Medien – Basiswissen für die Medienpraxis. So nüchtern der Titel, so spritzig das Vorwort, das den Leser mit Klischees über Medienjournalisten abholt. Medienjournalisten sind bis über beide Ohren verknallt in den eigenen Beruf, so sehr, dass sie nichts anderes tun, als sich und ihresgleichen selbst zu beobachten, heisst es beispielsweise. Oder: Medienjournalisten neigen zu Masochismus. Schliesslich müssen sie sich von ihren Kollegen immer wieder anhören, Nestbeschmutzer zu sein oder PR in eigener Sache zu betreiben. Der Kontrast in den Formulierungen zwischen Titel und Vorwort widerspiegelt die unterschiedlichen Facetten des Buches. Es ist eine grösstenteils unterhaltsame Lektüre, gleichzeitig liefert es fundierte Analysen und macht den Spagat zwischen Praxis- und Theoriewissen. Die Publikation benennt medienjournalistische Angebote, beleuchtet Personen und Arbeitsfelder im heutigen Medienjournalismus und konkretisiert an Praxisfällen. Verschiedene Medienjournalisten berichten über ihre Recherchen, erfolgreiche Kollegen werden porträtiert sowie Fallbeispiele aus der medienjournalistischen Arbeit und Best-Practice-Modelle gegeben. Checklisten runden das Angebot ab, etwa ein «Verhaltenskodex für Medienjournalisten» oder eine Zusammenstellung der entsprechenden Pflichtlektüre.
Kontrastiert wird der praxisbezogene Ansatz durch viel Theoriewissen und eine wissenschaftliche Perspektive. Verschiedene Themen wie die Selbstbeobachtungsfalle oder der vorauseilende Gehorsam werden theoretisch beleuchtet, wobei hier Denkanstösse für die Praxis ebenso wenig fehlen. Auch wird die Historie des Medienjournalismus aufgearbeitet, über das Aufkommen in den 60er- und 70er-Jahren durch Rundfunk und Fernsehen bis hin zu jüngeren und laufenden Entwicklungen. Auf den 220 Seiten findet überdies eine kritische Auseinandersetzung mit der Branche statt. Die Autoren bemängeln beispielsweise die schwindende Medienberichterstattung in den Medien. Die oft zitierte Begründung, Medienjournalismus interessierte nur die Berufskollegen, lassen sie nicht gelten. Medienthemen seien nicht per se uninteressant für das breite Publikum, nur seien Versuche, breitere Adressatenkreise dafür zu begeistern, bislang nur halbherzig verfolgt worden. Medienthemen müssten «publikumswirksam » aufbereitet werden, so ihre Forderung. Dass die im Vorwort aufgegriffenen Klischees, obwohl gar zugespitzt, nicht aus der Luft gegriffen sind, legen die Autoren dar, indem sie eingehend auf die Herausforderungen und Besonderheiten des Berufes eingehen. Unter anderem auf die Schwierigkeit, als Medienjournalist seinesgleichen zu beobachten und fair zu kritisieren, dabei möglichst nah dran zu sein, aber trotzdem die nötige Distanz zu wahren.
Starthilfe oder Wissensabgleich
Das «kompakte Lehrbuch» soll eine Einstiegshilfe für den Nachwuchs sein, was etwa die Checkliste «Was tun, wenn ich Medienjournalist werden will?» am Ende des Buches erklärt. (Die wichtigsten «Überlebensregeln » für Berufseinsteiger hat Co-Autor Christian Meier für die Werbewoche zusammengefasst, siehe Kasten rechts). Die Checklisten, Fallbeispiele sowie die Gedanken über zukünftige Entwicklungen des Medienjournalismus machen das Lehrbuch allerdings auch für praktizierende Medienjournalisten interessant. Obwohl immer wieder internationale Beispiele genannt werden – die Internetkonzerne aus den USA sind ein wiederkehrendes Thema –, fokussiert das Buch in erster Linie auf die deutsche Medienlandschaft. In dem Sinne bietet es Schweizer Journalisten die Möglichkeit für einen genaueren Blick auf die Medienwelt des nördlichen Nachbarn. Abwechslungsreich ist die Lektüre sowohl aufgrund der unterschiedlichen Perspektiven der Autoren – der eine ein Medienjournalist, der andere ein Medienwissenschafter – als auch durch ihren Schreibstil. Christian Meier ist als stellvertretender Chefredakteur des Online-Medienportals Meedia.de tätig, Stephan Weichert ist Professor für Journalistik an der privaten Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation in Hamburg (MHMK) und hat darüber hinaus 2011 das medienkritische Portal Vocer gegründet.
Die Werbewoche hat Christian Meier an den Medientagen München getroffen und zum neuen Buch befragt. Im Interview geht er genauer auf die Rolle des Medienjournalisten ein, spricht über Veränderungen des Berufsfeldes, die angeblich masochistische Tendenz der Medienjournalisten, über die Beziehung zur Medienwissenschaft sowie die schwierigen und schönen Seiten seines Berufes.
Isabel Imper
Medienjournalisten sollten ihre innere Unabhängigkeit bewahren
WW: Christian Meier, wie sehen Sie die Rolle der Medienjournalisten? Sind sie Berichterstatter, die Entwicklungen beschreibend begleiten, oder eher investigative Reporter, die ihren Kollegen auf die Finger schauen?
CM: Beides. Medienjournalisten sind Chronisten des Medienwandels. Jeden Tag erreichen uns Meldungen, wie Medienunternehmen den digitalen Strukturwandel zu bewältigen versuchen. Ein Verlag testet ein neues Online-Geschäftsmodell, ein TV-Sender lanciert eine neue digitale Plattform, ein anderes Unternehmen kauft ein Start-up. Medienjournalisten nehmen diese Nachrichten auf und ordnen sie ein. Sie versuchen den Lesern zu erklären, wo die grossen Linien verlaufen. Wie verhalten sich die Player im Medienmarkt? Welche Rezepte gibt es für den Medienwandel? Diese Aufgabe erfüllen übrigens nicht nur Medienjournalisten, die für die Branche selber schreiben, sondern auch solche, die bei Publikumsmedien arbeiten. Auch der Publikumsleser will wissen: Was heisst es für mich, wenn das analoge Signal beim Fernsehen abgeschaltet wird? Warum kostet der Zugang zu einem Online- Nachrichtenportal künftig Geld?
Demnach sind Medienjournalisten vor allem Beobachter und Berichterstatter?
Nicht nur. Zur Rolle des Chronisten kommt auch die des Rechercheurs hinzu. Medienjournalisten müssen schauen, was hinter den Kulissen passiert. Wer spricht mit wem? Und wozu?
Nehmen Medienjournalisten diese Funktion genügend wahr?
Na ja, genügend ist ein relativer Wert. Selbstkritisch lässt sich sagen: Journalisten allgemein – nicht nur Medienjournalisten – kleben in einer sich immer schneller drehenden Nachrichtenwelt zu oft an der Oberfläche und lassen sich von Geschichten leiten, indem sie nur die Nachricht aufnehmen und zu we nig nach den Gründen hinter einer Meldung fragen. Im Medienjournalismus wird diese Tendenz zusätzlich dadurch begünstigt, dass sich die Berichterstattung in den letzten Jahren von der Recherche über klassische Medien hin zu Facebook, Google und Co. ausgeweitet hat. Diese US-amerikanischen Unternehmen sind aber Blackboxes. Wenn Google einen neuen Dienst lanciert, wird das so übernommen. Ganz häufig erfährt man allerdings sehr wenig über die Beweggründe, über die internen Vorgänge im Konzern. Da besteht, finde ich, ein grosser Nachholbedarf.
Ist es für deutschsprachige Journalisten überhaupt möglich, bei diesen Konzernen hinter die Kulissen zu blicken?
Deutschsprachige Journalisten müssen dazu schon über sehr gute Kontakte in die USA verfügen. Die haben die meisten Kollegen nicht und übernehmen darum in der Regel die Rechercheergebnisse von USKollegen.
Sie weisen im Buch darauf hin, dass der Medienjournalismus in den klassischen Medien zurückgegangen ist. Gleichzeitig betonen Sie das Aufkommen neuer Blogs, die über die Branche im Netz berichten. Inwiefern hat sich die Arbeit des Medienjournalisten dadurch verändert?
Medienseiten in Zeitungen sind seit Jahren auf dem Rückzug, das stimmt. Gerade gibt die Berliner Zeitung ihre Medienseite auf. Die Blogs haben derweil sowohl zu qualitativen als auch quantitativen Veränderungen geführt. Qualitativ, da es ein Ansporn ist, wenn auf einem Blog Berichte erscheinen, die man als Redakteur etwa einer Zeitung selber gerne gehabt hätte. Guter Medienjournalismus wird eben nicht nur in klassischen Redaktionen gemacht. Die Arbeit hat sich zudem quantitativ verändert: Es reicht nicht mehr, einmal im Tag zu erscheinen. Mediennachrichten werden fast rund um die Uhr generiert, insbesondere da oft über Entwicklungen bei US-Medien berichtet wird. Um 18 Uhr Redaktionsschluss zu haben, ist bei weitem zu früh.
Medienjournalismus wird vielmals als irrelevant betitelt, muss sich seines Daseins rechtfertigen. Woher kommt das?
Wenn man als Medienjournalist kritisch berichtet, heisst es häufig: «Weshalb schreiben Sie gegen die Branche? Warum schreiben Sie ständig, den Zeitungen, den Verlagen, den TV-Sendern gehe es schlecht? Ist das jetzt wirklich so relevant? Gibt es keine anderen Themen?» Daher kommt vielleicht diese Anschuldigung der vermeintlichen Irrelevanz. Medienjournalisten werden zudem gerne mit dem Vorwurf konfrontiert, ihr Metier sei zu selbstbezogen, zu selbstreferenziell. Dieser Vorwurf wirkt dabei oft wie ein Vorwand, lästige Berichterstattung zu diskreditieren.
Was entgegnen Sie auf solche Vorwürfe?
Der Medienjournalismus hat eine Kontrollfunktion. Die Medien sollen die Wirtschaft kontrollieren, die Politiker und die wichtigen Akteure des Landes. Aber wer kontrolliert die Medien? Fraglos kann der Medienjournalismus selbstregulative Kräfte entfalten. Die Vermischung von Redaktion und Werbung zum Beispiel ist für den Medienjournalismus ein eminent wichtiges Thema. Wenn in einem Medium etwa Schleichwerbung betrieben wird, muss es Journalisten geben, die solche Praktiken aufzeigen. Oder wenn die Verstrickungen eines Medienunternehmens so intransparent sind, dass dort publizistische Macht missbraucht wird, muss dies ans Licht kommen. Auch wenn die alltägliche Berichterstattung nicht immer so dramatisch ist, bleibt Medienjournalismus eine kleine, jedoch essenzielle Disziplin des Journalismus.
Weshalb schreiben Medienjournalisten so wenig über Radio?
Radio ist ein eher vernachlässigtes Feld. Das liegt daran, dass es manchmal zu Unrecht als ein altes Medium, als Nebenbei-Medium deklariert wird. Es wird verkannt, dass eine sehr grosse Zahl von Menschen täglich Radio hört. Medienjournalisten schreiben möglicherweise auch wenig über dieses Medium, weil in den vergangenen zwanzig Jahren immer mehr Formatradios entstanden sind, in denen viel Musik, aber nur wenige Beiträge mit hoher journalistischer Qualität zu hören sind. Medienjournalisten beschäftigen sich viel lieber mit dem Spiegel, der NZZ oder dem ZDF als mit einem Radiosender, der wirtschaftlich erfolgreich sein mag, aber über keine grosse journalistische Kompetenz verfügt.
Sie haben Ihr Buch zusammen mit einem Medienwissenschafter geschrieben. Die Beziehung zwischen Praktikern und Medienwissenschaftern gilt gemeinhin als nicht besonders gut. Inwiefern haben Sie als Praktiker von der Zusammenarbeit profitiert?
Journalisten reflektieren im Alltag vermutlich nur wenig über ihre Arbeit. Sie recherchieren, sprechen mit Informanten, diskutieren in Konferenzen und haben am Ende des Tages den ein oder anderen Beitrag geschrieben oder gesendet. Man nennt es Routine. Von den Medienwissenschaften lässt sich diese Reflektion, die Kunst der Selbstbeobachtung, manchmal auch der Selbsterkenntnis lernen. Mir hat diese Zusammenarbeit jedenfalls geholfen, meine eigene Arbeit zu hinterfragen. Die Beziehung zur Medienwissenschaft würde ich indes nicht unbedingt als schlecht bezeichnen, sondern vielmehr als inexistent …
Weshalb ist sie dies?
Ich vermute, Journalisten denken, Medienwissenschafter hätten keine Ahnung von der journalistischen Praxis. Medienwissenschafter wiederum sind beleidigt, wenn keiner ihre gross angelegten Studien beachtet. Man kann von schlechter Beziehung sprechen oder einfach von einem Aneinander-vorbei- Reden. Es ist oft keine Bereitschaft vorhanden, sich anzuhören, was die andere Seite zu sagen hätte.
Haben Sie einen Vorschlag, wie sich das ändern könnte?
Man muss einfach miteinander reden, anders geht es nicht. Die Journalisten sollten sich mal die Zeit nehmen, um zu schauen, welche Studien es zum Beispiel zum Thema Newsroom oder zu Social Media gibt. Die eigene Arbeit aus der Vogelperspektive zu betrachten, kann nicht schaden. Die Institute sollten ihrerseits auf die Redaktionen zugehen und den Kontakt herstellen.
Sie schreiben, Medienjournalisten neigen zu Masochismus, da sie sich immer wieder dieselben Vorwürfe anhören müssen. Etwa ein Nestbeschmutzer zu sein oder PR in eigener Sache zu betreiben. Haben Sie schon mal daran gedacht, aufzuhören?
Nein, gar nicht. «Masochismus» ist vielleicht ein Tick zu drastisch formuliert. Da sich das Buch aber vor allem an Praktiker wendet, wollten wir auch unbequeme Wahrheiten aussprechen und nicht ausschliesslich aus- und abgewogene wissenschaftliche Formulierungen verwenden. In der Tat müssen Medienjournalisten es von Fall zu Fall aushalten, von der eigenen Zunft hart angegangen zu werden. Wenn ich als Journalist einen kritischen Bericht über einen Wirtschaftsboss schreibe, bekomme ich von Berufskollegen in der Regel Anerkennung. Wenn man demgegenüber einen Chefredakteur kritisiert, kann es passieren, dass sich der eigene Chefredakteur meldet und fragt: «Musste das jetzt sein? Wir wollen doch keinen Ärger mit diesem oder jenem Verlag.» Hier ist es für einen Medienjournalisten in erster Linie wichtig, die innere Unabhängigkeit zu bewahren.
Was meinen Sie damit?
Damit meine ich, dass sich ein Medienjournalist sowohl von den eigenen medialen Vorlieben wie umgekehrt auch von seinen Vorurteilen befreien können muss. Nehmen wir an, ich lese gerne die NZZ, habe dort vielleicht sogar befreundete Kollegen, würde dort vielleicht sogar gerne einmal arbeiten. Trotzdem oder gerade deshalb muss ich das Blatt, den Chefredakteur, den Verlagsmanager kritisieren können. Und ich muss damit rechnen, von diesen Kollegen angegriffen zu werden, wenn der Bericht veröffentlicht ist. Dann ist wieder bereits erwähnter Rückhalt in der Redaktion wichtig, nur sind viele Medienjournalisten zumindest in Deutschland als freie Mitarbeiter für Medien tätig.
Sie kritisieren, dass der Medienjournalismus an freie Mitarbeiter delegiert wird?
Ja, da wird gelegentlich Ärger «outgesourct». Medienjournalisten sollten meiner Auffassung nach fest angestellt sein. Sie sind in besonderem Masse der Kritik der eigenen Branche ausgesetzt und brauchen den Schutz der Redaktion, des Chefredakteurs, um überleben zu können. Noch mehr als andere Journalisten.
Medienjournalisten müssen also mit Kritik aus der eigenen Branche umgehen können. Was erhalten sie im Gegenzug?
Sie erhalten Anerkennung von Lesern, Zuschauern, Zuhörern und Kollegen, die kritische Berichterstattung zu würdigen wissen. Als unabhängig denkender und schreibender Medienjournalist kann man sich einen guten Ruf erarbeiten. Der Ruf ist auch die Währung, nach der Journalisten beurteilt werden sollten.
Interview: Isabel Imper