Gerüche sind eng mit Emotionen verbunden, sie können Gefühle ausdrücken und Gefühle hervorrufen. Der Geruch von Zimt versetzt einen direkt in Grossmutters Küche, zwischen Lebkuchen und Zimtsterne. Feuchte Socken rufen – im besten Fall – Bilder von der letzten Skitour vor Augen, und Lederduft erinnert an den schweren Backensessel in Vaters Büro, in dem sich Kater Mikesch immer zusammenrollte. Der Geruchssinn war der erste Sinn, der während der Evolution ausgebildet wurde, und er ist der einzige menschliche Sinn, der bereits bei der Geburt voll entwickelt ist. Jeder Mensch kann etwa 10‘000 Gerüche speichern und wiedererkennen, 90 Prozent der Geschmackswahrnehmung laufen über den Geruchssinn. «Gerüche sind der einzige Sinneseindruck, der ungefiltert das Gehirn erreicht», sagt Hans Rudolf Keller*, Neuromarketingexperte, Mentaltrainer und Inhaber von Mental.ch. Das macht ihre besondere Kraft aus. Gerüche beeinflussen uns auch dann, wenn wir sie nicht bewusst wahrnehmen. Sie steuern unser Unterbewusstsein, herrschen über Sympathie und Antipathie. Die feinen Einflüsse von Düften reichen so weit, dass wir uns in einem Raum wohlfühlen oder einen Menschen mögen, ohne zu realisieren, dass es Düfte sind, die uns so empfinden lassen. Auch schlechte Gefühle können von Gerüchen hervorgerufen werden: «Ich kann ihn nicht riechen», ist weit mehr als eine Metapher. Düfte steuern unser Sozial- und Sexualverhalten, und sie beeinflussen den Hormonhaushalt. Auch mit unserer Partnerwahl hat die Nase mehr zu tun, als den meisten von uns bewusst ist.
Kaufentscheide sind Gefühlssache
Bei der Wahl einer Marke entscheiden wir uns ähnlich intuitiv wie bei der Auswahl unseres Lebenspartners. Warum tragen Sie Boss, nicht Hilfiger? Liegt es wirklich an der besseren Passform und den edleren Farben? Warum fahren Sie Audi, nicht Hyundai? Ausgereiftere Technik? Kurz: Marken mobilisieren Emotionen. Entweder passt eine Marke zu Ihnen und Sie fühlen sich mit ihr wohl, oder eben nicht. Was liegt näher, als diesen Beziehungsaufbau mit Düften in die gewünschte Richtung zu lenken? Caroline Demeulemeester** hat sich genau das auf ihre duftenden Fahnen geschrieben. Aus natürlichen Essenzen kreiert die Marketingberaterin und diplomierte Aromatologin seit 2006 Parfums und Raumdüfte für Privatleute und Unternehmen: «Ich übertrage die Werte einer Marke in Duft», erklärt sie. «Zu einer klassischen Marke passt zum Beispiel Patchuli, zu einer frischen, jungen Marke eher Lotusblume.»
Solche Duftnoten kombiniert Demeulemeester zu einem Markenduft, mit dem dann der Hauptsitz eines Unternehmens, seine Niederlassungen, Flagship-Stores, Messestände, Verkaufsräume, der POS und sogar Produkte beduftet werden können. Die Kunst am Ganzen ist die Dosierung: Die Düfte dürfen keine olfaktorische Ohrfeige sein, die à la «Parfumerie ganz kurz vor Weihnachten» oder «Vanillearoma auf dem WC» sofort Geruchssinn und Denkvermögen abtöten. Markendüfte werden via Duftsäule oder Klimaanlage so fein dosiert in der Luft verteilt, dass sie nicht einmal wahrnehmbar sind, wenn man ganz genau hinriecht. Sie schlängeln sich subtil durch unsere Nase in die Blutbahn und erzeugen ein gutes Gefühl – das unbewusst mit der Marke verknüpft und abgespeichert wird. «BMW und Mercedes haben bereits vor 30 Jahren mit der Beduftung ihrer Autos angefangen», berichtet Demeulemeester. «Zunächst ging es nur darum, zum Beispiel mit Lederduft unerwünschte Kleber- und Plastikgerüche zu vertreiben.» Mercedes hat inzwischen ein eigenes Duftkonzept für Räume und Produkte, das im gesamten Konzern eingesetzt wird. Die modebewussten Italiener zeigen, wie es weitergehen könnte: Wer im vergangenen Jahr in Italien einen Lancia Ypsilon kaufte, konnte zwischen drei Geruchsnoten für sein Fahrzeug wählen.
Vanille gegen nassen Hund
Doch nicht nur Automobilkonzerne setzen auf feine Gerüche. Auch Manor, Globus und die Migros beduften in allen Abteilungen, nicht nur bei Fleisch und Backwaren. Auch Kinderkleidung, Papierwaren und Haushaltgeräte haben einen eigenen Geruch. So bringen die Retailer ihre Konsumenten ganz subtil in Kaufstimmung. Einen auf die Marke abgestimmten Duft leisten sich Siemens, der Autosalon Genf, Singapore Airlines, der Flughafen Zürich und die Uhrenmarke Omega. Siemens verbucht seit Einführung seines neuen Duftkonzepts sogar 30 Prozent weniger Krankheitstage in der Belegschaft. Weil es gut riecht? Genau. Ein positiver Nebeneffekt der Raumbeduftung ist nämlich die Reinigung der Luft, nicht nur von üblen Gerüchen, sondern auch von Bakterien und Keimen. Die Firma Air Creative aus Rheinfelden zum Beispiel bietet ein Beduftungssystem an, das zuallererst den Schmutz aus der Luft filtert, in einem zweiten Schritt unangenehme Gerüche wie Rauch oder Schweiss eliminiert und erst dann die gut duftenden Essenzen in die saubere Luft abgibt. «Nasser Hund», «alte Sportschuhe» und «verschwitztes Hemd» werden mit Maisstärke also erst einmal neutralisiert, bevor sanfter Vanille- oder Grapefruitduft einen Wohlfühleffekt erzeugen. Alles andere ergäbe eine schier unerträgliche, olfaktorische Kakophonie.
Die Hotelketten Swissôtel und Hyatt haben längst erkannt, wie gut sie sich mit Düften von ihrer Konkurrenz abheben können. Swissôtel-Häuser haben an allen Standorten den gleichen «Corporate Scent», die Hyatt-Hotels in Paris, Dubai, Washington und Zürich besitzen einen individuellen Duft – jeweils passend zur Stadt. Für das Zürcher Hyatt hat sich der Pariser Parfumeur Blaise Mautin von Bellevue, Grossmünster und Limmat inspirieren lassen und aus Bergamotte, Grapefruit, Ylang-Ylang, Thymian und Patchuli einen frischen, jungen und dynamischen Duft geschaffen. So riecht Züri – jedenfalls für die Gäste des Hyatt. Sie erleben die Stadt nicht nur draussen vor der Tür, sondern auch in Raumspray, Kerzen, Körperlotion, Duschgel, Seifen und Badesalz. Und kommen hoffentlich wieder.
Atmosphäre macht den Unterschied
Gute Gerüche sind schön – aber haben sie wirklich Einfluss auf Markenimage und Umsatz? «Ja», sagt Duftexpertin Demeulemeester und belegt ihre Überzeugung mit einem Beispiel: Beiersdorf hat für Nivea ein Experiment in zwei Kinosälen durchgeführt. In beiden Sälen war vor dem Film ein Werbespot für ein Nivea-Produkt zu sehen, in einem der Säle wurde zudem Nivea-Duft versprüht. Nach dem Film wurden die Kinobesucher gefragt, ob sie sich an den Nivea-Spot erinnern können. Im bedufteten Kino waren es 37 Prozent, im duftfreien weit weniger. Bei einem anderen Test schauten sich 45 Probanden in zwei identischen Räumen das gleiche Paar Sportschuhe an. Der eine Raum war duftfrei, der andere in einen leichten Blütenduft getaucht. Auch wenn Blütenduft und Sportschuhe im Alltagsverständnis kaum zusammengehen: 84 Prozent der Versuchspersonen gefielen die Schuhe im bedufteten Raum besser als im unbedufteten. Eine sportliche Leistung.
«Beim Scent Branding und Scent Marketing gibt es noch erhebliches Entwicklungspotenzial», sagt Demeulemeester. «Discotheken und Beizen müssen in der rauchfreien Zukunft zum Beispiel ein wirksames Mittel gegen Schweissgeruch finden. In Trams, Postdienststellen und SBB-Schalterhallen muss man oft warten und unangenehme Gerüche ertragen. Warum eigentlich? Ärzte könnten mit gezielter Beduftung den Stress ihrer Patienten abbauen, und auch beduftete Ausstellungen kann ich mir gut vorstellen. Der Duft kann das Erlebnis noch verstärken.» Die Entwicklung eines Duftkonzepts mit einem Duft kostet bei Demeulemeester 2‘000 Franken, für jeden weiteren Duft kommt der gleiche Betrag dazu. Ausserdem muss noch die Duftsäule angeschafft werden, die zum Beispiel bei Air Creative je nach Gerätetyp und Raumgrösse zwischen 200 Franken und 3‘000 Franken kostet.
Natürlich darf, wer seine Verkaufsräume in einen angenehmen, kaum wahrnehmbaren Duft hüllt, nicht erwarten, dass sein Umsatz sprunghaft steigt. Der Duft kann aber durchaus bewirken, dass sich Kunden im bedufteten Geschäft wohler fühlen und sich dort lieber aufhalten als in einem anderen Laden. Sie verweilen dort länger, kommen eher wieder und kaufen im Endeffekt vielleicht auch mehr. Heute kann man alles überall kaufen. Da macht Atmosphäre eben den kleinen, aber entscheidenden Unterschied.
Anne-Friederike Wilhelm
Dieser Artikel erschien in der aktuellen Printausgabe der Werbewoche. Weitere Beiträge finden Sie hier.