages-Anzeiger, wohl aber beim neuen Newsportal hätten.
Ueli Haldimann, SF-Blogger vom Dienst («Die Entscheidung, diesen Blog zu führen, habe ich in einer ganz schwachen Stunde gefällt»), bezeichnete es als traurig, dass heutzutage hunderte von Journalisten nur noch Agenturmeldungen umschrieben. Es gebe heute zu viele Online-Portale und zu viele Gratiszeitungen. «In dem Bereich der Gratiszeitungen ist eine Bereinigung angesagt», sagte er und forderte mehr Qualitätsjournalismus im Stil von Karin Wenger. «Als Journalist profiliert man sich noch immer durch Eigenleistung. Durch gute Recherche und eigene Stories. Nicht durch das Abschreiben von Agenturmeldungen.» Weitaus positiver bewertete Res Strehle die heutige Fülle von Medienangeboten: «Die momentane Situation mit den verschiedenen Gratiszeitungen ist für die Leserschaft doch wunderbar. Von einer Seuche zu reden, ist völlig falsch», betonte er und erklärte ein weiteres Mal, dass das Tamedia-Projekt News sehr langfristig angelegt sei und keineswegs in Reaktion auf andere Medienprodukte lanciert worden sei. In Zukunft werde es ein Markenportefeuille des Tages-Anzeigers geben, über dessen verschiedenen Kanälen die redaktionellen Inhalte je nach Ausgestaltung und Aktualität entsprechend verbreitet werden. Insgesamt bestehe in der hiesigen Medienszene ein starker Nachholbedarf gegenüber Deutschland, den USA und Grossbritannien.
Grosse Herausforderungen sahen alle auf das Management der Konzerte zukommen. Die Diversifizierung verlange von den Chefredakteuren die Fähigkeit ihre redaktionellen Inhalte adäquat auf die verschiedenen Kanäle zu verteilen. «Die Mediennutzung hat sich stark verändert. Journalismus ist eine Dienstleistung und muss sich den veränderten Ansprüchen anpassen», sagte Karl Lüönd, der in Unabhängigkeit von jeglichen Medienhäusern agiert und das Gespräch daher mit pointierten Bemerkungen bereichern konnte. So seien Online-Journalisten längst keine «Kindersoldaten» mehr und auch die Agenturmeldungen umschreibenden «Formatierungskünstler» durchaus wertvoll. Ausserdem betonte er, vor allem auf die Schwemme von Gratiszeitungen und Onlineportalen Bezug nehmend, dass man Qualität und Niveau nicht verwechseln dürfe. Es gebe Qualität auf jedem Niveau, und auch er habe hin und wieder Lust auf eine Mahlzeit bei McDonalds, denn die Pommes Frites seien dort ausgesprochen gut. Und schenkt man den Voten der Anwesenden Medienvertretern Glauben – einzig Lüönd äusserte sich ängstlich, was Berufe wie jenen von Wenger betrifft – so wird sich im Journalismus die Qualität behaupten. Genauer spezifiziert worden ist sie allerdings nicht.
Adrian Schräder
Bild: Felix Aeberli, Zürcher Presseverein