Paul McCartney, Michael Jackson und Amy Winehouse haben sie besungen. Victor Vasharelly, Pierre Soulages und Kasimir Malewitsch bannten sie auf Leinwand. Benetton und Oliviero Toscani widmeten ihnen eine ganze Kampagne. Die Rede ist von Schwarz und Weiss. Wer sich auf die Welt der beiden Farben einlässt, findet sich in einem Kosmos wieder, der alles andere als monochrom ist. Dies wird spätestens klar, wenn man in der neuen Galerieausstellung des Museums für Gestaltung die Nuancierung, die durch die unterschiedlichen Trägermaterialien der Exponate entsteht, nebeneinander sieht. «Ich wollte nicht eine Ausstellung in Schwarz- Weiss machen, weil ich ein Denken in Polaritäten bevorzugen würde», betont Angeli Sachs. Die Leiterin Ausstellungen des Museums für Gestaltung hat sich in der Vergangenheit bereits über einen längeren Zeitraum mit Schwarz auseinandergesetzt. Nachdem die ursprüngliche Idee, eine Ausstellung über Farbe zu gestalten, fallen gelassen wurde, weil ein anderes Museum die Thematik bereits bearbeitete, setzte Sachs auf den maximalen Kontrast: «Schwarz Weiss – Design der Gegensätze».
Die Worte alleine öffnen einen assoziativen Raum, der sich sogleich mit Bildern füllt: Neuschnee, der Sessel «LC2» von Le Corbusier, Rassendiskriminierung, Braut und Bräutigam. Die beiden Farben sind in allen Bereichen unserer Gesellschaft verankert. Egal, ob vor einem kulturellen, gestalterischen oder ideellen Hintergrund, Schwarz und Weiss spielen eine zentrale Rolle. Traditionell ist Schwarz in der westlichen Kultur negativ, weiss eher positiv besetzt, was wir vor allem dem moralischen Weltbild der christlichen Kirchen verdanken. Noch heute werden Begriffe wie Gut und Böse, Freude und Trauer, Anfang und Ende mit den beiden Farben assoziiert. Tiere mit schwarzem Fell oder Gefieder gelten als Helfer oder Vorboten des Bösen. Die schwarze Katze soll Unglück bringen und die Krähe hat den Ruf, Galgenvogel oder Gehilfe der schwarzen Magie zu sein. Die weisse Taube symbolisiert den Frieden, weisser Schnee die Reinheit. Die Liste der Bedeutungen, die den beiden Farben zugeschrieben werden, ist lang. Auch in der Sprache und der Literatur wird oft mit der Symbolik von Schwarz und Weiss gespielt. Interessant ist vor allem der Umstand, dass Schwarz und Weiss in anderen Kulturkreisen ebenfalls stark verankert sind, wenn auch häufig mit gegenteiliger Symbolik.
Konzept, Abstraktion und Eleganz
In der Ausstellung wird die kulturelle und gesellschaftliche Bedeutung der beiden Farben im «Raum der Imagination» thematisiert. Auf der Eingangswand finden die Besucher «zeitgenössische Antworten auf genau jenen Echoraum, wie ihn das grundlegende Werk der Moderne, das ‹schwarze Quadrat auf weissem Grund› von Kasimir Malewitsch, geschaffen hat». Ein kleiner Ausflug in die Kunst, der in Zusammenarbeit mit dem Haus Konstruktiv in Zürich entstanden ist. Es folgt eine Gruppe von Exponaten, welche auf die wichtigen Motive von Schwarz und Weiss einstimmen sollen. Gleich daneben flimmern Bild und Textcollagen zu zentralen kulturellen und gesellschaftlichen Themen, die sich mit den beiden Farben in Verbindung bringen lassen, über neun Bildschirme. Ein paar Schritte weiter erhält man einen kurzen Überblick über die wichtigsten Phänomene der Wahrnehmung von Schwarz und Weiss und deren Positionierung in einflussreichen Farbsystemen.
Der Hauptteil der Ausstellung, welche sich schwerpunktmässig den Themen Architektur, Design und Mode widmet, ist in drei Bereiche gegliedert: Schwarz, Schwarz-Weiss und Weiss. Die hier versammelten Exponate – alles einflussreiche Zeitzeugen aus Moderne und Gegenwart – widerspiegeln eine weitere, zentrale Bedeutung der beiden Farben. Dazu Angeli Sachs: «Schwarz und Weiss sind auch die Farben von Avantgarde, von Konzept, von Abstraktion und Eleganz.» Für viele Designer werde die Essenz ihres Entwurfes in Schwarz oder Weiss am klarsten sichtbar. Vor diesem Hintergrund entstehen auch in der Werbung immer wieder ganze Kampagnen, die auf den Einsatz von bunten Farben verzichten. «Auffallen definiert sich nicht unbedingt über Farbe», meint einer, der es wissen muss. Thom Pfister ist CD und Partner bei der Berner Werbeagentur Komet und hat mit seinem Team schon verschiedenen Kunden in Schwarz-Weiss Aufmerksamkeit verschafft. «Die Macht einer starken Aussage in einer reinen Typo-Kampagne ist nicht zu unterschätzen. Zudem bieten Schwarz und Weiss den maximalen Kontrast und, mit den richtigen Formen kombiniert, schlagen sie ein wie eine Bombe. Während die Werbung in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts stark auf Farbfotos setzte, scheint es, als würde man sich heute wieder auf die Kraft dieses maximalen Kontrastes besinnen: «Unter den aktuellen 100 besten Plakaten Deutschland, Österreich und Schweiz liegt der Anteil schwarz-weisser Plakate bei über einem Drittel», sagt Pfister. Nimmt man die Absender dieser «farblosen» Werbebotschaften unter die Lupe, sind es oftmals solche, die mit ihren Produkten oder als Institution eben die von Sachs beschriebene Avantgarde und Eleganz zelebrieren. Dazu zählen insbesondere Mode, Design und Architektur. «Auch bei unseren Kunden aus dem Kulturbereich spüren wir einen anhaltenden Trend in diese Richtung», ergänzt der Komet-CD. Er räumt allerdings ein, dass gerade in diesem Segment manchmal auch ganz einfach die Druckkosten die Farbwahl bestimmen. Für den Kreativen steht aber fest, dass insbesondere Menschen und Schicksale oft mehr Kraft in Schwarz-Weiss entwickeln können. Diese Aussage trifft auch auf das Bild von Miles Davis zu, welches zum Portfolio von Michel Comte gehört. Der Fotograf ist selbst überzeugt: «Dieses Porträt wäre farbig undenkbar. Ebenso, wie die Nespresso-Kampagnen mit George Clooney.» Dennoch betont Comte, dass er sowohl in der schwarz-weissen wie auch in der farbigen Welt zu Hause sei. «Ich gehe aber stehts von der Helligkeit, vom Licht aus, it’s all about brightness », so Comte weiter. Dies gelte sowohl für sogenannte Kunstfotos und Porträts als auch für Werbeaufträge.
Auf Grafikdesign hat Angeli Sachs in der neuen Ausstellung aus Platzgründen verzichtet. Dafür zeigt die Plakatsammlung des Museums für Gestaltung vom 8. November 2011 bis zum 5. März 2012 in den Räumlichkeiten der Schweizerischen Nationalbank ausgewählte Schweizer Arbeiten ab 1930 bis zur Gegenwart. Diese sollen verdeutlichen, dass Plakate in Schwarz-Weiss durchaus mit der «oft aufdringlichen Buntheit der Massenkultur » zu konkurrenzieren vermögen.
Simone Fankhauser
In Kürze
Das Museum für Gestaltung Zürich zeigt die Ausstellung «Schwarz Weiss – Design der Gegensätze» von 9. November 2011 bis 4. März 2012 auf der Galerie. Begleitend finden verschiedene Ausstellungsgespräche statt. Mit der Ausstellung startet auch ein Pilotprojekt in der Weiterentwicklung der Vermittlung am Museum für Gestaltung Zürich. Das Angebot umfasst neben Führungen, Workshops und Ausstellungsgesprächen auch das Objekt «Himmel/ Hölle». Dabei können die Besucher auf einer Faltvorlage schriftlich eigene Gegensätze definieren. www.museum-gestaltung.ch