In den letzten sechs Monaten gab es innerhalb der ADC-Community einigen Rummel, was die Menge der Kreativ-Wettbewerbe und ihre Bewertungen angeht. Verschiedene Gruppen, Initianten, Kritiker meldeten sich in Gesprächen, Grundsatzpapieren, Zirkularschreiben zu Wort, andere äusserten sich öffentlich in der Presse. Wie das so ist, ging es allen um dasselbe und jedem um etwas anderes.
Das Klagen über den Wildwuchs der Jurierungen und Prämierungen ist alles andere als neu und auch nicht auf den Schweizer Markt beschränkt. Angesichts des heutigen Ertrags- und Kostendrucks ist aber die Frage aktueller denn je, wieweit sich die Investition in die Teilnahme an all diesen Wettbewerben rechtfertigt. Dass die Jury-Organisationen ihr eigenes ökonomisches Interesse wahrnehmen und deshalb auch mit Shortlist-Platzierungen und zusätzlichen Kategorien um genügend Einsendungen bemüht sind, kann man ihnen nicht zum Vorwurf machen. Weshalb sich die Agenturen die Frage gefallen lassen müssen, weshalb sie sich nicht einfach selbst auf weniger Einsendungen bei weniger Jurierungen beschränken – woran sie ja niemand hindert.
Der Grund dafür liegt darin, dass halt keine Agentur einen einseitigen Waffenstillstand im Krieg um die Trophäen erklären will. Je mehr gewonnene Awards, desto besser der Ruf der Kreativen – und die Attraktivität der Agenturen für diese. Kommt dazu die Chance, dass die Auftraggeber die Bestätigung der Agenturen durch Awards zumindest als zusätzliche Qualifikation anerkennen. Die erwünschte Reduktion des Mengengeschäfts an Auszeichnungen wird deshalb nicht dem Markt überlassen, sie soll bitte durch eine sanfte Regulierungsmassnahme erreicht werden.
Das offizielle Kreativ-Ranking der Werbewoche soll es also richten. Indem es, so die Forderungen, weniger Wettbewerbe berücksichtigt (höchstens noch 10 gegenüber 18 vor noch zwei Jahren) und indem es weniger Auszeichnungen anerkennt (zum Beispiel die Shortlist-Plätze der Schweizer Wettbewerbe nicht mehr) und dabei die Punktevergabe zugunsten der höheren Auszeichnungen vergrössert. Zulasten der Chance, auch für vielfältige überdurchschnittliche Arbeiten honoriert zu werden, sollen damit zunehmend nur noch die absoluten kreativen Highlights anerkannt werden. Weil sie deshalb weit selektiver einsenden werden, wird das, so das Kalkül, letztlich die Rechnung aller Agenturen entlasten.
Der Werbewoche ist zu danken, dass sie den ADC, der ja als Jury-Organisation auch Partei ist, mitentscheiden lässt, wie das Kreativ-Ranking zu gestalten ist. In letzter Runde hat sich nun der ADC-Vorstand mit allen Fakten genauso wie mit allen Vorschlägen intensiv auseinandergesetzt – und ist zum Teil sogar darüber hinausgegangen. Mit einem grösseren und progressiven Gefälle zwischen oberen und unteren Rängen (von Grand Prix bis Shortlist) und zwischen den Wettbewerben (von Cannes bis Crossmedia) fördert er klar «Klasse vor Masse». Die dabei weit tiefer bewerteten Shortlists der Schweizer Awards können so ohne Weiteres (wie die aller anderen) berücksichtigt bleiben. Andererseits wurden die Fehler korrigiert, die sich aus den seit zwei Jahren zusätzlichen Unterschieden in der Punktevergabe (Zähler) für die einzelnen Auszeichnungen zwischen den Wettbewerben ergaben. War da doch plötzlich ein Bronze-Löwe gegenüber einem Bronze-Würfel weit mehr wert als ein Gold-Löwe gegenüber einem Gold-Würfel – und der Letztere viermal mehr wert als eine Shortlist-Platzierung, während der Gold-Löwe in Cannes nur zweieinhalbmal mehr wert war. Die Krux liegt halt auch hier im Detail.
Nach heftiger Diskussion hat der Vorstand auch akzeptiert, dass alle auf eine einzige Mediengattung fokussierten Wettbewerbe (wie Edi Film und Swiss Poster Award) im Kreativ-Ranking unberücksichtigt bleiben. Dies trotz der Ambivalenz, dass ADC-Mitglieder in deren Jurys Einsitz nehmen. Was den ADC angeht, sind die Budgetreduktionen der Agenturen mit heuer 30 Prozent weniger Einsendungen übrigens bereits ein Fakt. Mit seinen Beschlüssen und deren nochmaliger Abstimmung mit den Positionen der Werbewoche (siehe Kasten) hofft der ADC-Vorstand, die Diskussionen bis auf Weiteres abzuschliessen. Gegenüber den oft auch individuellen und damit sehr unterschiedlichen Interessen hatte er aber auch diejenigen der Instituton ADC wahrzunehmen.
Auch das Award-Business ist zum Verdrängungsmarkt geworden. Selbstverständlich hat sich auch der ADC Schweiz für einen der verbleibenden Plätze zu qualifizieren. Muss sich also für diese Zukunft richtig aufstellen und positionieren. Er steht im Umfeld aller Jurierungen für die kreative Natio¬nalliga. Dass diese weiter abgewertet wird, kann nicht in seinem Sinne sein – auch nicht in dem seiner Mitglieder, die gerne darauf verweisen, dass sie heute weit strenger (nach Cannes-Modus) jurieren, ihre Auszeichnungen also an Wert gewonnen hätten und nicht das Gegenteil. Kommt dazu, dass der ADC auf seinem neuen Kurs seit 2006 konsequent die erwünschte Relevanz seiner Jurierung für Werbeauftraggeber, Medien und alle Marktpartner verbessert hat. Dass diese als Partner, Kollegen, Förderer und Sponsoren heute gemeinsame Sache mit den Kreativen des ADC machen, ist auch weiterhin nur der Fall, wenn dieser seiner Anerkennung gerecht wird.
Jean Etienne Aebi, Präsident des ADC Schweiz
Das Kreativ-Ranking
Die Wettbewerbe für das Kreativ-Ranking der Werbewoche stehen nun fest, in Klammern der jeweilige Gewichtungsfaktor des Wettbewerbs: Cannes (5), Clio (5), D&AD (5), One Show (5), The Cup (5), ADC*E (4), Eurobest (3), ADC Schweiz (3), Effie (2), Crossmedia (1). Die Werbewoche hat entschieden, dass jede Agentur zusätzlich zu diesen Wettbewerben aus zwei internationalen und zwei nationalen Awards für sich diejenigen zwei auswählen kann, die ebenfalls für das Ranking zählen sollen. Es sind dies: Epica (1), London International Award (1), Swiss Poster-Award (1) und Edi (1). Damit entsprechen wir dem Wunsch vieler Agenturen. Die Gewichtungsfaktoren für die einzelnen Ränge sind die folgenden: 1 für Shortlist (Finalist, Merit, Book), 2 für Bronze (do. Edi: Special Edi, D&AD: Silber „Nomination“), 4 für Silber, 7 für Gold, 11 für Grand Prix (SPA: Gesamtsieger). Für The Cup gelten 11 für Grand Cup, 7 für Cup, 4 für Nomination, für ADC*E 7 für Gold, 4 für Nomination. Für LIA 7 für Grand Prize, 4 für Winner, 1 für Finalist. Zusätzlich beschlossen wurde, dass für das Kreativ-Ranking nur die höchste vergebene Auszeichnung gilt, wenn eine Kampagne in derselben Jurykategorie eines Wettbewerbs mehrere (für mehrere Einzelsujets) gewonnen hat.