Die Automatisierung der Planungs- und Einkaufsprozesse, die datengetriebene Media-Planung, Kampagnenaussteuerung und -optimierung, die Nutzung eines Weltmarkts, um das Werbe-Inventar der Publisher zu monetarisieren, die Gelegenheit durch Daten eine zielgruppengerechte und unterhaltsame Werbeansprache den Konsumenten zu bieten, die theoretische Chance für Transparenz zwischen den Werbekunden und den Webseiten sowie die Möglichkeit, jederzeit Kampagnen zu schalten, 24/7 – «instant satisfaction».
Gemäss Emarketer.com sind bereits im 2015 in den USA und in Grossbritannien 59 Prozent der digitalen Werbebuchungen im Display-Bereich über den programmatischen Weg eingebucht worden. Im Video-Bereich waren es im gleichen Jahr 39 Prozent in den USA. Laut einer Schätzung von Magna Global wird bereits in 2017 ein Drittel des Inventars in Deutschland programmatisch gehandelt.
In der Schweiz wird dieser Anteil 2015 zu 25 Prozent von Netprofit GmbH geschätzt. Ne-
ben dem auktionsbasierten Einkauf von Media ( real time bidding ) wird der direkte programmatische Einkauf des digitalen Inventars in einer 1:1-Beziehung zwischen dem Werbekunden und der Webseite ( programmatic direct ) zunehmen. Die Automatisierung schreitet geschwind voran, doch bis die Zukunftsvision eines selbstlernenden Werbesystems, das modulare, individuelle und unterhaltsame Werbebotschaften zusammenbaut und so die richtigen Konsumenten zur richtigen Zeit am richtigen Ort durch den digitalen Einkaufsprozess begleitet, liegt noch ein Stück Arbeit vor uns. Auch hier in der Schweiz.
Die Nutzung von Data als Herausforderung
Viele Werbetreibende sehen Data als das neue Gold. Wer die beste Kompetenz hat, Zahlen und Daten so zu interpretieren, dass die Kunden mehr kaufen und zufriedener sind, der hat gewonnen. Die technischen Möglichkeiten Data zu nutzen, sind bereits länger da. Gemäss einer Studie von AOP Research in Grossbritannien nutzen nur 4 Prozent der Werbetreibenden die eigenen Kundendaten (first party data), um bessere Ergebnisse der programmatischen Kampagnen zu erzielen. Gemäss der gleichen Studie nutzen 68 Prozent der Marketingentscheider gar keine Zusatz-Daten in den programmatisch eingekauften Kampagnen.
Datengetriebene Kampagnen bieten viele Möglichkeiten, jedoch will der Konsument auch nicht zu gestört werden. Die intensive Nutzung von dynamischem Retargeting in den letzten drei Jahren hat eine erhöhte Sensitivität bei den Konsumenten mit sich gebracht. Zum Teil ist die Werbung schon relevanter, der Konsument merkt jedoch deutlicher, was alles über seine Person nachverfolgt wird. Eine Antwort auf die zu intensive Nutzung der Konsumentendaten ist das starke Aufkommen des Ad-Blockers. In der Schweiz schätzt Pagefair und Adobe, dass 15 Prozent der User bereits Ad-Blocker nutzen.
Kreativität als Herausforderung
Das Verhalten der Konsumenten zeigt nur auf, dass die Werbung als Produkt nicht gut genug ist. Es gilt nun die Welt der Kreativagenturen mit den Performance-Zahlen der Kampagnen zu verknüpfen. Die Advertiser, Publisher und Kreativagenturen werden nun gefordert sein, viel enger zusammenzuarbeiten bzw. eventuell sich vertikal zu integrieren.
Herausforderung Sicherheit
Im Mai 2015 hat digiday für Chango und Rubicon eine Umfrage zu den Herausforderungen von «programmatic buying» in den USA und Grossbritannien gemacht. Hier hat sich herausgestellt, dass die Werbekunden wegen Betrug, der Qualität der Umfelder/Webseiten, der Sichtbarkeit/ Unsichtbarkeit der Werbung oder nutzlos eingekaufter Reichweiten zum Teil sich noch scheuen, den programmatischen Kanal zu nutzen. Es gilt also für die Branche an der Transparenz und Sicherheit zu arbeiten.
Herausforderung Technologiekosten und Komplexität
In der Zeit vor «Programmatic» nutzten die Publisher klassisch einen Adserver oder eventuell noch eine Yieldlösung, um die Werbung optimal auszusteuern und das Inventar perfekt zu monetarisieren. Diese Lösungen waren noch bezahlbar. Dann kam die neue automatische bzw. programmatische Technologieentwicklung. Jetzt wollen die Technologieanbieter auf Publisherseite ( Supply Side Plattform, SSP ) nicht mehr einen Tausenderkontaktpreis von z. B. CHF 0,03 vergütet erhalten, sondern bis zu 15 Prozent von den Mediakosten. Zudem verbirgt sich die Möglichkeit für etliche Zwischenhändler im Set-Up, eine intransparente Gebühr zu integrieren. Die Technologiehersteller auf Kundenseite ( Demand Side Plattform, DSP ) wollen auch ihre Marge, welche standardmässig bereits integriert ist. Für die Technologieanbieter und für die Zwischenhändler kein Problem. Für die Performance der Kampagne und für die Transparenz jedoch schon.
Wenn die Performance der Kampagne mit anderen Kanälen verglichen wird, ist die Leistung zu schwach und damit sind die Kosten zu hoch. Die Folge daraus wird sein, dass andere Kanäle bei der nächsten Welle berücksichtigt werden. Dazu kommt noch, dass diese Lösungen, ob auf Publisherseite ( SSP ) oder auf Kundenseite ( DSP ), sehr komplex sind. Es gibt Ansätze in der Schweiz, diese Komplexität zu reduzieren, indem noch eine Lösung – mit reduzierter und vereinfachter Oberfläche – on top genutzt wird. Auch hier schraubt jeder Zwischenhändler die Performance der Kampagne nach unten. Es gilt also die Komplexität zu begreifen.
Herausforderung Kompetenz
Um die Komplexität dieser hochtechnologischen, datagetriebenen Lösungen auszuwählen und zu bedienen, braucht es sehr kompetente Mitarbeiter. Die kleinste Mediaagentur oder die mittelgrossen Marketingteams brauchen Data-Analysten, Kampagnenmanager mit programmatischem Verständnis, Media Traders oder IT-orientierte Projektmanager, die es verstehen, dynamische Werbemittel mit Brandbotschaften, mit Kampagnenergebnissen und Publishersites zu verbinden und so zu optimieren, dass der Konsument Spass hat und die Kampagne für die Marke gemäss den vorgegebenen Massstäben performt. Das Wissen über Marken, Konsumenten/Menschen, Kampagnenmechaniken, Wirkungsmodelle sowie die gesamte Bandbreite der digitalen Techniken ist dabei von unschätzbarem Wert.
Chancen für die Innovativen
Die Welt des Handels von digitalen Werbeplätzen ist definitiv im Wandel. Das Wachstum der Nutzung zeigt grosse Hoffnung. Die Herausforderungen verbergen für die Innovativen tolle Geschäftschancen.
Jochen Witte ist COO bei Stailamedia und Programmatic-Experte. Er meint zu den Entwicklungen im Markt wie folgt: «Selbst konservative Marktteilnehmer erkennen, dass nicht um das Thema herumzukommen ist. Nachdem die grossen Agenturen 2015 noch darauf fokussiert waren, etablierte Geschäftsmodelle möglichst 1 : 1 in die programmatische Welt zu überführen, liegt der Fokus inzwischen immer mehr auf den neuen Möglichkeiten, welche sich durch Programmatic Advertising ergeben. Themenschwerpunkte liegen dabei im Cross-Device User Tracking, in der Nutzung von Daten für die Optimierung von Branding-Kampagnen sowie in der Einführung von viewable Impressions als Währung. Wenn Real Time Advertising 2015 cool war, wird es 2016 normal sein.»
Zukunftschance Dienstleistung Programmatic
Die Schweiz ist ja bekanntlich ein Dienstleistungsland. Im Bereich von Programmatic Services wird es in Zukunft sicherlich einige neue Business-Möglichkeiten geben. Sei es im Consulting-Bereich für die Auswahl der Technologie auf Kundenseite oder Publisherseite, sei es im Bereich Data-Analytics, Algorithmen-Optimierung, User-Journey-Architektur, Zielgruppensegmentierung, Datenverkauf oder Strategieberatung für Bidding etc.
Zukunftschance Technologie
Wer es schafft, eine vereinfachte Lösung zu einem vernünftigen Preis auf den Markt zu bringen, der hat auch gute Möglichkeiten. Wenn dann die Qualität des Inventars seriös kontrolliert wird, dann ist das Potenzial gross. Sicherheit auf Kundenseite kann dann vermehrt gewährleistet werden.
Zukunftschance Kompetenz
Die Kompetenz als Herausforderung ermöglicht gleichzeitig für die Schnellen und Smarten sehr spannende Gelegenheiten. Programmatic-Spezialisten sind rar und teuer. Wer sich hier weiterbildet und hochqualifizierte Fachkompetenz aneignet, hat auf dem Arbeitsmarkt in Zukunft sehr gute Chancen.
Catrin Rubenson arbeitet seit 16 Jahren im Bereich Digital Media in der Schweiz. Seit Ende 2015 ist sie selbstständig als Personal Growth Coach und Digital Media Consultant. Zuletzt war sie als CEO für die Digital Media Agentur Admazing in der Schweiz tätig. Zuvor baute sie als Geschäftsführerin das erste und führende Affiliate-Netzwerk Tradedoubler in der Schweiz auf. Catrin Rubenson ist verheiratet und lebt in Zürich und Sri Lanka. Catrinrubenson.com
Dieser Artikel ist im Werbewoche «Branchenreport Digital» vom 15. April 2016 erschienen. Sie können die Publikation als PDF unter diesem Link kostenlos herunterladen.