Drei junge Frauen stehen vor Gericht. Sie haben einen Mann ermordet. Den attraktiven Faun haben die Nymphen beim Lustbaden an einem Teich getroffen. Vor dem Richter erzählt jede der Schönen eine andere Version der Mordgeschichte. Am Schluss ist die Leiche verschwunden. Und auch die kecken Girls lösen sich auf dem Gang zu ihrer Zelle schliesslich in Luft auf. Der Plot ist eine Zusammenfassung des Diplomfilms von Lisa Brühlmann. Mit dieser «Erotic Fiction » wird sie in den nächsten Wochen in Zürich an der Filmschule der ZHdK ihren Bachelor machen.
Eine selber ausgedachte Story, mit der die Autorin «eine griechische Sage in die Moderne transferieren » wollte. In der Erzählform können Filmhistoriker auch Inspirationen vom japanischen Kino eines Kurosawa entdecken. Ein stilistisches Abenteuer. Ein Dokumentarfilm zu einem konkreten Thema als Diplomarbeit hätte wahrscheinlich weniger Risiko bedeutet. Aber der Entscheid für die grössere Herausforderung ist symptomatisch für Lisa Brühlmann.
Als die junge Studentin der Kommunikation und Medien bei Star TV als Redaktionsvolontärin arbeiten durfte, wollte sie mitten in der sich anbahnenden Entwicklung zur Moderatorin die Chance hinschmeissen und sich zuerst einmal in Berlin für drei Jahre einer richtigen Ausbildung zur Schauspielerin stellen. Und als nach dem Diplom an der Schauspielschule Charlottenburg die Anfragen für Rollen immer zahlreicher wurden, hat sie noch einmal eine Drehung mehr eingeschaltet.
Neugieriger Kopf
Brühlmann meldete sich zu den überall ziemlich überlaufenen Aufnahmeprüfungen an einer Filmschule. An der renommierten Starschmiede Babelsberg hätte sie die erste Runde bestanden, dann sich aber für die ZHdK in Zürich entschieden. «Ich kannte ein paar gute Abgänger und das Zurückkommen aus Berlin war ein Bauchentscheid, den ich bis jetzt nicht bereue.» An vielen anderen Filmschulen sei man «abgeschottet wie in einer Konserve». Zürich ist ein bisschen freier. «Man hat mehr Möglichkeiten, es ist eine Kunstschule. Man darf interdisziplinär zusätzlich andere Fächer ausprobieren.» Zwar könne man von dieser Freiheit auch überfordert sein. «Aber wenn man weiss, was einen interessiert, ist Zürich der richtige Ort», weiss Brühlmann.
«Viele Schauspieler reden davon, selber einmal Regie zu führen. Doch umsetzen tun es die wenigsten, weil sie sich der vielfältigen Anforderungen und der grossen Arbeit bewusst sind. Lisa hat ihren Wunsch aber sehr konsequent weiterverfolgt und auch eine Ausbildung gemacht», hat auch Reto Salimbeni einen solchen Charakterzug bei Lisa Brühlmann feststellen können. Der Kopf von Manifesto- Films hat die Schauspielerin als Aushängeschild für seinen Ikea-Film «Ordnen Sie Ihr Leben» gecastet. Bei dieser Zusammenarbeit hat man sich näher kennen gelernt, Brühlmann zeigte ihre «Showreel» von der Filmschule und Salimbeni war sofort begeistert. «Ich sah, dass Lisa einen sehr inhaltlichen Bezug hat zu Short-Form-Filmen. Sie denkt als Regisseurin gesamtheitlich. Beim Analysieren ihrer Kurzfilme und Musicclips war mir nach sehr kurzer Zeit klar, dass sie hochtalentiert ist und in der Werbung eine erfolgreiche Zukunft hat.»
Die Musikvideos haben auch Shannon Mildon, Produzentin bei Manifesto, überzeugt: «Sie wirken frisch und stylisch. Lisa arbeitet gerne mit Ironie, und schafft Bilder mit ausgeklügelter Harmonie. Man kann schon jetzt eine sehr persönliche Handschrift erkennen.» Dieser Einschätzung kann auch Salimbeni beipflichten, wenn er meint: «Häufig sieht man bei Nachwuchsregisseuren, dass sie sich an ein Genre-Konzept klammern und die Idee nicht atmen lassen.» Bei Brühlmann und ihrem aus eigenen Mitteln «zum Ausprobieren» produzierten Kurzfilm «Frühlingserwachen» ist eine «sehr stilsichere Leichtigkeit zu erkennen», bei der Salimbeni «natürlich sofort daran gedacht hat, dass die junge Regisseurin eine ideale Ergänzung für Manifesto sein könnte». Beim Unternehmen, das pro Jahr über 30 Spots zum Teil auch mit anderen Topregisseuren zum Beispiel aus Kanada und Hollywood realisiert, soll Brühlmann aber nicht in das Kästchen «Werbung für Junge» eingesperrt werden. «Das Engagement hat weniger mit Jung und Alt zu tun, sondern mit männlich weiblich», präzisiert Salimbeni. «Es gibt eine grosse Anzahl Werbung, die sich mehr an ein weibliches Zielpublikum richtet, und meistens wird diese Werbung von Männern gemacht. Dabei sehe ich häufig, dass die Tonalität nicht stimmt. Ich höre das auch in Rückmeldungen von Frauen», erklärt der Regisseur.
Salimbeni und Shannon Mildon stellen deshalb bei ihrer neuen Verpflichtung «ein grosses Talent fest mit Frauenthemen oder weiblicher Inszenierung – ohne in ein Klischee zu fallen, sondern nach Bedarf auch provokant sowie modern und frisch zu wirken. Das sind Sachen, die wir sonst nicht auf dem Radar haben. Ich muss ja für meine neue Regisseurin auch einen Markt sehen.» Dazu will sich Manifesto nun «Zeit nehmen und warten, bis die richtigen Projekte kommen». Für Lisa Brühlmann bietet ein solches Arbeitsverhältnis die Chance, dass sie weiterhin auf ihren zwei Geleisen Schauspielerei und Regie in die Zukunft fahren kann.
Gefragtes Gesicht
Sie stand kurz vor dem Abschluss der Schauspielschule in Berlin, als die Anfrage für ein Casting beim Schweizer Fernsehen reinschneite für die Arztserie «Tag und Nacht». Lisa Brühlmann konnte überzeugen und wurde als Praxisassistentin Connie bald einem breiteren Publikum bekannt. «Wenn man aus der Schauspielschule kommt und gleich sieben Monate am Stück dreht, ist das eine gute Weiterbildung und eine enorme Chance. Ich konnte ein grosses Netzwerk knüpfen und Erfahrungen sammeln. Die Rolle hat mir sehr viel gebracht. Schauspielerisch wie auch sonst.» «Das Schweizer Fernsehen hat seinen Jungstar gefunden», freute sich auch die Presse und beobachtete mit wachsendem Interesse die weitere Entwicklung. Zuerst wollte Lisa Brühlmann aber noch die unterbrochene Schauspielschule fertig machen. «Ich freute mich richtig darauf, noch einmal drei Monate lang wieder in die Schule zu gehen.»
Nach dem Diplom in Berlin folgten mit regelmässiger Kadenz Rollen in deutschen TV-Serien und Filmen. In der Krimiserie «Alarm für Cobra 11» hat man die Zürcherin für eine Hauptrolle engagiert. In einem «Tatort» wurde Lisa als drogensüchtige Kellnerin ermordet. Dazu musste sie «stundenlang auf dem Küchenboden in einem ungeheizten Haus liegen ». Die kalte Erfahrung am «Tatort» hat sich trotzdem gelohnt. «Wenn man diese Kultserie in seiner Bio auflisten kann, wissen alle damit sofort etwas anzufangen», hat Lisa festgestellt. Die Starthilfe funktionierte. Im soeben mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichneten «Der Mann mit dem Fagott» über die Biografie von Udo Jürgens spielte sie ein russisches Kindermädchen.
Im Gegensatz zu vielen anderen Jungschauspielerinnen aus der Schweiz, die – mit Vorliebe in Hollywood – meistens vergeblich von Casting zu Casting hetzten, konnte Lisa Brühlmann dieses «Klinkenputzen» für ihre Karriere aber auslassen. «Das wäre auch nicht mein Ding. Ich bin vom Charakter her mehr zurückhaltend», gibt sie preis. Das Hansen-Management wählt für die Schauspielerin die geeigneten Rollen aus. Dann findet beim Casting der Wettbewerb nur noch in einer engeren Wahl unter fünf tatsächlich für die Rolle passenden Darstellerinnen statt.
Aktuell ist sie im neuen Schweizer Spielfilm «Missen Massaker» zu sehen. Dass die Horror-Komödie im Kino ihre Zuschauer nicht findet, möchte Brühlmann lieber in einem anderen Gespräch erklären, denn diese Diskussion über die Schweiz, Kino und Filmkultur sprengt den Rahmen dieses Portraits über Brühlmann als Werbefilmerin. Froh über die Rolle ist sie trotzdem. «Ich habe von Regisseur Michael Steiner viel lernen dürfen.» Sie selber kann nicht so gut schauspielern, dass man ihr nicht anmerken könnte, dass sie auch selber einmal bei einem Spielfilm Regie führen möchte. «Ich bewundere Frauen wie Julie Delpy und Sofia Coppola. Beide schaffen es, Schauspielerei und Regie zu verbinden.» Einen für sie wichtigen Filmstoff hat Brühlmann auch schon im Kopf. Aber ein solcher kommt bekanntlich nie auf die Leinwand, wenn man schon zu früh über seine noch unausgereiften Projekte berichtet.