Eigentlich sollte Werbung dem Entscheidungspsychologen Chris Roetheli nichts anhaben können. Doch obwohl Roetheli am liebsten No-Name-Produkte in günstigen Discountern kauft, hat auch er sich schon zum Kauf preisreduzierter Fitnessgeräte und einer Schlagbohrmaschine verführen lassen. Und auch bei ihm erzeugen solche Schnäppchen ein kurzfristiges Glücksgefühl – obwohl sie später im Keller verstauben.
Ob wir glücklich sind, hängt in hohem Masse davon ab, ob wir uns und unser Leben als gelungen empfinden und ob wir die Entscheidungen, die wir treffen, für richtig halten. Die subjektive Auffassung, wir hätten gut entschieden, kann uns selig machen, selbst dann, wenn der Entschluss sich im Nachhin¬ein als Fehler entpuppt. «Manchmal stellt sich ein Glücksgefühl ein, wenn ein mühseliger Entscheidungsprozess in einen Entschluss mündet und uns eine grosse Last von den Schultern fällt», erklärt Roetheli. «Die Funktion des Glücks besteht aber nicht darin, uns ein gutes Gefühl zu geben. Glück will uns helfen, Ziele zu erreichen. Deswegen werden wir nicht nur beim Erreichen eines Ziels mit Glücksgefühlen belohnt, sondern auch dann, wenn wir auf dem Weg zum Endpunkt Hindernisse überwinden. Es lohnt sich deshalb, Entscheidungen nicht nur als Einzelereignisse zu betrachten, sondern in ihrer Auswirkung auf unsere Lebensqualität und unser persönliches Glück.» Der studierte Wirtschaftswissenschaftler und Psychologe beschäftigt sich seit 1991 mit Entscheidungen, seit anderthalb Jahren richtet er seinen Blick auch auf Glück und Lebensqualität. Seine Erkenntnisse teilt Roetheli als Unternehmensberater mit Firmen und als Dozent für Entscheidungspsychologie mit Studierenden.
Schlüpfriges GutBlöd am Glück ist, dass es so flüchtig ist: Man freut sich monatelang auf den neuen Audi TT RS. Kann man ihn dann endlich fahren, verliert er schnell seinen Reiz. Oder in der Liebe: Ist der oder die Begehrte endlich erobert, werden Fussball und Freunde wieder spannender. Oft jedenfalls. «Beim Lottogewinn wie bei einer Querschnittslähmung gilt: Nach einem Jahr sind die Betroffenen praktisch wieder auf dem gleichen Glücksniveau wie vorher», sagt Roetheli. «Dieser Mechanismus funktioniert sowohl bei Ausschlägen nach oben als auch nach unten.» Wir können unser Leben allerdings auf einem hohen Glückspegel halten: mit dem richtigen Entscheidungsverhalten. Natürlich gibt es Optimisten und Pessimisten, Personen, die mit wenig glücklich, und solche, die mit viel unglücklich sind. «Unterschiede in den Präferenzen, Wünschen und der Art, wie wir mit Problemen umgehen, sind durch Veranlagung und Erziehung geprägt», weiss Roetheli. «Aber das Streben nach Glück haben wir alle programmiert.»
Entscheidungsprozesse spielen auch in der Werbung eine wichtige Rolle. Auf der einen Seite bei Unternehmen und Werbern, die Entscheidungen von Käufern zu ihren Gunsten beeinflussen möchten, auf der andern Seite bei Konsumenten, die sich zwischen vielen Angeboten entscheiden müssen und mit jedem Kauf ihren persönlichen Gewinn maximieren wollen. Werber behelfen sich mit Glücksversprechen, um Kunden vom Kauf eines Produkts zu überzeugen. Entweder verpacken sie die Verheissung subtil in bunte Bilder und schwelgende Melodien, etwas platter wedeln sie direkt mit dem Begriff «Glück»: Die Werbedatenbank Slogans.de findet 135 Claims mit diesem Stichwort. Der älteste stammt von 1935, «Viel Glück im Neujahr fünfunddreissig … und esst nur Ankerbrot recht fleissig!», der jüngste aus diesem Jahr: Toskanaworld verspricht «Glück und Gesundheit».
Nachhaltige EntscheidungFür Konsumenten sind inmitten all dieses (scheinbar) käuflichen Glücks zwei Fragen drängend: Wie entscheide ich mich richtig? Wann macht mich mein Entschluss glücklich – und zwar langfristig? «Manche Strategien sind geeigneter, Glück zu produzieren, als andere», sagt Roetheli. «Die meisten Entscheidungen fällen wir aus dem Moment heraus. Wer zwei Alternativen angeboten bekommt, wählt die ihm momentan besser erscheinende.» Werbung versucht, in genau diesem Moment zu punkten. Oft verführt sie uns dazu, in einer Situation eine Entscheidung zu treffen und spontan etwas zu kaufen, obwohl wir gar kein Bedürfnis danach haben. «Solche Käufe geben uns vielleicht ein kurzes Glücksgefühl, aber das ist rasch vorüber», sagt Roetheli. Als Beispiel führt er Jugendliche an, die jeden Samstag in die Stadt gehen, um noch eine Jeans oder noch ein T-Shirt zu kaufen. Weil die dadurch erreichte Befriedigung von so kurzer Dauer ist, suchen sie den Kick Woche für Woche. «Natürlich sind auch die kleinen Freuden wichtig», stellt Roetheli klar. «Ich plädiere nicht dafür, Asket zu werden. Aber dauerhaft glücklich macht ein solches Konsumverhalten nur wenige.»
Schlaues TagebuchUm systematisch abzuwägen, was einen auf lange Sicht glücklich macht, schlägt Roetheli vor, eine Art Tagebuch zu führen. «In einem solchen Journal kann man festhalten, was man den ganzen Tag gemacht hat und wie zufrieden man damit ist», erklärt er. «So erfasst man die Lebensqualität eines jeden Tages.» In der Rückschau könne man dann zum Beispiel sehen, ob das Joggen am Morgen oder der Schuhkauf in der Mittagspause für das persönliche Glück entscheidend gewesen sei – und sein Verhalten entsprechend anpassen.
Wer nachhaltig glücklicher werden will, dem rät Roetheli, die Langfristperspektive in seine Kaufentscheidungen einzubeziehen. Er selbst erleichtert sich Entschlüsse mit einer einfachen Frage: Welche Folgen hat meine Entscheidung in zehn Minuten, in zehn Monaten und in zehn Jahren? Diese Formel publiziert die amerikanische Autorin Suzy Welch in ihrem gerade erschienenen Buch «10 – 10 – 10». Hilfreich kann 10 – 10 – 10 zum Beispiel bei der Kindererziehung sein: Ihr Kind fängt an der Kasse an zu schreien, weil es die Süssigkeiten entdeckt hat, die Sie ihm lieber nicht kaufen möchten. Geben Sie dem Geschrei nach, haben Sie für die nächsten zehn Minuten Ruhe. In zehn Monaten wird sich die Szene wahrscheinlich ein paar Mal wiederholen. Und in zehn Jahren ist Ihr Kind dann darauf konditioniert, dass es nur schreien muss, um zu bekommen, was es will. Ein anderes Beispiel: Sie müssen sich zwischen dem teuren USM-Regal und Ikeas Billy entscheiden. Sie brauchen jetzt rasch eine Abstellmöglichkeit (10 Minuten), werden in einem Jahr ins Ausland gehen (10 Monate) und Ihre Wohnung auflösen (10 Jahre)? Das spricht für Billy. Sie sind nicht besonders flüssig (10 Minuten), wollen aber Ihre gerade gekaufte Wohnung einrichten und etwas Solides für Ihre Bücher (10 Monate, 10 Jahre)? Das spricht für USM. Selbst wenn Sie für diesen Kauf jetzt Stutz zusammenkratzen müssen.
Entlastende Routine10 – 10 – 10 ist eine gute Strategie für alle, die bei wichtigen Themen Entscheidungen treffen möchten, die sich auch auf lange Sicht als sinnvoll erweisen und die damit dauerhaft zufriedenstellen. Wer jedoch jedes Kinkerlitzchen nach 10 – 10 – 10 abklopft, wird wahrscheinlich wahnsinnig werden. Deshalb rät
Roetheli dazu, einfache Entscheidungen zu automatisieren: «Ich denke nicht mehr darüber nach, ob ich Zucker in den Kaffee tue oder nicht», sagt der Entscheidungsprofi. «Ich habe diesen Entschluss einmal gefällt und nun einfach keinen Zucker mehr im Haus.» Gleiches gilt für die Fitness: «Wer sich mit Joggen fithalten möchte, sollte nicht jeden Tag darüber entscheiden, ob er nach der Arbeit noch eine Runde laufen gehen will oder nicht», rät Roethli. «Es ist einfacher, sich einmal darauf festzulegen, jeden Abend oder jeden zweiten zu joggen – und das dann auch zu tun.» So entlasten wir uns vom allmorgendlichen Soll-ich-oder-soll-ich-nicht und fügen uns in eine selbstverordnete Routine.
Natürlich gibt es auch Einwände gegen ein solches Verhalten. Schliesslich ist Entscheidungsfreiheit ein wesentliches Konstituens des Menschseins. Und wer sich selbst konditioniert und auf Instinkte setzt, beraubt sich in Teilen dieser Freiheit.
als Produzenten von Glücksvorstellungen»Roetheli plädiert trotzdem dafür, seine Kraft für die wichtigen Entscheidungen aufzusparen. Weil das im Endeffekt glücklicher macht: «Muss ich mich jedes Mal gegen den Zucker in meinem Kaffee entscheiden, wird mir das Fehlen des Zuckers als absoluter Mangel bewusst», erklärt er seine These. «Dank unseres Bewusstseins können wir aber einen Schritt weiter denken.» Zucker zu nehmen sei mit Blick auf die langfristigen Auswirkungen wie Altersdiabetes nicht clever. Die beste Lösung sei also, den Zuckerverzicht einmal zu beschliessen und dann nicht weiter darüber nachzudenken, so Roetheli. «Wer sich unnötige Entscheidungen durch Routine wegnimmt, ist auf Dauer glücklicher. Menschen, die viel Routine in ihr Leben gebracht haben und nur noch die wichtigen Entscheidungen bewusst treffen, sind glücklicher als die, die sich täglich über Mars oder Milky Way den Kopf zerbrechen. Wir sollten Entscheidungsfreiheit dort einsetzen, wo es um wichtige Dinge geht, also in der Partnerschaft, im Job oder bei der Kindererziehung.»
Gesunde SkepsisWerbung versucht, Verbraucher abzurichten. Einfallsreiche Sujets wecken die Lust auf Glacé oder den neuesten MP3-Player. Sie wollen Verbraucher dazu verleiten, ihr Begehren nach Sahneeis oder Musik im Ohr rasch im nächsten Laden zu stillen – und sich damit ein kurzes Glück zu kaufen. Selbstkonditionierung kann vor solchen Konsumverlockungen schützen: Wer beschlossen hat, dass es nur einmal in der Woche ein Glacé gibt, ist weniger Wachs in den Händen der Werbesirenen. «Seien Sie skeptisch und fragen Sie ‹bringt’s mir das?›», rät Roetheli. «Was die Werbung als Nutzen darstellt, ist oft keiner oder nur ein ganz kurzfristiger.»
Hat man allerdings vor, demnächst einen MP3-Player zu kaufen, bekommt Werbung auf einmal informativen Charakter. Bei der Produktauswahl suchen fast alle Konsumenten nach dem Angebot, das die anderen in Preis und Leistung aussticht. Eine breite Entscheidungsbasis, die aus möglichst vielen Inputs zur ins Auge gefassten Ware und ihren Konkurrenzprodukten besteht, ist da sehr hilfreich. «Auch ich vergleiche», gibt Roetheli zu. «Aber ich nutze dafür Blogs und Testberichte. Denn über die Qualität des gewünschten Produkts, um die es mir ja geht, sagt Werbung im Normalfall rein gar nichts. Jeder präsentiert nur seine Ware als beste Wahl. Da kann man leicht mal hereinfallen.» Werbung sei immer eine Einladung zu einem heiklen Doppelspiel, sagt Jo Reichertz, Soziologieprofessor am Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Duisburg-Essen. «Einerseits weiss der Rezipient, sobald er auf Grund seiner Erfahrung mit Werbung etwas als ‹Werbung› enttarnt hat, dass er die dargebotenen Informationen nicht für bare Münze nehmen kann, zum anderen stellt sich ihm wider alle Vernunft und Erfahrung die Frage, welche Teile der Werbebotschaft vielleicht dennoch stimmen und ihm von Vorteil sein könnten. Die Güte einer Werbung hängt davon ab, wie intelligent sie das Doppelspiel auf die jeweiligen Mitspieler abstimmen kann.»
Süsse SuggestionNatürlich weiss auch Chris Roetheli, dass Werbung ein Spiel mit Vorstellungen und Träumen ist. «Meinungen sind manchmal wichtiger als Argumente», sagt der Entscheidungspsychologe selbst. Und Werbung verbreitet Meinungen. Wer eine teure Creme statt einer gleich gut wirkenden günstigen kauft, glaubt an ihre Wunderkraft, an das Versprechen, durch die Kosmetik schöner und letztlich glücklicher zu werden. Tatsächlich wird der Käufer nach der Anwendung der Creme anders auf seine Mitmenschen zugehen, als wenn er die günstige benutzt hätte. Denn die Psyche spielt das Spielchen perfekt mit. Auch das Empfinden, sich selbst etwas Gutes gegönnt zu haben, ist sehr beglückend. Also tut die Creme ihre Wirkung, wenn auch anders «von innen heraus», als die Inserate anpreisen. Aber ist dieser Placeboeffekt schlimm? «Nein», sagt Roetheli. «Ob er allerdings hundert Franken wert ist, müssen Sie entscheiden. Es ist Ihnen überlassen, ob Sie mitspielen wollen oder nicht. Sie können sich aber auch ein bisschen Freiheit zurückerobern, wenn Sie selbst die Regeln dieses Spiels bestimmen.»
Wie wäre es denn, wenn nicht (nur) Konsumenten, sondern Unternehmen und Werbeagenturen nach dem Motto 10 – 10 – 10 agieren würden? Dann müsste Werbung transportieren, was Konsumenten vom Kauf eines Produkts haben, in zehn Minuten, in zehn Monaten und in zehn Jahren. Die klassische Return-on-Investment-Geschichte, bloss dass es diesmal um Rendite für den Kunden geht. Das funktioniert natürlich nicht bei Vogelfutter und anderen Gütern mit kurzer Halbwertszeit. Doch je nachhaltiger das zu verkaufende Produkt ist, desto einfacher wäre die Argumentation.
Ebenbürtige Partner«Noch einen Schritt vorher könnten Unternehmen sich bereits bei der Produktentwicklung fragen, wie sie für ihre Kunden den grössten Wert erzeugen können», wünscht sich Roetheli. «Sie könnten ihre Kunden stärker in die Entwicklung einbeziehen. Damit würden sie sich wirklich von der Konkurrenz abheben.» Solch ein Ansatz propagiert einen neuen Umgang mit Konsumenten: Unternehmen, Werber und Kunden würden zu Partnern – und dadurch möglicherweise dauerhaft glücklich.
10 – 10 – 10 kann auch im vergleichenden Wettbewerb schlagende Argumente liefern, beispielsweise in der Automobilindustrie. Autobauer versprechen bisher mit ihren Sujets alle Formen des Glücks, Fakten lassen sie oft vermissen. Wer Kaufinteressierte davon überzeugen kann, dass sie auch in zehn Jahren noch Freude an ihrem Automobil haben, kann vielleicht auch einen im Vergleich höheren Kaufpreis aufwiegen. Denn der tut nur zehn Minuten lang weh. Nachhaltigkeit ist immer wieder und immer mehr ein Thema, auch in der Werbung. Und dauerhaftes Glück auch.
Anne-Friederike Wilhelm
In Kürze: Dr. Chris Roetheli
Chris Roetheli hat an der Universität Bern Wirtschaftswissenschaften studiert. Nach seinem Studium arbeitete Roetheli vier Jahre im Verkauf und im Marketing von IBM. Danach wechselte er für drei Jahre zur UBS, wo er zuletzt eine Gruppe von Firmenkundenberatern im Kreditgeschäft anführte. Bei der Computerfirma Digital begann Roetheli als Verkaufsleiter, später wurde er District Manager und Vizedirektor. 1991 machte sich Roetheli als Unternehmensberater selbstständig, seither berät er Unternehmen bei wichtigen Managemententscheidungen. Parallel begann Roetheli mit einem Psychologiestudium, das er mit einer Promotion über Individuen bei Personalentscheidungen abschloss. Seit 1999 ist Roetheli ausserdem Dozent für Entscheidungspsychologie an der Fachhochschule Nordwestschweiz. www.entscheiden.com
Was ist Glück?
«Was Glück im einzelnen Fall und für den einzelnen Menschen ausmacht, variiert […] mit Alter, Geschlecht, Rasse, Bildung, Gesundheitszustand, Situation, Wohnort, Zeit, Religion und vielem anderen mehr. Glück ist nämlich das Begehrenswerte, das ‹normal› (also in der Mehrzahl der Fälle) in einer bestimmten Situation nicht erwartbar war, nicht erwartbar sein konnte. Ein Unglück ist dann passiert, wenn das Erwartbare deutlich negativ unterschritten wird. Man kann grosses und kleines Glück haben, glücklich und sehr glücklich sein. Man kann Glück gehabt haben, ohne glücklich zu sein, aber auch glücklich sein, ohne Glück gehabt zu haben. Glück und das Glücklichsein kennen also Grade und unterschiedliche Mischungsverhältnisse […]. Verbleibt man im Bereich des Erwartbaren, dann ist man
zufrieden. Glück überschreitet das Erwartbare. Glück ist also relativ zu dem im jeweiligen Kontext Erwartbaren.»
aus: Jo Reichertz (2009), «Glück als Konsumgut? oder: Massenmedien