Früher fuhren auf dem Areal an der Basler Sankt- Jakobs-Strasse 185 Bauern vor, um ihre Milch abzuliefern. Seit 1988 ist die ehemalige Geschäftsstelle des Milchverbands Miba, eine einstige Fabrikantenvilla, das Zuhause – oder besser gesagt – die Residenz von cr basel. Auf drei Stöcken haben sich die 22 Mitarbeitenden der Basler Agentur eingerichtet. Im Parterre der Empfang und das Sitzungszimmer, zuoberst die Kreation, dazwischen Beratung und Geschäftsleitung.
Mit cr basel ist ein Unternehmen mit Tradition eingezogen. 1968 gegründet, kam die Kommunikationsagentur ab den 80er-Jahren mit Kampagnen für das Bundesamt für Gesundheit (BAG) immer wieder zu nationaler Aufmerksamkeit. Während 18 Jahren warb sie für den Schutz vor HIV und um Solidarität mit den Betroffenen. Ihre Stop-Aids- Plakate aus den 80er- und 90er-Jahren mit den rosaroten Kondomen, der Slogan «Ohne Dings kein Bums» oder die kopulierenden Strichmännchen beziehungsweise -pärchen auf gelbem Hintergrund sind zu Klassikern geworden. Auch die Alkoholpräventionskampagne «Schau zu dir und nicht zu tief ins Glas» hing über Jahre immer wieder an den Plakatwänden. Nach wie vor zählen Präventions- und Sensibilisierungskampagnen zu den Spezialitäten der Agentur. Für das Gesundheitsdepartement Basel-Stadt hat sie eine Kampagne zum Thema Depression realisiert. Um das Beklemmende, den Zustand eines Depressionskranken, zu visualisieren, wurden Menschen in Boxen gesteckt und damit räumlich eingeengt. Die Idee des Sujets fand über die Landesgrenze hinweg Beachtung und zierte Anfang 2011 sogar das Cover des Nachrichtenmagazins Der Spiegel.
Ohne Mahnfinger
Bei der im Frühling lancierten Präventionskampagne gegen Spielsucht setzte cr basel Schlagworte aus der Spielerszene ein, «Play», «Game over» oder «Rien ne va plus». Typografisch an leuchtenden Neonreklamen, wie man sie aus Las Vegas kennt, orientiert, sollten die Sujets die Aufmerksamkeit und Sympathie der Spieler gewinnen und sie, ohne den Mahnfinger zu heben, auf die Suchtgefährdung des Spielens hinweisen. Spielen ja, aber «ohne Sucht», so die Aussage. In eine ähnliche Richtung zielt die Sensibilisierungs- und Informationskampagne fürs Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco). Mit Slogans wie «Unter der Hand ist unter der Gürtellinie», «Dein Chef bescheisst dich bar auf die Hand» oder «Schwarzgeld stinkt!» sagt sie der Schattenwirtschaft den Kampf an. Bevor die öffentliche Kampagne auf Plakaten und Gadgets – und dank PR-Arbeit in der Presse – war, zog cr basel gemeinsam mit dem Kunden die betroffenen Branchenverbände bei. So sollte sichergestellt werden, dass die Kampagne von den Vertretern mitgetragen wurde. «Wir brachten die Verbände an einem runden Tisch zusammen, was uns nicht nur den direkten Draht zu den Betroffenen sicherte, sondern auch Hinweise für die Kampagnenumsetzung lieferte», erklärt Creative Director Gabriel Heuberger. Zum Beispiel was das Wording anbelangte. Welche Worte sollen benutzt werden? Welche Ausdrücke finden Anklang? Präventionskampagnen erforderten eine präzise Ansprache, so Heuberger, eine spezifische Tonalität. «Sie müssen den Menschen auf einer anderen Ebene berühren als eine Werbung für ein Reinigungsmittel.» Trotzdem gehören auch Aufträge letzterer Art zum Alltag bei cr basel. Für Henkel zum Beispiel haben die Basler die Trikots des FCB mit Persil gewaschen und zum Glänzen gebracht. Für die Cornèrcard der Luganeser Cornèr Banca, die cr basel schon seit Jahren vollumfänglich betreut, wird jährlich eine Above-the-line-Kampagne gestaltet.
Standort als Vorteil nutzen
Die Verankerung in der Rheinstadt ist bei cr basel in zweierlei Hinsicht erkennbar. Einerseits durch lokale Kunden wie die Pharmaunternehmen Mepha, Roche oder Novartis oder den Basler «Zolli», für dessen neue Menschenaffenanlage die Agentur erst kürzlich mit einer Plakatkampagne warb und dabei, um die Vergrösserung des Raumes zu dramatisieren, die Primaten aus den Sujets herauswandern liess. Andererseits sieht Heuberger die Attraktivität des Basler Standorts durch die geringe Fluktuation bestätigt. «Uns gelingt es, die guten Leute zu halten.» Kontinuität ist bei cr basel nicht zuletzt in der Kreativ- und Geschäftsleitung gegeben. Der 36-jährige Heuberger hatte als Grafiklehrling bei der Basler Agentur begonnen und ist ihr treu geblieben. Vom Junior AD zum AD, bis er mit 28 Jahren zum CD ernannt wurde. Managing Director Peter Frey ist seit den Anfängen an Bord, Daniel Bürgi, Client Service & Strategic Director, seit 13 Jahren. Trotz Tradition – genauso wie rund um die alte Fabrikantenvilla grosse Überbauungen entstanden sind, bewegt sich auch innerhalb des Unternehmens einiges. Für den Bereich Neue Medien hat sich die bisher klassisch orientierte Agentur mit Adrian Zumbrunnen als Strategic Planer & New Media Manager Verstärkung geholt. Der 26-jährige Wirtschaftsinformatiker bringt eine neue Denkweise ein und stellt sicher, dass bei Kampagnen der New-Media- Gedanke von Anfang an mitschwingt. Zumbrunnens Handschrift zeigt sich zum Beispiel bei der für die Post entwickelten Online-Kampagne für «WebStamp easy», einem Tool, mit dem Kunden Briefmarken mit dem eigenen Bild erstellen können. Gleiches gilt für die aktuelle Imagekampagne der zu den AZ Medien gehörenden bz Basel, die auf Feedback der Leserschaft abzielt. So können auf Bzbasel. ch/meineStimme die Leser dem Blatt derzeit mitteilen, was sie von einer «weltoffenen Basler Forumszeitung erwarten».
Zurzeit ist Zumbrunnen mit der Entwicklung der neuen Firmenwebsite von cr basel beschäftigt. «In den USA haben die meisten Restaurants bereits eine für Mobile optimierte Website. Diese Denkweise und Haltung bezüglich Anwenderfreundlichkeit liegt dem neuen Auftritt zugrunde und sollte sich auch in der Schweiz als neuer Standard etablieren», so Zumbrunnen. «Schliesslich ist die Website die Visitenkarte eines jeden Unternehmens.» Der neue Geist soll allerdings nicht nur die Optik betreffen, sondern gleichzeitig innerhalb der Agentur ein Umdenken bewirken. «Wir wollen nicht die erste Anlaufstelle für die technische Realisation werden, aber das diesbezügliche Know-how in Konzeption und Beratung einsetzen», kommentiert Heuberger. «Habt ihr Flash-Erfahrung?», solche Fragen sollten einen Kommunikationsberater schliesslich nicht ins Schwitzen bringen.
Isabel Imper