Es hat wohl in der Luft gelegen, dass der Buchherbst 2012 auch den einen oder anderen Titel zum Thema Basler Zeitung bringen wird. Nicht nur, aber auch, weil die Basler Zeitung heuer am 31. Januar ihr 35jähriges Bestehen feiern wird. Kaum eine andere Schweizer Zeitung hat in so kurzer Zeit für so viel Gesprächsstoff gesorgt. (Schon ihre Gründung sorgte damals für Schlagzeilen, als die BaZ 1976/77 als Fusionsprodukt der traditionsreichen Basler Nachrichten und der National-Zeitung aus der Taufe gehoben wurde.)
Auf der Buch- und Medienmesse Buch Basel wird der Christoph Merian Verlag im kommenden November ein knapp 300 Seiten starkes Buch vorstellen, das dem kontroversen Werdegang der BaZ Tribut zollt. Der Titel: «Herausgefordert – die Geschichte der Basler Zeitung». Herausgeber ist Walter Rüegg, ehemaliger Direktor von Schweizer Radio DRS und heute Dozent am Institut für Medienwissenschaft der Universität Basel.
Zusammen mit drei weiteren Medienwissenschaftlern ist Rüegg dabei, die Hochs und Tiefs des Basler Medienunternehmens systematisch aufzuarbeiten und in einen grösseren Kontext einzuordnen. «Dass sich dem bis heute noch niemand angenommen hat, erstaunte mich eigentlich», sagt Rüegg, der in den 1990er-Jahren selber für kurze Zeit als Verlagsdirektor der Basler Zeitung amtierte. Während die NZZ und andere Schweizer Verlage ihre publizistische Vergangenheit in Eigenregie aufarbeiten liessen, machten sich Rüegg und die Co-Autoren Christina Klausener, Rahel Walser und Dominic Wirz ohne BaZ-Mandat auf den Weg durch die Geschichte.
Im Frühjahr 2011 begann Rüegg mit seinem Team zusammenzutragen, was die Bibliotheken zum Thema hergaben. «Das war nicht viel, und das Wenige war oftmals lückenhaft und selten objektiv berichtet», so Rüeggs Einschätzung.
Diesem Manko trugen die Autoren Rechnung und weiteten die Recherchen aus. Als Medienwissenschaftler und mit dem Basler Verlag im Rücken erhielten sie unter anderem Zugang zu bislang geschützten Beständen im Basler Staatsarchiv – und zuletzt auch zum Firmenarchiv der Basler Zeitung. Hinzu kamen Interviews mit rund einem Dutzend Personen – ehemalige Mitarbeitende und Entscheidungsträger –, die der BaZ und ihren Vorgängerzeitungen nahestehen. Rüegg ist sich sicher: «Wir können nicht nur auf neue Quellen zurückgreifen, sondern zusammengenommen erlauben es uns diese Quellen vor allem, die vorliegenden Fakten in einem neuen Licht zu betrachten.»
Recherchen auf Bazbuch.ch mitverfolgen
Bis die Ergebnisse der Öffentlichkeit in Buchform vorliegen, wird es indes noch ein paar Monate dauern. Bis dahin arbeiten die Autoren aber nicht hinter verschlossenen Türen, sondern wollen nach und nach Recherche-Ergebnisse online zugänglich machen.
Zusammen mit der Berner Agentur Efentwell entstand so die Website Bazbuch.ch, die am Montag aufgeschaltet wurde. «Was die Autoren brauchten, war vom Prinzip her eine Art ‹Forschungs-Blog›», erläutert Kaspar Kilchenmann, Mitbegründer und einer der beiden kreativen Köpfe von Efentwell, das Konzept. «Wir haben die WordPress-Idee aufgegriffen, mit ein paar Social-Media-Tools angereichert und in ein passendes Design gepackt.» Orientiert haben sich die Gestalter dabei am Print-Layout der BaZ der 1980er-Jahre und haben deren Design-Ideen auf den Bildschirm übersetzt.
Parallel zur Website spielen auch Twitter und Facebook eine wichtige Rolle für die Kommunikation mit der Öffentlichkeit. «Wir bespielen diese Kanäle aber nicht, um für oder gegen die eine oder andere Seite Stellung zu beziehen», erklärt Dominic Wirz, Co-Autor und zuvor Social-Media-Forscher, die Online-Strategie. «Stattdessen achten wir darauf, dass wir neue Stimmen und Perspektiven ins Gespräch bringen können – zum Beispiel historische Quellen aus der Zeit um die Fusion.» Die Autoren wollen mit einem wissenschaftlich-objektiven Anspruch ans Werk gehen, auch wenn vom Verlagsprogramm her betrachtet klar ein publikumsnaher Schreibstil gefordert sein dürfte.
Wie sie sich diesen Mittelweg zwischen medienwissenschaftlicher Recherche-Treue und publikumsnahem Auftreten vorstellen, führten die Autoren vor rund einer Woche vor. Als die Tageswoche zum ersten Mal die Todesanzeigen der Stadt Basel abdruckte, veröffentlichte das Bazbuch auf Twitter und Tumblr einen Videoclip aus den Recherche-Archiven. Der Clip zeigte ein Interview mit Franz C. Widmer, 1977 bis 78 Chef vom Dienst bei der BaZ. Er erinnerte sich im Gespräch mit den Autoren, wie wichtig die Todesanzeigen damals für den Erfolg der frühen Basler Zeitung waren. Die Leserschaft hätte anfangs reklamiert, dass man in der neuen, dickeren BaZ die Todesanzeigen nicht mehr auf Anhieb fände. Erst als man auf der Titelseite einen Seitenverweis auf den «Veranstaltungskalender fürs Hörnli» (so heisst der grosse Friedhof im Kanton Basel-Stadt) platziert habe, sei «sehr viel Ruhe in die Leserschaft eingekehrt», so Widmer im Interview. (red)
Das Buch zur Basler Zeitung wird ab November 2012 beim Christoph Merian Verlag und im Buchhandel erhältlich sein.