Wie viele Blocker können wir verkraften?
Werbeblocker verbreiten sich im Netz rasant – wie lange kann diese Entwicklung ohne Gegenmassnahmen ertragen werden? Ein Artikel von Christoph J. Walther aus der Printausgabe.
Es braucht eine neue Online-Werbung. Diese Einsicht macht sich breit, seit immer mehr Netzbenutzer Werbeblocker einsetzen. Vor allem seit Apple solche auch auf seinem Handy-Betriebssystem ermöglicht, ist das Thema nicht nur in der Medienbranche, sondern auch beim Publikum im Gespäch. Werbeblocker gibt es im Internet schon seit einigen Jahren, und sie sind keineswegs unbekannt. Das Start-up PageFair hat sich dem Thema verschrieben und veröffentlicht alljährlich (zusammen mit Adobe) einen Report dazu.
In der 2015er-Ausgabe wird berichtet, die Verwendung von Werbeblockern sei in Europa im letzten Jahr um 39 Prozent gestiegen (weltweit um 41 Prozent). Wieder einmal ist es die Schweiz nicht wert, hier Daten zu erheben, und so nehmen wir zur Kenntnis, dass die Verwendung von Werbeblocken in Deutschland bei 25,3 Prozent der Internet-Benutzer (oder 18 Millionen im Q2 2015) liegt, in Grossbritannien bei 20,3 Prozent, in Frankreich bei 10,4 Prozent. In Europa am weitesten verbreitet sind sie in Griechenland (36,7 Prozent) und in Polen (34,9 Prozent).
Kein Alarm in der Schweiz
In der Schweiz liess eine Umfrage der Werbewoche unter den Grossverlagen keinerlei alarmierte Besorgnis oder ausserordentliche Dringlichkeit erkennen. Geht es um konkrete Zahlen, wird einzig Steven Goodman, Head of Strategy and Marketing bei Watson, konkret und berichtet, bei den Desktops liege der Anteil stabil zwischen 15 und 20 Prozent. Und er spricht auch Klartext darüber, was das bedeutet: «Wir würden rund fünf Prozent mehr Umsatz machen, wenn es keine Adblocker gäbe.» Und der Leiter von Netmetrix, Rolf Schmitz, erklärte auf Anfrage, man gehe auf Grund einer vor einiger Zeit gemachten Erhebung für die Schweiz von einem Anteil von 15 bis 20 Prozent der User aus, die einen Werbeblocker einsetzen. Und er bestätigt, dass aus den veröffentlichten Reichweitenzahlen diese Effekte «nicht rausgerechnet» werden.
Wie das Beispiel von Watson erkennen lässt, gehen Werbeblocker ins Geld: Den Online-Verlagen gingen deswegen weltweit 22 Milliarden Dollar an Einnahmen verloren, schätzt der PageFair-Report und mutmasst, die weitere Verbreitung werde bei Mobilgeräten (Smartphones, Tablets) liegen. Diese Vorhersage war bei der Veröffentlichung des Reports Anfang August einfach zu machen, denn bereits Anfang Juni hatte Apple, dessen Safari-Webbrowser 52 Prozent des mobilen Webbrowser-Marktes beherrscht, bekannt gegeben, die nächste Version des iOS-Betriebssystems werde eine Programmschnittstelle (API) zur Unterdrückung von Werbeinhalten in Safari enthalten. Damit nahm das Thema, das bisher auch in Fachkreisen kaum beachtet wurde, Fahrt auf und kam nach der Veröffentlichung von iOS9 Mitte September in die Schlagzeilen: Verschiedene Werbeblocker-Erweiterungen standen nach nur wenigen Tagen in der Hitparade der heruntergeladenen Safari-Erweiterungen in den Spitzenrängen. Das war ein Weckruf. Vor allem für die Online-Werbebranche und auch für Online-Verleger.
Es dämmerte, dass hier etwas falsch gelaufen ist. Zwar ist es einfach, einen Werbeblocker zu installieren, aber ein paar gezielte Schritte sind dennoch nötig, die ohne Not niemand auf sich nimmt. Und so ist die nun einsetzende rasante Verbreitung von Werbeblockern eine deutliche Rückmeldung vom Online-Publikum: Wir haben die Schnauze voll! Wir wollen keine Video-Werbung, die nach dem Aufstarten einer Seite sofort abspielt. Wir wollen keine Tracker, die unser Verhalten aufzeichnen und so unsere Privatsphäre stören. Wir wollen keine Werbung, die zum Herunterladen so umfangreich ist, dass die Anzeige der Inhalte unerträglich lange verzögert wird. Wir wollen keine Werbung, die Inhalte überlagert und nur schwer weg zu bekommen ist (das X zum Schliessen ist gerade auf Smartphone kaum im ersten Anlauf zu treffen).
Solche und ähnliche Phänomene haben in letzter Zeit markant zugenommen, weil Benutzer herkömmliche Online-Werbeformate wie einfache Banner kaum mehr beachten. Deshalb die aufdringliche Video-Werbung, an der Verlage besser verdienen, nachdem die Preise für einfache Display-Werbung im Keller gelandet sind.
Wer hat den Vertrag gebrochen?
Verleger mahnen an, es gebe ein Gewohnheitsrecht zwischen Verlagen und Lesern, wonach Werbung zum Produkt gehört. Zeitungen wurden in ihren guten Zeiten so zu mehr als der Hälfte finanziert. Und kaum jemand nahm daran Anstoss, die Vereinbarung galt. Wer hat nun in der Online-Welt dagegen verstossen? Sind es die Konsumenten, die Werbeblocker einsetzen? Oder sind es die Verlage, die mit neuen Formen der Online-Werbung zu weit gegangen sind und so den Unmut des Publikums auf sich gezogen und die Kündigung der alten Vereinbarung selbst herbeigeführt haben?
Doch womöglich ist alles halb so schlimm und kann bald als eine Episode der Geschichte abgetan werden. So wie etwa Werbung per E-Mail und mittels Pop-up. Als um die Jahrhundertwende das Internet massengängig wurde, wurden alsbald die elektronischen Postfächer mit gar oft dubiosen Werbemails (sog. Spam) überfüllt. Abhilfe brachten immer bessere Spam-filter, und heute haben sich einige Regeln (vor allem: Zustimmung des Empfängers, Möglichkeit für die einfache Abmeldung) etabliert, mit denen Newsletter etc. als Marketing-Instrument anerkannt sind. Und als ebenfalls in den Frühzeiten der Massenverbreitung des Internets Webbrowser dazu verwendet wurden, unverlangte Fenster (sog. Pop-up) mit Werbebotschaften zu öffnen, wurde dieses Ärgernis durch technische Massnahmen der Browser-Anbieter eliminiert, die solche Pop-ups unterdrückten.
In den letzten Wochen, seit Werbeblocker für Apple-Geräte die Gunst des Publikums im Sturm erobert haben, tauchten wenn nicht täglich, so doch wöchentlich neue Vorschläge und Initiativen auf, um das Problem zu lösen. So hat etwa die Vereinigung führender amerikanischer Medienmarken im Netz, Digital Content Next, Ende September zusammen mit dem Weltverband der Zeitungsverleger, WAN-IFRA, eine entsprechende Initiative angekündigt. Andere Branchenorganisationen haben sich mit Manifesten und anderen Vorschlägen zu Wort gemeldet. Sie machen klar: Es braucht Online-Werbung 2.0. Im Netz ist Werbung 1.0 in den letzten zwanzig Jahren organisch per Ausprobieren entstanden. Es braucht Standards, die der Werbebranche vorgeben, was auf einer Website zulässig ist. Wollen wir Anzeigen, die auf der Seite herum springen? Wollen wir Anzeigen, die Inhalte überdecken? Wollen wir Anzeigen, die Daten über Benutzer sammeln, ohne dass diese und die Verleger darüber informiert sind?
Benutzer sind nur schwer zu überzeugen
Denn nur wenn Websites den Benutzern versichern können, einzig unaufdringliche (nicht aber langweilige) Werbung anzuzeigen, werden diese gewillt sein, auf Werbeblocker zu verzichten. Doch der Weg zu neuen Online-Werbestandards ist lang und kompliziert. Es geht nicht nur um Formatfragen, die vom Interactive Advertising Bureau, IAB, in den letzten Jahren festgelegt wurden, nachdem sie sich in den meisten Fällen in der Praxis bewährt hatten. Nun geht es zusätzlich um inhaltliche Aspekte und um den Einsatz von Online-Werbeelementen. Darüber kann in internationalen Normengreminen lang, jahrelang, debattiert werden. Und liegt ein solcher Standard vor, wird man über dessen korrekte Anwendung füglich streiten können. Es wird immer Sites geben, die Werbung ohne Restriktionen ausspielen werden. Bis zu welcher Verbreitung von Werbeblockern ist es immer noch profitabler, diese in Kauf zu nehmen? Es geht also um die Frage: Wann wird die Reichweitenmessung diese Verluste ausweisen, und wann werden sich diese direkt auf die Tarife auswirken?
Denn es ist kaum anzunehmen, dass Benutzer ihre Werbeblocker entfernen werden, sondern auf Grund positiver Erfahrungen ganz im Gegenteil sie bei all ihren Bekannten zur Verwendung empfehlen werden. Und der Anreiz, bestimmte Websites auf Werbeblockern frei zu schalten, wird gering sein. Deshalb wird es in nächster Zeit zu einem Wettrüsten beim Einsatz technischer Kniffs und Tricks kommen. Websites werden den Einsatz von Werbeblockern ausfindig machen und den Benutzern nahelegen, ihre Site freizuschalten oder ein Abo zu lösen. Auch können Websites Werbung direkt ab ihrem Redaktionssystem ausspielen, womit sie rein technisch kaum mehr von redaktionellen Inhalten unterschieden werden kann. Oder es können zum Ausspielen von Werbung immer andere Web-Server verwendet werden, die noch nicht auf der Liste der zu blockierenden Adressen stehen. Und Anbieter von Werbeblockern werden sich Methoden einfallen lassen, um diese Massnahmen zu umgehen.
Christoph J. Walther
Dieser Artikel erschien bereits in der Werbewoche Printausgabe 19/2015 vom 23.10.2015

GOOGLE UND KONSORTEN IN DEN STARTLÖCHERN
Es sind die Verleger, die bei Gegenmassnahmen zu Werbebockern eine Vorreiterrolle übernehmen müssen. Denn es steht viel auf dem Spiel. Nicht nur die Einnahmenverluste, mit denen die Hoffnungen, im Netz auf einen grünen Zweig zu kommen, in noch weitere Ferne rücken. Letztendlich geht es um das Überleben als vertrauenswürdige Marken. Dabei wird gern auf die Musikindustrie verwiesen, der es nach dem Auftauchen von Songs im MP3-Format im Jahr 1996 nicht gelang, eine akzeptable Alternative gegen das Verteilen piratierter Songs im Netz anzubieten. Da nützte es zum Beispiel wenig, publizitätswirksam hilflose Mütter mit millionenschweren Klagen einzudecken, weil deren Jungmannschaft sich im Netz gratis bedient hatte.
Erst als 2003 Apple mit dem Music-Store (später: iTunes) eine praktikable Lösung anbot, entspannte sich die Lage. Allerdings mussten die Musikverlage sich den Konsequenzen ihres Versagens stellen und die kommerziellen Vorgaben von Apple schlucken. Schaffen es Medienhäuser nicht, im offenen Netz das Vertrauen der Benutzer zurück zu gewinnen und zu festigen, eröffnen sie es Plattformen wie Amazon, Apple, Google oder Facebook, in die Lücke zu springen und zur News-Verteilung eine Lösung anzubieten, die vom Publikum akzeptiert wird. Und die die Verlage zu Lieferanten von Massenware degradieren, da deren Marken kaum noch eine Rolle spielen. Aber noch schlimmer: Brechen für Online-Werbung die Reichweiten weg, kann dies das Ende des offenen Webs bedeuten, das seit seiner Entstehung weitgehend durch Werbung finanziert wird. Besonders gefährdet sind gerade im amerikanischen Markt gut etablierte Kleinverlage, die ihr Geld ausschliesslich durch Werbung verdienen. Ein Rückzug der Verlagsangebote hinter Bezahlschranken und in Apps fördert diese Entwicklung.
Interessanterweise haben sich die amerikanischen Technologie-Giganten in letzter Zeit im Medienbereich engagiert. Amazon-Gründer Jeff Bezos hat die renommierte Washington Post gekauft und geht damit innovative Wege. Um den Vorwürfen europäischer Verlage (Stichwort: Leistungsschutzrecht in Deutschland) entgegen zu treten, hat Google die Digital News Initiative gestartet und damit eine Partnerschaft in den Bereichen der Technik und der Innovation vorgeschlagen. Nur um von Facebook rechts überholt zu werden, das mit Instant Articles eine konkrete Lösung anbietet, ähnlich wie Apple, das mit iOS9 nicht nur Werbeblocker ermöglichte, sondern auch eine App zur News-Verteilung offerierte. Es wird klar: Die Technologie-Riesen haben Blut gerochen und warten nur darauf, dass die News-Branche schwach genug ist, um in letzter Verzweiflung anzubeissen. Denn dass Verlage erstens weltweit und zweitens in naher Zukunft sich auf verbindliche Standards einigen und diese im Markt durchsetzen können, steht ohne Beispiel.






























