Radiovermarktung Die Publisuisse-Tochter Mediasense veränderte den Radiomarkt noch nicht wie geplant.
Am 1. Juli war es ein Jahr her, seit die SRG-Vermarkterin Publisuisse in die Radiovermarktung eintrat – nicht direkt, sondern über ihre Tochter Mediasense, an der auch die 16 Sender des Swiss Radio Pool (SRP) zu 49 Prozent beteiligt sind. Als Geschäftsführer wählte man Bernhard Krättli, der als kommerzieller Leiter bei Radio BE1 die Radioszene lange mitgestaltet und auch kritisch kommentiert hatte. Die Publisuisse, Krättli und die SRP-Radios traten daraufhin mit dem Anspruch auf, der bisherigen Verdrängungsstrategie der Vermarkter Radiotele (PubliGroupe) und IP Multimedia (Goldbach Media) als gewichtige dritte Kraft ein Ende zu setzen. Ziel sei es, so Krättli damals, für den Werbeträger Radio zusätzliche Marktanteile zu erobern. Mediasense ging tatsächlich mit gutem Beispiel voran: Erstmals waren Radios an ihrem gemeinsamen Vermarkter beteiligt, der dennoch auf eine Exklusivpacht verzichtete. Mehr noch: Krättli versprach eine einheitliche Vermittlungskommission (VK) für alle Vermittler, Mediasense inklusive (!), sofern diese die akquirierte Werbung über die Online-Buchungsplattform Publiplan buchen würden. Publiplan hatte die Publisuisse als Branchentool zur Verfügung gestellt, um das Handling des Mediums Radio zu vereinfachen. Den Agenturen war zudem Publiplan vom TV her längst bekannt.Doch heute, ein Jahr nach dem Markteintritt von Mediasense, macht sich insbesondere unter den SRP-Radios, Ernüchterung breit. «Die Performance von Mediasense ist nicht dort, wo sie gemäss Budgetplanung sein sollte», konstatiert etwa Beat Meyer, CEO der Basler Zeitung Medien, zu der das SRP-Radio Basel 1 gehört. Zwar wurde Mediasense zur Nummer zwei unter den Radiovermittlern, blieb aber weit abgeschlagen hinter Marktleader IP. Das erstaunt, schliesslich hat die Firma den SRP im Portfolio. Dieser ist punkto Reichweite und Tausendkontaktpreis das wohl interessanteste Radio-Angebot für nationale Kunden. Tatsächlich aber wird der SRP nur relativ selten über Mediasense und Publiplan gebucht. Was nicht heisst, dass die Nachfrage tief wäre. Aber Marktleader IP weigert sich, den SRP über den Publiplan zu buchen (siehe Interview mit Michi Frank). Wünscht dennoch ein Kunde den SRP, dann bucht die IP die entsprechenden SRP-Radios einzeln – und per Fax wie in der Steinzeit. Die Folge: Ertragsmässig geht es den SRP-Radios derzeit nicht einmal allzu schlecht. Einige halten sich immerhin auf Vorjahresniveau.
Finanzspritze für MediasenseFreuen mag sich dennoch niemand, weil umgekehrt Mediasense lahmt: Sowohl Publisuisse wie auch die SRP-Radios mussten dem jungen Start-up bereits erste Darlehen gewähren. Andreas Meili, Vertreter der SRP-Radios im Mediasense-Verwaltungsrat, beschwichtigt zwar: «Diese zusätzlichen Mittel sind nicht sehr hoch, wenn man bedenkt, dass wir mit unserem Unternehmen Marktstrukturen verändern wollen, die über zwei Jahrzehnte gewachsen sind.» Unter allen Aktionären bestehe denn auch «die klare Absicht, Mediasense weiterzuführen, um beim Medium Radio ein Vermarktungsmonopol zu vermeiden».
Noch etwas nagt am Selbstbewusstsein der SRP-Radios: Ihre Firma erlitt eine ideelle Schlappe. Statt der angestrebten Marktausweitung wurden die Grabenkämpfe unter den Vermittlern aggressiver. Sie jagen einander in bester Wildwest-Manier Kunden ab und setzen die Radios unter Druck. Die Tariftreue bleibt – wie so oft in dieser Szene – auf der Strecke. Einige Kunden und Agenturen haben dem Medium Radio bereits den Rücken gekehrt. Philip Hofmann, Verkaufsleiter von Radio24 und TeleZüri, spricht von einer «unbefriedigenden und relativ verfahrenen Situation im nationalen Werbemarkt». Nur dank Fokussierung auf den Lokalmarkt und einer neuen, motivierten Verkaufscrew hätten die ausbleibenden nationalen Umsätze kompensiert werden können. Der Geschäftsführer eines weiteren SRP-Radios ist jedoch verzweifelt: «Die Radiobranche ist am Ar…», sagt er.
Keine Angst vor TabusMediasense ist nicht Schuld an der desolaten Situation. Der Radiomarkt ist schon länger krank. Doch der Markteintritt der Publisuisse-Tochter hat die Entwicklung akzentuiert. Auch wegen einiger «Konstruktionsmängel», wie sogar die SRP-Radios selber eingestehen. Folgende Hauptmängel werden genannt: Dass die SRG via Publisuisse die Mehrheit bei Mediasense hält, mindere deren Akzeptanz im Markt. Die von Mediasense gewährte Vermittlungskommission sei obendrein zu tief, so dass es für Mediasense-Konkurrenten unattraktiv sei, den SRP aktiv zu vermitteln. Ferner erhalte Mediasense dank Publiplan detailliert und vor allem einseitig Einblick in die Buchungsstrategien ihrer Konkurrenten. Kurz: Eine Firma, die so aufgegleist ist, kann die ihr zugedachte Plattform-Rolle gar nicht übernehmen. Es wurden deshalb Arbeitsgruppen gebildet, um diese Schwachpunkte zu beheben. Hoffnungsvoll stimmt, dass man die Sache offenbar ohne Tabus angeht – selbst das Konstrukt SRP, das diverse Radios ausschliesst, soll zur Disposition stehen. Doch wegen der aktuellen Konzessionierungsphase und der damit verbundenen Ungewissheit über die künftige Ausgestaltung der Radioszene sind bei Mediasense vorerst keine Umwälzungen zu erwarten. Auch ist die ungewisse Situation für die Moral der Radiobetreiber keineswegs förderlich, sondern eher mit ein Grund für mangelnde Tariftreue.
Markus Knöpfli
Dank Marktmacht, Druck und Freespace?Da die IP den SRP
bei den Radios direkt bucht und dabei Mediasense umgeht, muss der Kunde den höheren Einzeltarif zahlen und kann nicht vom Poolrabatt profitieren – ausser die IP gibt dem Kunden die Buchung doch zum Poolpreis weiter. «In diesem Fall stellt sich aber die Frage, wie sie das langfristig finanziert. Und es stellen sich rechtliche Fragen, da das dauerhafte Anbieten unter Einstandspreisen gemäss UWG unlauter sein kann», sagt Andreas Meili.Zum Finanzierungsmodell der IP sind in der Branche mehrere Varianten zu hören: Die IP verlange von den SRP-Radios auf Einzelbuchungen denselben Rabatt wie bei Poolbelegungen. Oder sie nehme sich das Recht, zum günstigeren Lokaltarif buchen zu dürfen. Die Vermittlerkommission bei den Radios gestalte sie zudem so aus, dass diese auch bei steigenden Umsätzen wächst. Weiter ist von Freespace die Rede, den man der IP gewähre. Reicht dies nicht, kompensiere die IP dem Kunden den entgangenen Poolrabatt mit einem Mehrfachen an TV-Freespace in den Werbefenstern.
Natürlich gibt kaum ein Radio die eigene Tarifuntreue zu. Nur ein Betreiber gesteht off the record, dass er kusche, um es mit der übermächtigen IP nicht zu verderben.
Man hört es überall, auch bei den Agenturen: Die IP festigt ihre Leader-Rolle im Radiomarkt, indem sie ihren Kunden TV-Freespace anbiete, wenn diese ihr umgekehrt das Radiovolumen anvertrauen würden. (mk)
SRP: Wer dabei ist – und wer nichtFolgende 15 UKW-Radios
gehören heute dem Swiss Radio Pool (SRP) an: Radio 24, Radio 32, Argovia, Basel 1, Basilisk, BE1, Capital FM, Canal 3, FM1, Grischa, Pilatus, Toxic FM, Zürisee sowie in der Westschweiz die Radios Lausanne FM und One FM.Insgesamt 20 UKW-Radios blieben dagegen vor der SRP-Tür, nämlich Radio 1, BeO, Central, Freiburg/Fribourg, Munot, Rottu, Sunshine, Top und das von der IP vermarktete Energy Zürich, im Tessin die Radios 3iii und Fiume Ticino und in der Westschweiz die Radios Chablais, Cité, Fréquence Jura, Jura Bernois, Lac, Meyrin, Rhône, Rouge FM und RTN. (mk)