Schon vor langer Zeit, im Herbst 1995, startete die Post ein erstes Netzwerk mit Werbebildschirmen. Dieser Info-Kanal hiess Canal Jaune, wurde später in Canal Poste umbenannt und hilft weiterhin an 234 Standorten mit einem Mix aus Post-Informationen und Werbung die Wartezeiten an den Schaltern (scheinbar) zu verkürzen. In den folgenden Jahren tauchten zwar immer wieder neue Bildschirmwerbungen im öffentlichen Raum auf, doch eine strategische Bedeutung für Werbetreibende erlangte die digitale Aussenwerbung bisher kaum. Auch als neue Displays – grösser, flacher, leuchtstärker – auftauchten und dieses Genre zunehmend unter dem Titel «Digital out of Home» ( DooH) firmierte, war nicht von einem Durchbruch zu sprechen.
Dies könnte sich nun ändern: Ende Juni hat die Affichage-Tochter e-Advertising 43 neue ePanels in vorerst sechs grossen Bahnhöfen lanciert. Diese Full-HD-Bildschirme sind gut geeignet für animierte Spots, die nicht zuletzt dadurch auffallen, dass sie im Hochformat daher kommen. Ulrich Ritschard, Geschäftsführer von e-Advertising, berichtet im Gespräch mit der Werbewoche von einem «enorm guten Echo». Die ersten Wochen seien ausverkauft, und auch der Herbst sei zum Teil schon voll gebucht. Er will bis im Herbst Rückmeldungen und Erfahrungen sammeln und dann das Angebot entsprechend ausbauen. Ein Rahmenvertrag mit den SBB erlaubt es e-Advertising, ePanels in weiteren Bahnhöfen aufzustellen. Auf Grund der Personenfrequenzen könne dies schlussendlich an 30 bis 40 Standorten im ganzen Land interessant sein.
Dass Optimismus für die digitale Aussenwerbung angebracht ist, zeigt ein Blick nach Deutschland. Dort hat Ende letzten Jahres einer der grossen Aussenwerber, die Ströer-Gruppe, begonnen, ein Netz mit digitalen Plakaten auszurollen, die mit den ePanels von e-Advertising vergleichbar sind. Bis Ende Jahr sind 1000 Standorte an über 200 Bahnhöfen geplant. Florian Rotberg, Geschäftsführer der auf digitale Aussenwerbung spezialisierten Beratungsfirma Invidis Consulting, berichtet, diese Initiative habe eine «wahnsinnige Nachfrage» nach digitaler Aussenwerbung ausgelöst. Auf Grund solcher Neulancierungen habe das DooH-Geschäftsmodell in den letzten sechs bis zwölf Monaten angefangen, im grossen Stil zu funktionieren, und es gehe nun darum, Gross-Netzwerke auszurollen. Diese ePanels sind «ein wichtiges Signal in den Markt», sagt Fredy Grau, der bei Goldbach Media die AdScreen-Vermarktung leitet, und fügt an: «Ich finde das spannend und begrüsse es, denn es hilft der ganzen Gattung.» Doch dann findet Grau auch kritische Kommentare zum Angebot des grossen Mitbewerbers: Zwar habe es in den Bahnhöfen viele Leute, doch sei unklar, wie viele länger als zwei Sekunden auf die Werbeschirme schauten und wie viele den ganzen Durchgang (Loop) der Spots betrachten. Bringe man so den Beachtungsfaktor ins Spiel, relativiere sich das Ganze. Denn es gehe nicht nur um die Reichweiten, sondern auch um die Qualität der Zielgruppen. Diese sei etwa bei den Schirmen an den Tankstellen mit einer Aufenthaltsdauer von über einer Minute und einer gut definierten Zielgruppe besser.
Dass nun auch in der Schweiz offenbar Bewegung in den DooH-Markt kommt, ist längst überfällig. Seit das Media Trend Journal vor vier Jahren (vgl. Ausgabe 9/2007) eine Bestandesaufnahme zum AdScreen-Markt in der Schweiz veröffentlichte,
scheint die Zeit still gestanden zu sein. Immer noch ist die helvetische Realität geprägt von einem Glaubenskrieg, den Ulrich Ritschard und Fredy Grau recht eigentlich verkörpern. Grau präsidiert die Branchenorganisation IG AdScreen, der Ritschards e-Advertising schon vor Jahren den Rücken gekehrt hat und ausgetreten ist. Beim APG-Ableger sieht man Werbebildschirme als eine Produkterweiterung zum Plakat und nicht als ein neues Produkt oder als Basismedium. Entsprechend konsequent meldet e-Advertising bei Mediafocus keine Umsatzzahlen, weil dafür eine neue Kategorie «digitale Werbeträger » geschaffen wurde. Er ist der Meinung, seine Umsätze mit Werbebildschirmen müssten der Kategorie Plakat zugerechnet werden. Denn mit den kleinen Schirmen, für die sich in der Schweiz der Begriff AdScreen etabliert hat, will Ritschard nichts zu tun haben, und im Gespräch mit der Werbewoche verrät er: «Weil wir das wirtschaftliche Potenzial nicht sehen», habe man schon Anfragen zur Übernahme kleinerer Netze abgelehnt. Zudem verweist er darauf, e-Advertising sei beim Branchenverband Aussenwerbung aktiv, und lässt deshalb keine Bereitschaft erkennen, der IG AdScreen wieder beizutreten. Doch für Fredy Grau ist klar: «e-Advertising gehört auf jeden Fall in unseren Markt», und er lässt durchblicken, es gebe immer wieder Gespräche, um e-Advertising zu bewegen, wieder in die IG AdScreen zu kommen. Die ePanel-Initiative könne dafür ein weiterer Aufhänger sein. Soll digitale Aussenwerbung in nächster Zeit abheben, wäre es sicher von Vorteil, wenn die Branche gemeinsam am gleichen Strick zieht. Denn nicht nur in der Schweiz, auch im Ausland ist der Markt für digitale Aussenwerbung hyper-fragmentiert, es fehlen akzeptierte Standards zur Leistungsmessung, und es gibt keine integrierte Planungs- und Buchungs- Tools. So sind rund um DooH weiterhin viele Fragen offen, deren Lösung die Akzeptanz bei Werbetreibenden und Agenturen fördern könnte. Ähnlich wie bei der – ebenfalls vor gut 15 Jahren gestarteten – Online-Werbung wird die Werbewirtschaft nicht darum herum kommen, digitale Displays im öffentlichen Raum als neue Gattung zu begreifen und handhaben zu lernen. Und es ist anzunehmen, dass sich – ebenfalls wie bei der Online- Werbung –mit dem besseren Verständnis der spezifischen Merkmale dieser neuen Mediengruppe ein differenziertes Angebot von unterschiedlichen Anwendungsformen ergeben wird.
Ursula Stalder leitet an der Fachhochschule Luzern einen Forschungsschwerpunkt zu digitaler Aussenwerbung und erklärt, digitale Aussenwerbung vereine als neue Mediengattung die Merkmale verschiedener herkömmlicher Mediengattungen: In Bezug auf ihren Standort im öffentlich zugänglichen Raum und die Rezeption «im Vorbeigehen» sind sie vergleichbar mit Plakaten. In Bezug auf ihre Fähigkeit, bewegte Bilder in hoher Auflösung auch bei Tageslicht darzustellen, ähneln sie jedoch eher den klassischen audio-visuellen Medien wie TV oder Kino. Nimmt man jedoch die digitale vernetzte Online-Technologie als Ausgangspunkt, dann sind sie am ehesten vergleichbar mit der Online-Kommunikation wie beispielsweise WWW, E-Mail und SMS, und die Fähigkeit zur Interaktivität rückt in den Vordergrund. Für die Marken- und Produktkommunikation, so Stalder weiter, bieten diese digitalen Medien im öffentlichen Raum nicht nur einen zusätzlichen massenmedialen Werbeträger, sondern auch die Chance, durch speziell konzipierte Service Designs räumliche Szenografien und Installationen im urbanen Raum Präsenz zu untermauern. Vom Plakat hat DooH das Manko der schweren Messbarkeit geerbt. Zwar berichtet Grau, die IG AdScreen habe sich letztes Jahr geeinigt, dass nicht die Passantenfrequenz allein ausschlaggebend für die Berechnung der Bruttokontakte sei. Um TKPPreise für 10-Sekunden-Spots zu berechnen, müsste die Passantenfrequenz in Kombination mit dem gemessenen Beachtungsgrad und dem Opportunityto- see(OTS)-Faktor (durchschnittliche Aufenthaltsdauer eines Passanten geteilt durch Länge des Ausstrahlungs- Loops) in Verbindung gebracht werden (Frequenz x Beachtungsgrad x OTS=Bruttokontakte). So könnten für Kunden vergleichbare Preise geschaffen werden. Hingegen sei es schwieriger, die Formate (betreffend Grössen und technischen Methoden) zu standardisieren, weil jeder Player andere Formate im Einsatz habe.
Gut möglich, dass diese Fragen nicht in der Schweiz, sondern auf internationaler Ebene gelöst werden. So wie bei der Online-Werbung das Internet Advertising Bureau, IAB, mit seinen verschiedenen Ablegern Standards hat etablieren können, werden nun auch im Bereich der digitalen Aussenwerbung überregionale Organisationen aktiv. In den USA ist es die Digital Place-based Advertising Association (DPAA) und in Europa das Out-of-Home Video Advertising Bureau Europe (OVAB). Eng damit verbunden ist das Münchner Beratungsunternehmen Invidis Consulting von Florian Rotberg, das sich zum Ziel gesetzt hat, den europäischen DooH-Markt voranzutreiben. Dazu gehört eine regelmässige Markterhebung, die nächstens erstmals veröffentlicht werden soll. (In der Schweiz wurden dabei 17 Netzwerke mit 4 711 Screens an 2 018 Standorten erhoben.) Damit soll der Markt transparent gemacht werden, um die Entwicklung besser bewerten zu können.
Die grösste Aufgabe für das OVAB sieht Rotberg bei den Standards. Gehe es um Bruttowerbeerlöse, habe sich die Branche komplett auf TKP geeinigt. Andere Abrechnungsmodelle seien nicht akzeptiert worden. «Viele Möglichkeiten und grosse Diskussionen » gebe es bei der Reichweitenmessung. Dank dem erfolgreichen Auftauchen der grossen Netze werde jetzt eine professionelle Reichweitenmessung anhand einheitlicher Standards möglich. IG-Präsident Grau ist offen für solche Lösungen aus dem Ausland. «Gibt es Standards, die wir in die Marktmechanik der Schweiz einbauen können, machen wir auf jeden Fall mit», bekundet er und gibt zu bedenken: «Es macht keinen Sinn, einen Standard zu übernehmen, der im Heimmarkt nicht durchgesetzt werden kann.»
Der Erfolg der grossen Player mit ihren neuen DooH-Angeboten könnte auch die Lösung eines weiteren Problems beflügeln, das den Markt der digitalen Aussenwerbung behindert. Wer heute eine Kampagne buchen will, muss die idealen Standorte oder Netzwerke bei den jeweiligen Anbietern oder Vermarktern einzeln zusammen sammeln und buchen. Hier öffnet sich eine Geschäftsmöglichkeit für Unternehmen, die DooH-Netzwerke auf einer Online- Buchungsplattform aggregieren und so den Buchungsvorgang vereinfachen. Ein solches Angebot betreibt etwa die Genfer Neo Advertising mit Booking- DooH.com. Invidis-Rotberg weiss, dass viele Player, vor allem aus den USA, in diesen Markt drängen wollen. Dies sei bisher noch nicht bemerkbar, werde aber in den nächsten Monaten der Fall sein. Anders als bisherige derartige Angebote werden künftige Anbieter auch den Zugang zu Live-Vakanzen ermöglichen. Gleich wie vor allem Google mit der Echtzeitvermarktung individueller Werbeeinblendungen im Auktionsverfahren den Online-Werbemarkt voran brachte, könnten solche Aggregatoren das DooH-Geschäft dynamisieren. Dass es für einen künftigen Erfolg ein gemeinsames Vorgehen braucht, hat man offenbar auch bei uns gemerkt. So lässt Fredy Grau durchblicken, es gebe Gespräche, um einen Buchungs-Pools zu gestalten.
Sind einmal die Anlaufschwierigkeiten überwunden, sind zum endgültigen Durchbruch nur noch Werbeauftraggeber, Mediaplaner und Kreative ins Boot zu holen. Hier gibt es nach Einschätzung von Fredy Grau «noch Nachholbedarf», und die IG AdScreen veranstalte Workshops, um Know-how im Umgang mit den Screens zu vermitteln. Zwar gebe es schon Kreativagenturen, die Kampagnen nur für AdScreens gemacht haben, doch habe digitale Aussenwerbung bisher zu wenig Relevanz gehabt. «Das ist wie ein Wort, das man kennt, wenn man es hört, es aber nicht im aktiven Wortschatz hat», bringt er die Situation auf den Punkt. Oft hätten Auftraggeber für die Werbeschirme kein Werbemittel und müssten extra dafür eines produzieren, was oft zu kostspielig sei und sich bei kleinen Budgets nicht lohne. Jetzt, da die Volumina grösser werden, bessere sich das. Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt Urs Brugger, Head of Development bei Neo Advertising in Zürich: «DooH ist zwar bekannt, hat sich aber noch nicht durchgesetzt.» Und er ist zuversichtlich: «Wer Spots gebucht hat, kommt immer wieder, aber viele haben noch nie gebucht.»
So herrscht denn Aufbruchstimmung und Optimismus: Branchenexponenten gehen davon aus, dass DooH heute rund 1 bis 2 Prozent des Aussenwerbemarktes ausmache. Auf Grund der Erhebungen für den Branchenreport geht Florian Rotberg für die Schweiz von einem Bruttoumsatz für DooH von 10 Millionen Euro aus (Österreich wird in der gleichen Grössenordnung veranschlagt und für Deutschland gelten 48 Mio. Euro). Er geht von einem Wachstum von 38 Prozent von 2009 auf 2010 aus und rechnet damit, der deutschsprachige Raum werde nun den europäischen Spitzenreiter Grossbritannien (110 Mio. Euro) überholen. Alle für diesen Artikel befragten DooH-Praktiker erwarten, dass der DooH-Anteil am Schweizer Aussenwerbemarkt in den nächsten fünf Jahren im Bereich von 5 Prozent zu liegen kommen werde. Christoph J. Walther