«Ab jetzt herrscht gnadenlose Transparenz», so lautete der Titel eines Communiqués, mit dem die Aussenwerberin APG diese Woche ankündigte, dass sie ihr Tarifsystem per 2009 auf Reichweitenwerte aus dem SPR+-Messsystem umstellen wird. Der Wechsel von erfragten auf GPS-gemessene Leistungswerte führe ab 2009 zu «gerechten» Tarifen und werde über das Gesamtangebot «preisneutral» ausfallen, schrieb APG-Marketingleiter Roger Möschler weiter.
Was die APG dem Werbemarkt nun auftischt, sieht jedoch auf den ersten Blick nach Preiserhöhung aus. Denn bei 27 von 38 präsentierten Plakatnetzen hebt sie den Wochentarif um bis zu 20 Prozent an, obwohl nur drei Plakatnetze künftig höhere Reichweiten aufweisen. Die Preisreduktionen machen dagegen maximal 7,2 Prozent aus, bei zum Teil massiv tieferen Reichweiten.
Doch Vorsicht, dieser erste Eindruck trügt. Zwar kosten die meisten Plakatnetze im Wochenaushang künftig tatsächlich mehr. Doch ein direkter Leistungs-, Preis- oder TKP-Vergleich ist gar nicht zulässig, weil es punkto Reichweite zu einem Währungsbruch kommt. Zudem werden zwei- und dreiwöchige Netz-Belegungen in vielen Fällen günstiger. Drittens hat die APG ihre Netze völlig neu zusammengestellt. Und viertens hat sie deren Zahl reduziert: War bisher die Hälfte der rund 30’000 APG-Strassenflächen in Netze eingebunden, sind es ab 2009 nur noch 40 Prozent. Der grosse Rest wird als Einzelflächen verkauft. Von diesen wird die Mehrheit laut Möschler günstiger, ausgenommen jene an Toppositionen, die pro Woche mehr als 100’000 gewichtete Plakatkontakte generieren (vier Prozent aller Flächen).
Wo ist denn hier die Transparenz?
Angesichts dieses Multipacks an Änderungen werden sich zwar einige APG-Kunden fragen, was denn am neuen Tarifsystem noch «gerecht», «preisneutral» oder gar «transparent» sein soll. Der Karren wurde womöglich überladen. Eines muss man der APG aber zugute halten: Die neue Währung nach SPR+ ist markant besser. Ein Vergleich der bisherigen mit der neuen Erhebungsmethodik zeigt dies.
Bisher erhob der grösste Schweizer Aussenwerber die Plakatreichweiten nach der Copland-Methode: Personen wurden nach den Wegstrecken befragt, die sie in den letzten sieben Tagen zurückgelegt hatten. Basierend darauf wurde eruiert, welche Plakatstellen sie passiert haben mussten. Jeder dieser Flächen wurde folglich ein Kontakt gutgeschrieben, egal, ob sie auch wirklich beachtet wurde. Die Reichweite wurde dann anhand der Ortsgrösse (Einwohner) hochgerechnet. Man ging also davon aus, dass alle Plakatflächen innerhalb derselben Ortschaft regelmässig von allen Einwohnern passiert werden.
Beim Messsystem SPR+ (Swiss Poster Research plus) werden ebenfalls Wegstrecken verfolgt, jedoch mittels kleiner GPS-Geräte, die die zurückgelegten Wegstrecken der Probanden während einer Woche im Sekundentakt metergenau aufzeichnen. Überträgt man die Strecken auf digitale Karten, lässt sich feststellen, welche Plakatflächen der Proband passiert hat. Zwar gibt auch SPR+ keine Auskunft darüber, ob ein bestimmtes Plakat wirklich beachtet wurde. Ganz abgesehen davon, dass die Kontaktqualität ja auch von der Bewegungsrichtung, der Passiergeschwindigkeit, der Tageszeit, vom Plakatformat oder von der Anzahl Plakate am selben Standort beeinflusst wird. Doch das Messsystem SPR+ berücksichtigt genau diese Faktoren, indem für jedes Plakat ein Sichtbarkeitsraum definiert wird. Bewegt sich ein Proband beispielsweise mit 10 Kilometer pro Stunde und bei Tageslicht im Sichtbarkeitsraum eines alleinstehenden Plakates, und zwar frontal auf dieses zu, so wird dies als ein Kontakt gewichtet. Passiert die Person das Plakat hingegen nachts, ergibt dies bei Leuchtplakaten einen, bei unbeleuchteten Flächen jedoch keinen Kontakt. Und wenn die Person tagsüber parallel am Einzelplakat vorbeigeht, so gilt dies noch als halber Kontakt. Mit andern Worten: Während bei SPR+ mehrere Hürden verhindern, dass eine Passage vorschnell als Kontakt gerechnet wird, zählte man nach Copland jede noch so flüchtige Passage als Kontakt.
Doch die APG geht bei der Reichweitenberechnung für ihre Netze noch weiter: Sie berücksichtigt zusätzlich, dass die Kontaktqualität auch von der Plakatgestaltung (Art-Work) abhängt. Ihre Netzgestaltung ist deshalb so angelegt, dass eine durchschnittliche Werbebotschaft auf F12 mindestens drei volle Kontakte generieren muss, um überhaupt als Reichweite zu gelten (= Kontaktklasse KK 3). Ein F200 benötigt gar vier Kontakte (= KK 4). Das hat Auswirkungen auf die ausgewiesenen Reichweiten: Das heutige Netz «City200 Big9» zum Beispiel, das die neun grössten Städte mit 482 Flächen abdeckt, generiert gemäss Copland 80 Prozent Reichweite. Die Auswertung derselben 482 Flächen nach SPR+ und mit KK 4 ergibt dagegen nur 72 Prozent Reichweite. Setzt man die KK jedoch auf >0, womit ein Kontakt noch immer strenger gewichtet wird als bei Copland, steigt die Reichweite von «City200 Big9» auf über 80 Prozent. Das zeigt: SPR+ ergibt wesentlich härtere Reichweitenwerte. Überhaupt setzt die APG mit dieser Reichweitenberechnung einen neuen Standard. Vermutlich weltweit. Denn kaum ein anderes Medium setzt die Messlatte so hoch.
Teurere Bahnhofstrasse Zürich
Doch nicht nur wegen der neuen Reichweiten-Währung, auch weil die APG ihre Netze per 2009 ganz neu zusammensetzt, macht ein direkter Vergleich keinen Sinn: Einige Netze, etwa das «Big Cities F12», umfassen künftig bis zu 65 Plakate mehr als heute, es gibt aber auch solche mit weniger Flächen. Dass die APG die bisherigen Netz-Bezeichnungen dennoch beibehält, ist zumindest aus Kundensicht etwas unglücklich.
Auch die Preisgestaltung ist nicht so transparent, wie Roger Möschler behauptet. Zwar glaubt man ihm gern, «dass bei den F12, F24 und F200 die individuell gemessene Leistung als neue Preisbasis gilt». Es ist daher nachvollziehbar, dass ein Plakat an der Zürcher Bahnhofstrasse künftig mehr kostet als eines in Altstetten. Unklar ist aber, welchen Anteil die Kontaktleistung der Plakatfläche am Verkaufspreis hat. Fest steht nur, dass sie eine von fünf Preiskomponenten darstellt. «Zur prozentualen Verteilung machen wir keine Angaben», sagt Möschler nur.
Positiv aus Kundensicht ist, dass die APG eine Leis¬tungsgarantie einführt. «Die Media-Daten pro Netz sind neu als garantierte Mindestwerte definiert und die Preise pauschal festgelegt», sagt Möschler. Darauf könne sich der Kunde verlassen, selbst dann, wenn etwa wegen einer Baustelle Plakatflächen kurzfristig wegfallen. Möschler: «In solchen Fällen garantieren wir den Kunden mindestens gleichwertigen Ersatz.»
Übrigens: Ab 2009 gewährt auch die APG einen Konzernrabatt. Sie folgt damit andern Mediengattungen und kommt einer langjährigen Forderung des Verbandes Schweizerischer Werbeauftraggeber (SWA) entgegen.
Markus KnöpfliWas leisten die Clear-Channel-Flächen?Obwohl Clear Channel Outdoor Plakanda (CCOP) vor drei Jahren beim damaligen SPR ausgestiegen ist, ist das Nachfolgesystem SPR+ weiterhin in der Lage, die Reichweiten der CCOP-Flächen auszuweisen. Diese Werte sind zwar nirgends aufgelistet, aber erhältlich: Man kann sich von SPR+, einer 100-prozentigen Affichage-Tochter, eine CCOP-Offerte oder -Auftragsbestätigung auswerten lassen. APG-Marketingleiter Möschler betont jedoch, dass er die CCOP-Leistungswerte nicht kennt. Auch habe er nie eine Auswertung in Auftrag gegeben, nicht einmal über eine befreundete Agentur.
Bei CCOP selbst war bis Redaktionsschluss keine Stellungnahme erhältlich zur Frage, ob man das eigene Angebot oder die Tarife nach den neuen Reichweitenwerten ausrichten wird.
Bei Star Plakat hingegen wird Inhaber Roberto Schena vorläufig nichts ändern. Zum einen, weil SPR+ nur die 800 Strassenstellen von Star Plakat, nicht aber die 800 (überdachten) Tankstellenflächen ausweisen könne. Zudem will er erst beobachten, was die APG als Marktführerin genau tut. (mk)