WW: Viele Firmen stellen Taschen aus LKW-Planen her. Was macht Freitag speziell?
Freitag macht speziell, dass die Produktion nicht einfach eine modische Idee ist, sondern ein tief verankerter Gedanke in der Firma: Wir nehmen etwas Bestehendes und machen etwas Neues daraus. Wir schenken Dingen, die andere als Müll betrachten, ein nächstes Leben.
Ist Freitag Vorreiter auf dem Gebiet?
Ob die Freitag-Brüder 1993 wirklich die ersten waren, spielt keine grosse Rolle. Entscheidend ist, dass sich die Vorstellung vom «zweiten Leben von Dingen» stringent durchs Unternehmen zieht. Es hört nicht damit auf, dass wir eine Tasche aus alten LKW-Planen fertigen, wir verarbeiten auch Veloschläuche, Autogurte, sogar Airbags. Und als Brand Manager versuche ich, diesen Gedanken auf alle Spielwiesen zu transportieren.
Wie tun Sie dies?
Beim Produzieren eines Schaufensters überlegen wir zum Beispiel im Voraus, was anschliessend aus den Dingen passiert, und auch, ob man bereits Bestehendes verwenden könnte. Oder im Fall der Reference- Kollektion ist der Hangtag – das Informationszettelchen, das an der Tasche baumelt – aus Altpapier.
In Zürich sieht man die Freitag-Taschen überall. Keine Angst vor einem Overkill?
Schon vor zehn Jahren gab es Berichte, in denen behauptet wurde, der Hype um die Taschen sei vorbei, es gehe nur noch bergab. Freitag konnte sich aber nicht nur bis heute behaupten. Wir wachsen noch immer zweistellig, was beweist, dass es nie um einen Hype ging. Die Taschen sind langlebig und werden von Personen getragen, die an unsere Philosophie glauben.
Sind Ihre Kunden dieselben, die vor 10, 15 Jahren Freitag-Taschen kauften?
Ich würde sagen: auch. Gerade in Zürich gibt es viele Leute, die ihre erste Tasche seit 15 Jahren oder noch länger tragen.
Ist dies nicht schlecht fürs Unternehmen? So verkaufen Sie nichts…
Unser Ziel ist es gerade, Taschen herzustellen, die langlebig sind. Wir sind froh um jeden, der seine Tasche 20 Jahre lang trägt. Das schliesst natürlich nicht aus, dass Kunden irgendwann Lust auf eine zweite Tasche bekommen…
Altert Freitag mit der Zielgruppe?
Ein Stück weit schon. Neue Produkte entstehen aus veränderten Bedürfnissen. So sind wir auch auf die Idee einer zweiten Kollektion gekommen. Die Reference- Linie ist mit unifarbenen Taschen etwas schlichter, aber etwas modischer als die Fundamentals. Gleichzeitig bleibt Freitag jung. Letztes Jahr haben wir einen Rucksack auf den Markt gebracht, der auf jüngere Leute abzielt und für Schüler geeignet ist.
Wie sieht Ihre Zielgruppe aus?
Bei der klassischen Linie, den Fundamentals, haben wir stellvertretend den Velokurier vor Augen. Bei der Reference-Linie ist es der Journalist. Aber eigentlich richten wir uns an alle, die in einem urbanen Kontext unterwegs sind und eine Tasche benötigen, die sie umhängen können, um von A nach B zu fahren. Menschen mit Designaffinität, Architekten oder solche aus dem Kreativbereich.
Haben Sie als Brand Manager keine Bedenken, dass durch die Reference-Kollektion, die etwas edler daherkommt, die Marke verwässert wird?
Nein, gar nicht. Für die Reference-Linie haben wir gezielt einen anderen Auftritt gewählt, da wir mit dieser auf ein anderes Segment abzielen. Die Wiederverkäufer, die Reference-Taschen anbieten, sind hoch positioniert. Dass wir Taschen in Läden wie 10 Corso Como in Milano, einem internationalen Mode- Flaggschiff, verkaufen können, ist aus Sicht des Brands erfreulich. Wir erhalten damit die Bestätigung, dass unsere Taschen in einem Kontext bestehen können, der ansonsten nicht an dieselben Dinge glaubt wie wir.
Sie sprechen wieder die Nachhaltigkeit an?
Ja. Natürlich sind wir in einem grossen Fashion- Kontext mit unserem Gedanken Exoten. Zentral ist nur, dass wir glaubwürdig kommunizieren, was unsere Basis ist: Wir glauben an das nächste Leben von Dingen, an Design und Funktionalität. Solange wir das transportieren, habe ich keine Angst vor einer Verwässerung des Brands.
Stichwort Kommunikation: Daniel Freitag sagte, Apple sei ein Vorbild, was Design und Kommunikation anbelangt. Was schaut Freitag bei Apple ab?
Es geht um den Kern des Unternehmens. Die Apple- Produkte sind so stark, dass sie bestehen, ohne eine aufwändige Kampagne drum herum machen zu müssen. Die Fähigkeit, etwas herzustellen, das nicht nur funktional ist, sondern auch super aussieht und extrem einfach zu bedienen ist, bewundern wir. Alles ist schön, du willst es haben. Die Einheit von Design und Funktionalität ist unglaublich, das sollte sich jeder zum Vorbild nehmen.
Apple verzichtet weitgehend auf klassische Werbung, genauso Freitag. Habt Ihr das nicht nötig?
Wir versuchen unsere Produkte so stark zu machen, dass sie für sich selber werben und Publizität erhalten. Anders gesagt: Der ganze Werbe-Etat fliesst in die Produktentwicklung.
Der Verkauf läuft von allein?
Wir verzichten zwar auf Werbung, aber von der Kommunikation sind wir deshalb keineswegs befreit. Im Gegenteil, wir verwenden sehr viel Zeit darauf, überzeugendes Kommunikationsmaterial aufzubereiten, das Medien im redaktionellen Umfeld brauchen können und wollen.
Nehmen wir als Beispiel den Umzug, mit dem Freitag in den Medien sehr präsent war…
Dort haben wir uns überlegt, wie wir das neue Gebäude in Szene setzen können, damit man das Gefühl bekommt, es sei einen Bericht wert. Wir versuchen jeweils, sehr sorgfältig unsere Geschichte zu erzählen. Zur Eröffnung der Freitag-Fabrik im Gewerbehaus «Noerd» kamen 250 Leute aus der ganzen Welt, Journalisten und Händler.
Wie sieht bei Freitag die Online-Kommunikation aus?
Online ist sowohl Kommunikations- als auch Verkaufskanal, dort betreiben wir einen riesigen Aufwand. Auf Freitag.ch wollen wir einen Einblick in die Freitag-Welt geben. Nutzer, die aus einer Kontextsuche auf die Seite gelangen, werden zu den Produkten geleitet, und umgekehrt, wenn ein Nutzer auf ein Produkt los geht, erhält er automatisch Informationen aus einem breiteren Kontext. Ausserdem betreiben wir eine Facebook-Seite, einen Vimeo-Kanal sowie weitere Social-Media-Kanäle.
Dafür produziert Freitag sehr aufwändige Produktfilme…
Das ist die Konsequenz, wenn man keine Werbung schaltet. Die Videos müssen so reinknallen, dass man sie sehen will. Die Stop-Motion-Produkt-Videos setzen wir teilweise auch für den Launch von neuen Produkten ein.
Aber wie gelangen potenzielle Kunden zu Freitag, auf die Website?
Hierzu sind die redaktionellen Beiträge in Blogs, aber auch offline in Magazinen und Zeitungen sehr wichtig. Um eine möglichst hohe Publizität zu generieren, haben wir intern eine Spezialistin, die ganz auf Medienarbeit fokussiert und in wichtigen Märkten mit lokalen PR-Agenturen zusammenarbeitet.
In der Schweiz ist Freitag sehr bekannt. Müssen Sie im Ausland mehr investieren, um den Brand bekannt zu machen?
Freitag funktioniert einerseits sehr zentralistisch, wir stellen in Zürich das Kommunikationsmaterial für die gesamte Welt bereit. Die Agenturen erhalten von uns pfannenfertiges Material für die Medienarbeit in ihrer Sprache. Anderseits führen wir im Ausland zum Beispiel lokale Events durch. Momentan läuft etwa die Reihe «Freitag am Donnerstag», die im Zweimonatsrhythmus in allen deutschsprachigen Freitag- Stores Halt macht, eine Kooperation mit dem neu lancierten Schweizer Magazin Reportagen. An den Veranstaltungen, die öffentlich zugänglich sind, referiert jeweils eine Autorin oder ein Autor aus dem Heft.
Wie ist die Kooperation mit Reportagen entstanden?
«Freitag am Donnerstag» haben wir ursprünglich zum Launch der Reference-Kollektion lanciert, damals mit dem Design-Blog Swiss-miss.com. Nachdem das Projekt eingeschlafen ist, wollten wir die Reihe wiederbeleben und haben mit Reportagen einen glaubwürdigen Partner gefunden, um journalistische Anlässe zu organisieren.
Wie geht es bei Freitag weiter? Es wird gemunkelt, man stelle bald Möbel her…
Na ja, wir entwickelten für unseren Bürobedarf selber Möbel, die unseren Bedürfnissen entsprechen. Das ist jedoch nichts, womit wir raus wollen.
Kein Interesse, diese zu verkaufen?
Man sollte nichts ausschliessen, aber das ist sicherlich kein Plan für die nähere Zukunft. Neben den Möbeln gibt es auch andere Projekte, die in der Pipeline sind. Aber noch nichts, das spruchreif ist.
Nächstes Jahr feiert Freitag das 20-jährige Jubiläum. Plant Ihr etwas Spezielles?
Bislang sind wir durch den Umzug noch nicht gross dazu gekommen, uns damit auseinanderzusetzen. Mit Reference haben wir zudem eine neue Linie, ein Küken, das viele Ressourcen beansprucht und weiterentwickelt sein will. Sicherlich werden wir uns aber bald an die Planung machen…
Welches sind Ihre persönlichen Ziele als Brand Manager?
Dass wir über die alle Kommunikations- und Verkaufskanäle konsistent kommunizieren und niemals langweilig sind. Mir macht es Spass, unkonventionell an Dinge heranzugehen. Ich sage gern: die Welt ist eine Scheibe. Es geht darum, möglichst nahe am Abgrund zu wandeln. Manchmal macht man einen Schritt zu viel und fällt runter, manchmal ist man zu weit weg, dann wird es langweilig. Isabel Imper