Köpfe der Woche: Stimmungen zwischen Explosion und Teestunde
Carl Hänggi und Rino Meyer haben zusammen die Musikproduktion T&Tea gegründet. In ihrem Studio in Zürich sind die beiden ungleichen Partner spezialisiert auf Sound alikes, Coverversionen sowie Eigenkompositionen für Werbespots und Auftragsfilme.
Zwei auf das erste Hören radikal verschiedene Stilistiker machen zusammen Musik. Carl Hänggi kommt von der klassischen Gitarre. Rino Meyer ist ein Tontüftler im Bereich experimentelle Elektronik. Ihr harmonisches Finden wirkt wie das Zusammenspiel von TNT. Und die bekannteste Formel für explosiven Sprengstoff liefert auch den Namen für ihre neue Firma: T&Tea. Das Wortspiel steht für bombastische Dynamik in einer kreativen Kombination mit der Ruhe und Getragenheit einer Teestunde. T&Tea gibt es seit einem Jahr. Jetzt wollen Carl Hänggi und Rino Meyer mit ihrem Studio für Auftragsmusik in Zürich erstmals ein bisschen aus den Credits an die Öffentlichkeit treten. Zusammen sind sie noch unbekannt. Jeder für sich kann aber eine hochkarätige Erfahrung aus den verschiedensten Bereichen vorweisen. Und auch diese Mischung von zwei Lebensläufen birgt noch einmal viel Potenzial für explosive Dynamik. Mit Carl Hänggi und Rino Meyer kommen nicht nur zwei Musiker aus zwei verschiedenen Generationen zusammen. Die beiden bringen im Zusammenspiel auch die Töne aus zwei völlig verschiedenen Welten in einen Guss.
Bevor Carl Hänggi wieder nach Zürich zurückkehrte, erlebte er den Sound der grossen weiten Welt von klassischen Konzerten in Japan bis zu jazzigen Produktionen mit Stars zwischen Hollywood und New York. Rino Meyer suchte seine Töne gleichzeitig in Zürich, indem er immer tiefer in die Innereien seiner zahlreichen Synthesizer vordringen wollte. Rino besitzt eine Sammlung mit den interessantesten Synthis der ersten Stunde, zu denen zum Beispiel auch ein legendärer «ARP Quadra» gehört. «Auf solchen noch analogen Instrumenten lässt sich ein Sound viel authentischer als auf einem digitalen Gerät erzeugen», weiss Meyer. Trotzdem kann er natürlich im digitalen Bereich gleichzeitig auf sämtlichen Registern der heutigen Technik arbeiten.
Abdecken können die beiden mit dieser Kombination die vollständige Klangpalette für Auftragsmusik. Der wichtigste Markt für T&Tea sind Commercials. Hier sind in erster Linie «Sound alikes» gefragt. «Die Tendenz läuft auf solche Songs, von denen man die emotionalisierende Wirkung bereits kennt. Weil aber die Rechte meistens zu teuer sind, muss man etwas komponieren, das ähnlich tönt», erklärt Hänggi das Rezept. Mit seinem Background als akademisch geschulter Musiker «kann er eine Melodie innert kürzester Zeit in ihre harmonischen Teile zerlegen und neu zusammensetzen», schwärmt Rino Meyer von seinem Partner. Er ist anschliessend dafür zuständig, einen grossen Sound wie bei einer mit Starmusikern besetzten Session zu erzeugen. Bei Bedarf werden natürlich auch echte Instrumente eingesetzt. Dazu kann T&Tea auf ein Netz von ausgewiesenen Solisten sowie auch Sänger und Sängerinnen für alle gefragten Stilrichtungen zurück greifen. Neben den kreativen Ideen ist es auch eine Qualität von T&Tea, dass sie dank ihrem kombinierten Know-how «sehr schnell» auf die Wünsche ihrer Kunden eingehen können. «Eine Dienstleistung, die heute vor allem in der Werbung gefragt ist, wo alles immer sehr schnell gehen muss», weiss Meyer. In solchen Situationen kann Carl Hänggi auch den Supervisor Musik ersetzen. «Dieser fungiert zwischen der Werbefirma und dem Komponisten. Weil hier Kunde und Musiker nicht immer die gleiche Sprache verstehen, kann ich in meiner Funktion als Komponist und gleichzeitig Produzent sehr schnell verstehen und allgemein verständlich vermitteln», ist Hänggi überzeugt. Sämtliche Jobs, die es für die Kompetenz als Supervisor Musik braucht, hat er in seiner Karriere schon irgend einmal irgendwo gemacht.
Nach einem Abschluss in Kammermusik am Konservatorium in Luzern und ein paar Semestern Kunstgeschichte zog es ihn nach Wien, «weil dort der beste Lehrer der Welt für meine Ausbildung als Konzertgitarrist wirkte», wie Hänggi erzählt. An der Akademie für Musik und bildende Künste besuchte er die Meisterklasse von Karl Scheit und studierte auch Komposition. Er machte sein Konzertdiplom «mit Auszeichnung» und durfte in der Folge als Gitarrist auch in Konzerten und Plattenaufnahmen mit Leonard Bernstein oder dem Stardirigenten Claudio Abbado mitwirken. Insgesamt spielte Carl Hänggi als Solist in über 100 Kammermusik-Konzerten in ganz Europa und tourte auch in Asien. Er gewann verschiedene Preise und wirkte auch als Dozent an der Universität Zürich sowie später als Gastdozent für Filmmusik an der Filmhochschule München.
Mit 30 Jahren folgte dann ein stilistischer Bruch. Hänggi, der schon als Teenager in Bands gespielt hat, entdeckte noch einmal seine alte Leidenschaft für Jazz und Pop. Per Zufall traf er Richard Schönherz von Supermax und zog mit diesem nach Amerika. In den USA realisierten die beiden zusammen verschiedene Projekte im Bereich Filmmusik, Theatermusik und Radio-Drama. Hänggi komponierte in Hollywood für Stars wie Sam Shepard oder Wolfgang Petersen. Nach einer Rückkehr aus den USA nach München folgten Filme für Wolfgang Panzer sowie die Serien «Tatort» oder «Terra X». Zusammen mit Stephan Massimo gründete Hänggi die Firma Carma Sound für die Vertonung von Werbespots. «Nach 150 Kompositionen haben wir aufgehört zu zählen.» Zu den Kunden zählten McDonald’s Europa, Sony Batman, Telekom Deutschland, Deutsche Post, Adidas, Camel, Herz USA. Für andere Projekte, die er eine Zeitlang auch aus seiner neuen Wahlheimat in Stockholm betreute, arbeitete Hänggi auch mit Gregor Ugovsek zusammen, dem Produzenten von Kylie Minogue und Atomic Kitten. Ein Auftrag der besonderen Art war die Begleitmusik für einen Disney-Spielfilm über das Leben des Komponisten von «Stille Nacht». Was hat er diesem wohl grössten Ohrwurm der Menschheit noch beifügen können? Hänggis Lösung war «eine sehr traditionelle Komposition». Darum herum hat die Story des Films den Titelsong «immer grösser gemacht », bis «Silent Night» schliesslich auf den grössten Plätzen in aller Welt gesungen wurde. Ein anderer Film mit historischem Charakter ist «Beresina». Auch für dieses letzte Werk von Daniel Schmid hat Carl Hänggi die Musik verantwortet. Eingebracht haben ihm all diese Arbeiten u.a. eine Goldene Auszeichnung am New York Commercial Festival, einen Emmy sowie einen Leoparden in Bronze am Filmfestival von Locarno.
«Mit so vielen Stationen kann ich noch nicht mithalten. Dafür kann ich den Tatendrang der Jugend einbringen», scherzt Rino Meyer beim Durchgehen von Hänggis Lebenslauf. Er selber gründete seinen musikalischen Werdegang in der Faszination zum Klang. Mit der Vorstellung «Ein Klang ist schon eine Melodie» entwickelte Rino Meyer synthetische als auch natürliche Klangwelten. Eine Inspiration zu jener Zeit war Brian Eno. Unter dem Namen «Test- Tube» hat Meyer seine eigenen Ideen ab 1995 bei diversen Konzerten vorgetragen. Zunächst arbeitete der Tontüftler nur mit Synthesizern, später zunehmend auch mit akustischen Instrumentalisten und Gastsängern. Damit konnte seine Musik schlussendlich auch bei einem mehrheitsfähigen Publikum landen. «Das bedeutete aber gleichzeitig das Ende dieses avantgardistischen Projekts», meint der überzeugte Künstler.
Als Ersatz wurde Rino Meyer kontinuierlich immer mehr auch als Eventorganisator im kulturellen Segment aktiv. Für die «lange Nacht der Museen» in Zürich hat er drei aussergewöhnliche Eventreihen im Migros-Museum für zeitgenössische Kunst mit organisiert. Zwei Jahre lang hat er auch die «1st floor lounge» stilvoll eingerichtet und für Kulturanlässe mit Gastronomie zur Verfügung gestellt. In dieser Zeit handelte Rino Meyer mit Vintage- und Designmöbeln und eröffnete mit einem Geschäftspartner zwei Läden in Zürich – Sugus und Individum. Diese hat er inzwischen verkauft. Das sich jährlich wiederholende Eventradio «Rundfunk.fm» erblickte 1999 unter der Co-Initiation von Rino Meyer die Welt. In diese Zeit wurde auch Phonogen.com gegründet, ein Label für gehobene Musikansprüche, das sich zurzeit im Wandel befindet. Auch als Co-Produzent diverser Musikproduktionen war Meyer massgeblich beteiligt. Ab 2005 arbeitet er als Werbemusikproduzent für Film, Fernsehen und Internet. Zu seinen Kunden zählen u. a. Ikea, Phonak (Hear the World), Emmi, Siemens (USA), Smart, Jura mit Roger Federer sowie das Schauspielhaus Zürich.
Andreas Panzeri





