Die Verunsicherung ist gross – nicht nur bei Publishern bei uns, sondern rund um den Globus stehen Betreiber werbefinanzierter Websites vor der Frage, wie mit den automatisierten Handelsabläufen (oft als Real-Time-Bidding/Advertising, RTA/RTB, bezeichnet) umzugehen sei. Auch wer das Thema noch nicht voll im Griff hat, merkt, dass dadurch tiefgreifende Veränderungen der Werbebranche mit einhergehen. So erstaunt es nicht, dass die Umfrage der Werbewoche unter Publishern in der Schweiz zu RTA längst nicht überall mit einer Antwort bedacht wurde (so auch bei einem national bekannten Unternehmen mit üppig ausgebauter Medienstelle) und dass die übrigen Antworten (vgl. separaten Text) markant unterschiedlich ausfielen. Dabei geht es kaum um die Frage, ob RTA in der Schweiz eingeführt werden soll oder nicht. Denn längst werden markante Anteile der im Netz verfügbaren Werbefläche so gehandelt: Bei Google allemal, aber auch bei ausländischen Anbietern mit Schweizer Präsenz, wie etwa bei Microsofts MSN-Plattform. Dazu kommt der sogenannte Crossborder- Traffic, also all die Abrufe aus der Schweiz bei Websites im Ausland, der via RTA monetarisiert wird. Vor allem Mediaagenturen versprechen sich davon effizientere Abläufe beim Einkauf (vgl. WW 20/ 9.11.2012, S. 30 f.) Hingegen ist offen, wie sich die Preise und Erträge entwickeln werden, wenn auf breiter Fläche Werbeplätze innerhalb von Sekundenbruchteilen dem besten Gebot zugeschlagen werden.
Geht es um RTA, können Publisher in diese Kategorien eingeteilt werden:
Die Konservativen: Sie befürchten, dass RTA-Methoden nicht hinreichend auf die Vermarktung ihrer Premium-Platzierungen ausgerichtet sind, sondern dass damit vor allem Restplätze zu Billigpreisen verramscht werden. Prägend sind oft Erfahrungen aus der Vergangenheit, da in Investitionen in Online-Lösungen ohne den erhofften Erfolg blieben, wenn nicht gar zu happigen Verlusten und sinkenden Preisen führten. Diese Publisher hoffen insgeheim, wenn genügend Publisher sich RTA versagen, dieser Trend zusammenfallen und der Status quo mit den bekannten Abläufen gedeihlich fortbestehen werde. Können sie dereinst nicht länger auf die Ertragspotenziale aus dem RTA-Handel verzichten, riskieren sie bei einem Strategieschwenk, aufgrund mangelnder Erfahrungen und Kenntnisse überstürzt und nachteilig handeln zu müssen.
Die Exklusiven: Sie haben, was viele der Konservativen sich erträumen: Sie sind so in einer vertikalen Nische positioniert, dass sie Werbekunden eine treffsichere Ansprache ihrer Zielgruppen nicht nur versprechen, sondern zu guten Preisen auch liefern können. Wer mit dieser Strategie unterwegs ist und nachhaltig gute Erträge erzielt, ist nicht auf RTA angewiesen. Zu dieser Gruppe gehört etwa der Economist, dessen Online-Chef sagt (vgl. «Werbekunden machen Inhalte»), RTA bisher noch nicht ausprobiert zu haben, weil schon gar kein Inventar unverkauft übrig bleibe. Aufgrund des Fluchs des kleinen Marktes lässt sich in der Schweiz eine solche Strategie kaum im grossen Stil umsetzen.
Die Progressiven: Wo die Konservativen das Risiko scheuen, wagen sie sich vor. Sie investieren in Infrastruktur und bauen Know-how auf in der Absicht, von Anfang an eine führende Rolle einzunehmen und so ihre Position zu verteidigen und auszubauen. Sie erhoffen sich grössere Umsätze zu höheren Preisen und nehmen dafür das Risiko in Kauf, ihre Direktverkäufe zu kannibalisieren und Premiumplätze auch tiefpreisig zu verkaufen.
Die Pragmatiker: Sie versuchen einen Mittelweg zu finden, um RTA möglichst kontrolliert einsetzen zu können. Dies erfordert allerdings erhebliche Aufwendungen in Zeit und Managementressourcen und die unbedingte Absicht, erfolgreich zu sein. Gemäss der amerikanischen Fachliteratur stehen dabei diese Erfolgsmethoden im Vordergrund:
1 Blocken optimieren: Eine der grössten Befürchtungen von Publishern geht um den Schutz von Premiuminventar und das Verhindern von Konflikten mit den Direktverkäufen des eigenen Verkaufsteams. Dies kann verhindert werden, wenn Sperrlisten im eigenen RTA-System (einer sog. Sales-Side-Plattform, SSP) eingegeben werden. Damit ist es jedoch nicht getan, denn diese Listen müssten konstant gepflegt werden, damit sie immer auf dem neuesten Stand sind und etwa eigene Deals mit neuen Kunden abbilden.
2 Reports auswerten. RTA-Systeme liefern umfangreiche Datenmengen, deren Auswertung zu Marktvorteilen führen kann. Etwa wenn neue Kunden erkannt werden können, die über RTA einbuchen und vom eigenen Verkauf direkt angesprochen werden können. Verkäufer können auch erkennen, welche Preise Einkäufer zu bieten bereit sind, und die eigenen Preise womöglich entsprechend anpassen.
3 Preise testen. Bevor Teile des Inventars für den RTA-Handel freigegeben werden, können Versuche mit bewusst hohen Preisen gefahren werden. Das wird in der Regel kaum zu grossen Verkäufen führen, doch kann die Preissensibilität ausgelotet und erkannt werden, welche Werbekunden zu welchen Preisen einzukaufen bereit sind. So können die Preispolitik und die Sperrlisten optimiert werden.
4 Geschlossene Handelsplattformen erkunden. Wer in der offenen RTA-Landschaft Erfahrungen gesammelt hat, wird darauf Schlussfolgerungen ableiten, um geschlossene Handelsplattformen aufzubauen oder sich daran zu beteiligen. Darüber können Marktteilnehmer und das gehandelte Inventar gut kontrolliert werden und die Effizienzvorteile des automatisierten Handels können für alle Beteiligten realisiert werden. Naheliegenderweise ist dieser Schritt den Schwergewichten der Branche vorbehalten. Ein Beispiel für ein solches Vorgehen sind französische Verleger, die Anfang September die Gründung von «La Place Media» bekannt gaben, worüber derzeit mittels RTA-Methoden mehr als 80 Mediensites gebucht werden können.
Schlussendlich geht es den Publishern nicht darum, RTA zu verhindern. Sie wollen vor allem sicherstellen, dass sie damit ihre Direktverkäufe nicht kannibalisieren. Und letztendlich möchten sie, dass RTA nicht zu einem Käufermarkt, sondern zu einem Verkäufermarkt wird.
Christoph J. Walther
Thomas Moll, Leiter Online-Entwicklung/Projekte Tamedia AG:
Die Schweizer Marktteilnehmer sprechen in Bezug auf den automatisierten Handel mit Online-Werbung vermehrt von Real-Time-Advertising anstelle von Real-Time-Bidding. Diese Entwicklung begrüsst Tamedia sehr. Auch wir haben grosses Interesse an einer effizienteren Auftragsabwicklung. Eine Öffnung für einen automatisierten Ein- und Verkauf von Online-Werbung, bei der die Prozessoptimierung und nicht das Preis-Dumping im Vordergrund steht, können wir uns auch zeitnah vorstellen und wären auch bereit, eingesparte Transaktionskosten dem Werbekunden weiterzugeben. Ein Entgegenkommen würden wir aber von Mediaagenturen und Vermittlern fordern, denen wir heute für jeden Auftrag 15 Prozent Kommission für den Mehraufwand bei der Buchung von Online-Werbung bezahlen. Zentral bleibt für Tamedia in jedem Fall die Rolle als aktiver Vermarkter der eigenen Werbeplätze, da wir keinen Markt anstreben, in dem Dritte in eigenem Namen mit dem Werbeinventar von Tamedia handeln und eigene Produkte schnüren.
Branko Radosevic Russo, Leiter Werbemarkt Digital Media Blick-Gruppe:
Wir von der Blick-Gruppe beurteilen RTB in der Schweiz als problematisch. Negativ empfinden wir insbesondere, dass nicht mehr die Qualität, sondern nur noch der Preis im Vordergrund steht. Auch können durch RTB langfristig nicht zusätzliche Einnahmen aus dem Ausland erzielt werden. Zwar wird man kurzfristig über den einen oder anderen Kunden zusätzliches Budget bekommen, langfristig wird RTB in der klassischen Form jedoch zu einem Preiszerfall des Tausender-Kontakt-Preises (TKP) im Schweizer Markt führen. Dies weil die RTB-Anbieter immer weitere, billige Crossboarder-Websites dazu buchen können, um ihren Einkaufspreis zu senken. Das Logo der Schweizer Premium-Publisher würde lediglich dazu benutzt, den Kunden bessere Qualität vorzutäuschen. Die Kampagnen könnten jedoch weiterhin auch auf billigen, internationalen Websites ausgeliefert werden. Wenn für die Blick-Gruppe RTB überhaupt jemals ein Thema sein sollte, dann nur in einem geschlossenen Netzwerk ohne diverse andere (ausländische) Sites. Das aktuelle System können wir in dieser Art nicht unterstützen, da es nicht die für den Kunden entscheidende Qualität bringt, sondern nur auf Quantität zu einem tiefen TKP setzt. Um RTB und Netzwerke entsprechend zu optimieren, pflegen wir seit Jahren erfolgreich eine enge Zusammenarbeit mit den Media-Agenturen (z.B. Omnicom Media AG).
Michael Baum, Stailamedia, im Auftrag der Sportal Group:
Die Entwicklung in Richtung Real-Time-Advertising sehen wir für den gesamten Online-Display-Markt als wegweisende Chance. Durch den direkten Draht zwischen Advertiser und Publisher und die automatisierte Abwicklung der Buchungsprozesse sinken die Transaktionskosten. Das Online-Display-Werbegeld ist so in Zukunft effizienter investiert. Somit wird die Nachfrage nach Display-Werbung steigen und dies ist letztlich im Sinne der Publisher. Natürlich beeinflusst der Crossborder- Traffic und der Trend zum automatisierten Einkauf über RTB die Preisstruktur in der Schweiz. Allerdings sind wir der festen Überzeugung, dass für Schweizer Kampagnen qualitativ hochwertige Schweizer Umfelder unabdingbar sind und die damit verbundenen höheren Preise gerechtfertigt sind. Mit RTB können die Publisher ihre eigenen Netzwerke etablieren. Sobald die Nachfrageseite umfassend mit DSPs ausgerüstet ist, werden dazwischengeschaltete Netzwerke überflüssig. Die Publisher übernehmen wieder die Kontrolle über ihr eigenes Inventar.
Remo Baumeler, Leiter Werbemarkt NZZ-Netz:
Die Bedeutung von RTB ist in der Schweiz noch immer gering, da die wichtigsten Publisher ihr Werbeinventar bisher nicht über solche Systeme anbieten. Zudem ist in der Branche noch zu wenig Knowhow vorhanden. Bestimmt wird RTB an Bedeutung gewinnen, aber das ganze wird nicht von heute auf morgen passieren. Wichtig ist, dass wir alle marktrelevanten Technologien sehr genau kennen, daher hat für uns der Knowhow-Aufbau Priorität. Da auf RTB-Plattformen hauptsächlich verhaltensbasierte Werbung gebucht wird, hat das Umfeld nicht mehr den gleichen Stellenwert. So nimmt der Preisdruck weiter zu, denn mit dem Billig-Inventar aus dem Ausland können die meisten CH-Sites nicht mithalten. Indirekt werden also vor allem qualitative Nachrichtensites geschwächt, was sich insgesamt negativ auf die Wahrnehmung von Online- Werbung auswirken kann. Ein internationales RTB-System für Premiumsites ist eine mögliche Lösung. Die Publicitas geht mit ihrem Marktplatz in diese Richtung, wir werden diese Möglichkeit genauer prüfen. Den eigentlichen Vorteil von RTB-Systemen sehe ich vor allem im effizienten Buchungsprozess, wir sprechen daher lieber von Real-Time- Advertising als von Real-Time-Bidding. Ein Self-booking- Prozess vermindert die administrativen Kosten und rechtfertigt leicht tiefere TKPs. Gleichzeitig gibt es aber auch einen Trend zu qualitativer Online-Werbung. Die Nachfrage nach komplexen Site-Integrationen, individuellen Branding-Formaten und verschiedensten PR-Möglichkeiten nimmt zu. Diese Kampagnen können aber nicht mit RTB-Systemen gehandelt werden.