Tamedia ohne TV/Radio?
Tamedia überprüft offenbar ihre Strategie bezüglich TV und Radio. Im Vordergrund stehen dabei das offenbar defizitäre Tele Züri sowie Radio 24. Was würde ein Verkauf dieser Sender für Tamedia bedeuten und wer käme als Käufer infrage.
An der Jahrestagung 2009 der Schweizer Presse bekannte VR-Präsident Pietro Supino in klaren Worten, dass für Tamedia Print und Online im Fokus stehen. Die elektronischen Medien sind also eher geduldet – solange sie keine grösseren Verluste einfahren. Wenn man sich jetzt bei Tamedia mit der Frage eines Verkaufs befasst, kann das nur heissen, dass es Verluste gibt. An der Präsentation der Halbjahreszahlen 2010 hielt Martin Kall denn auch fest, dass die Radio- und TV-Aktivitäten hinter den Erwartungen zurückbleiben und keinen Ergebnisbeitrag liefern würden. Und im Geschäftsbericht 2009 wurde für den ganzen Bereich elektronische Medien (also inkl. des als erfolgreich dargestellten Online-Geschäfts) ein Betriebsergebnis von –1,41 Mio. Franken ausgewiesen. Dabei ist offensichtlich, dass die Verluste nicht von Radio 24, sondern von TeleZüri stammen. Und dies trotz der relativ grossen Freiheiten, die der nicht mehr konzessionierte Sender bezüglich Verbreitung und Werbung geniesst.
Tele Züri – erfolgreichster Lokalsender Europas
Andrea Haemmerli, Kommerzielle Leiterin von TeleZüri und Radio 24, nimmt zu den Verkaufsgerüchten keine Stellung. Sie weist aber darauf hin, dass Tele-Züri 2010 zwischen 18 und 23 Uhr im Grossraum ¬Zürich hinter SF 1 und SF 2 auf die dritthöchste Nettoreichweite kam. Allein in der ersten Sendestunde (18–19 Uhr) erreichte TeleZüri gut 100 000 Zuschauer. Das sind zwar rund 48 000 weniger als SF 1, aber immerhin etwa 28 000 mehr als SF 2, das mit 73 000 Zuschauern auf dem dritten Rang liegt. Und die Sehdauer von 19 Minuten pro Zuschauer liegt in dieser Stunde auf Augenhöhe mit SF 1.
Diesen Zahlen fügt Haemmerli an, dass TeleZüri auch im europaweiten Vergleich der mit Abstand erfolgreichste Lokalsender sei – sowohl bezüglich Zuschauerzahlen als auch bezüglich Werbeertrag. Nur deckt der Werbeertrag offenbar trotzdem die Kosten nur in Jahren ohne ausserordentliche Investitionen. Solche ergaben sich 2010 durch das Projekt Schweizer Sportfernsehen (SSF) und 2011 durch neue, aber auch kostensparende Technik. Die Aussichten für 2011 schätzt Andrea Haemmerli auch deshalb sehr positiv ein, da sich die Ertragslage durch zusätzliche Sendungen (teilweise ausserhalb der Primetime) und Synergien mit SSF verbessern wird. In der lukrativen Primetime stellt die Stundenschlaufe allerdings einen Knackpunkt dar. Die stündliche Wiederholung ist einerseits das Erfolgsrezept auf dem Zuschauermarkt, schränkt aber andererseits die Möglichkeiten bezüglich verkaufter Werbezeit ein. Da der Sender sehr gut ausgelastet ist, kann ein Mehrertrag eigentlich nur durch entsprechende Preiserhöhungen hereingeholt werden. Die offene Frage ist deshalb, ob ein entsprechender höherer Preis im Markt Akzeptanz findet.
Nicht nur aufgrund des Erfolges im Zuschauermarkt wäre ein Verkauf der Zürcher Sender eine problematische Entscheidung. Denn er würde auch sofort die Frage nach sich ziehen, was mit Capital FM und Tele Bärn passieren soll. Dort ist die Situation nicht wesentlich anders als in Zürich. Immerhin kann Tele Bärn vom Gebührensplitting profitieren. Im Werbemarkt ist der Berner Sender aber stark von der Lokomotive TeleZüri abhängig. Denn nationale Werbung kommt praktisch nur über das Tele Regio Combi (TRC) herein. Und hier «liefert» TeleZüri fast 40 Prozent der Zuschauer. Wenn ein neuer Besitzer nicht mehr im TRC mitmachen würde, wäre dies auch für Tele Bärn (und die weiteren im TRC vereinten Sender Tele Basel, Tele M1, Tele 1 und Tele Ostschweiz) ein schwerer Schlag, den das TRC kaum überleben könnte.
Tamedia ganz ohne TV/Radio?
Im Endeffekt würde der Verkauf von TeleZüri also das Problem höchstens nach Bern verlagern und die Frage nach der Zukunft von Capital FM und Tele Bärn aufwerfen. Wobei ein Verkauf der beiden voll ins Medienhaus am Dammweg integrierten Studios ein eher schwieriges Unterfangen sein dürfte. Martin Kall, der strategische Kopf von Tamedia, würde aber wohl einen Grundsatzentscheid für den Konzern wollen. Und der könnte dann nur heissen: Tamedia gibt ihre Engagements im Bereich TV und Radio vollständig auf. Davon wären dann auch noch Minderheitsbeteiligungen von Edipresse am grössten Westschweizer Regional-TV-Programm La Télé und (indirekt) am Genfer Regionalradio Yes FM betroffen.
Sollte dieses Szenario Tatsache werden, wäre vor allem das weitere Schicksal von TeleZüri von grossem Interesse. So hat der Blick am Abend am 10. Februar die Frage gestellt «Kauft die SVP TeleZüri?». So direkt dürfte das wohl kaum der Fall sein. Aber denkbar wäre ein Konsortium von Weltwoche (mit dem stramm rechtspolemischen Chefredaktor Roger Köppel), Basler Zeitung (mit dem Chefredaktor und selbst ernannten Statthalter Blochers Erwin Somm) und den Schaffhauser Nachrichten auf dessen Website Tele Blocher ausgestrahlt wird. Die Finanzierung würde aber vermutlich über finanzstarke Sympathisanten im Hintergrund nach dem Vorbild der Basler Zeitung laufen. Nach einer solchen Übernahme würde aus TeleZüri sicher ein Deutschschweizer Sender, in dem auch die schon viel zitierte «Gegen-Arena» eine Heimat haben könnte. Ein solches Szenario ist nicht auszuschliessen. Erfolgreich dürfte es aber kaum sein. Die Zeit der politischen Medien ist schon im letzten Jahrhundert abgelaufen. Und was die SVP-Strategen nicht gemerkt haben: Es sind gerade die unsäglichen «Hau-drauf-Debatten», die den Marktanteil der «Arena» kontinuierlich schrumpfen liessen. Kommt dazu, dass politische Ambitionen im heutigen Medienmarkt den sichersten Garanten für einen Misserfolg bilden. Das beste Beispiel dafür ist Ringier, der mit den politisch motivierten Ratschlägen eines inzwischen nach Berlin ausgelagerten Mitarbeiters vor allem in den Neunzigerjahren genügend schlechte Erfahrung gesammelt hat.
Was macht Ringier?
Ringier könnte allerdings ein heisser Anwärter für den Kauf von TeleZüri sein. Übernommen würde dabei wohl nur die Infrastruktur. Denn das heutige Konzept passt nicht in die Ringierstrategie (siehe Werbewoche Nr. 2/2011, Seite 23). Ringier könnte aber aus TeleZüri ein Blick TV machen, auf dem Softnews im Stil von «Glanz & Gloria», aber auch Sportnews ausgestrahlt würden. Immerhin wird ja das Schweizer Sportfernsehen (SSF) bereits seit August 2010 bei TeleZüri produziert. Da könnten sich also durchaus weitere Synergien ergeben. Und wenn Ringier allenfalls Übertragungsrechte für Fussball und/oder Eishockey erwerben würde, hätte man gleich auch einen Kanal, der durch ein solches Angebot seine Präsenz in den Kabelnetzen sehr schnell auf die ganze Deutschschweiz ausdehnen könnte.
Ein solches Szenario ist zwar interessant, soll aber nach Aussage von Kommunikationsleiter Edi Estermann bei Ringier kein Thema sein. Vielleicht gehen Ringiers Gedanken in diesem Zusammenhang auch eher in Richtung des erfolgreichen Senders 3plus, der inhaltlich hervorragend zu Ringier passen würde. Allerdings hat Inhaber Dominique Kaiser bisher immer betont, dass sein Sender nicht zu verkaufen sei. Ob das immer noch so ist, wenn der Preis genügend hoch ist, bleibt natürlich offen.
Ueli Custer
Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Printausgabe der Werbewoche.




