Showbusiness LG lüftet das Geheimnis um «Scarlet». Die Kampagne spielte mit dem Begriff TV-Serie und sorgte bei Konsumenten für Verwirrung.
Es hätte der neuen Fernsehserie «Scarlet» an nichts gefehlt: Eine fesselnde Story, Schönheiten mit Charisma, Action und ein grosses Geheimnis. Während Wochen kursierte im Internet und später auch im Fernsehen ein Trailer zum angeblich neuen TV-Spektakel. Im Zentrum stand das norwegische Model Natassia Malthe als «Scarlet». Ihr Mysterium: ein scharlachrotes Auge. Anfangs Mai versammelte sich die Hollywood-Prominenz im Rahmen einer Premierenfeier in London und Los Angeles. Hinter der weltweit beworbenen TV-Serie verbarg sich jedoch kein Fernsehhit, sondern ein neuer Flachbildschirm des Herstellers LG (Abkürzung für Life’s Good). «Scarlet» entpuppte sich zwar als Millionenwitz, aber auch als cleverer Werbecoup. Über Wochen berichteten die Medien in über 37 Ländern, die Schweiz ausgenommen, über das geheimnisvolle Fernsehprojekt. Selbst der seriöse Branchendienst Internet Movie Database war auf den PR-Scherz hereingefallen und löschte später gar seine Beiträge.
Ein echter TV-Serien-Produzent, ein gefälschter Trailer und ein geheimnisvolles Starlet sind also die Zutaten, die aus der Scarlet-Kampagne ein Schauspiel gemacht und Millionen Fans über Wochen an der Nase herumgeführt haben. Die Strategie hinter den Projekt sah vor, dem neuen Flachbildschirm eine eigene Persönlichkeit zu verleihen, um ihn gegenüber anderen Produkten unverwechselbar zu machen. Die globale Lancierungskampagne kostete den Elektronikhersteller LG laut eines Artikels des Wall Street Journal gegen 100 Millionen Dollar. Die Investition kann als bisher grösste bezeichnet werden, die LG je für ein einzelnes Produkt in die Hand nahm.
Die «Marketing hoax», wie amerikanische Fachmedien den Fake nannten, haben sich die Agentur Agency.com und ihr TBWA-Tochter Tequila ausgedacht. Die Personifizierung eines Fernsehgeräts ist weltweit ein Novum und bricht die Regeln sämtlicher bisheriger Marketingbemühungen. Mit Scarlet setzt der Elektronikhersteller LG bewusst auf die Macht von Geschichten, um so die emotionale Bindung der Konsumenten zu stärken.
Dass LG mit dem Serien-Konzept den langfristigen Erfolg sucht, lässt sich in einer Medienmitteilung des südkoreanischen Unternehmens nachlesen. Der Hersteller will eine weitere Episode von «Scarlet» starten und richtet das Design der Geräte rigoros nach der Serie aus. Inwiefern es LG gelingt, den Konsumenten für sich zu gewinnen, bleibt noch abzuwarten. Bisher sind keine Verkaufszahlen bekannt. Für LG ist das Projekt ein notwendiger Schritt, um sich von der Konkurrenz abzugrenzen. Die Mehrheit der Konsumenten orientiert sich beim Kauf eines neuen Gerätes am Preis. «Es ist zu einer echten Herausforderung für Fernsehhersteller geworden», sagte Kwan-Sup Lee, verantwortlich für Brandmarketing bei LG. «Flachbildschirme sind High-Tech-Produkte, für die der Verbraucher einen tiefen Preis zahlen will. Für uns Hersteller wird es zunehmend schwieriger, Profit zu machen. Geschichten und ein klares Markenprofil sind der Schlüssel zum Erfolg.»
Die Fälschung «Scarlet» startete anfangs Jahr mit einer Viralkampagne. Drei Monate lang kursierten im Internet Gerüchte um das Fernsehprojekt. In den letzten Wochen der Kampagne schaltete LG weltweit Werbespots im Fernsehen. Regisseur und Darsteller gaben in den Medien Interviews und zeigten sich an Filmpremieren. Das Unternehmen wurde dabei nie erwähnt. Nur das rote Auge der Hauptdarstellerin, auf das sich der Trailer jeweils am Ende fokussierte, liess auf das Logo von LG schliessen. Der Film endete jeweils mit dem Satz «Finden Sie heraus, weshalb die Dinge nicht das sind, was sie zu sein scheinen». Für viele Marketingverantwortliche eine unglaubliche Vorstellung, wenn man bedenkt, dass LG 35 Prozent des Marketingbudgets in «Scarlet» investierte und der Markenname über Monate kein einziges Mal erwähnt wurde.
Neben der äusserst attraktiven Natassia Malthe in der Hauptrolle, die etwa in der Videospielverfilmung «DOA: Dead or Alive» im Jahr 2006 im Kino zu sehen war, wurde der Hollywood-Regisseur David Nutter jeweils angeteasert. Der Regisseur ist in Hollywood eine bekannte Grösse. So war er an Serien wie Lost, Akte X oder Alias beteiligt.
Der Fake hinter Scarlet blieb erstaunlicherweise lange verborgen. Die Reaktionen fallen jetzt dafür heftiger aus, als die Macher vermutlich ahnten. So äussern sich Konsumenten teils sehr negativ über das neue TV-Gerät, weil sie sich von LG veräppelt fühlen. Für Kwan-Sup Lee ist klar: «Wir tragen die Risiken, um anders zu sein. Aber es ist ein notwendiger Schritt. Selbst für mich ist es heute schwierig, die eigenen Produkte von jenen der Konkurrenz zu unterscheiden.» Und Lee rechtfertigt die Ausgaben für diese Form von «Non-traditional»-Werbung nach dem Motto «Any publicity is good publicity». LG, drittgrösster Hersteller von Flachbildschirmen hinter Samsung und Sony, gerät zunehmend unter Druck. Die Konkurrenz hat kürzlich die Marketing-Budgets mächtig aufgestockt.
Christian Lüscher