Interaktive Kommunikation im Wandel der Zeit
Für die Akquisition eines neuen Kunden setzen sich Unternehmer heute nicht mehr in die «Trinkstube» eines Zunfthauses, sondern loggen sich beispielsweise auf Xing.com ein. Heute ist der User von Social-Media-Plattformen in der Lage, sich jederzeit und anhand der von ihm selbst definierten Kriterien interaktiv zu vernetzen.
Im Mittelalter organisierten sich Handwerker und Gewerbetreibende in Zünften. Die älteste urkundlich belegte Zunft ist die der Kölner Bettdeckenweber aus dem Jahr 1149. Die Zünfte definierten Ausbildungsregeln, Arbeitszeiten, Produktqualität, Preise und schanzten sich in ihren «Zunftstuben» gegenseitig Aufträge zu.
Was früher in der Macht der Branchenzünfte lag, wird heute teils vom Bund und den Kantonen, den Organisationen der Arbeitswelt sowie von Marketing- und Werbespezialisten erarbeitet und umgesetzt. Unsere Berufswelt ist somit einiges komplexer geworden und es erfordert Spezialisten, um diese einzelnen Disziplinen fachgerecht und konkurrenzfähig umzusetzen.
Social Media – eine rasante Erfolgsgeschichte
Die Erfolgsgeschichte der Social-Media-Plattformen ist hingegen noch sehr jung, hat sich rasant entwickelt und ist für die heutige Marketingkommunikation zu einem wichtigen Instrument geworden. Der unaufhaltsame Boom der neuen Medien ist erst seit Mitte 1990er zu beobachten und die Unternehmen haben erst seit kurzem das volle wirtschaftliche Potenzial erkannt. «Social Media» oder auch «Soziale Medien» genannt, werden alle digital basierten Kommunikationskanäle und Anwendungen verstanden.
In kürzester Zeit hat sich eine Vielzahl von Social-Media-Technologien in den Bereichen Kommunikation, Kollaboration, Wissensmanagement, Multimedia und Unterhaltung entwickelt. Zu den verbreitetsten Social-Media-Technologien zählen heute Weblogs, Foren, soziale Netzwerke, Wikis und Podcasts. Interessant sind die vielfältigen unternehmerischen Anwendungsfelder der Social-Media-Plattformen. Sie dienen zum Beispiel als Marketinginstrumente (Social Media Marketing – SMM) in Form von Onlinemarketing, welche Branding- und Marketingkommunikationsziele durch die Beteiligung in den Social-Media-Angeboten erwirken können. Oder im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit, den sogenannten «Social Media Relations», dem Monitoring (systematische Beobachtung und Analyse von Beiträgen und Dialogen in Social-Media-Plattformen), dem Vertrieb (etablieren von Geschäftskontakten) oder dem Einsatz im Bereich Human Resources.
Die Möglichkeit, sich untereinander auszutauschen, mediale Inhalte einzeln oder in Gemeinschaft zu gestalten ist also populärer denn je und die Expansion von Anbietern und Anwendern nicht zu bremsen. Erst im Januar 2011 wurde zum Beispiel die neue Social-Media-Anwendung «sereive.com» in Betrieb genommen, welche es ermöglicht, mehrere Plattformen gleichzeitig mit Informationen zu speisen.
Die «Zusammenkunft» gestern – heute
Der Begriff «Zunft» bedeutet ursprünglich «Zusammenkunft» oder «Übereinkunft». Die Zunftmitglieder des Mittelalters pflegten den beruflichen und den sozialen Austausch in ihrer jeweiligen Branchenzunft und in ihren sogenannten Trinkstuben. In unserem heutigen digitalen Zeitalter ist ein deutlicher Trend erkenntlich, dass die «Zusammenkünfte» von Gleichgesinnten und Interessensgruppen immer mehr auf den digitalen Social-Media-Plattformen stattfinden. Beide Formen der «Zusammenkünfte» haben die Gemeinsamkeit, dass sie interaktiv funktionieren, der Austausch innerhalb einer Gruppe von Gleichgesinnten stattfindet und mit geringen Kosten verbunden ist.
Rolle der Zünfte in der heutigen Gesellschaft
Nach der Einführung der Handels- und Gewerbefreiheit und der Aufhebung der Zunftverfassung im Jahre 1798 endete das Wirken der Zünfte. Die heutigen Zünfte pflegen die aus der damaligen Zeit erbauten Zunfthäuser und stellen diese der Öffentlichkeit zur Verfügung. «Der soziale Austausch wird heute in den Zünften gepflegt», erklärt der heutige Zunftmeister der Zunft zur Saffran in Zürich, Hans G. Syz. Weiter erklärt er, dass diese informelle Form des Austausches im heutigen digitalen Zeitalter als bewusste Ergänzung gepflegt werde. Denn die direkte Kommunikation – ohne Zwischenvermittlung – sei auch wichtig.
Social-Media-Zu(ku)nft
Die Zukunft der «Social-Media-Zunft» ist gesichert und es gibt einiges zu tun für den innovativen Unternehmer – dem widersprechen auch nicht die zehn Thesen des deutschen Bundesverbandes Digitale Wirtschaft (BVDW) vom 7. Februar 2011.
Demnach wird zum Beispiel Costumer Relation Management (CRM) nicht mehr sein, was es war. 2011 werde eine zunehmende Verschmelzung mit Social-Media-Komponenten stattfinden. Leadmanagement, Kundenservice und Kundenbindung sind die ersten CRM-Felder, in welchen Social Media eine grössere Rolle spielen werden. CRM-Systemanbieter würden dafür sorgen, Daten und Prozesse mit Social-Media-Plattformen nutzbar zu machen. Auch die Produktentwicklung werde demokratisiert und mit einem schnellen Feedback-System von intern und extern sich zu einem «Adaptive Engineering» entwickeln. Bald könnten damit die langwierigen Analysen vor der Einführung eines Produktes vorbei sein.
Auch die ROI (Return on Investment) geht weiter. Die Messbarkeit des Erfolges wird auch im Jahre 2011 ein Thema sein. In Zukunft wird es darum gehen, was Marken für Ergebnisse erzielen, damit werden Social Media ein fester Bestandteil des Kommunikationsalltags sein. Eine weitere These meint, dass auch die Unternehmen aus der zweiten Reihe in der Welt der Social Media auftauchen werden und nicht mehr nur die grossen Brands wie bisher. 2011 werden somit auch die «small» und «medium» teilnehmen – für sie gilt es, aus den Fehlern der Grossen zu lernen und einzuschätzen, wo Social Media ihnen wirklich nützen.
Ein Return zu den Zunftstuben von anno dazumal ist nicht in den Thesen vorgesehen, aber dafür bieten die Zünfte heute ihre würdevoll renovierten Zunfthäuser an, in welchen auch die alten Traditionen des beruflichen und sozialen Austausches in neuer Form gelebt werden können.
Sinikka Jenni

Altes Zunfthaus zur Saffran in Zürich nach dem Umbau von 1670. Die Zunft zur Saffran ist nicht nur die älteste Handwerkerzunft Zürichs, sondern war auch die erste mit einem eigenen Lokal. Bereits die ursprüngliche Krämerzunft baute 1417 ihr eigenes Haus.








