The Economist – die Marke könnte bei vielen Verlegern neidische Gefühle auslösen, denn anders als viele andere traditionsschwere Publikationen gedeiht sie auch im Netz. Am Rande einer Promotionsveranstaltung für Werbekunden in Genf hat sich die Werbewoche mit Online-Chef Nick Blunden über aktuelle Entwicklungen unterhalten. Bei Werbern stiessen, so Blunden, vor allem neue Werbemöglichkeiten auf Tablets und so genannte integrierte Inhalte auf grosses Interesse. Bei den Tablets «ist die Nachfrage weit intensiver, als ich es erwartet habe». Ging es bisher entweder um Branding oder um Direct Response, könnten diese bisher getrennten Dinge auf Tablets nun zusammengeführt und «weit ausgefeiltere Werbeformen praktiziert» werden.
Unternehmen eine Plattform bieten
Allerdings hat man auch beim Economist noch keine durchschlagende Antwort auf den stark zunehmenden Mobile-Verkehr gefunden. «Heute ist einer von fünf Usern mobil unterwegs», sagt Blunden, wobei in dieser Betrachtung Tablets mit eingeschlossen sind. Und er fügt an: «Dabei fällt mir auf, dass mit Mobile oft keine Verschiebung stattfindet, sondern dass es sich dabei um zusätzlichen Medienkonsum handelt. Das ist eine grosse Gelegenheit.» Er räumt ein, der zunehmende mobile Verkehr habe dazu geführt, dass die stationären Zugriffe auf die Website »nicht mehr so stark wachsen wie zuvor». Und für ihn ist klar: «Wir werden für Mobile das Werbegeschäft erneut neu erfinden müssen.»
Denn Banner-Werbung werde auf solch kleinen Bildschirmen wohl kaum das richtige Angebot sein. Dabei denkt er vorab an gesponserte Inhalte. Noch wird dieses Konzept bei Mobile nicht angewandt, wird aber auf der Web- site bereits erfolgreich praktiziert. Im letzten Jahr hat der Economist in diesem Bereich eine Auszeichnung gewonnen für einen Marketingbeitrag mit Philips über Sound-Technologie, wo Philips im Rahmen des Beitrags online interessante Forschungsergebnisse über die Sound-Qualität veröffentlichen konnte. Und derzeit gebe es auf der Website in Zusammenarbeit mit Ernst & Young einen Innovationsteil, wo die eigenen Inhalte mit deren Inhalten ergänzt werden. Dabei sei «sehr klar erkennbar, was von uns und was von Ernst & Young stammt». Denn man schreibe keine Inhalte im Auftrag von Werbekunden, sondern lasse es zu, dass ihre Inhalte, klar abgetrennt, neben den eigenen erscheinen. «Das kommt sehr gut an.» Für viele grosse und oft sehr komplexe Unternehmen sei es zunehmend schwierig, der Welt aufzuzeigen, wie sie sich von ihren Mitbewerbern unterscheiden. Dafür sei Online im Vergleich zu anderen Mediengattungen besonders gut geeignet.
Per Social Media auf Abonnentenfang
Auch betreffend des Lesermarktes gibt es beim Economist interessante Einblicke. In den letzten zehn Jahren erlebte die Printausgabe rasante Zuwachsraten, vor allem dank der Expansion in die USA wie auch nach Asien. Leichte Rückgänge in reiferen Märkten wurden ausgeglichen durch «weiterhin gute Wachstumsmöglichkeiten» in anderen Regionen, vor allem Afrika und Asien. Dazu kommen weltweit 127 000 Abonnenten ausschliesslich für die digitalen Kanäle. Die Mehrheit davon seien echte Neuzugänge für den Economist, die zuvor kein Print-Abo hatten. Um sie zu gewinnen, werden auch Social- Media-Kanäle eingesetzt, etwa um darüber spezielle Abonnementsangebote anzupreisen. «Dies sind unsere am besten funktionierenden Akquisitionskanäle. Mit diesen Promotionen konvertieren wir mehr Leute zu geringen Kosten zu Abonnenten als über alle anderen Kanäle. Denn die Kosten dafür sind nahe bei Null.» Global gesehen komme man jährlich sicher auf mehrere tausend neuer Abonnenten über Social Media. Blunden berichtet, es brauche recht viel Zeit, um Social- Media-Nutzer zu Abonnenten zu machen. Ob Print-Kunden mit ihrem Abo auch die Online-Kanäle nützen können oder dafür einen Aufpreis zahlen müssen, wird von Region zu Region unterschiedlich gehandhabt. Doch werden für Print- und/oder Digital- Abos generell die gleichen Preise verrechnet. Weil ein wesentlicher Teil der Print-Kunden den Economist auch über digitale Kanäle lesen, kommt man wöchentlich auf insgesamt 600 000 Apps-Benutzer auf Tabletts und Smartphones.
Für Nicht-Abonnenten ist auf der Website eine Paywall in Betrieb, die es erlaubt, eine bestimmte Anzahl Artikel gratis zu lesen (sog. Metered Modell). Dies biete eine gute Gelegenheit, die Aufmerksamkeit des Publikums im Netz zu monetarisieren. «Ich glaube nicht daran, dass die Leute nicht bereit sind, online für Inhalte zu bezahlen.» Man müsse dazu nur den Erfolg von Apples iTunes Store betrachten um zu erkennen, dass für Musik oder für Filme bezahlt werde. Platziere man die Paywall richtig, übernähmen die Inhalte das Marketing, und dann sei es wichtig, die Inhalte so aufzubereiten und zu bündeln, dass die Leute sie kaufen wollten. Gleich alle Inhalte hinter eine Bezahlschranke zu stecken, macht für Blunden deshalb keinen Sinn, weil man dann gezwungen sei, viel Geld auszugeben, um diese Dienste zu vermarkten. Hingegen wird bei den Apps ein weitaus restriktiveres Modell gefahren. Hier können Benutzer gratis nur sechs Artikel lesen, die von der Redaktion ausgewählt werden.
Tagesaktualität ist ein hartes Brot
Blunden geht davon aus, mit den verschiedenen Digital-Angeboten schwarze Zahlen zu schreiben. Gewissheit hat er deshalb nicht, weil die Redaktion nicht in eine Print- und eine Online-Redaktion aufgeteilt ist und er deshalb die Kosten für die Journalisten nicht berücksichtigen muss. «Ich habe das Gefühl, dass, selbst wenn die Kosten für die Journalisten eingerechnet würden, wir noch profitabel wären.» Bemerkenswert ist, dass die Redaktion mit rund 80 Stellen etwa gleich gross ist wie die zweisprachige Newsnetz-Redaktion von Tamedia. Der Fokus liegt allerdings nicht bei der Tagesaktualität, sondern im Bereich der tagesaktuellen Analysen. Ereignisse in Echtzeit analysieren und interpretieren zu können, sei eine besondere und eine sehr einzigartige Fähigkeit. «Und wir glauben, das auch täglich oder in Echtzeit machen zu können. » Denn mehr und mehr seien die Leute nicht bereit, eine Woche darauf zu warten, was der Economist etwa über die Präsidentschaftsdebatten zu sagen habe. Verlage, die im Bereich der Tagesaktualität tätig seien, ohne dabei auf einen bestimmten Sektor wie etwa die Finanzmärkte ausgerichtet zu sein, stünden bei jeden Anlass in Konkurrenz zu Social Media als einem Verbreitungskanal. Denn im Bereich der Tagesaktualität könne heute jedermann ein Journalist sein. Blunden beurteilt deren Geschäftschancen deshalb so: «Das ist hart.»
Christoph J. Walther