Die personenbezogene Ignoranz musste schnell behoben werden. Und da kam ich auf eine Idee, die sich im Nachhinein als äusserst erfolgreich und effizient erwies: Ich schuf eine wöchentliche Rubrik, welche einerseits Hintergrund zu einem aktuellen Ereignis bieten und mir gleichzeitig schnelle Bekanntschaften ermöglichen sollte. In Anlehnung an die Rubrik «In Zürich getroffen», für welche ich bei der NZZ lange Jahre Inhalt geliefert hatte, nannte ich die neue Rubrik «Im Storchen getroffen». In der mit Lederpolstern bestückten Bar des Hotels Storchen am Weinplatz, just vis-à-vis meines Büros im Samen-Mauser-Haus, traf ich von nun an während viereinhalb Jahren (ausser in der Ferienzeit) jede Woche einen Exponenten oder eine Vertreterin der Werbe- und Medienbranche zum aktuellen Gespräch. Ausnahmen gab es bloss, wenn ich im Militär oder sonst unabkömmlich war. Zweimal vertraten mich Christian Gerig und Bänz Lüthi, fünfmal mein Redaktionskollege Urs Steiner, der später bei Cash war und nunmehr seit vielen Jahren für die NZZ arbeitet.
«Im Storchen getroffen» erlangte innert kurzer Zeit Kultcharakter und hatte einen hohen Beachtungsgrad. Von Jean Etienne Aebi, meinem ersten Gesprächsgast, bis SRG-Generaldirektor Leo Schürmann gaben sich die wichtigsten Persönlichkeiten der Branche gewissermassen die Klinke der Bar in die Hand. In all den Jahren hat kein einziger Gast die Einladung ausgeschlagen. Und Prof. Matthias Steinmann kam trotz hohem Fieber zum Date. Einer hat allerdings einige Turbulenzen verursacht: Jungverleger Marc Frey lehnte es ab, das Gespräch in der Bar zu führen. Ich musste ihn an der Edenstrasse interviewen. Immerhin gelang es mir, den arroganten Herrn für das Foto in der Bar zu überreden. So traf man sich im Storchen für ein paar wenige Minuten, und Fotografin Sabine Dreher, die neben Michael Sieber und Jules Vogt die meisten Aufnahmen schoss, bannte den nicht besonders kooperativen Herrn Verleger rubrikentreu auf den Film. Besonders in Erinnerung ist mir das Gespräch mit dem damaligen SRG-Generaldirektor Leo Schürmann: Hoteldirektor Jean-Philippe Jaussi tigerte schon lange vor dem Gespräch nervös über die dicken Teppiche, weil er dem hohen Gast einen persönlichen Empfang bereiten wollte. Und als der SRG-Boss dann auftauchte, eilte ihm Jaussi, professionelle Willkommensfreude ausstrahlend, entgegen. Noch bevor er ihm die Hand schütteln konnte, empfing Fotograf Jules Vogt den SRG-Chef grinsend mit den unflätigen Worten: «Aber nicht, dass Sie mir dann wieder in der Nase bohren, Herr Generaldirektor. » Leo Schürmann nahm’s, in Erinnerung an einen früheren Fototermin mit Vogt, gelassen, derweil Jaussi und ich betreten und leicht indigniert abseits standen.
Aus journalistischer Sicht bemerkenswert ist die Tatsache, dass keines der 200 Portraits zu einer ernsthaften Reklamation Anlass gegeben hat. Schawinski wird das mit dem Umstand erklären, dass die Rubrik zu brav war, aber ausgerechnet er verwahrte sich dagegen, kritisch angefasst zu werden. Über die Reihenfolge der Gespräche hat die Aktualität entschieden, manchmal war es aber auch ein Telefonanruf. Nachdem der Genfer Jean-Claude Nicole, Verleger von «La Suisse» im Storchen über diverse Pläne geplaudert hatte, meldete sich umgehend sein Waadtländer Marktpartner Pierre Lamunière. Er weile demnächst in Zürich, meinte der Verleger, und schlug deshalb vor, mich im Storchen zu treffen. Offensichtlich wollte er Konkurrent Nicole nicht unwidersprochen bei den Deutschschweizer Inserenten werben lassen.
Es ist durchaus spannend, heute und damals zu vergleichen. Wer von den 200 Gästen im Storchen ist noch aktiv? Wer hat sich einen Namen gemacht oder ist gar prominent? Aus literarischer Sicht ist die Antwort einfach: Martin Suter. Der Erfolgsautor war im Juli 1985 zusammen mit Robert Stalder in der Storchenbar. Das Thema: Die Expansion ihrer Agentur Stalder & Suter nach Zürich.
Statements einiger Storchengäste (Unternehmen und Funktion zur Zeit der Gespräche 1985 bis 1989).