Es ist unbestritten, dass die Internet-, Mobile- und Tablet-Nutzung wächst. Doch stimmt es wirklich, dass auch der Zeitungskonsum auf diesen Kanälen zunimmt und vor allem: Macht der Zulauf bei der virtuellen Nutzung die Verluste beim Lesen auf Papier tatsächlich wett?
So klar ist das nicht. In der Schweiz existiert jedenfalls noch keine Studie, die dies belegt. Es gibt aber Hinweise, dass sich «die Wahrheit» differenzierter darstellt.
Machen wir einen «einfachen» Vergleich, indem wir die Reichweitenentwicklung einzelner Titel (gemäss Mach Basic) jener der Titel-Websites (gemäss NET Metrix-Profile ab 2007) einander gegenüber stellen. Das hat allerdings zwei Haken. Erstens: Die beiden Reichweiten enthalten Überschneidungen, doch die Zahl dieser Doppelnutzer kennt niemand. Zweitens: NET Metrix-Profile weist einheitlich Wochenreichweiten (Unique User pro Woche) aus, die Mach Basic dagegen Leser pro Ausgabe (LpA), was bei Tageszeitungen beinahe auf eine Tagesreichweite hinausläuft, bei Wochentiteln auf eine Wochenreichweite und bei Monatstiteln auf eine Monatsreichweite. Mit andern Worten: Ein direkter Vergleich der beiden Reichweiten ist nur unter Vorbehalt möglich, die Erscheinungsweise der einzelnen Printtitel ist zu berücksichtigen.
Stellt man die Reichweitenentwicklungen trotzdem einander grafisch gegenüber, so zeigt sich, dass selbst Titel derselben Thematik (etwa Wirtschaftstitel) oder der derselben Typologie (etwa grosse Tageszeitungen) unterschiedliche Verläufe aufweisen. Grob sind fünf Kategorien unterscheidbar: die Gegenläufigen, die Verlierer, die Stagnierenden, die Wachsenden und die Gewinner.
Zu den Gegenläufigen gehören Titel, bei denen die wöchentlichen Internetreichweiten steigen, während ihre Leserzahlen fallen. Besonders ausgeprägt zeigt sich dies bei Tribune de Genève (Grafik),Tages-Anzeiger, 24 heures und 20 minutes. Ob diese Titel unter dem Strich Reichweite gewinnen oder verlieren, lässt sich auf Grund der vorliegenden Zahlen aber nicht festmachen. Die Gruppe der Wachsenden kann sich nicht nur eine mehr oder weniger stabile Printleserschaft bewahren, sondern weist auch eine leicht steigende Webnutzung auf (Basler Zeitung, Grafik, Le Temps). Zu den Stagnierenden gehören schliesslich jene Titel, bei denen die Printleserschaft stabil bleibt und auch die Webnutzung auf (tiefem) Niveau verharrt (SonntagsZeitung, Grafik, Handelszeitung, Schweizer Illustrierte, Finanz und Wirtschaft). Weiter gibt es die Verlierer, bei denen die Printleserschaft klar stärker zurückgeht, als die Webnutzung ansteigt, ihre Gesamtnutzerschaft nimmt ab (Weltwoche, Grafik, Annabelle). Bleiben noch die Gewinner, bei denen sowohl die Print- als auch die Webnutzung wachsen (20 Minuten D-CH, Grafik, Beobachter, Schweizer Familie).
Fazit
Die Behauptung, der Zeitungskonsum verlagere sich ins Web, lässt sich somit nicht pauschal erhärten. Feststellbar ist, dass die meisten Titel zwar bei der Webnutzung ein gewisses Niveau erreichen, dann aber stagnieren. Das Ausmass dieser Webnutzung ist zudem sehr unterschiedlich und in manchen Fällen gar vernachlässigbar.
Somit muss bezweifelt werden, ob dank der Webnutzung die Gesamtnutzerschaft von Printtiteln gehalten oder gar gesteigert werden kann. Es scheint sogar, dass dies nur in Ausnahmen gelingt. Das wichtigste Indiz liefert die Pilotstudie «Total Audience 1.0» von Wemf und NET Metrix, vorgestellt in der WW-Ausgabe 4/11. Sie ist bislang die einzige Studie, die die Gesamtnutzerschaft eines Printtitels und dessen Webportal untersuchte und diese nach reinen Printnutzern, reinen Webnutzern und Doppelnutzern aufsplittete. Die wichtigsten Erkenntnisse daraus: Die Gesamtnutzerschaft einer Printmarke (LpA plus reine Webnutzer) kann in Einzelfällen zwar um ein Drittel grösser sein als die blosse Printreichweite (Beispiele: Tribune de Genève 35%, Tages-Anzeiger 35%, Basler Zeitung 29%). Meist ist die reine Webnutzerschaft aber sehr viel geringer. So weisen etwa Beobachter, Schweizer Illustrierte und Handelszeitung bloss zwischen 3 und 10 Prozent reine Webnutzer aus. Bei andern Titeln bewegt sich der Anteil bei 17 bis 26 Prozent (darunter auch 20 Minuten). Doch Vorsicht: Auch die Studie «Total Audience 1.0» basiert auf uneinheitlichen Reichweitenperioden aus Mach Basic und Net Metix-Profile (LpA und UU/Woche). Würden der Webnutzung Tages- statt Wochenreichweiten zugrunde liegen, wäre der Anteil Webnutzer um rund die Hälfte tiefer. Dies lässt sich aus der Studie NET Metrix Profile 2011-1 ableiten, die für einige Titel erstmals Tagesreichweiten ausweist (Beispiel Tages-Anzeiger: 131 000 UU/Tag; 354 000 UU/Woche; 753000 UU/Monat). Folglich liegt also der tägliche Webanteil an der Gesamtnutzerschaft je nach Titel derzeit effektiv zwischen 2 und maximal 25 Prozent.
Betrachten wir nun die Entwicklung über die letzten fünf Jahre, so ist festzustellen, dass etwa die Printausgabe der SonntagsZeitung heute 67 000 wöchentliche Leser weniger ausweist als in der Mach Basic 2006-1, gleichzeitig konnte sie im Web nur 17 000 wöchentliche Webnutzer generieren. Das zeigt klar, dass die SoZ mit ihrer Webnutzung den
Printverlust keineswegs wettmachen kann. Dasselbe gilt für die Tribune de Genève, die seit 2006 43 000 tägliche Leser verlor, gemäss Net Metrix 2001-1 aber aktuell eine gemessene Web-Tagesreichweite von 31 000 Personen ausweist. Oder die Basler Zeitung: Sie verlor in fünf Jahren 35 000 Leser, pro Tag wird ihre Website aber nur von 30 000 Personen konsultiert. Kurz: Bei diesen drei Titeln resultiert auf jeden Fall ein Minus bei der Gesamtnutzerschaft. Und sie sind nicht die einzigen: Der Schweizer Illustrierten, der Weltwoche, der Annabelle und 24 heures erging es ebenso.
Doch es gibt auch andere Beispiele, etwa der Tages-Anzeiger: Sein Verlust von 99 000 Lesern seit 2006 wird mit der grossen Webnutzerschaft (gemessene Tagesreichweite: 131 000 UU) überkompensiert. Dennoch ist es unwahrscheinlich, dass dieser Titel seine Gesamtreichweite gegenüber 2006 ausbauen konnte, da ja noch die Zahl der täglichen Doppelnutzer von Tagesanzeiger.ch und Printausgabe abgerechnet werden müssen, und diese Zahl kennt niemand. Ausgehend von Total Audience 1.0 lässt sich aber gegenüber 2006 ein nichtsignifikanter Verlust abschätzen. Positiv ausgedrückt: Die Gesamtreichweite des Tages-Anzeigers blieb in etwa stabil. Immerhin. Noch besser erging es Le Temps, denn dieser Titel verlor gegenüber 2006 bloss 2000 Leser, die er dank der Webgemeinde (gemessene Tagesreichweite: 19000 UU) mehr als aufwiegen kann. Le Temps konnte somit seine Gesamtreichweite ziemlich sicher leicht ausbauen. Ähnlich dürfte der Fall auch bei der Handelszeitung liegen. Markus Knöpfli