Die Welt ist kein Plakat!
Banale Faktoren führen dazu, dass Menschen über 50 eher den Printmedien zuneigen.
Je nach Absicht wechseln die Bezeichnungen. Wenn man etwas von uns will, nennen sie uns «Best Agers». Wenn sie unter sich sind, sprechen die schwarz gekleideten Damen und Herren aus der Kommunikationsindustrie von «Silberrücken» oder «Kukis» (von Kukident). Egal, wichtig zu wissen ist: Sie wollen nur unser Bestes, nämlich unser Geld. Das Paradox der Mediennutzung ist schon lange bekannt. Jetzt wird es durch eine Studie*, die der Verband Schweizer Medien veranlasst hat, in verdienstvoller Weise vertieft: Je älter der Mensch wird, desto grösser ist – jedenfalls im Durchschnitt – seine Neigung, den Dingen auf den Grund zu gehen. Also sucht er Erklärung und Vertiefung unter anderem in den Medien. Dazu kommt, dass er oder sie tendenziell mehr verfügbare Zeit für die Mediennutzung besitzt. So kommt es, dass viele gedruckte Medien überdurchschnittlich viele Nutzerinnen und Nutzer im fortgeschrittenen Alter ausweisen. Den Druckmedien ist deswegen – in dieser Verallgemeinerung zu Unrecht – der Ruf der tendenziellen Überalterung zugewachsen. Dabei ist das Phänomen durchaus nicht auf die Druckmedien beschränkt. Manche Jugendsendungen im Fernsehen vermögen mehr «Kukis» anzulocken als Zuschauer aus der angepeilten Zielgruppe.
Das eigentliche Problem der Marketingleute ist aber nicht die Intensität der Mediennutzung durch Senioren, sondern deren schwindende Beeinflussbarkeit. Mit fortschreitendem Alter steigt die Gewissheit, das Richtige gefunden zu haben: nicht nur bei Partnerschaft und Weltanschauung, sondern halt auch bei Zahnpasta, Automarke und Frühstücksgetränk. Bei manchen von uns «Best Agern» ist ausserdem die Macht der Gewohnheit stärker als die Lust auf Neues. Sicherheit kommt vor Experiment. Das bedeutet logischerweise, dass Werbekontakte zu Menschen über 50 mühsamer sind, weniger Ertrag versprechen und folglich teurer sind als solche zu jüngeren Altersgruppen, bei denen eine höhere Beeinflussbarkeit vermutet werden kann. Hier liegt die Ursache für den viel beklagten «Jugendwahn » der Medien. Die Jungen rentieren einfach besser als die «Kukis».
Die Studie hält sich sehr lange bei den Präferenzen des Mediengebrauchs und bei dem dafür verwendeten Instrumentarium auf. Die augenscheinliche Bevorzugung des Print durch die ältere Generation wird auf alle möglichen – durchaus plausiblen – Faktoren zurückgeführt. Nur eine, eher banale Ursache wird ausgeblendet: Menschen über 40 haben es häufig mit Augenproblemen zu tun. Das Sehvermögen lässt mit fortschreitendem Alter nach; Bildschirmlesen ermüdet schneller (eigene Erfahrung, bestätigt durch die Augenärztin) und bremst die Bereitschaft zum Gebrauch von Lesegeräten aller Art. Gefördert wird dagegen die Tendenz zum Ausdrucken vor allem längerer, zusammenhängender und/oder schwieriger Texte.
Die Studie vermeldet – stellenweise in einem etwas mitleidigen, therapeutischen Ton – das Misstrauen der Älteren gegenüber den New und Social Media, auch die Vorbehalte gegen das mobile Lesen. Auch das könnte mit etwas sehr Einfachem zusammenhängen: mit der in einem langen Leben oft bestätigten Erfahrung, dass auch die Form den Inhalt bestimmt: dass also zum Beispiel Kurzfutter zwangsläufig zu Banalität führt und dass ein anständiger, differenzierter Gedankengang oder eine kluge Argumentationskette einfach Platz braucht. Die Welt ist kein Plakat. Das Leben ist keine Schlagzeile. Niemand kann in fünfzehn Zeilen die Schöpfungsgeschichte erzählen.
Komplexität und Tiefgang brauchen differenzierende Formulierungen: Inversionen, Nebensätze, Extempores – alles Stilmittel, bei denen in den Schreibkursen für Online-Medien zur Vorsicht geraten wird. Manche Leute lesen ausserdem mit dem Marker, brauchen also das Papier als Hilfe zum Memorieren und zum wiederholten Nachdenken. Mit anderen Worten: Statt lange Studien zu schreiben über die Chancen, die ältere Generation noch herumzukriegen und zu Tablet- und Facebook-Nutzern zu bekehren, könnte man es auch einmal am entgegengesetzten Ende probieren, bei den Inhalten und deren sorgfältigen, das heisst mediengerechten Aufbereitung.
Mit der älteren Generation zu kommunizieren ist nämlich nicht hoffnungslos. Nur anspruchsvoller.
Karl Lüönd, freier Publizist und Buchautor
*Jella Hoffmann: Best Media for Best Agers. Mediennutzungsverhalten der Generation 50+. Verband Schweizer Medien, Konradstrasse 14, 8021 Zürich. Jella Hoffmann ist Leiterin Medienforschung bei LINK Institut für Markt- und Sozialforschung.



