Am 1. Mai trat die EU-Osterweiterung in Kraft. Arbeitnehmer aus Osteuropa benötigen nun kein Visum mehr, um in der Schweiz oder anderen europäischen Ländern zu arbeiten. Das könnte Schweizer Agenturen einen echten Kreativkick geben – denn Arbeitnehmer aus Osteuropa sind bekannt für ihre hervorragende künstlerische Ausbildung, für perfekte Illustrationen und vor allem für umfassende Digitalkenntnisse, an denen es in der Schweiz noch immer mangelt. Ausserdem sind sie beim Eintritt in den Arbeitsmarkt meistens jünger als ihre Schweizer Konkurrenz. Und nicht so teuer.
Die Werbewoche wollte wissen, ob die neue Arbeitnehmer-Freizügigkeit bereits Auswirkungen auf Schweizer Agenturen hat, ob sie eine Chance ist oder – mit Blick auf Lohndumping – vielleicht sogar ein Risiko. Wir fragten nach, ob Schweizer Agenturen gezielt osteuropäisches Personal akquirieren oder ob sie seit dem 1. Mai vermehrt Bewerbungen aus Estland, Lettland, Litauen, Polen, der Slowakei, Slowenien, Tschechien oder Ungarn erhalten haben. Ausserdem wollten wir wissen, für welche Bereiche eingestellt wird und wie zufrieden die Agenturen mit den Qualifikationen ihrer osteuropäischen Mitarbeiter sind.
Von 21 angeschriebenen Agenturen beantworteten 15 unsere Fragen, 3 enthielten sich aus inhaltlichen oder zeitlichen Gründen der Teilnahme und 3 Agenturen reagierten überhaupt nicht auf unsere Anfrage.
Die Ergebnisse: Kein Run auf neue Talente
Für 6 der 15 befragten Agenturen spielen Arbeitskräfte aus Osteuropa heute und mutmass¬lich auch in Zukunft keine grosse Rolle. 8 Agenturen schliessen nicht aus, dass das Thema in Zukunft für sie relevant werden könnte, und eine Agentur hält es für wahrscheinlich, dass sie Arbeitnehmer aus Osteuropa einstellen wird: «Wir können uns sehr gut vorstellen, in Zukunft Personal aus Osteuropa zu akquirieren», sagt Annina Stettler von Contexta. Einige der befragten Agenturen weisen darauf hin, dass es für sie zum jetzigen Zeitpunkt noch zu früh ist, fundierte Aussagen darüber zu machen, ob eine Akquise von Arbeitskräften aus Osteuropa für sie einmal aktuell werden wird.
Sechs der Agenturen, die sich an unserer Umfrage beteiligt haben, beschäftigen bereits Mitarbeiter aus Osteuropa. Diese sind aber nicht im Zuge der EU-Osterweiterung in die Schweiz gekommen, sondern leben und arbeiten schon längere Zeit im Land. Vier dieser sechs Agenturen betonen explizit, dass sie mit den Leistungen ihrer osteuropäischen Mitarbeiter sehr zufrieden sind. Die hohe Qualifikation, die Kreative und Berater aus Osteuropa vorweisen können, hat sich auch bereits bei Agenturen herumgesprochen, die noch keine Osteuropäer beschäftigen: «Diese Leute dort drüben sind verdammt gut! Eine Chance für unsere Agenturwelt», sagt beispielsweise Silvan Metzger von Metzgerlehner. Frank Bodin von Euro RSCG betont: «Gerade in Netzwerkagenturen, im IT- und Programmierbereich findet man dort ex¬zellente Leute, auch in Schlüsselpositionen. Auch in der Kreation, vor allem in der Gestaltung, kommen die Leute häufig aus Osteuropa. In diesem Bereich finde ich das absolut legitim, da gibt es viele sehr gute Mappen.» Dagegen hält René Schwarz von Maxomedia: «Bisher haben wir keine wirklich guten Bewerbungen erhalten.»
Drei der befragten Agenturen beschäftigen die für Projekte benötigten Spezialisten – vor allem Programmierer – vor Ort, überwiegend in Polen, aber auch in anderen osteuropäischen Ländern. In Zeiten der globalen Vernetzung kein Problem. Andy Hostettler von TBWA: «Die können etwas, was wir nicht können, oder sie machen es schneller oder günstiger. Deshalb sind wir mit ihnen auch sehr zufrieden. Wir lassen auch immer wieder Teams aus diesen Ländern (Polen, Deutschland, Frankreich; Anm. d. Red.) kommen, wenn es um internationale Kampagnen geht. Oder wir schicken unsere Leute dorthin.» Ähnlich machen es Euro RSCG und Goldbach. «Wir vergeben über Netzwerke Aufträge nach Osteuropa oder Indien, vor allem Programmierarbeiten», sagt Frank Bodin von Euro RSCG. Und Bramwell Kaltenrieder von Goldbach Interactive betont: «Im Zusammenhang mit der Erschliessung neuer Märkte und dem Aufbau entsprechender Units wie zum Beispiel in Polen verfügen wir bereits seit einiger Zeit über die Möglichkeit, ausgewählte Arbeiten und Teilprojekte dort vor Ort ausführen zu lassen. Die interaktive, globale Medienwelt eröffnet uns und der schweizerischen Werbewirtschaft generell neue Opportunitäten im Marketing.»
Lohndumping nicht zu befürchten
Acht der Agenturen, die sich an der Umfrage beteiligten, haben noch keine Arbeitskräfte aus Osteuropa akquiriert und auch keine Bewerbungen aus dieser Region erhalten. Die anderen sieben Agenturen hatten bereits Dossiers von Osteuropäern zu sichten. Das war in allen Fällen allerdings vor der EU-Osterweiterung am 1. Mai. Frank Bodin: «Wir bekommen viele Anfragen aus den ehemaligen Balkanländern. Die haben über die letzten Jahre zugenommen, weil gut ausgebildete Leute aus Osteuropa in Österreich, Deutschland, der Schweiz oder Italien doch einiges mehr verdienen als in ihrer Heimat.» Dass dennoch kaum eine Schweizer Agentur gezielt Osteuropäer einstellt, liegt vermutlich daran, dass die Auswahl qualifizierter Mitarbeiter aus der Schweiz und den umliegenden Ländern noch ausreichend gross ist.
Drei der befragten Agenturen erwähnen explizit, dass sie mangelnde Sprachkenntnisse, namentlich in Deutsch, Englisch und Schweizerdeutsch, bei der Einstellung von Mitarbeitern aus Osteuropa für eine erhebliche Hemmschwelle halten. Fehlende Deutschund Englischkenntnisse sind aber vor allem für in der Schweiz agierende Berater ein Handicap, weniger für Kreative oder IT-Fachleute.
Dass Schweizer Arbeitnehmern ein Lohndumping droht, wenn Arbeitskräfte aus Osteuropa in die Schweiz kommen, halten alle befragten Agenturen für unwahrscheinlich – vor allem, da nicht zu erwarten sei, dass der Schweizer Arbeitsmarkt von osteuropäischen Kreativen, IT-Fachleuten und Strategen überrannt wird. Daniel Hünebeck von Adisfaction gibt allerdings zu bedenken: «Bei vergleichbarer oder gar höherer Fachkompetenz bei gleichzeitig niedrigeren Lohnforderungen könnten sich osteuropäische Designer zur ernsthaften Konkurrenz zu
hiesigen Fachkräften entwickeln.»
Überraschende Unterschiede zu Deutschland Was durch unsere Umfrage klar zu Tage tritt, sind die zum Teil frappierenden Unterschiede zu Deutschland: Während die EU-Osterweiterung für Schweizer Agenturen gemäss Selbsteinschätzung keine grossen Veränderungen bringt, profitiert die deutsche Agenturlandschaft derzeit bereits von der Durchlässigkeit der Grenzen gen Osten. Das konnte «Werben&Verkaufen Online» Anfang Mai mit einer ähnlichen Umfrage bei grossen, deutschen Agenturen belegen (Umfrage: http://bit.ly/mjkTOX). Das Fachmagazin befragte die Recruiting-Chefs von neun Agenturen. Der Tenor aller Antworten ist ähnlich: Deutsche Agenturen akquirieren seit dem Wegfall der Arbeitsvisumspflicht Mitarbeiter in Osteuropa und erhalten auch Bewerbungen aus dieser Region – wenn auch nicht in rauen Mengen. Mit der Leistung der osteuropäischen Texter, Kreativen und Digitalfachleute sind die deutschen Arbeitgeber durchwegs zufrieden: Osteuropäische Arbeitnehmer werden als absolute Bereicherung für die kreative Arbeit empfunden, da sie sehr ambitioniert und handwerklich weit vorne seien, obwohl es in Osteuropa noch gar keine Ausbildung für Agenturleute und Kommunikationsberufe gibt.
Ausserdem könne mit diesen Arbeitskräften der vor allem im Digitalbereich ausgeprägte Fachkräftemangel behoben werden. Die befragten Personalverantwortlichen der deutschen Agenturen weisen zwar auch auf etwaige Sprachprobleme hin, die die Zusammenarbeit mit Osteuropäern erschweren könnten, doch als Agentur müssen man eben in Talente investieren, heisst es zum Beispiel bei Wunderman. Osteuropäer, die sehr gut Englisch sprechen, werden auf internationalen Etats eingesetzt. Einige der Befragten erwarten, dass sich durch die EU-Osterweiterung der Konkurrenzkampf unter Kreativen in Deutschland verstärken wird. Lohndumping wird von deutschen Agenturen allerdings genauso wenig erwartet wie von den Schweizer Agenturen, die die Werbewoche befragt hat. Anne-Friederike Heinrich
> Zu den vollständigen Antworten der Agenturvertreter
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