Martin Schneider, Direktor Publisuisse und VR-Präsident von Mediasense, blickt auf ein Jahr Erfahrung in der Radiovermarktung zurück.
WW: Ein Jahr Mediasense – wie lautet Ihre Zwischenbilanz?Martin Schneider:
Wir haben viele Ziele erreicht, ein paar aber nicht. Das Buchungstool Publiplan mit den Schnittstellen zu den Dispo-Systemen der Radios und zum Radiocontrol-Manager läuft sehr gut. Hingegen konnten wir leider noch nicht alle Marktteilnehmer von den Vorteilen unseres offenen Systems überzeugen. Einige Vermittler umgehen gezielt den Swiss Radio Pool. Entsprechend sind wir punkto Umsatz nicht dort, wo wir sein sollten. Beim Aufwand sind wir auf Kurs.Wie gross ist das Defizit? Publisuisse und die andern Aktionäre mussten bereits zusätzliches Geld einschiessen.Der Businessplan sieht fürs erste Jahr ein Defizit vor, ebenso entsprechende Darlehen, um das Defizit zu überbrücken.
Auch das Bakom interessiert sich dafür, schliesslich kommt der Publisuisse-Anteil letztlich von der SRG, die nicht dazu da ist, Privatradios zu alimentieren.Es stimmt nicht, dass das Geld von der SRG kommt: Es stammt aus den Eigenmitteln der Publisuisse – und diese sind am Markt erwirtschaftet, wie bei andern Vermittlern auch.
Man kann es auch umdrehen: Was Sie bei Mediasense investieren, wird der SRG entzogen.Das ist etwas gar eng argumentiert. Letztes Jahr erwirtschafteten wir der SRG 310 Millionen Franken aus TV-Werbung, der Bottom-Line-Gewinn der Publisuisse betrug demgegenüber etwa 3 Millionen Franken. Selbst wenn er um einige hundertausend Franken höher ausgefallen wäre, wäre dies wenig in Relation zum Umsatz.
Die kontaktierten SRP-Radios sind von Mediasense enttäuscht. Sie erhofften sich eine Ausweitung des Radiomarktes, stattdessen findet ein verschärfter Verdrängungskampf unter den Vermarktern statt. Was läuft falsch?Unser Geschäftsmodell beruht darauf, dass möglichst viel der nationalen Radiowerbung über das Buchungssystem Publiplan abgewickelt wird. Das geschieht momentan nicht. Im Gegenteil: Um den SRP nicht via Publiplan abwickeln zu müssen, nehmen verschiedene Vermittler, allen voran die IP, nur noch Einzelbuchungen bei den SRP-Radios vor, obwohl diese teurer sind. Das führt zu mehr Intransparenz, denn hinten herum werden zusätzliche Rabatte auf Einzelbuchungen oder teils auf anderen Medien im Portefeuille der Vermittler gewährt. Zum Teil werden die Sender auch gegeneinander ausgespielt. Zur Ausweitung des Radiomarktes ist es essentiell, dass man neue Kunden gewinnen kann, zurzeit ist aber ein «Kanalkampf» unter den Vermittlern im Gang. Das ist der Gattung Radio nicht förderlich.
Einige SRP-Radios sagen, das liege teilweise am Konstrukt Mediasense selber. Dieses sei so angelegt, dass andere Vermarkter benachteiligt würden.Ich glaube nicht, dass dem so ist. Das Hauptproblem liegt woanders: Noch vor kurzem gab es zwei ähnlich starke Radiovermittler, IP und Radiotele. Heute sind die Volumina von Radiotele eher tief. Davon haben die anderen Vermittler und Mediasense profitiert. Das Hauptvolumen läuft aber über die IP. Wenn die umsatzstarke IP nun die zentrale Abwicklung des SRP boykottiert, wird es für Mediasense natürlich umsatzseitig schwieriger. Die IP verfügt über Möglichkeiten, den SRP zu umgehen: Den Rabattvorteil von durchschnittlich 20 Prozent, den SRP-Buchungen gegenüber Einzelbelegungen aufweisen und der dem Kunden bei Umgehung des SRPs gegeben werden muss, kann IP etwa mit TV-Freespace in den Werbefenstern kompensieren. Andere Vermittler wie RadioEmotion, Radiotele und auch Mediasense haben diese Mittel nicht. Die IP verfügt damit über ungleich längere Spiesse als ihre Konkurrenz. Entsprechend stellt sich die Frage, wer hier effektiv benachteiligt ist.
Trotzdem kritisieren selbst SRP-Radios, dass die von Mediasense gewährte Vermittlerkommission zu tief sei. Das mache die Vermittlung des SRP unattraktiv.Die VK liegt zwar unter zehn Prozent, aber man kann höher kommen. Wir haben den Vermittlern zudem neu ein Bonussystem vorgeschlagen.
Es ist also attraktiv, den SRP über Publiplan zu vermitteln?Nein. Aber es ist klar: Die VK beträgt nicht mehr 15 bis 20 Prozent wie früher, wobei sich diese Sätze auch erst in den letzten Jahren etabliert haben. Dafür hat man aber einen Effizienzgewinn. Diesen zu kommunizieren, ist uns aber scheinbar zu wenig gelungen.
Ein weiterer Kritikpunkt: Der Publiplan ermöglicht Mediasense einseitig Einsicht in die Buchungsstrategien der Konkurrenz. Mediasense nutze diese Informationen, um den Kunden der Konkurrenten günstigere (Dumping)-Angebote zu machen.Diesen allfälligen Kritikpunkt haben wir antizipiert. Aus diesem Grund haben wir den andern Vermittlern, insbesondere der IP, ein «Schutzsystem» für «ihre» Kunden vorgeschlagen. Wir waren und sind bereit, dies den anderen Vermittlern vertraglich zu zu sichern. Die Antwort der IP blieb leider bisher aus. Zu den Dumping-Angeboten: Das ist falsch. Wir haben den andern Vermittlern zugesichert, dass sie alle Angebote, die Mediasense macht, ebenfalls machen können. Es findet also keine Bevorzugung von Mediasense statt. Das wäre auch unsinnig. Denn wenn wir den andern die Kunden abjagten, würde unser offenes Modell tatsächlich nie funktionieren.
Wäre es nicht doch geschickter, den Publiplan in eine Firma der Radios auszulagern, ohne Publisuisse-Beteiligung?Das sind Modellüberlegungen, die wir uns tatsächlich machen.
War es – im Nachhinein gesehen – ein Fehler, der Publisuisse bei Mediasense die Mehrheit zu überlassen?Nein, in einer ersten Phase war es sogar wichtig, um Mediasense rascher aufbauen zu können. Denn auf SRP-Seite ist der Entscheidungsprozess mit 15 Partnern langwieriger. Aber in einem zweiten Schritt muss man nun überlegen, wie die SRP-Radios stärker eingebunden und mehr Verantwortung übernehmen können. Wir prüfen deshalb die Frage, wer die Aktienmehrheit an Mediasense halten soll.
Vielleicht ist auch der SRP – ohne das von der IP vermarktete Radio Energy Zürich – ein Fehlkonstrukt? Ein Pool mit allen Radios könnte ein Grundproblem lösen.Nein, der SRP ist ein gutes Produkt. Aber es werden auch Überlegungen angestellt betreffend Produkt SRP.
Bei Mediasense wurden Arbeitsgruppen gebildet. Bis wann liegen die Lösungen vor?Bis Ende Jahr wollen wir konkrete Schritte unternommen haben. Ich bin zuversichtlich, dass wir das Ding zum Fliegen bringen. Die Basisvoraussetzungen müssen aber stimmen, das sind vorab Tariftreue, Transparenz, eine starke Marktbearbeitung und einfaches und professionelles Handling der Radiowerbung mit effizienten Tools. Damit sollte es auch wieder möglich sein, neue Kunden zu generieren und die Agenturen vom Werbeträger Radio zu überzeugen. Und Radio als das zu positionieren, was es wirklich ist: eine hervorragende und effiziente Ergänzung zu TV, Plakat und Print.
Interview: Markus Knöpfli