Curt Bürgi ist ein Urgestein der Schweizer Werbung: Seit mehr als 50 Jahren arbeitet der gelernte Schriftsetzer und Drucker in der Welt der Konsumverführung. Mit Bleisatz stieg er in seinen Beruf ein, zu seinem Abgang stehen Pixel, Nullen und Einsen Spalier. Von «Gestein» kann allerdings keine Rede sein. Spritzig und ideenreich wirkt Bürgi mit seinen bald 67 Jahren. «Freude an der Arbeit und Dankbarkeit für das gute Leben» – so schlicht beschreibt der Werber seinen Jungbrunnen. Wie viel Anteil regelmässige Marathons und die tägliche Tafel Schokolade haben, verrät er nicht.
Bürgi wurde in Schönenwerd geboren und wuchs im Aargau auf. Hier machte er auch die Ausbildung, von der er schon als Bub geträumt hatte: Schriftsetzer. 1962 startete Bürgi seine Karriere als Redaktionsgrafiker beim Blick. Bei der legendären «Papstpanne», bei der das Ableben des damaligen Papstes Johannes XXIII. zu früh verkündet wurde, war er an der vorsorglichen Produktion der zweiten 1. Seite beteiligt, die dann versehentlich gedruckt wurde. Vom Blick wechselte Bürgi zur Neuen Westfälischen Zeitung nach Bielefeld in Deutschland. Hier arbeitete er knapp zwei Jahre als Schriftsetzer und Lehrlingsausbildner. «Es war eine sehr gute Zeit, aber beruflich gesehen eher ein Rückschritt. Denn die Deutschen waren produktionstechnisch noch weit weg von dem Niveau, das in der Schweiz bereits Standard war.» Nach seinem Deutschland-Abstecher ging Bürgi nach Lausanne, um besser Französisch zu lernen, und arbeitete anschliessend in einer grossen Badener Druckerei als Chefkalkulator und Chefdisponent. 1971, mit 30 Jahren, stieg er als Produktionsleiter in die Werbung bei der Amag ein, dem grössten Automobilimporteur der Schweiz. Seine Karriere kam in Fahrt.
«Ich war zu jener Zeit bei der Amag der einzige Werber und der einzige, der etwas von Druck, Produktion und Preisen verstand», erzählt Bürgi. «Deshalb liess man mir freie Hand, und ich habe meine Freiheiten genutzt.» 1975 wurde Bürgi zum Chef Werbung der Amag Schweiz ernannt. 1979 gründete er innerhalb der Amag eine Hausagentur, in der ihn etwa zehn Grafiker, Texter und Mediaexperten bei der Entwicklung aller Werbemassnahmen unterstützten.
Kreative Bewegungsfreiheit
«Ich habe durchgesetzt, dass wir überwiegend doppel- und ganzseitige Anzeigen schalteten», berichtet Bürgi. «Das allein wirkt viel kompetenter als winzige Inserate, die mit hoher Frequenz geschaltet werden.» Ein weiteres Steckenpferd des Werbeprofis: Autowerbung ohne Autos. Jedes der über 100 Automodelle in der Schweiz wird pro Jahr mit zwei bis drei Sujets belegt. Macht 200 bis 300 verschiedene Autosujets pro Jahr – und meist werden Modelle gezeigt. «Trotz all der Werbung muss man sich ins Auto reinsetzen und schauen, ob man sich wohlfühlt. Das spürt man nicht durch das Inserat», sagt Bürgi. «Werbung, die Gefühle oder Images vermittelt, kommt viel weiter. Man sollte auch die Zielgruppe nicht zu stark segmentieren, sondern möglichst viele Konsumenten ansprechen. Und das funktioniert am besten über die Marke.»
Als die Amag neben VW auch die Vermarktung von Skoda und Audi übernahm, wurde die Hausagentur aufgelöst. Für jede Automarke setzte Bürgi eine externe Agentur ein. «Ich engagierte kleine, mittlere und grosse Agenturen, je nach Budget», erzählt er. «In der Zusammenarbeit mit diesen Agenturen habe ich viel erlebt, was mir nicht gefiel: Briefings wurden zu wenig berücksichtigt, Ansprechpartner wechselten ständig und das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmte oft nicht. Ich beschloss: Ich will in meinem Leben noch einmal selbst eine Agentur haben. Das war mein oberstes Ziel.»
Mann der Tat
Geplant, getan. 1999 verliess Bürgi, inzwischen Direktor der Werbung der Amag, das Unternehmen und gründete mit seiner Frau und seinem Partner Andi Schaerer die Agentur Bürgi & Partner. «Viele haben mich für verrückt erklärt, weil ich die Position des Direktors mit etlichen Privilegien aufgab, um noch einmal neu zu starten», erinnert er sich. «Aber ich musste das einfach tun.» Inzwischen beschäftigt Bürgi & Partner 20 Mitarbeiter – und wächst weiter. Für Bürgi genau der richtige Zeitpunkt, um aufzuhören und die Agentur an Andi Schaerer zu verkaufen. Ab 1. Januar 2009 firmiert sie unter «Schaerer & Partner».
Hart, aber fair
Curt Bürgi gilt in der Branche als hart, aber fair. Mit ehrlichen Einschätzungen hat er schon so manch einen erschreckt – und auf die richtige Spur gebracht. Er hat ein gutes Gespür für Menschen und eine Nase für die Wünsche von Kunden und Konsumenten. «Das», so sagt er, «ist vielleicht mein grösstes Talent.» Konkurrenz- und Marktanalysen sowie die Kenntnis von Preisen und Zukunftstechniken seien die Basis guten Marketings. Zum Erfolg trügen aber immer auch Bauchentscheidungen bei. «Weil Emotionen in Werbung und Marketing eine immer grössere Rolle spielen, gehört die Zukunft der Imagewerbung», meint Bürgi. Er muss es wissen. An echte Werbeflops aus seiner Feder kann er sich jedenfalls nicht erinnern.
«In der Autowerbung geht es im Prinzip seit 70 Jahren um das Gleiche», sagt Bürgi und blättert durch einen VW-Verkaufskatalog von 1938, in dem der VW Käfer angepriesen wird. Stimmt: Es geht um Cockpit, Fahrwerk und Stauraum fürs Gepäck, um Tempo, Beschleunigung und Bequemlichkeit im Innenraum. In Schwarz-weiss und alten Lettern. Sonst ist alles genau wie heute. Dennoch hat sich zwischen Bleisatz und Digitaldruck viel getan. Die Reproduktionstechniken haben sich geändert, und neben Print müssen Radio, Fernsehen sowie die digitalen Medien mit Bannern und Co. bestückt werden. «Die letzten 50 Jahre waren eine sensationell schöne Zeit», findet Bürgi. «Ich durfte ständig etwas Neues lernen, meine Arbeit wurde nie langweilig.» Der rasante Fortschritt hat aber auch Nachteile: Kampagnen verlieren heute mehr und mehr an Schlagkraft, denn durch das permanente Bombardement mit Kaufanreizen verlieren wir allmählich unsere Empfindlichkeit gegenüber Werbebotschaften. «Vielleicht täte der Werbung eine Rückentwicklung ganz gut», gibt auch Bürgi zu bedenken. «Je grösser die Kommunikationsflut wird, desto weniger kann Werbung erreichen.»
Werbung mit Freude
Seine Geschäftspartner und Freunde waren überrascht, als Bürgi seine Pensionierungspläne verkündete. «Ich habe unisono Ungläubigkeit geerntet: ‹Bürgi, du setzt dich zur Ruhe? Das kann nicht sein!›.» Doch wer sich selbst zum Vorbild hat, den beirren solche Einwände nicht. «Vom Herzen her könnte ich noch 50 Jahre arbeiten», sagt Bürgi fröhlich. «Man kann keine Werbung machen, wenn man diesen Beruf nicht liebt. Aber mein Kopf sagt mir, dass ich nicht übertreiben soll. Darum höre ich jetzt auf und geniesse andere Dinge.» Bürgi plant eine lange Reise mit seiner Frau Anita sowie Engagements in den Bereichen Immobilien, Soziales und Natur. Präziser will er sich zu seinen Ideen noch nicht äussern. Fest steht aber schon, dass Bürgi sein Handicap verbessern will, denn er lernt gerade Golf spielen. Und was Curt Bürgi macht, das macht er richtig.
Anne-Friederike Wilhelm