Als die PubliGroupe am 18. März ihre Bilanzpressekonferenz abhielt, berichteten CEO Hanspeter Rohner und der neue Publicitas-Direktor Beat Roeschlin, dass die Publicitas (P) ihr Geschäftsmodell angepasst und «per 1. Januar 2011 fast alle ihre Partnerschaften mit Schweizer Verlagen auf dieser Grundlage verlängert» habe. Konkret nannten sie die Vermittlungsabkommen mit Ringier, Tamedia, Edipresse und Axel Springer sowie die Regieverträge mit der NZZ Mediengruppe, dem Corriere del Ticino, Le Temps und Hersant. In der Werbewoche vom 1. April doppelte Rohner dann nach: Die P habe «mit allen wesentlichen Verlagen Zusammenarbeitsverträge auf der neuen kommerziellen Basis» abgeschlossen, sagte er.
Doch Rohner und Roeschlin stapelten offenbar hoch. Denn mit zwei Verlagen – W.Gassmann in Biel (Bieler Tagblatt/Journal du Jura) und Mengis Druck und Verlag in Visp (Walliser Bote) – konnte sich die P nicht einigen. Zudem ergab eine Werbewoche- Umfrage, dass wohl mindestens sechs weitere Eigenregie- Zeitungsverlage mit der P noch keine Kooperation nach neuem Modell eingegangen sind (siehe Kasten). «Hält Herr Rohner einen Grossteil der Zeitungen für unwesentlich?», fragt deshalb Marcel Geissbühler, Gesamtleiter Medien von Gassmann. «Was Herr Rohner sagte, entspricht nicht der Wahrheit, pflichtet auch Kurt Hasen, Direktor bei Mengis Druck und Verlag, bei. «Wohl hat er ein paar Verträge nach neuem Modell unterzeichnet, aber er scheint damit auch auf Widerstand zu stossen.»
Neue Grundgebühr als Hindernis
Der Grund für den Widerstand ist das Preismodell, das die P dem neuen Vermittlungsabkommen zugrunde legt. Die P verlangte bisher für die Inseratenvermittlung an Eigenregieverlage eine umsatzabhängige Kommission. Neu will die P zwar weiterhin einen prozentualen Umsatzanteil, kombiniert ihn jedoch mit einer Mindestgebühr pro Inseratschaltung. Diese bewegt sich dem Vernehmen nach zwischen 30 und 65 Franken, je nach Verlag und Titelportfolio. Wird dasselbe Inserat mehrmals geschaltet, fällt die Gebühr entsprechend oft an. Falls der Umsatzanteil je Schaltung die Gebühr übersteigt, entfällt letztere jedoch. «Bei uns würde die Kommission nach neuem Modell 60 Prozent mehr kosten als bisher – und dies ohne Mehrleistung!», kritisiert Hasen. Für den Visper Verlag sei dies nicht verkraftbar. Ursprünglich habe die P gar einen Preisaufschlag von 110 Prozent verlangt, mehr als das Doppelte wie bisher. Ähnlich lief es beim Verlag Gassmann, der erst vor einem Jahr von der P-Pacht in die Eigenvermarktung gewechselt hat. «Unsere neue Kommission würde fast gleich viel kosten wie seinerzeit die Vollregie – obwohl die P nun für uns nur noch vermitteln und nicht mehr die gesamten Regie-Dienstleistungen übernehmen würde», sagt Geissbühler. Zudem fiele die Abgabe für kleine Rubrikeninserate höher aus als deren Einschaltpreis – für Geissbühler völlig undenkbar. «Mit dem neuen Modell müssten wir die Preise erhöhen, doch das ist unmöglich. Wir müssen unsere Produkte attraktiver machen und nicht teurer werden», sagt er. Gassmann habe deshalb der P einen Kompromissvorschlag gemacht, auf den diese aber nicht eingegangen sei.
Jetzt sind Gassmann und Mengis auf sich gestellt
Fakt ist, dass die Produkte der beiden Verlage von der P nicht mehr vermittelt werden. «Von einigen Kunden haben wir gehört, dass die P nun Buchungen in unsere Titel ablehnt», berichtet Hasen. «Damit verabschiedet sich Publicitas von der neutralen Universalvermittlung. Sie kann nun ihre Kunden nicht mehr vollständig beraten», meint Martin Bürki, Geschäftsleiter bei Gassmann Media. Darauf angesprochen reagiert Beat Werder, Kommunikationsleiter bei PubliGroupe, mit einer Standardantwort. «Publicitas arbeitet mit allen Medien zusammen, sofern eine vertragliche Basis für die Zusammenarbeit gefunden werden kann. Dies ist leider bei den Medien der Gassmann AG nicht mehr gegeben, weil sich die Parteien nach intensiven Verhandlungen nicht auf betriebswirtschaftlich sinnvolle Kommissionen für die Vermittlung von Inserataufträgen einigen konnten», schreibt Werder. Auf andere Fragen geht er nicht ein. Auch zur Kündigung gegenüber Mengis nimmt er nicht Stellung. Was heisst das nun für die Zukunft der beiden Eigenregieverlage? Immerhin kamen bei Gassmann bisher etwa 25 Prozent des Werbeumsatzes über die P, bei Mengis waren es etwa 10 Prozent. Zwar haben beide der P weiterhin Gesprächsbereitschaft signalisiert, in erster Linie aber richten sie sich auf die neue Situation ein. «Wir informierten alle unsere Kunden, dass sie unsere Produkte online oder bei Gassmann Media, unserer Vermarktungsfirma, buchen können – wo wir übrigens auch Inserate für alle anderen Schweizer Printtitel annehmen», sagt Bürki. Auch Hasen will «in die Offensive gehen». Er denkt primär an ein koordiniertes Vorgehen mit den Partnern Bieler Tagblatt und Freiburger Nachrichten, mit denen der Walliser Bote im Zeitungspool verbunden ist. Markus Knöpfli
P MUSS MIT WEITEREM WIDERSTAND RECHNEN
Auf die Frage der Werbewoche, ob schon ein Vertrag nach neuem P-Modell bestehe, machte die AZ Medien keine Angaben. Da sie aber erst vor einem Jahr in die Eigenregie wechselte, dürfte sie derzeit mitten in den Verhandlungen mit der P stehen. Das gilt wohl auch für die Basler Zeitung Medien (BZM), wo Verlagsleiter Paul Herzog davon spricht, dass «noch einige Unklarheiten bezüglich des neuen P-Geschäftsmodells» bestünden. Unklar, aber selbstsicher ist die Antwort der Schaffhauser Nachrichten (SN): Da sie sowohl mit Tamedia-Titeln als auch mit solchen der NZZ in Werbekombis liiert sei, «haben wir eine grundsätzlich andere Ausgangslage», schrieb Verleger Norbert Neininger. Will wohl heissen: Unsere Situation ist komfortabel. Wir sind so gut eingebunden und über mehrere Kanäle buchbar, dass die P uns gegenüber keine Forderungen stellen kann. Klar ist die Situation hingegen beim Zofinger Tagblatt, den Freiburger Nachrichten (FN) und der Südostschweiz Mediengruppe: Hier kooperiert man mit der P nach wie vor nach bisherigem Muster. Bei den FN stehen demnächst aber Neuverhandlungen an, sagt Vizedirektor Gilbert Jenny, der zudem bereits die Grenzen absteckt: Er erinnert daran, dass die FN auch Anzeigen an Dritte vermittle, so in grösserem Stil an La Liberté und La Gruyère, die in P-Regie sind. «Sollte uns die P ihr neues Modell aufdrängen, würden wir dieses umgekehrt auch gegenüber den P-Titeln anwenden», mahnt Jenny. Ähnlich reagiert Susanne Lebrument, Mitglied der Geschäftsleitung bei den Südostschweiz Medien. «Die P hat uns das neue Modell schon vorgestellt – wir wären verrückt, wenn wir uns darauf einlassen würden», sagt sie. Sie hat denn auch bereits Kontakt mit der W. Gassmann AG aufgenommen. «Wir schauen, ob wir die Bieler irgendwie unterstützen und mit ihnen intensiver zusammenarbeiten können», sagt Lebrument, deren Anzeigenorganisation ebenfalls Inserate für Dritte vermittelt und erst noch in Zürich über ein eigenes Büro verfügt. – Gut möglich also, dass sich einige Verlage, die aus P-Sicht offenbar nicht mehr zu den «wesentlichen» gehören, nun zu einer Art «Zweitpublicitas» zusammenschliessen werden. (mk)