Internet Auf Netlog treffen sich die Teenager von heute. Doch in der Schweizer Medienbranche ist die Seite kein Begriff.
Vor kurzem sah sich die Schulleitung der Winterthurer Kantonsschule Büelrain gezwungen, den Zugriff auf die Internetseite Netlog zu sperren. Die Schüler waren offensichtlich Netlog-süchtig geworden. Wie der 16-jährige Gymnasiast
Ricardo Garcia sagt, sei die Community-Seite der letzte Schrei und rund um die Uhr ein Gesprächsthema. «Es gibt praktisch niemanden an meiner Schule, der nicht dabei ist», sagt der Schüler, der sich in den digitalen Gefilden Daddy_Rico_1991 nennt.
Netlog (in deutscher Sprache: de.netlog.com) ist ein so genanntes Social Network wie Myspace oder Facebook. Die Seite gehört zu den Überfliegern im Internet. Ende Dezember wählten 500’000 User in neun europäischen Ländern Netlog gleich in fünf Kategorien zur Website des Jahres. Seit Monaten wächst die Mitgliederzahl weltweit kontinuierlich. Auch in der Schweiz, wie die aktuelle Net-Metrix-Studie zeigt. Keine der über 200 gemessenen Webseiten verbucht so viele Seitenabrufe wie Netlog.
Um das mit Zahlen deutlich zu machen: Die Mitmachseite generierte im Januar 350 Millionen so genannte Page Impressions. Auch in Sachen Visits punktet Netlog. Rund neun Millionen Mal wurde die Seite im Januar aufgerufen. Das macht Platz vier im Schweizer Markt. Nur in der Kategorie Unique Clients rangiert die Community-Spielwiese nicht unter den zehn besten im Land. Trotzdem sind sich die Experten einig: Netlog ist eine der reichweitenstärksten Webseiten in der Schweiz mit einem Handicap: Sie ist nahezu unbekannt. Mirco Marrone von Net Metrix: «Wir kannten Netlog bis vor kurzem nicht. Überhaupt ist die Website in der Branche kein Begriff.» Netlog ist nicht unbedeutend, was das Wallstreet Journal in einem Satz auf den Punkt bringt: «Netlog ist wahrhaftig ein Turm zu Babel geworden.» Weltweit zählt die Gemeinschaft inzwischen 34 Millionen Mitglieder. Und das in Belgien ansässige Community-Unternehmen will weiter expandieren. «Wir haben globale Ambitionen», sagt Lorenz Bogaert, der Netlog mit seinem Partner Toon Coppens im Jahr 2000 gegründet hat.
Klare ZielgruppenfokussierungIm Unterschied zu US-amerikanischen Vorbildern glückt dem belgischen Unternehmen die Expansion in nicht englischsprachige Märkte. Netlog ist in mehr als 15 Ländern aktiv. Kommuniziert wird in 19 verschiedenen Sprachen. Die regelmässige Meldung «Die Seite ist zeitweilig überlastet» führt vor Augen, dass ein regelrechter Netlog-Boom entbrannt ist.
Gründe für den Aufstieg gibt es viele. Der wichtigste dürfte die klare Zielgruppenfokussierung sein. Das Gros der Nutzer ist unter 18 Jahre alt. Gemäss Nielsen Online stellen die 12- bis 17-Jährigen 40 Prozent der Schweizer Nutzerschaft. Netlog ist zudem ein Tummelplatz für Sprachminderheiten, was den Erfolg in der Schweiz zusätzlich erklären könnte. Auffallend viele Schweizer User mit ausländischen Wurzeln treffen sich auf Netlog. Mirco Marrone von Net Metrix vermutet, dass die Internetseite als «Buschtelefon» zu verstehen sei, damit der Kontakt zu Verwandten im Ausland gepflegt werden kann. In Ländern wie Italien, Rumänien und der Türkei ist Netlog sehr stark verbreitet und gilt als Marktführer.
Wachstumstreiber Nummer eins dürfte laut Experten jedoch der Selbstinszenierungsdrang vieler User sein. Ein Blick auf die nicht gesperrten Profilseiten zeigt auffallend, wie gern die Jugend im Netz eine Show zelebriert und in Netlog so etwas wie einen digitalen Laufsteg gefunden hat. Der Gymnasiast Ricardo Garcia meint: «Auf Netlog geht es um Muskeln und Haut. Es ist ein Schaulaufen. Jeder spielt sich als Star auf. Eigentlich mega erbärmlich. Aber den Girls gefällt es.» Ricardo verbringt pro Tag ohne weiteres drei Stunden vor dem Rechner, auf Kosten des «Fernseh- und Zeitungskonsums», wie er selbst sagt. Viel Zeit bleibt dem Schüler nicht. Er trainiert vier Mal in der Woche Fussball. Dass die Jugend das Angebot solcher Social Networks verstärkt nutzt, kann Marcel Meier von Youme.net, einer Schweizer Community-Interpretation, bestätigen: «Es ist extremer, als es uns die Nutzungsstudien bereits bestätigen. Die junge Generation trifft sich praktisch nur noch im Netz.»
Freizügig bis zur SchmerzgrenzeDas kommt den Online-Vermarktern entgegen. Adlink hat sich die Rechte gesichert, Netlog exklusiv zu vermarkten. «Mit Netlog erreichen wir die attraktive Zielgruppe der trendbewussten Teens in einem modernen und seriösen Umfeld», lässt Adlink-Geschäftsleiter Stephan Suter in einer Medienmitteilung verlauten. Dass sich die Jugendlichen im Netz freizügig in Szene setzen, stört Suter nicht. Netlog kommuniziere Verhaltenskodices und spreche sich gegen anstössige Inhalte aus. Andere Vermarkter lassen jedoch wegen diesem Hang zur Freizügigkeit die Finger von solchen Plattformen. Web2com-Chef Philipp Scheidegger: «Netlog ist bei uns kein Thema, weil wir gegenüber solchen Community-Seiten, die wie Pilze aus dem Boden schiessen, eher skeptisch eingestellt sind.»
Scheidegger verweist auf den Fall Seebach, der im November 2006 schweizweit für Schlagzeilen gesorgt hat. Jugendliche sollen damals eine 13-jährige Schülerin vergewaltigt haben. Kürzlich sorgte das Seebach-Opfer wieder für Schlagzeilen, weil es sich bei alten Freunden via Netlog meldete. Das Mädchen war auf Fotos in lasziven Posen zu sehen. Wie sich die Jugend auf solchen Social Networks gibt, dürfte den Vermarktern letzten Endes egal sein. «Für die zählt in erster Linie Quantität, also Reichweiten. Es ist im Prinzip ein einfacher Kuhhandel», meint Online-Experte Markus Gabriel von Angelink.
Christian Lüscher