WW: Seiler Communications und Marti & Partner ziehen seit einem Jahr am gleichen Strick. Welche Kräfte sind bei dieser Fusion entwickelt worden?
Peter Marti: Wir haben ein gutes Jahr hinter uns, unsere Zielsetzungen sind im Bereich Umsatz sogar übertroffen. Der Gewinn ist dort, wo wir sein wollten. Es ist in einem Fusionsjahr immer ein bisschen schwierig, weil es Fusionskosten gibt. Wir sind jetzt gut etabliert, können vorwärts schauen.
Wie haben die Kunden auf die Fusion reagiert?
Man hat sehr positiv aufgenommen, dass hier Garantie gegeben ist für Kontinuität, für den Erhalt der Mitarbeitenden von Seite Seiler. Auf Seite Marti- Kunden freut man sich über mehr Substanz. Man fragte zwar, ob wir jetzt teurer werden. Wir sind aber nicht teurer, sondern leistungsfähiger geworden, vor allem in der Kreation. Wir haben keinen Kunden verloren. Genauer gesagt nur einen. Der war stark an die Person von Roland Weiss gebunden. Der ehemalige Geschäftsführer von Seiler ist jetzt bei GGK. Jetzt sind wir 23 Mitarbeitende, alle voll motiviert und voller Tatendrang.
Davon zwei Alphatiere in einem Gehege: Wie läuft die Zusammenarbeit mit Herbert Seiler?
Die Zusammenarbeit mit Herbert ist sehr gut. Er ist ja in der Branche tatsächlich als Alphatier bekannt. Diese Feststellung konnte ich so nicht machen. Wir haben immer sehr sachlich korrekt diskutiert und ich bin froh, dass er in dieser Übergangsphase an Bord ist. Bis Ende 2011 wird er noch täglich dabei sein und dann eine stark reduzierte Rolle einnehmen. Herbert Seiler feiert dieses Jahr seinen 70. Geburtstag und es ist eine Freude, ihn viel jünger zu erleben.
Was hat sich intern geändert?
Wir haben die ganze IT von einer Hybrid auf eine Mac-Lösung umgebaut. Zwei Bereiche haben wir ausgebaut. Social Media hat jetzt einen eigenen Social Media Director. Die zweite Verstärkung ist der gesamte Pre-Press-Bereich, den wir aus Preis- und Flexibilitätsüberlegungen verstärkt inhouse anbieten. Neu ist auch ein Leiter für das gesamte Internet- Marketing zusätzlich angestellt worden. Dieser Bereich wächst bei uns sehr schnell, genau wie Social Media. Wir stellen den crossmedialen Gedanken in den Vordergrund. Das sagen zwar alle, aber wir machen es extrem konsequent.
Ist die Fusion auch privat ein Happy End?
Ich muss noch mehr arbeiten. Trage noch mehr Risiken. Es ist aber spannend. Ich komme mit Freude nach Zollikerberg, obwohl ich das Seefeld, unsere frühere Büro-Location vermisse. Es ist schön hier in der freien Natur draussen, aber es fehlen ein paar einschlägige Beizen. Ich bin rundum zufrieden. Es läuft in die richtige Richtung.
Hat die Agentur ihre Flughöhe erreicht?
Nein. Aber unsere Aufstellung und der Erfolg mit den Neukunden bestätigt mir, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Wir sind aktuell auch in einige Pitches involviert. Deshalb ist Wachstum durchaus ein Thema. Wir haben zwei extrem kreative Köpfe bei uns im Haus, die vielleicht nicht so bekannt sind in der Branche, aber sehr stark. Texter/Konzepter Stefan Beck ist schon zehn Jahre dabei und Stefan Künzler ist unser langjähriger Senior Art Director. Beide sind sehr konzeptsicher. Mit dem gesamten Off- und Online-Kreativ-Team haben wir keine Konkurrenzpräsentationen des letzten Jahres verloren.
Sind Kreativ-Preise ein Thema?
Ja. Wir wollen Kreativ-Preise holen. Aber vielleicht eher im Bereich Effie als beim Art Directors Club. Seitdem ich dort nach 20 Jahren Mitgliedschaft ausgetreten bin, kann ich meine eigenen Kampagnen nicht mehr «auf den Tisch» und damit in die Ränge bringen. Wir haben uns auch entschlossen, aus dem BSW auszutreten. Seiler war Mitglied. Marti & Partner nicht. Der Bund Schweizer Werbeagenturen besteht heute vorwiegend aus ausländischen Agenturen, was den Begriff «leading swiss agencies» ein bisschen ironisch macht. Eigentlich müsste er «leading agencies of Switzerland» heissen, denn die erste Bezeichnung ist nicht mehr zutreffend. Es gibt unter den ersten 15 Agenturen der Schweiz nur noch 2, die voll und ganz im Besitz von Schweizern sind, nämlich Contexta und wir. Und in meinem Falle im Besitz eines Inhabers und nicht von mehreren. An allen anderen Agenturen sind die internationalen Netzwerke beteiligt und/oder über Optionen über kurz oder lang deren Besitzer. Was mich beim BSW – neben vielen guten Initiativen – ärgert, ist deshalb die Glaubwürdigkeit. Vor allem auch im Bereich der Konkurrenzpräsentationen, wo der Code Morale des BSW überhaupt nicht eingehalten wird.
BSW-Agenturen verletzen die Regeln?
Ich sehe es, wenn wir eingeladen werden zu einer Konkurrenzpräsentation. Da merkt man schnell, dass andere sich gratis anbieten. Wir präsentieren als Nicht-BSW-Mitglied auch gratis – da stehe ich dazu – wenn der Auftrag interessant ist und kreativ eine gute Leistung möglich ist und der Pitch fair ausgeschrieben wird. Es gibt aber renommierte BSW-Agenturen, die grossen Kunden – auch unseren – gratis und ungefragt eine fixfertige Kampagne präsentieren, ohne je ein Briefing bekommen zu haben. Das habe ich gesehen und da muss ich sagen: Entweder ändert der BSW seinen Code morale oder die Agenturen halten sich daran.
Ist der Ausstieg das letzte Wort?
Beim BSW muss zuerst sauberer Tisch gemacht werden, dann können wir wieder über eine Mitgliedschaft sprechen. Ich finde es schon wichtig, dass die Branche mit den 20 wichtigsten Agenturen irgendwie organisiert ist und eine gewisse Wirkung entfalten kann in der Öffentlichkeit. Aber da muss der BSW glaubwürdig sein, das ist die Grundvoraussetzung. Ich hoffe, dass dies mit dem neuen Präsidenten und Geschäftsführer nun gegeben ist. Interview: Andreas Panzeri
NEUKUNDEN
Peter Marti kann sich mit seiner Partnerin, VR- und GL-Mitglied Nadine Kündig, über viele Neukunden freuen. Neu im Portfolio ist Diethelm Keller Brands. Ebenso das Bundesamt für Umwelt mit der Basiskampagne für die Schweizer Naturparks, ein erstes Projekt für Nestlé Schweiz. Neu ist auch das Elektrotechnik- Unternehmen Jaisli mit 400 Mitarbeitenden. Bei Domino's Pizza hat es Zusatzgeschäfte ergeben mit einem neuen Lizenzkonzept. Mit dem Hotel Belvoir in Rüschlikon kann Marti Seiler das soeben eröffnete, «schönste 4-Sterne-Plus- Hotel der Region Zürich betreuen». Für den langjährigen Kunden Lindt & Sprüngli wird die bestehende internationale Kampagne neu validiert und strukturiert. Involviert ist dabei auch Leo Burnett Mailand. Vögele ist 2009 entstanden, zu Zeiten noch von Marti & Partner. Die Neupositionierung mit Penelope und Monica Cruz ist erfolgreich implementiert. Neu dazugekommen als Markenbotschafter ist Til Schweiger. «Jetzt müssen wir schauen, wie es weitergeht. » Das Unternehmen Vögele hat selbst eine vollwertig ausgebaute Marketing- und Werbeabteilung, die vieles intern löst.